Bis an die Schmerzgrenze

 

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Donaukurier Mittwoch, 29.11.2006

 

 

Augsburg (DK) Christian kämpft. Kämpft um die Wahrheit. Einen ganzen Abend lang rennt er gegen die Heuchelei und die Lüge an, holt sich mehr als eine blutige Nase, wird für verrückt erklärt, an einen Baum gefesselt und landet doch einen Sieg. Einen Scheinsieg. Weil die Fassade immer wichtiger ist; weil das Fest immer weitergeht.

 

 

Thomas Peters ist in der Augsburger Inszenierung von Bohr Hansens Stück nach Thomas Vinterbergs Dogma-Film "Das Fest" Christian. Er ist derjenige, der ausbricht aus der Lügenwelt seines Vater und der Familie, er ist derjenige, der die Tabus bricht. Denn eigentlich sind alle zusammengekommen, um den 60. Geburtstag des Hoteliers Helge Klingenfeld zu feiern. Mit Toastmaster und Polonaise und der selbstgefälligen Inszenierung der Familienidylle. Doch Christian macht nicht mehr mit, weil seine Zwillingsschwester Selbstmord begangen hat. Sozusagen als Spätfolge des großen Familiengeheimnisses. Christian konfrontiert die Familie, seinen Bruder und seine Schwester, all die Omas, Opas, Onkel und Freunde mit dieser schrecklichen Wahrheit – und nichts passiert. Nichts, so scheint es, kann die Fassade zum Einsturz bringen, nichts, was nicht durch ein verbindliches Lachen, den nächsten Toast oder, wenn es nicht anders geht, mit einem "Kurzen" wieder ins Lot gebracht werden kann. Christian sagt seinem Vater ins Gesicht, dass er ihn und seine Schwester missbraucht hat – aber keine Regung, ein Dank für die schöne Rede, ein Scherz über Opa und noch ein Kurzer.

Um die bürgerliche Scheinwelt mit ihrem Selbstbetrug aufzubrechen, schickt Regisseur Andreas Nathusius seinen Christian durch einen Abend voller Blut, Schweiß und Tränen, mutet Peters und den anderen, durchweg in Hochform agierenden Schauspielern Ganz- Körper-Theater bis an die Schmerzgrenze zu und inszeniert nicht nur auf der Bühne, sondern in und durch den ganzen Zuschauerraum einen Ab grund: Verlogenheit, Rassismus, Sex, Alkoholismus, Missbrauch – hinter der Fassade gibt es nichts, was es nicht gibt, und der Zuschauer erlebt alles haut- nah, ohne imaginäre Trenn- wand, authentisch. Dogma eben.

Langsam, ganz langsam bricht Christian aber die Mauern der bürgerlichen Wohlanständigkeit auf, konfrontiert die Verdränger mit der Vergangenheit, die nicht vergehen wird, holt seine Schwester Helene (Gabriele Fischer) auf seine Seite, letztlich auch seinen Bruder Michael, den Rebellen und das schwarze Schaf der Familie (gespielt von einem überragenden Matthias O. Schneider), und der Abend des Festes und der Morgen der Trunkenheit enden doch mit der Bestrafung des Patriarchen, des Vaters Helge (Rainer Etzenberg).

Der Kämpfer hat gesiegt, hat die Traumata der Kindheit benannt, hat seine Schwester gerächt (wirklich?), den Terror der Intimität besiegt. Aber nein, ein Happy End ist in der Dogma-Ästhetik nicht vorgesehen, die Lüge ist schon wieder da, Michael sagt dem Vater, er solle sich verpissen, damit sie in Ruhe frühstücken können – und das Fest geht weiter.

Ein Theaterabend, wie man ihn sich kaum besser vorstellen kann . Und Applaus, wie man ihn in Augsburg schon lange nicht mehr gehört hat .