Über
die korrigierende emotionale Erfahrung
Übersetzt von Peter Neumaier-Prauser;
bearbeitet von Reinhold Rausch
für EMaK mit Genehmigung des
Autors, Dr. Arthur Janov
Original Text: „On
the Corrective Emotional Experience“
Zu Zeiten Freuds und der Psychoanalyse
bestand der Dreh- und Angelpunkt der Therapie in der Analyse der Übertragung:
wie reagiert die Patientin auf den Arzt und (Gegenübertragung) wie reagiert
der Arzt auf die Patientin. Das gesamte Konzept bestand darin, die Patientin
durch eine korrigierende emotionale Beziehung zu verändern, ihr zu helfen,
unabhängiger zu sein, sich nicht auf den Rat oder die Liebe und Anleitung
vom Arzt zu verlassen. Jetzt, Dekaden später, hat diese Auffassung der
korrigierenden emotionalen Erfahrung viele Anhänger gewonnen. Therapie
ist nach wie vor im Kern die Analyse der Übertragung.
Ihre Theorie ist die Folgende: Es genügt nicht, ein frühes Trauma
wieder zu erleben, sondern man muss eine korrigierende Erfahrung folgen lassen,
welche es dem Patienten ermöglichen wird, Fortschritte zu machen und
sich zu ändern. Man unterstellt, dass es die Neurose nur verstärkt,
wenn man es zulässt, dass der Patient sich dem Schmerz überlässt.
Warum sollte man also nicht einen neuen Ausgang für ein Gefühl/eine
Erinnerung haben? Weil es nicht real ist. Es ist ein konstruiertes Szenario,
das sich über die tatsächliche Situation der Patientin hinwegsetzt.
Es ist nicht unsere Aufgabe, Geschichte neu zu schreiben. Es reicht aus, den
Patientinnen zu helfen, sich selbst und ihre Geschichte kennen zu lernen.
Und ist es denn wahr, dass Patientinnen, die etwas wieder erleben, ohne dass
das Ende der Geschichte neu geschrieben wird, weiterhin leiden und neurotisch
sind? Man kann nur ohne klinische Erfahrung zu diesem Schluss kommen. Wir
haben Jahr für Jahr gesehen, dass erneutes Erleben per se zu tiefgreifenden
Veränderung in den neurologischen, psychologischen und physiologischen
Systemen führt. Immer wieder zeigten sich in Doppelblindstudien Veränderung
in der Hirnfunktion, der Hormonsekretion und vor allem Änderungen darin,
wie der Patient sich und seine Welt empfindet. Man findet regelmäßig
eine Senkung bei der Körpertemperatur und beim Blutdruck, die bei denen,
die nur abreagieren, nicht vorkommt. Das bedeutet, dass es praktisch keine
Veränderung bei denen gibt, denen es nicht gelingt, ihr Gefühl an
Bewusstsein/Erkenntnis zu koppeln. Ich nenne das Abreagieren, eine Entladung
der Energie des Gefühls auf einem anderen Niveau des Bewusstseins – in
symbolischen Kanälen. Es ist ein zufälliges Ereignis, das keiner
neurologischen/evolutionären Funktionsweise folgt. Das Problem besteht
darin, dass so viele Kliniken und auf dem Gebiet psychischer Krankheiten beruflich
Tätige für sich in Anspruch nehmen, Primärtherapie zu betreiben,
aber ihre Ergebnisse scheinen darauf hin zu deuten, dass der Patient weiter
leidet; das begründet dann die Auffassung, dass Patienten nach einem
Wiedererleben im Schmerz verbleiben. Wenn nur die obere Trauma-Schicht angesprochen
und vielleicht sogar aufgelöst wird, sieht es tatsächlich so aus,
als ob der Patient in Schmerz schwelgen würde. Wenn man nicht über
die Theorie und die Verfahren, um tiefer zu gehen, verfügt, kann dies
zur Missinterpretation dessen, was geschieht, führen. Das Anbieten eines
unterschiedlichen Ausgangs ist dem Unterbewusstsein des Arztes geschuldet,
der einem eigenen Drang folgt, ihn zu bieten. Offensichtlich handelt es sich
hier nicht um eine organische Entwicklung, die vom Patienten und seinem Unterbewusstsein
ausgeht. Und was, wenn jeder Arzt die korrigierende emotionale Erfahrung auf
eine unterschiedliche Art und Weise bereitstellt? Gibt es mehrere verschiedene
Szenarien für die Patientin?
Hier wird stillschweigend unterstellt, dass der Arzt am besten weiß,
was für die Patientin gut ist. Wo es im Gegenteil die Patientin und ihr
Unterbewusstsein sind, die es am besten wissen. Wenn es keine Verbindung (connection)
gäbe, würden wir keine systematischen Veränderungen der Cortisolspiegel
in unseren Patienten sehen. Offensichtlich ist das Wiedererleben ausreichend.
Aber es muss ein echtes erneutes Erleben sein und es ist klar, dass es kein
echtes erneutes Erleben ist, wenn wir Therapeuten das Drehbuch für den
Patienten liefern. Es ist ein Neuschreiben von Geschichte. Es ist die Erfüllung
eines Bedürfnisses auf Seiten des Therapeuten, der ein gutes Drehbuch
mit einem Happy End liefert. Ist das unsere Aufgabe? Den Patienten dazu anzustiften,
sich aus der Realität heraus zu bewegen? Ihm zu helfen, ein symbolisches
Leben zu führen?
Es ist notgedrungen ein Happy End, denn aus welchem anderen Grund würden
wir den Patienten aus seiner eingeprägten Vergangenheit heraus lenken
wollen? Es ist diese Realität, die den Patienten dazu getrieben hat,
sich auszuagieren, Migräne und Bluthochdruck zu entwickeln und unfähig
zu bleiben, sich zu entspannen. In seinem andauernden Agieren macht er doch
genau das: er versucht, ein Happy End für sich selbst zu generieren,
so dass er dem Schmerz entrinnen kann. Es ist diese Realität, die einen
Patienten dazu bringt, sich in der Öffentlichkeit immer wieder zu exhibitionieren
oder von einer Unfähigkeit, einen Orgasmus zu erleben, geplagt zu werden
oder vor jedem Kontakt mit Menschen zurückzuschrecken. Mittlerweile haben
wir alle von der erektilen Dysfunktion gehört. Der Penis ist nicht das
Problem; das Gehirn ist es. Es ist die Geschichte, die das alles zu einem
großen Teil determiniert. Und das auf diese Geschichte Eingehen, anstatt
sie zu unterdrücken, ist es, was zur Befreiung führt. Wie machen
wir das? Indem wir auf eine langsame, methodische Art und Weise zu den tieferen
Ebenen vorstoßen.
Man kann also sagen, dass wenn ein Arzt einem Patienten Zoloft verschreibt,
dann generiert er ein Happy End. Anstatt Schmerz zu verspüren wurde der
Patient „à la Candide“ unerhört lebhaft. Er ist jetzt glücklich,
oder? Sein Stresshormonspiegel ist noch immer sehr hoch. In seinem Unterbewusstsein
ist er nicht glücklich, aber er hat sich selbst davon überzeugt,
dass er es sei. Jedoch genau diese Irreführung wird ihn töten oder
ihn zu früh im Leben zum Opfer einer schweren Erkrankung machen. Für
mich ist Repression die hauptsächlichste Todesursache überhaupt.
Wenn wir ein Happy End liefern, unterstützen wir Repression. Wir unterstützen
Täuschungen vom Patienten. Wir als Therapeuten sind zu Stimmungskanonen
geworden und versuchen, ein Happy End für unsere Rolle als Arzt zu finden.
Es ist eine wechselseitig geteilte Täuschung, die in den Zeitgeist passt,
wo wir alle ein glückliches Gesicht aufsetzen wollen. So handeln wir,
und dann versuchen wir, eine Rationalisierung für unsere Entscheidung
zu zimmern. Wir müssen aber die Geschichte nicht neu machen. Der Patient
wird, nachdem er sich sein Unterbewusstes bewusst gemacht hat, im Lauf der
Zeit sein eigenes Drehbuch neu schreiben. Er wird ein neues Leben führen;
der Exhibitionist wird damit aufhören, sich zu zeigen. Dies, indem einfach
und allein der Schmerz wiedererlebt wird. Man darf nicht vergessen, dass die
tiefe Erfahrung eines Gefühls automatisch auch zu seinem kortikalen Verstehen
führt. In meinem Jargon ist es die Dritte Ebene - Komponente (third line
component) des Fühlens.
Es gibt so viele Ebenen des Schmerzes, dass eine Person höhere Repräsentationen
davon wiedererleben und immer noch genug Schmerz darunter haben kann, um von
ihm getrieben zu werden. Nicht, weil die Therapie fehlerhaft ist, sondern
weil der Weg weiter ist, als wir gedacht haben. Dies kann sein, weil eine
Therapeutin die Tiefe des Schmerzes nicht erkannt hat und weil sie nicht die
Verfahren entwickelt hat, die nötig sind, um so tief zu arbeiten, dass
sie des Happy Ends gewiss sein kann. Es hat uns viele Jahre gekostet, diese
tief sondierenden Verfahren zu entwickeln, so dass ich nicht über Therapeuten
urteile, aber ich weiß sehr wohl, was es kostet, zu den Antipoden des
Unterbewusstseins zu gehen. Dies ist keine Reise, die man leicht unternehmen
kann, weil man nämlich für eine Einmischung in das tief Unterbewusste
Genauigkeit der Therapie benötigt. Es ist nicht so, dass jeder das macht,
was er als praktisch empfinden. Es bedeutet ein Verfolgen sehr spezifischer
Hinweise und ein geordnetes „ihnen-in–ihre-Geschichte-folgen“. Wenn einer
meiner Studenten ein Band mit seiner Therapie an anderen Studenten zeigt (was
wir systematisch machen), wissen wir sofort, wenn sich ein Fehler ereignet
hat. Es wird keine Integration geben. So gibt es zwei verschiedene Wege, in
die Irre zu gehen. 1. Zu glauben, was nicht existiert. 2. Sich weigern zu
glauben, was existiert.
Dann, wenn der Arzt den Patienten in zu viel Schmerz hineintreibt, muss er
einen neuen Ausgang liefern. Wenn Therapeuten nicht gesehen haben, wozu Verbindung
von sich aus imstande ist, dann wählen sie gewaltsam ein Drehbuch für
ein Happy End. Wenn der Arzt das Problem nicht forciert und nicht einen außerhalb
der natürlichen Abfolge befindlichen Schmerz hochtreibt, dann gibt es
keinen Bedarf für einen neuen Ausgang. Verbindung sagt und macht alles.