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Bis an die Schmerzgrenze |
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http://www.donaukurier.de/freizeit/kultur/art598,1549736.html?fCMS=fd30579c335df82bc1f154389fec081f Donaukurier Mittwoch, 29.11.2006 |
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Augsburg (DK) Christian kämpft. Kämpft um die Wahrheit.
Einen ganzen Abend lang rennt er gegen die Heuchelei und die Lüge an, holt
sich mehr als eine blutige Nase, wird für verrückt erklärt, an einen Baum
gefesselt und landet doch einen Sieg. Einen Scheinsieg. Weil die Fassade
immer wichtiger ist; weil das Fest immer weitergeht. |
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Thomas Peters ist in der Augsburger Inszenierung von Bohr Hansens Stück nach Thomas Vinterbergs
Dogma-Film "Das Fest" Christian. Er ist
derjenige, der ausbricht aus der Lügenwelt seines Vater
und der Familie, er ist derjenige, der die Tabus bricht. Denn eigentlich sind
alle zusammengekommen, um den 60. Geburtstag des Hoteliers Helge Klingenfeld
zu feiern. Mit Toastmaster und Polonaise und der selbstgefälligen
Inszenierung der Familienidylle. Doch Christian macht nicht mehr mit, weil
seine Zwillingsschwester Selbstmord begangen hat. Sozusagen als Spätfolge des
großen Familiengeheimnisses. Christian konfrontiert die Familie, seinen
Bruder und seine Schwester, all die Omas, Opas, Onkel und Freunde mit dieser
schrecklichen Wahrheit – und nichts passiert. Nichts, so scheint es, kann die
Fassade zum Einsturz bringen, nichts, was nicht durch ein verbindliches
Lachen, den nächsten Toast oder, wenn es nicht anders geht, mit einem
"Kurzen" wieder ins Lot gebracht werden kann. Christian sagt seinem
Vater ins Gesicht, dass er ihn und seine Schwester missbraucht hat – aber
keine Regung, ein Dank für die schöne Rede, ein Scherz über Opa und noch ein
Kurzer. Um die bürgerliche Scheinwelt mit ihrem Selbstbetrug aufzubrechen,
schickt Regisseur Andreas Nathusius seinen Christian
durch einen Abend voller Blut, Schweiß und Tränen, mutet Peters und den
anderen, durchweg in Hochform agierenden Schauspielern Ganz- Körper-Theater
bis an die Schmerzgrenze zu und inszeniert nicht nur auf der Bühne, sondern
in und durch den ganzen Zuschauerraum einen Ab grund:
Verlogenheit, Rassismus, Sex, Alkoholismus, Missbrauch – hinter der Fassade
gibt es nichts, was es nicht gibt, und der Zuschauer erlebt alles haut- nah,
ohne imaginäre Trenn- wand, authentisch. Dogma eben. Langsam, ganz langsam bricht Christian aber die Mauern der bürgerlichen
Wohlanständigkeit auf, konfrontiert die Verdränger
mit der Vergangenheit, die nicht vergehen wird, holt seine Schwester Helene
(Gabriele Fischer) auf seine Seite, letztlich auch seinen Bruder Michael, den
Rebellen und das schwarze Schaf der Familie (gespielt von einem überragenden
Matthias O. Schneider), und der Abend des Festes und der Morgen der
Trunkenheit enden doch mit der Bestrafung des
Patriarchen, des Vaters Helge (Rainer Etzenberg). Der Kämpfer hat gesiegt, hat die Traumata der Kindheit benannt, hat seine
Schwester gerächt (wirklich?), den Terror der
Intimität besiegt. Aber nein, ein Happy End ist in
der Dogma-Ästhetik nicht vorgesehen, die Lüge ist
schon wieder da, Michael sagt dem Vater, er solle sich verpissen, damit sie
in Ruhe frühstücken können – und das Fest geht weiter. Ein Theaterabend, wie man ihn sich kaum besser vorstellen kann . Und Applaus, wie man ihn in Augsburg schon lange
nicht mehr gehört hat . |