von Siegfried Petry
Die Therapie
Es war eine glückliche Fügung, dass ich mich zu der Zeit, als Eva mir diesen Brief schrieb, gerade dabei war, eine höchst wirksame Therapiemethode zu entwickeln und zu erforschen, die ich später Begleitetes Systematisches Wiedererleben nannte.
Das Wesentliche dieser Methode ist, dass der Klient angeleitet und trainiert wird, bei vollem Bewusstsein — nicht etwa in Hypnose oder Trance — in seine persönliche Vergangenheit »zurückzukehren«, mit einem traumatischen, also seelisch und/oder körperlich schmerzhaften Ereignis seines Lebens Kontakt aufzunehmen und dieses dann wiederholt zu »durchleben«, das heißt, es erneut zu erleben, nicht etwa sich lediglich daran zu erinnern.
Der Unterschied zwischen dem Erleben und dem bloßen Erinnern eines Vorgangs ist offensichtlich und trivial, dabei aber für die Therapie entscheidend wichtig: Die Erfahrung zeigt nämlich, dass traumatische Ereignisse vom menschlichen Organismus mit großer Präzision und erstaunlichem Detailreichtum »aufgezeichnet« und die Aufzeichnungen (fortan »Protokolle« genannt) dauerhaft gespeichert werden. Der Inhalt dieser Protokolle ist jedoch der Erinnerung des Menschen (der absichtlichen wie der spontanen) unzugänglich und bleibt ihm daher normalerweise unbekannt.
Da er sich nicht daran erinnern kann, wird ihm der Inhalt der Protokolle niemals bewusst, das heißt aber: Er weiß nichts davon. Beim Begleiteten Wiedererleben nun durchlebt der Klient die aufgezeichneten Situationen — eine nach der anderen — in mehreren Wiederholungen erneut. Dabei werden seinem Bewusstsein nach und nach immer mehr der aufgezeichneten Einzelheiten zugänglich, und zwar so, als fände das Geschehen in der Gegenwart statt.
Am Ende der therapeutischen Arbeit an dem traumatischen Ereignis kann sich der Klient, wann immer er will, an alle Vorgänge erinnern, sie haben für ihn jedoch jeglichen Schrecken verloren und erscheinen ihm fortan einigermaßen gleichgültig und uninteressant. Wichtiger noch ist, dass das traumatische Ereignis seine verhängnisvolle, im Unbewussten wirkende Macht eingebüßt hat. Das dem Bewusstsein unzugänglich gespeicherte »Protokoll« wird bei der Bearbeitung gleichsam aufgelöst oder gelöscht. Das Aufdecken und Bewusstmachen des Geschehenen ist dabei eine zwar notwendige, für sich allein aber noch nicht hinreichende Bedingung für die Heilung. Erst durch das Auflösen eines Protokolls, durch das unermüdlich wiederholte Durchleben des Erlittenen, gleichsam durch das mühsame und qualvolle Ausschöpfen des Brunnens des Leidens, wird die Person geheilt.
Diese Methode also war mir im Sommer 1988 einigermaßen vertraut, als ich Evas Brief erhielt, der ihre Situation nach etwa 120 Therapiesitzungen beschrieb. Ich schlug ihr daraufhin vor, fortan mit dem Begleiteten Wiedererleben zu arbeiten, das ich ihr kurz beschrieb. Sie war damit, ebenso wie mit den neuen Rahmenbedingungen (mindestens drei Sitzungen pro Woche anstatt nur einer einzigen), einverstanden, und wir begannen mit der Arbeit. Und bald schon erstanden, wie photographische Bilder in einem Entwicklerbad, die traumatischen Szenen ihrer Kindheit vor unseren entsetzten Sinnen.
Es gehört, wie oben schon angedeutet, zu den Besonderheiten der von mir benutzten Methode, dass sie, eine Art Psycho-Archäologie, authentische Reproduktionen früherer Geschehnisse hervorbringt, indem sie die Klientin bzw. den Klienten zu einem fast realen Wiedererleben vergangener Ereignisse führt. Dabei werden nicht nur die Wahrnehmungen der Betroffenen reproduziert, sondern auch deren körperliche und emotionale Reaktionen darauf. Der Therapeut wird dadurch gleichsam zum nachträglichen Tatzeugen, genauer: zum Zeugen der rekonstruierten Wahrnehmungen und Reaktionen des Opfers: Er hört aus seinem Mund die einstigen Dialoge, er kann sich über seine anderen Wahrnehmungen berichten lassen, er sieht unmittelbar seine körperlichen Reaktionen, er erfährt von seinen Gefühlen und kann die inneren Monologe des Opfers »abhören« und daraus dessen Kummer, Verwirrung, Ratlosigkeit usw. erkennen. Während der Therapie Evas konnte ich außerdem wie bei einer Längsschnittstudie verfolgen, wie sich die Übergriffe und Evas Reaktionen darauf im Laufe von mehr als zwölf Jahren langsam veränderten.
Die folgenden Kapitel sind (abgesehen von den als solchen kenntlichen Kommentaren) Extrakte aus schriftlichen Aufzeichnungen von Therapiesitzungen, gekürzte, aber sonst unveränderte Wiedergaben der von mir miterlebten Reproduktionen. Sie enthalten vor allem die wörtlichen Beschreibungen, die Eva von ihren körperlichen und emotionalen Empfindungen und ihren Sinneswahrnehmungen gegeben hat, sowie die von ihr zitierten Sätze, die von den damals anwesenden Personen gesprochen wurden.
Sehr viel eindrucksvoller, bedrückender und erschütternder jedoch waren die nonverbalen Äußerungen Evas: die Zeichen erlittener Schmerzen in ihrem Gesicht, das Winden, Krümmen und Aufbäumen ihres Körpers, die verzweifelten Gesten ihrer Hände, die Zeichen der Ratlosigkeit und der äußersten Verwirrung, das entsetzte Aufrichten des Oberkörpers, das panische Augenaufreißen und alle die anderen Körpersignale eines seelisch und körperlich gepeinigten, geschundenen, gefolterten, planvoll terrorisierten, fast in den Wahnsinn und in den Selbstmord getriebenen Kindes. Alle diese Äußerungen sind - wenn überhaupt - nur schwer und unzureichend beschreibbar; ich habe mich daher auf knappe Andeutungen beschränkt, die ebenso wie meine eher seltenen Nachfragen zur Verdeutlichung eines Sachverhalts in Klammern wiedergegeben sind. Meine »Prozess-Interventionen«, also Äußerungen, die die Kontaktaufnahme mit einem Protokoll oder dessen nachfolgende Entfaltung fördern sollten, habe ich weggelassen.
Die Anordnung der Kapitel folgt chronologisch Evas Lebenslauf; sie entspricht nicht der Reihenfolge, in der die einzelnen Protokolle in der Therapie bearbeitet wurden. Die Bestimmung dieser Reihenfolge habe ich im allgemeinen der (höheren) Weisheit von Evas Unbewusstem überlassen, das hier bestimmten immanenten Gesetzmäßigkeiten folgt.
Aus Rücksicht auf den Umfang des Buches und die Geduld der Leserinnen und Leser konnten hier nicht alle in der Therapie bearbeiteten Protokolle wiedergegeben werden. (Der volle Umfang der Geschehnisse ist auch mir nicht genau bekannt. Auf Grund einer vorsichtigen, eher untertreibenden Schätzung nehme ich an, dass Eva mindestens 500, wenn nicht 1000 oder mehr sexuelle Übergriffe ihres Vaters erlitten hat, manchmal drei innerhalb eines Tages.)
Ich musste mich also darauf beschränken, besonders markante, prototypische Stationen von Evas langem Leidensweg darzustellen, sodass es den Leserinnen und Lesern immerhin möglich ist, die Entwicklung des Geschehens und die Entfaltung des Grauens zu verfolgen. Was zwischen diesen Stationen geschah, war im Kern immer wieder das Gleiche, ja selbst die von mir wiedergegebenen Geschehnisse lassen sich auf einige wenige Grundmuster reduzieren. Wie beim Durchlaufen einer Spirale wiederholt sich im wesentlichen stets das Gleiche, nur mit zunehmender Intensität, mit wachsender Perversion und Perfidie und mit schrecklicherem Leid für die Betroffene.
Bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen die Vorgänge vielleicht lediglich quälend monoton, und sie sind es zunächst - und vor allem anderen - auch. Die entsetzliche Monotonie, die schier endlosen Wiederholungen der Qual sind eben das Grundmuster von Evas Erfahrungen, und selbst bei aller Verkürzung in der Darstellung musste dieses Muster sichtbar und spürbar bleiben, wenn nicht Wesentliches verloren gehen sollte. Die zugrundeliegende Figur der Spirale, die vielleicht als literarisches Darstellungsprinzip missverstanden werden könnte, ist nichts anderes als das Muster der Vorgänge selbst. Ich habe es nicht absichtlich, ja nicht einmal bewusst benutzt, es hat sich mir aufgezwungen. Ich habe nichts anderes getan, als aufgezeichnet, was ich sah und hörte, aus diesen Aufzeichnungen (mehr als 2600 Seiten) eine Auswahl getroffen, sie gestrafft und schließlich chronologisch geordnet.
Wenngleich Evas Schicksal ein individuelles und einmaliges ist, so weist es doch auch allgemeingültige Züge auf: So oder ähnlich »funktioniert« - pardon! - sexuelle Gewalt, so werden die Opfer zum Schweigen gebracht (»ruhiggestellt«), so werden sie von jedem möglichen Beistand, von jeder Hilfe abgeschnitten, so wird ihnen nachhaltig suggeriert, sie seien an allem selbst schuld, sie seien böse und müssten bestraft werden - und so oder ähnlich werden auch andere Kinder darauf reagieren. Darüber hinaus aber begegnen der Leserin und dem Leser in diesen Berichten auch neurotische und neurotisierende Verhaltensmuster, Methoden der Manipulation und der »Zurichtung«, die von dem speziellen Kontext der sexuellen Gewalttat unabhängig sind, Mechanismen, wie wir sie in alltäglichen »Beziehungskisten« finden können und in den »Spielen der Erwachsenen«, Symptome des »ganz normalen Wahnsinns«. Im Kontext des Grauens erscheinen freilich auch sie ins Schauerlich-Entsetzliche gesteigert.
Das Thema »Sexuelle Gewalt gegen Kinder« ist in unserer Gesellschaft noch immer tabu. Dies macht es Betroffenen noch schwerer, darüber zu sprechen, als es aus anderen Gründen ohnehin schon ist. Dazu kommt, dass viele Opfer ihre Erlebnisse, ja selbst die Tatsache ihres Missbrauchs »vergessen« haben. Soweit dies nicht der Fall ist, sind ihre Erinnerungen lückenhaft, unzuverlässig und fast immer aus der Retrospektive des Erwachsenen gesehen. Es gibt aus verständlichen Gründen so gut wie keine Berichte, die das Geschehen aus der Sicht des Kindes, auf der Ebene seiner unmittelbaren Wahrnehmungen und Emotionen beschreiben. All dies trägt entscheidend dazu bei, dass das Grauen dieser nicht eben seltenen Geschehnisse keine Chance hat, aus abstrakten Statistiken herauszutreten und als Einzelschicksal in das öffentliche Bewusstsein vorzudringen, emotionale Betroffenheit hervorzurufen und dadurch schließlich Veränderungen auszulösen. Die Berichte, die ich in diesem Buch vorlege, eröffnen die Möglichkeit, dass tausendfältiges anonymes Leid am exemplarischen Fall eines einzelnen Opfers in Erscheinung treten und wahrgenommen werden kann.
Frühe Erfahrungen (1.
Lebensjahr)
Ich liege in meinem Bett, es ist dunkel. Mir ist kalt. (Eva verschränkt die Arme über der Brust und zieht sich fröstelnd zusammen.) Ich weine, und ... ich möchte, dass jemand kommt, und ... es kommt einfach keiner. Ich wein' und schrei'. Warum kommt denn niemand? (Eva sieht sehr unglücklich aus.) Ich ... ich weiß irgendwie, dass sie es nicht mögen, wenn ich schrei', aber ich brauch' doch jemand. Ich brauch' unbedingt jemanden, der mir hilft. Ich wein' und schrei' lange ... dann ... ist es plötzlich hell (bedeckt die Augen mit dem Arm), und dann ist irgendjemand da. Ich bin froh, dass endlich jemand kommt, und gleichzeitig hab' ich Angst: Ich weiß, dass ich nicht schreien soll. - Mein Vater sagt, ich soll still sein. Ich höre, dass er böse ist. Ich soll endlich still sein. Er zerrt mich hoch, und das tut mir weh. Er schreit so laut und ... (plötzliche Zeichen eines heftigen Schmerzes) au ... (Eva bäumt sich auf, windet sich vor Schmerzen) au ... au ... Er tut mir weh. Er schlägt auf mich ein, au ... er tut mir weh und schreit. Au ... Er ist so wütend, und er schreit, dass ich endlich ruhig sein soll. Er schreit so, und es tut so weh ... ich kann nicht still sein (fortwährend Zeichen starker Schmerzen) ... ich schrei' immer lauter, es tut so weh, und er schreit immer lauter ... es ist furchtbar. (Eva erlebt diese Szene wie einen chaotischen Alptraum, für dessen Beschreibung ihr die Begriffe fehlen; sie wälzt sich herum, setzt sich auf, hält sich die Ohren zu, möchte aus dem Chaos fliehen.) »Sei still, sei endlich still!« Und dann fall' ich ... und ... und ... es tut so weh! Mein Kopf und mein Rücken tun so weh ... und dann hebt er mich auf ... es tut weh, wenn er mich anfasst, und er legt mich in mein Bett ... »Sei still!« Ich kann nicht still sein ... es tut mir so weh ... und dann ... ich kann ... ich kann plötzlich nimmer schreien ... irgendwas ist da, und ich kann nimmer schreien. Er hält mir den Mund zu, und ich krieg' nicht mehr richtig Luft ... Er steht über mir und schaut auf mich runter. Er schaut so ... so böse, und ich hab' so furchtbar Angst. »Wenn du nicht sofort still bist, bring' ich dich um!« (»Weißt du, was das bedeutet?« Sie zuckt verständnislos mit den Schultern.) – Es ist gar nicht dieser Satz, der mir so Angst macht, es ist ... weil er so ... ich weiß nicht ... so böse schaut, ich weiß nicht wie, irgendwie böse.
Jetzt lässt er mich los, und ich möcht' am liebsten
schreien, aber ich darf nicht ... ich werd' nie mehr schreien
(sie schüttelt langsam den Kopf und presst die Lippen zusammen). Ich
muss still sein (ganz leise und atemlos), wenn ich nicht still bin,
kommt er wieder, sagt er, und davor hab' ich furchtbar
Angst. - Dann geht er weg, und es wird wieder dunkel ...
Ich muss ganz still sein, ich darf nimmer weinen ... ich muss ganz still sein
... (Eva zittert am ganzen Leib, wirkt völlig verschreckt und
todunglücklich. Sie verschränkt die Arme über der Brust und zieht sich
zusammen. So schläft sie schließlich ein. Es ist ein sehr unruhiger Schlaf, der
immer wieder durch Zittern und krampfartige Zuckungen gestört wird.)
Eva weiß, dass sie zur Zeit dieses Geschehens noch nicht allein im Bett aufstehen kann, sie ist also höchstens neun Monate alt. Im weiteren Fortgang der Therapie erweist sich, dass dies das früheste Protokoll mit einer ausgeprägten Handlung ist. In der Zeit davor gab es nur eine lange Kette von kleineren Protokollen, deren Inhalte einander ganz ähnlich waren, und die alle die Grundsituation von Evas ersten neun Lebensmonaten darstellten. Eva erlebte diese so:
Ich fühl' mich unheimlich allein. Irgendwie weiß ich, dass keiner mich will, dass ich nicht stören darf, nicht weinen, nicht schreien. Ich bin dauernd am Warten, dass einer kommt, aber es kümmert sich keiner um mich. Kaum jemand spricht mit mir, ich hör' immer nur eine Stimme, ich soll still sein. Irgendjemand schreit mich an, ich soll still sein ... Ich hab' das Gefühl, es ist unheimlich kalt ...
Was Eva in den nächsten Monaten erlebte, bestätigt und vertieft noch diese Erfahrungen:
Ich weiß genau, dass mir niemand hilft. (Eva kreuzt
die Arme über der Brust, zieht die Schultern zusammen, fröstelt.) Mir ist
so kalt. Auch wenn meine Mutter da ist (schüttelt den Kopf), ist nichts ... da wird mir immer so kalt. Ich weiß nicht ... ich hab' das Gefühl, dass ich irgendwie aufgeb', dass mir alles gleichgültig wird ... (ihr
Gesicht spiegelt tiefe Trauer und Enttäuschung).
Diese Erlebnisse sind wohl grundlegend für Evas spätere Unfähigkeit, anderen ihre Gefühle und Wünsche mitzuteilen, wie auch für ihre auffallend ängstlichen Reaktionen, wenn andere laut werden.
So begann es
Eva liegt da wie ein schlafendes Baby: die Arme angewinkelt, die Hände neben dem Kopf, die Finger zu einer lockeren Faust gebeugt, die Gesichtszüge ganz entspannt.
Ich wache von irgendwas auf. Es ist dunkel, und mir ist kalt (Eva
fröstelt), und ich spür', dass mich jemand anfasst
und irgendwie streichelt. (»Wo streichelt?« Keine
Antwort, statt dessen Gesten der Unsicherheit. - »Leg deine Hand dorthin, wo du
das Streicheln spürst!« -Langsam legt sie die linke
Hand auf die Scham.) Ich bin noch so müde und möchte
weiterschlafen. Mein Vater sagt: »Schlaf weiter!«, und ich versuch' auch weiterzuschlafen. (Gleich darauf
Zeichen eines plötzlichen heftigen Schmerzes an oder in der Scheide; intensive, aber leise kindliche Schmerzenslaute.) Er tut
mir weh! Ich spüre, es tut sehr weh, aber ... komisch ... ich weiß auch, dass
ich nicht schreien darf ... ich weiß, dass sie böse
sind, wenn ich nachts schreie. Er sagt, ich soll still sein. (Der Schmerz
lässt schnell nach und Eva schläft wieder ein.)
Zwischen zwei Durchgängen sagt Eva, dass sie noch nicht laufen kann, und dass dies die erste derartige Erfahrung ist, die sie gemacht hat. Dafür spricht auch, dass sie den Täter erst an der Stimme erkennt und dass wir im weiteren Verlauf der Therapie keine früheren ähnlichen Ereignisse finden konnten.
Angst vor der Angst (2.
Lebensjahr)
Eva liegt in ihrem Gitterbett; sie wird langsam und offenbar unwillig wach.
Es ist so kalt. (Eva fröstelt und kreuzt die
Arme über der Brust, sie ist offenbar nicht mehr zugedeckt.) Da ... da ist jemand ... ich soll ... ich soll schlafen ...
weiterschlafen. (Anscheinend ist ihr irgendetwas
sehr unangenehm, sie ist aber noch ganz schlaftrunken und kann nicht richtig
wahrnehmen, was vorgeht.) Ich schaff' es nicht,
richtig wach zu werden, und er sagt dauernd, ich soll weiterschlafen. (Eva
erkennt die Stimme ihres Vaters.) Ich will nicht weiterschlafen, ich will
richtig wach werden ... ich weiß nicht ... ich spür'
... ich weiß nicht genau, was ... irgendwas macht er mit mir ... ich weiß nicht
genau, was er da macht, aber ich will es nicht ... (Eva wälzt sich unruhig
hin und her und versucht immer wieder, sich aufzurichten; die
Situation scheint ihr höchst unbehaglich zu sein.) Ich möchte endlich
richtig wach werden und wissen, was da los ist, aber er sagt immer wieder, ich
soll weiterschlafen. (Eva hält sich die Ohren zu, sie will dies nicht hören.
- Plötzlich verzerrt sie das Gesicht vor Schmerz.)
Au, au ... er tut mir weh! (Sie windet sich und
stöhnt längere Zeit, schreit auch immer wieder auf vor Schmerz. Im Laufe der
Arbeit kann sie ihre Schmerzen an der Scham lokalisieren.)
Ich soll ruhig sein, sagt er, es ist ja alles gut, ich soll weiterschlafen, ich
hab' nur geträumt ... (Endlich lassen ihre
Schmerzen nach, und Eva wird etwas ruhiger. Plötzlich wird es hell im Zimmer.) Er ... er steht vor meinem
Bett ... und ... er ist so komisch ... er macht mir Angst ... ich weiß nicht,
was er da macht ... er ... er schnauft und stöhnt ... ich versteh' das nicht
... ich weiß nicht, was er da macht ... es macht mir Angst ... (Eva zittert
heftig.)
Dann macht er das Licht aus und geht weg, und ich ... ich
versteh' das nicht ... (Eva legt verständnislos die
Handflächen an die Schläfen und rollt den Kopf unentwegt hin und her. Nach
einer Weile beginnt sie, mit der rechten Hand mit den Schläfenhaaren zu spielen
und dann immer fester daran zu ziehen. Nur ganz langsam wird sie ruhiger und
schläft endlich ein. - Die folgende Szene spielt am nächsten Morgen: Eva hat
immer noch die rechte Hand im Haar, sie blinzelt, kneift die Augen zusammen,
reibt sich mit dem Handballen die Stirn.)
Ich wach' auf und weiß nicht ...
ich weiß nicht, was da war. Irgendwie weiß ich nicht mehr, was da war ... irgendwas war da ... ich weiß nicht mehr, was. (Eva
ist unruhig, sie macht verzweifelte Gesten mit den Händen, wälzt den Kopf hin
und her, wirkt verwirrt und unglücklich). Ich hab'
Angst ... ich weiß nicht, hab' ich geträumt? Ich versteh' das nicht, ich versteh' das nicht! Ich hab' Angst ... ich weiß nicht, wovor, aber ich hab' Angst. Es war
schon öfter sowas ... ich versteh das nicht ... das verwirrt mich so ... ich
hab' so Angst ... (Eva beginnt zu weinen und zu schluchzen, immer heftiger.
Als sie sich endlich wieder etwas beruhigt hat, beginnt sie von vorn:) Irgendwas geschieht da immer nachts, und ich versteh' alles nicht. Ich hab' das
Gefühl, es ist irgendwie nicht mehr sicher. Ich weiß nicht
... (ganz verzweifelt) ich weiß nicht ... ich fühl' mich einfach
nicht mehr sicher. Ich hab' Angst, und ich weiß nicht,
warum und wovor. Das macht mir noch mehr Angst. Irgendwie bin ich nur noch
verwirrt und hab' Angst. Irgendwie bleibt
diese Angst ... ich hab' immer Angst ... das macht mich ganz verrückt! Ich bin
total verwirrt!
Er tut's immer wieder ...
irgendwann weiß ich, dass es kein Traum ist. Und die Angst bleibt einfach da ... Ich will nicht, dass jemand mich anfasst. Immer, wenn
jemand mich anfasst ... wenn jemand in meine Nähe
kommt, ist plötzlich diese Angst da, und ich weiß nicht, wovor ich Angst hab'!
Ich bin am liebsten allein ... dann ist es noch am
sichersten.
Ich möcht' so gern wissen, wovor ich Angst hab', ich versteh' das nicht ... alle machen mir Angst.
Es ist so komisch: Wenn ich allein bin, wünsch' ich mir,
dass jemand kommt und mich ganz fest hält ... und wenn
dann jemand da ist, hab' ich Angst (sie zittert) ... immer, wenn jemand
mich in den Arm nimmt, hab' ich Angst ... und dann will ich lieber allein sein
... ich bin sehr viel allein (Eva wirkt jetzt sehr traurig. Nach einer Weile
ballt sie die Fäuste und wird trotzig:) Ich brauche
euch alle nicht ... ich brauche euch nicht ... ich
brauche niemand!
Hier bereits beginnen Evas ständig wachsende Verunsicherung und Verwirrung durch suggestive Falschaussagen des Vaters (hier: »Du hast nur geträumt!«), die Evas Realitätsbewusstsein verletzen. Als sich die nächtlichen Besuche des Vaters wiederholen, wird ihr zwar klar, dass sie nicht träumt, aber sie kann nicht verstehen, was da geschieht. Dies erzeugt weitere Unsicherheit und eine diffuse, ungerichtete Angst, die sie ihrerseits wiederum ängstigt. So entsteht ein neurotischer Teufelskreis: die Angst vor der Angst.
Dazu kommt eine zunehmende Berührungsangst, die sich auf jegliche Berührung durch beliebige Personen ausdehnt. Nur wenn Eva allein ist, fühlt sie sich einigermaßen sicher. Daher beginnt sie die Einsamkeit zu suchen, was aber in Widerspruch steht zu ihrer Sehnsucht nach einem Menschen, der sie in den Arm nimmt, sie berührt, sie ganz fest hält. Sie kann diesen Widerspruch nur auflösen, indem sie ihr Bedürfnis nach menschlicher Nähe verleugnet und sich immer mehr einredet: »Ich brauche euch alle nicht, ich brauche niemand!«
Und dies alles geschieht bereits in Evas zweitem Lebensjahr.
Ein lustiges Spiel
Ich sitz' am Boden und
spiel' mit irgendwas. (Eva lächelt glücklich, ganz in ihr Spiel vertieft.
Dann lacht sie:) Ich hab'
das Gefühl, dass mich das unheimlich beschäftigt, was ich da mach'. Ich glaub', irgendwas entdecke ich dabei; es
fasziniert mich total. Ich nehme gar nicht mehr wahr, dass um mich herum
irgendetwas ist. (»Kannst du schon laufen?« Eva
schüttelt den Kopf.)
(Mit einem Mal verändert sich ihre Stimmung völlig: ihr Gesicht zeigt Erschrecken und Angst.) Plötzlich ist da mein Vater! Ich ... ich ... ich hab' Angst. Ich will, dass er weggeht. Er soll weggehn! Er hebt mich einfach hoch und drückt mich ganz fest an sich. (Eva sträubt sich, macht sich steif, windet sich.) Er sagt, ich soll lieb sein, und trägt mich ins Schlafzimmer. Er hat mich einfach so von meinem Spiel weggeholt! Ist einfach gekommen und hat mich ... (sie wird traurig und beginnt zu weinen). Jetzt zieht er mich aus und legt mich in sein Bett. »Wir machen jetzt ein lustiges Spiel.«
Ich hab' Angst. Er zieht sich aus und legt sich zu mir und streichelt mich (zwischen den Beinen). Er sagt, dass er mich lieb hat und dass ich keine Angst haben soll. Dass es nur ein Spiel ist und dass es nicht weh tut. Wenn er sagt, ich soll keine Angst haben, krieg' ich noch mehr Angst. Ich hab' das Gefühl, da stimmt was nicht; ich trau' ihm nicht. Er streichelt mich und sagt, ich soll ganz ruhig sein, er zeigt mir etwas ganz Schönes, es wird mir Spaß machen. Auf einmal ist er irgendwie über mir ... er kniet über mir, und dann (sie greift mit der linken Hand an den Mund) ... da ist was an meinem Mund ... er steckt mir etwas in den Mund ... (Zeichen von Panik und Atemnot), ich ... hab' Angst, ich hab' so Angst ... ich hab' das Gefühl zu ersticken. Ich krieg' keine Luft mehr! Es wird immer schlimmer! (Eva windet sich, macht hilflose Bewegungen mit den Armen und zeigt wachsende Atemnot. Auf einmal erstarrt sie und atmet kaum mehr.) Plötzlich ist alles weg ...
Ich soll mich beruhigen (sie ist ganz außer Atem und ringt nach Luft), es ist alles gut, alles gut, es ist gar nichts passiert, es ist alles wieder gut ... Ich bin so durcheinander, ich weiß irgendwie überhaupt nicht, was los ist ... was los war ... alles ist so weit weg ... Irgendwo ist eine Stimme, die sagt, dass ich mich beruhigen soll ... dass alles gut ist ... Er streichelt mich und dann ... dann ... (ihr Atem stockt, ein heftiger Schmerz durchzuckt sie). Er tut mir weh ... er tut mir so furchtbar weh ... ich darf nicht schreien, ich muss still sein ... (Eva windet sich vor Schmerzen und bedeckt den Mund mit dem rechten Handrücken, als ob sie den Schmerz verbeißen wolle.)Plötzlich ist wieder alles weg ...
Jetzt zieht er mich an (Eva ist noch ganz benommen) und legt mich in mein Bett. Ich soll schlafen und ... und ... und alles vergessen. Es ist gar nichts geschehen, wir haben nur ein bisschen gespielt. - Dann geht er weg. (Eva wird unruhig und beginnt, mit der linken Hand einen Büschel ihres Haares zu drehen. Dies macht sie stereotyp eine ganze Weile.) Ich bin so durcheinander. Ich ... ich ... ich versteh' das nicht. Ich versteh' das alles nicht ... (Verwirrt und unglücklich schüttelt sie langsam den Kopf und schläft schließlich ein. Nach einiger Zeit wird sie sehr unruhig und beginnt, sich heftig an den Haaren zu ziehen.) Ich will mir weh tun! Ich will mir weh tun! – Irgendwann ist da jemand und sagt, ich soll damit aufhören (sie schüttelt den Kopf, wehrt ab). Ich will nicht damit aufhören, ich will mir weh tun! Da wird meine Mutter böse. Ich soll endlich aufhören. Sie hält meine Hand fest, aber wenn sie sie loslässt, fang' ich wieder damit an. Sie schlägt mir auf die Hand; es tut mir weh. (Eva streichelt mit der rechten Hand die linke.) Jetzt nimmt sie mich aus dem Bett und setzt mich auf den Boden, genau dahin, wo ich vorhin gespielt habe ... Aber irgendwie ist alles ganz anders. Es ist nichts mehr wie am Anfang ... sie haben mir alles kaputt gemacht ... (sie weint und sieht sehr unglücklich aus). Alles ist mir so gleichgültig ...
(Nach einer Weile überkommt Eva eine merkwürdige,
quälende Unruhe, wie sie oft das mühsame Auftauchen einer schmerzlichen
Erinnerung begleitet. Plötzlich bricht es aus ihr hervor:) Ich
habe mir in der nächsten Nacht die Haare ausgerissen ...
Dann haben sie meine Hände festgebunden ... immer, wenn sie mich zum Schlafen
gelegt haben, haben sie mir die Hände festgebunden. (Eva weint bitterlich)
Auch das folgende Protokoll findet sich in Evas zweitem Lebensjahr. Die Entwicklung ist rasch vorangeschritten: Eva ängstigt sich bereits beim Erscheinen des Vaters und misstraut seinen Beschwichtigungen. Sie spürt sehr deutlich, dass da »etwas nicht stimmt«. Bemerkenswert ist, wie klar und wie schmerzlich Eva den Eingriff in ihr Selbstbestimmungsrecht wahrnimmt: »Er hat mich einfach so von meinem Spiel weggeholt!«
Und das Geschehen eskaliert: Der Vater attackiert Eva nun am hellen Tag, während sie wach ist, und er begnügt sich nicht mehr mit Berührungen der Sexualorgane und exhibitionistischen Darstellungen. (Die Kriminalstatistik belegt übrigens, dass bei frühkindlichen Opfern der oralsexuelle Missbrauch die weitaus vorherrschende Form ist.)
In diesem Protokoll beginnen auch die Bagatellisierungen, Beschönigungen, ja »Anpreisungen«, die der Vater für seine Misshandlungen findet und die für Evas psychische Entwicklung so verhängnisvoll sein werden: Ein lustiges Spiel, etwas ganz Schönes, es wird dir Spaß machen ... Eva leitet später aus ihren so gegensätzlichen Empfindungen ab, dass sie selbst nicht »normal« sein muss.
Evas Verwirrung und Verständnislosigkeit angesichts des Erlebten sind so groß und anhaltend, dass sie sich Ablenkung verschaffen muss, indem sie sich selbst Schmerzen zufügt. Sie entdeckt für sich ein Jahrtausende altes Mittel der Menschen, sich von seelischer Pein abzulenken, die »zum Haare-Ausraufen« ist. (Ansätze dazu waren schon in früheren Protokollen erkennbar.)
Ohnmächtige Wut
Da ist mein Vater! (Eva lächelt glücklich.)
Ich freu' mich, dass er da ist, und ich lauf' zu ihm
hin. Ich hab' ihn lieb, und ich freu' mich. Er hebt
mich hoch, und dann setzt er sich hin und nimmt mich auf den Schoß. (Plötzlich
wird sie unruhig und sträubt sich.) Er streichelt mich
... er streichelt mich an den Beinen. Ich mag das nicht und will weg. Es
tut nicht weh, aber ich mag das nicht. Es ist irgendwie anders als sonst. Ich
weiß nicht, was da eigentlich geschieht, aber ich mag es nicht. Irgendwas ist
da, was anders ist. (Eva scheint hilflos und verwirrt und leidet sichtlich
darunter.) Ich versteh' das alles nicht! Ich mag
das nicht und will weg, aber er hält mich einfach fest. »Sei still, ich hab' dich doch lieb! Das haben doch alle kleinen Mädchen
gern.« (Dieser Satz
löst bei Eva große Unruhe aus. Sie beginnt zu weinen. - »Was geschieht da in
dir, wenn du diesen Satz hörst?«)
Er verwirrt mich. Ich weiß ja auch nicht, warum ich es nicht mag. Ich weiß ... ich weiß eigentlich nicht, was daran so anders ist,
aber ich spür' einfach, dass da was anders ist, ... dasse
r dann anders ist, und irgendwas daran macht mir Angst (sie zittert). -
Er streichelt mich, und ich hab' das Gefühl, ich kann
nichts dagegen tun. Irgendwie weiß ich schon, wenn er so ist, dann ... dann
muss ich tun, was er will. Ich merk', dass ich ... dass ich wütend auf ihn werde (sie ballt beide
Hände zu Fäusten und wippt mit der rechten wie ein Boxer), und dass ich ihn
gern schlagen würde. Ja, ich möcht' nach ihm schlagen –- aber ich bin doch so
klein! Er hält mich einfach fest und streichelt mich, und ich kann nichts tun.
Ich bin wütend auf ihn und kann einfach nichts tun. (Eva ist voll
ohnmächtiger Wut.)
Irgendwann lässt er mich los, und ich lauf' weg von ihm (sie
zittert, kneift die Lippen zusammen, die Fäuste sind immer noch geballt, ihre
Miene ist voll Zorn und Trotz). Ich möcht' ihm
sagen: »Ich hab' dich nicht mehr lieb!«
Eva meint, dass sie gerade erst laufen gelernt hat.
An diesem Protokoll überrascht, dass Eva diesmal beim Erscheinen ihres Vaters Freude statt Angst zeigt. Aus früheren Protokollen weiß ich jedoch, dass Eva intuitiv sehr sicher spürt, in welcher »Laune« ihr Vater gerade ist und ob sie von ihm Böses zu erwarten hat. Und tatsächlich begnügt er sich diesmal mit bloßem »Streicheln«, das aber Eva schon unangenehm genug ist, weil sie merkt, dass es eben doch »anders« ist. Der infame Satz »das haben doch alle kleinen Mädchen gern« stürzt sie dann vollends in Verwirrung Auch spürt sie - wieder einmal - dass sie dem Vater hilflos ausgeliefert ist.
In der folgenden Zeit fühlt sich Eva immer wieder hin- und hergerissen zwischen der schier unausrottbaren Liebe zu ihrem Vater und der Angst vor ihm, zu der sich immer deutlicher Ansätze von Hass mischen. Immerhin ist der Vater der einzige in der Familie, der Eva so etwas wie Zuneigung entgegenbringt. Für die Mutter nämlich, deren Rolle in diesem Drama erst nach und nach deutlicher wird, ist Eva ein ungewolltes, ein »überflüssiges« Kind, das sie ablehnt, wenn nicht gar hasst. So wird verständlich, dass Eva - zu dieser Zeit noch - den Vater selbst kurz nach einer Misshandlung wieder freudig begrüßt, wenn sie nur spürt, dass sie jetzt nichts von ihm zu befürchten hat.
Dieses verdammte Kind! (3. Lebensjahr)
Ich höre, dass meine Eltern sich streiten. (Eva
wird traurig und beginnt zu weinen.) Ich will nicht, dass sie streiten, ich
mag das nicht. Ich steig' über das Gitter von meinem
Bett und lauf' zur Tür hin. Ich will zu ihnen ... sie
sollen aufhören ... sie sollen aufhören ... Da hör' ich meine Mutter: »Daran
ist nur dieses verdammte Kind schuld. Ich habe es ja nie gewollt! Wenn es nach
mir gegangen wäre, wär' es nie geboren worden. Wenn es nicht da wäre, wär'
alles viel leichter.« Ich ... ich versteh' das alles nicht ... warum bin ich an allem schuld? Ich versteh' nicht,
was ich getan hab' ... ich steh' einfach vor dieser
Tür ... und muss ständig denken, dass ohne mich alles leichter wäre ... ich
versteh' das nicht ... Und vielleicht muss ich fort ... vielleicht schicken sie
mich fort (sie zittert und weint sehr). Ich steh' einfach da, an der
Tür, ich steh' einfach da ... und auf einmal geht die
Tür auf, und da ist mein Vater, und er schreit mich an, was ich hier will. Ich
soll verschwinden und sofort wieder in mein Bett gehen. Irgendwie steh' ich nur
da und schau ihn an ... ich kann einfach nicht weg ...
Er kommt mir so furchtbar groß vor, und ich spür', dass er wütend ist. Da
schlägt er mich einfach ... er schlägt mich ins
Gesicht, und ich fall' hin ... (fasst sich mit der rechten Hand an die
Schläfe). Es tut mir weh, und ich weine. Ich soll ...
ich soll ruhig sein und mit dem Geplärre aufhören, ich geh' ihm auf die Nerven.
Ich kann aber nicht aufhören (weint heftig), es tut mir so weh. Dann
hebt er mich hoch (sie wehrt sich energisch dagegen), er soll mich loslassen ... und trägt mich irgendwo hin. Es ist ein enger
Raum, und es ist dunkel. Wenn ich mich beruhigt hab'
und ... und ... (mit Widerwillen) und ihn lieb darum bitte, dann lässt
er mich wieder raus. (Da presst sie die Lippen zusammen und schüttelt heftig
den Kopf.) Ich bin trotzig und wütend ... Er
sperrt die Tür ab. Ich will raus hier, verdammt, ich will raus hier! Ich schlag' gegen die Tür, er soll mich rauslassen! – Irgendwann
kann ich einfach nicht mehr. Ich werd' müde und setz'
mich in eine Ecke. Es ist so furchtbar kalt hier ... (»
Was hast du an ?«) Ein Nachthemd. (Sie
verschränkt die Arme über der Brust und zieht sich frierend zusammen.
Schließlich schläft sie ein.)
Dieses Protokoll gibt uns einen ersten Einblick in die »heile Familie«, in der Eva aufwächst. Wir erfahren nicht, worum es bei dem Streit geht, sondern lediglich, dass das verdammte Kind an allem schuld ist. Aus einem unerkennbaren Grund - vielleicht hat sie es früher schon einmal gehört? - kommt Eva auf den Gedanken, sie könne weggeschickt werden; auch dies ein Schreckgespenst, das - vom Vater weidlich genutzt - Eva ein Jahrzehnt lang peinigen wird. Der Vater zeigt sich als unbeherrschter, jähzorniger Mensch, der seine Wut (über die Schlappe vermutlich, die er bei dem Streit einstecken musste) an der so unschuldigen wie hilflosen, noch nicht einmal drei Jahre alten Eva auslässt.
Liebhaben (4. Lebensjahr)
Ich stehe in meinem Gitterbett. Es ist Tag, und die Vorhänge sind zugezogen. Es ist langweilig, und ich möchte raus hier. Ich warte darauf, dass jemand mich holt, aber ich habe Angst, nach meinen Eltern zu rufen. Ich habe Angst, ich störe sie.
Eigentlich habe ich auch gar keine Hoffnung, dass mich jemand holt, ich stehe nur so da, und es ist langweilig.
Plötzlich kommt mein Vater. Sie haben mich also doch nicht vergessen! Ich freue mich, weil ich denke, dass er mich herausholt (Eva lächelt glücklich). Er nimmt mich aber nicht aus dem Bett. »Leg dich wieder hin!« Er nimmt mich unter den Armen, hebt mich etwas hoch und legt mich hin. Ich will wieder aufstehen, da hält er mich fest, und ich kann nicht weg. Ich mag das gar nicht, wenn er mich festhält. Mit einer Hand hält er mich fest, und die andere ist zwischen meinen Beinen. Jetzt lässt er das Gitter an der Seite von meinem Bett herunter und kniet neben meinem Bett. Ich will das nicht, wenn er mich so anfasst. Er sagt: »Sei still! Wir zwei müssen uns doch lieb haben, wir haben doch sonst niemanden. Uns hat doch sonst keiner lieb!« Was er sagt, verwirrt mich so. Ich hab ihn ja lieb, aber er soll mich nicht so anfassen. Es stimmt ja alles, was er sagt, aber ich mag nicht, wenn er mich so anfasst. Und das bringt mich so durcheinander. Ich meine immer, ich müsste es dann auch mögen. Es ist so verwirrend, weil ... ich hab das Gefühl, irgendwas stimmt daran, und irgendwas stimmt nicht. Es hat mich ja sonst keiner lieb, aber ich mag nicht, wenn er mich so anfasst.
Dann geht er wieder weg. Er sagt, ich soll schlafen, und geht weg. Ich bin traurig und fühl' mich sehr allein und verwirrt. Ich versteh' das alles nicht.
Später kommt meine Mutter. Sie sagt kein Wort. Sie redet überhaupt nicht viel mit mir. Sie holt mich und zieht mich an - ganz routinemäßig. Komisch, ich hab' das Gefühl, sie ist so ganz weit weg. Sie geht mit mir um wie mit einem Gegenstand (Eva wirkt sehr traurig). Sagt kein einziges Wort. Sie ist ganz weit weg.
Hier haben wir ein Protokoll, in dem auf den ersten Blick nichts Traumatisches geschieht: Eva wird kein Schmerz zugefügt und keine seelische Verletzung. Und doch geschieht hier etwas so Schwerwiegendes, dass es wiedererlebt wird: es ist die Tatsache, dass der Vater eine für Eva unangenehme und abstoßende Handlung mit einer sachlich richtigen, emotional angenehmen verbalen Botschaft verbindet. Dies verwirrt Eva, bringt sie durcheinander, stört ihre Orientierung in der Realität, untergräbt ihr Vertrauen in die Menschen, in die Verlässlichkeit und die Verstehbarkeit der Welt.
Ein braunes Pferdchen aus Porzellan
Ich lieg' in meinem Bett ... ich hab' schon geschlafen ... ich hör' meinen Vater... er schimpft, und ich weiß, es geht um mich.
Ich hätte es nicht anfassen dürfen ... ich wollt' es doch nur mal anschaun ... (»Was ist ,es'?«) ... Es war ein braunes Pferdchen aus Porzellan ... es war auf dem Schrank gestanden ... ich bin auf den Stuhl gestiegen ... da ist es runtergefallen. (Eva erstarrt noch in der Erinnerung vor Schreck, sie atmet flach und schnell, wie in Panik.) Meine Mutter ... meine Mutter ist gekommen ... sie hat gar nicht richtig geschimpft ... sie hat mich vom Stuhl runtergeholt und gesagt, ich soll mich beruhigen, sie bringt es schon in Ordnung.
Er schimpft und ist böse ...
Meine Mutter ... sie versucht ihn zu beruhigen ... er soll mich schlafen
lassen, sie will morgen früh mit mir reden. - Jetzt kommt er in mein Zimmer und
schimpft mit mir ... was ich wieder angestellt hab' ... ich wollt' es doch nur
anschauen ... ich wollt' es nicht kaputt machen ...
»Was soll ich denn jetzt mit dir machen?« Er geht ... und kommt
mit dem Stöckchen zurück ... jetzt weiß ich, was er will ... er muss mich
bestrafen. Ich muss aufstehen ... er steht da, so
groß, so groß ... »Du warst böse!« Ich weiß schon, was ich jetzt tun muss: Ich muss ihm meine Hände hinhalten
... (sie hält beide Hände mit den Handflächen nach oben vor sich hin),
und dann schlägt er mich (Eva zuckt vor Schmerzen zusammen und beißt sich
auf die Lippen, sie will die Hände zurückziehen und streckt sie ihm doch wieder
hin). Er schlägt mich ... au, au ... ich darf die
Hände nicht wegziehen. (» Was geschieht sonst?«)
Dann wird er böse ... dann bekomm' ich eine Ohrfeige
und dann geht es wieder von vorne los ... immer wieder ... bis ich sie nicht mehr
wegzieh' ... ich hab's gelernt, ich weiß, ich darf sie nicht wegziehn, auch wenn's noch so weh tut ... (Eva hält ihm
tapfer die Hände hin und wendet nur das Gesicht ab. Ich zähle insgesamt neun
Schläge.) Er fragt, ob ich brav sein will (Eva
nickt heftig), ob ich in Zukunft nichts mehr anfassen will (sie
schüttelt mehrmals den Kopf). »Ich fass' nichts
mehr an, ich fass' nichts mehr an!« (Jetzt zieht
sie langsam die Hände zurück und hält sie mit gekrümmten Fingern vor der
Brust.) Dann darf ich mich wieder ins Bett legen. Ich nehm' meinen Teddy in
den Arm ... da ... da nimmt er ihn mir weg ... »Nein,
nein, ich brauch' ihn doch!« - »Den brauchst du nicht, der ist nur für brave
Kinder da!« Dann geht er und nimmt meinen Teddy mit ... Ich brauch' ihn doch ... was macht er denn mit ihm? (Eva
weint bitterlich.)
Ich kann nicht einschlafen, ich fühl' mich so allein, ich
kann einfach nicht einschlafen ... (längere Zeit wälzt sie sich unruhig im
Bett hin und her). Ich hör', wie meine Eltern
schlafen gehen ... ich kann nicht einschlafen ... Irgendwann bekomm' ich Angst
... ich weiß gar nicht wovor ... ich hab' einfach Angst ... (Eva atmet flach
und schnell) ich weiß nicht, was ich machen soll ... da fällt
mir meine Mutter ein, vielleicht darf ich bei ihr schlafen? Aber ich weiß, sie
mag es nicht ... ich darf nachts nicht aufstehen ...
Die Angst wird immer größer. (Eva verkrallt die Hände ins Kopfkissen, setzt
sich immer wieder auf, legt sich wieder hin.) »Mama, Mama!«
(leise und zaghaft) Ich will zu meiner Mama ...
ich darf nicht ... ich muss im Bett bleiben ... sie schimpfen, wenn ich nachts aufsteh' ... aber ich hab' doch so Angst ... ich halt' es
nicht mehr aus. Ich steh' auf ... ganz leise, ganz leise geh' ich ins Schlafzimmer ... sie schläft (Eva wird sehr traurig) ...
ich hab' gehofft, sie ist wach. Ich trau' mich nicht, sie zu wecken ...
vielleicht wacht sie doch auf ... ich steh' da ganz lange ... sie wacht nicht
auf ... es ist so kalt im Zimmer, so kalt (kreuzt
die Arme über der Brust, zittert) ... sie wacht nicht auf ... sie wacht
einfach nicht auf ... (Auf meine Frage, ob sie denn nicht einfach zu ihrer
Mutter ins Bett schlüpfen kann, schüttelt sie heftig und voller Angst den
Kopf.) Mir ist ganz kalt ... ich bin so müde ...
ich setz' mich auf den Boden ... neben das Bett. (Dort schläft sie
schließlich ein. Nach einiger Zeit erwacht sie zitternd.)
Plötzlich steht er da ... er ... er fragt, was ich
hier mach' ... ich weiß es nicht ... warum ich nicht in meinem Bett bin ... ich
weiß es nicht ... ich weiß überhaupt nicht, wo ich bin ... er hebt mich hoch
und schlägt mich (Zeichen von Schmerz). Dann bringt er mich in mein
Bett. Es ist so kalt. Ich will nicht hier bleiben, ich will wieder aufstehen (Eva
wehrt sich heftig, wird immer unruhiger, dann panisch).
Ich hab' Angst davor, dass ich wieder so Angst bekomme ...
Er hält mich fest und ... »Du bleibst liegen!« Ich will aufstehen (versucht
den Kopf und den Oberkörper zu heben), ich will aufstehen
... er schreit mich an, ich soll endlich Ruhe geben. Ich will aber ... Er wird wütend und schreit, dass es ihm jetzt
reicht, und zerrt mich aus dem Bett und legt mich übers Knie und ... (er
schlägt sie). Dann wirft er mich ins Bett zurück: »Du rührst dich nicht
mehr, verstanden!« Ich bin so erschrocken
... es ging alles so schnell. (Eva liegt jetzt völlig reglos da.)
Ich kann nicht einschlafen ... es ist kalt ... es wird
schon hell ... (Schließlich schläft sie doch ein. Erst gegen Abend wird sie
wieder wach.) Ich bin so müde
... es ist so komisch, ich kann nicht richtig wach werden ... ich
versuch' es immer wieder ... ich bin so müde, und es ist so kalt (plötzlich
wird sie unruhig). Ich muss aufstehen... ich muss ihn suchen.
(» Wen?«) Meinen
Teddy! Er ist weggelaufen ... weil ich böse bin ... es
ist so schwer, aufzustehen ... so anstrengend ... ich muss ihn suchen ... es
ist alles so komisch... es ist alles so weit weg... (sie spricht sehr
stockend und mühsam) ...ich muss aufstehen ... ich muss ihn doch suchen!
... Ich steh' an der Treppe, ich will da runter auf die Straße, ich muss ihn
doch suchen ... es ist schon dunkel draußen ... die Treppe ist so tief und so
steil ... ich weiß nicht, wie ich da runter komme ... einfach fallen lassen? ... Ich muss da runter! ... Auf einmal hör' ich
meinen Vater ... er ruft mich, ich soll stehen bleiben
... er schreit, ich soll stehen bleiben. Dann ist er bei mir und packt mich und
hält mich fest (Eva wehrt sich). Ich muss ihn
doch suchen ...
(Eva muss mehrere Tage ohne ihren Teddy auskommen. Dann,
als die Mutter einmal nicht zu Hause ist, fragt der Vater sie:) »Willst du deinen Teddy wiederhaben?«
(Eva ist freudig überrascht und nickt eifrig.) - Ich dachte schon, ich krieg' ihn überhaupt nicht wieder. - »Dann musst du vorher
ganz lieb zu mir sein. Du musst ihn dir erst verdienen!« Er geht mit mir ins Schlafzimmer. Er zieht mich
aus und sagt, ich soll mich ins Bett legen. Dann zieht er sich aus und legt
sich zu mir und fängt an, mich zu streicheln. Ich mag das nicht, ich mag das
nicht, wenn er mich so streichelt (voller Widerwillen), aber ich wehr' mich nicht und halt' ganz still. Ich will ja meinen
Teddy wieder haben ... ich muss ihn mir verdienen ...
Jetzt drückt er mich ganz fest an sich ... er hält mich ganz fest ... er ist so
komisch ... ich versteh das nicht (Eva wird immer unruhiger) ... was macht er
da? ... Er ... er steckt was zwischen meine Beine! Ich
hab' so Angst ... ich versteh' das alles nicht (panisch) ...
ich hab' so Angst, dass er mir weh tut ... er stöhnt und ist so komisch ... was
macht er denn da? Ich versteh' das nicht! ...
»Hör auf zu weinen! Es ist nicht schlimm, es ist doch gar
nichts passiert! Es war so schön für mich.« (Eva
schaut fassungslos drein.) Ich mach' das nur, weil
ich dich so lieb hab'. Wenn du mich auch lieb hast, lässt du mich das immer
wieder mal machen.« ... Nein, nein! Nicht wieder,
nicht wieder! ... (Eva ist voller Angst und Verzweiflung.) »Wenn du
größer bist, dann zeig' ich dir, wie man sich richtig lieb hat.« Ich krieg' so Angst! »Du darfst
aber der Mama nichts sagen, die wird sonst böse.«
Dann gibt er mir meinen Teddy wieder (Eva nimmt ihn in
den Arm, drückt ihn an sich, lächelt glücklich.) Ich bin so froh, dass ich
ihn wiederhab'. (Aber gleich darauf schaut sie
wieder sehr ernst und ängstlich.) Wenn ... wenn er ihn mir wieder wegnimmt,
muss ich wieder mit ihm ins Bett kommen ... Ich darf
meinen Teddy nicht mehr so lieb haben. - Ich will gar nichts mehr lieb haben ... nichts mehr lieb haben. Ich hab' Angst davor,
irgendwas lieb zu haben ... Es tut immer nur weh, irgendwie tut es immer weh ...
Evas Satz »Er muss mich bestrafen« lässt hier erst nur vermuten, was sich später immer wieder bestätigt: Der Vater rechtfertigt seine grausamen Strafaktionen vor Eva (und vielleicht auch vor sich selbst) damit, dass er gleichsam einem höheren Gesetz gehorcht. Und die dreieinhalbjährige Eva hat dieses »Gesetz« bereits verinnerlicht.
In diesem Protokoll zeigen sich erstmals deutlich sadistische Züge des Vaters: Das Austeilen einer vorher festgesetzten Ration von Schlägen beginnt immer wieder von vorn, wenn Eva dabei die Hände wegzieht. Auch das Wegnehmen des heiß geliebten, geradezu lebensnotwendigen Trösters, des Teddys, ist sadistisch.
Erstaunlich ist, dass Eva bereits gelernt hat, dass Liebhaben erpressbar machen und Schmerzen nach sich ziehen kann, was natürlich ihre Einstellung »Ich brauche niemanden« noch bekräftigt.
Wie ein Tier (5. Lebensjahr)
Ich liege in meinem Bett. Ich hab' schon geschlafen und bin aufgewacht. Es ist nicht ganz dunkel ... an meinem Bett ist eine kleine Lampe, die brennt immer nachts. Ich hab' Angst, wenn alles dunkel ist.
Da ist plötzlich mein Vater, und ...
ich hab' Angst vor ihm. Er zieht mir mein Nachthemd aus. Er sitzt auf meinem
Bett und fasst mich an ... er streichelt mich. Ich fühl'
mich so hilflos ... ich möcht' am liebsten weglaufen und mich verstecken, aber
ich kann es nicht, ich kann gar nichts tun (Eva macht sich plötzlich ganz
steif, presst die Lippen zusammen und ballt die Fäuste) ... ich will nichts spüren ... ich
will einfach nichts spüren. Ich hab' furchtbar Angst
davor, den Schmerz zu spüren. Ich tu' mir selbst weh, um es nicht zu spüren.
»Stell dich nicht so an, es ist ja noch gar nichts passiert!«
(Plötzlich krampft Eva sich vor Schmerz zusammen und stöhnt.) Er tut mir
weh, er tut mir so weh! »Sei still und lieg ruhig!«
Ich probier' es ... ich geb'
mir ja alle Mühe, ruhig zu sein, aber es tut so weh! (Sie beißt sich auf die
Lippen und drückt sich die Fingernägel tief in die Handflächen, ihr Gesicht ist
von Schmerz verzerrt und sie wimmert leise. Nach einiger Zeit wird sie ruhiger
und entspannt sich ein wenig.) Ich spür', dass ich
wütend bin ... ich bin so wütend auf ihn (sie krümmt ihre Finger wie
Krallen, ihre Hände vibrieren)
... ich möchte ihm weh tun, ich möchte ihm auch einmal weh
tun! (Ihr Gesichtsausdruck verändert sich langsam, er wirkt jetzt traurig
und mutlos.) Aber ich trau' mich nicht ... ich bin ja so klein und kann
nichts gegen ihn tun ... ich kann gar nichts tun ...
Plötzlich kommt mir der Gedanke: Komisch, heute geht er gar nicht weg ... er ... er geht nicht weg (sie ist auf einmal
wieder voller Angst) ... was will er denn bloß? Er soll doch endlich
weggehen! Er steht an meinem Bett und zieht seine Hose
aus (sie hat plötzlich panische Angst, in ihrem Gesicht steht das blanke
Entsetzen, und sie zerrt sich mit beiden Händen an den Haaren) ... ich weiß
nicht, irgendwas macht mir furchtbar Angst, ich weiß nicht, was es ist ... er
hat etwas zwischen den Beinen ... es ist so groß ... ich weiß nicht, was er
will ... ich versteh' das alles nicht ... was hat er denn vor ... ich versteh'
das nicht! Er kniet sich über mich ... er hebt meinen
Kopf hoch und ... und steckt mir etwas in den Mund. (Eva hebt wieunter Zwang den Kopf hoch, öffnet den Mund, würgt, bäumt
sich auf, ringt nach Luft, verkrallt die Hände in den Haaren.) Er ist wie
ein Tier ... er schnauft und stöhnt ... Ich hab' das
Gefühl, ich halt' das nicht mehr aus, es ist so furchtbar, ich halt' das
einfach nicht mehr aus ... ich weiß nicht ... auf einmal spür' ich überhaupt
nichts mehr ... es ist alles ganz weit weg ... (Eva erstarrt plötzlich mit
immer noch erhobenem Kopf und ist minutenlang nicht ansprechbar.)
Er redet auf mich ein ... ich
versteh' ihn gar nicht ... ich bekomm' das gar nicht mit, was er sagt ... er
packt mich an den Armen ... ich spür' irgendwie, dass er mich so ganz fest
packt ... ich denk' mir, das müsste doch weh tun, aber ich spür' überhaupt
nichts ... er schüttelt mich ... »Reiß dich zusammen und hör mir zu! So hör mir
doch endlich zu!« Ich will ihm nicht zuhören ... er schüttelt mich ... ich will ihn doch nicht
hören! Ich versteh' noch, dass ich niemandem davon erzählen darf, sonst ... (wird
sehr unruhig) sonst sperrt ... sonst sperrt er
mich in den Keller (Eva wird von Entsetzen geschüttelt). Davor hab' ich schreckliche Angst. »Nein, nein, nicht, nicht!«
Dann geht er weg und macht das
Licht aus. Ich setz' mich in die Ecke von meinem Bett und mach' mich ganz klein ... ich bin überhaupt nicht mehr da ... irgendwann
schlaf' ich ein ... (Es ist offenbar ein sehr unruhiger Schlaf: Eva wälzt
den Kopf hin und her, sie atmet schwer und ungleichmäßig, stöhnt immer wieder
auf.)
Ich wach' auf. Es ist komisch ...
es ist, als wär' ich überhaupt nicht richtig wach, nicht richtig da ... in mir
ist alles wie tot. Da ist meine Mutter und auch meine Brüder
... ich weiß nicht, es ist so komisch ... ich hör' sie, und ich seh' sie, aber trotzdem ... ich ... ich bin da und bin
gleichzeitig nicht da ... als wär' ich an allem nicht beteiligt ... Ich hab' das
Gefühl, der ganze Tag ist wie ein Traum, ich bin wach, aber ich bin doch nicht
da, ich weiß nicht ... Irgendwann schimpft meine Mutter mit mir. Ich hör' sie nicht ... ich weiß nur, dass sie mit mir schimpft, aber es
kommt gar nicht richtig bei mir an. Sie schickt mich
in mein Zimmer ... irgendwie bin ich ihr im Weg ...
Irgendwann schickt sie mich ins Bett. Und da ... es ist
auf einmal, als würd' ich langsam aufwachen ... und da
hab' ich plötzlich Angst. Ich weiß gar nicht, wovor ... ich spür' nur, dass ich
Angst hab'. (»Kannst du dich daran erinnern, was
heute Nacht geschehen ist?« - Sie schüttelt langsam
den Kopf.) Ich spür' nur, dass ich Angst hab'. Diese Angst bleibt ... bleibt
lange ...
In der - vermeintlichen - Endphase der Arbeit an diesem Geschehnis trat eine merkwürdige Veränderung ein, wie ich sie bisher noch nie beobachtet hatte: Während alle anderen Einzelheiten sich aufzulösen begannen und die gewohnten Veränderungen durchliefen, wurde Eva beim Durchleben des nächtlichen Schlafs immer unruhiger. Ihr Gesichtsausdruck und ihre Bewegungen spiegelten wachsende Angst und schließlich Panik wider. Immer wieder riss sie plötzlich die Augen auf, setzte sich auf, wollte »aussteigen«, wurde hin- und hergerissen zwischen entsetzlicher Angst vor dem, was da - offenbar in einem Alptraum - geschah, und dem Wunsch, es zu durchleben und aufzulösen. Wieder einmal bewunderte ich ihren Mut und ihre Tapferkeit. Welch ungeheure Lebenskraft musste in ihr stecken und welch unbändiger Wille, sich von der Last ihrer Vergangenheit zu befreien. Wie viele Beweise dafür hatte sie mir bis zu dieser Zeit schon gegeben, und doch stand ich wieder ehrfürchtig staunend davor. Doch: Wie hätte sie ohne diesen Mut und diese Lebenskraft auch ihre Kindheit überleben können?
Es dauerte mehrere Stunden, bis alle Schrecken des Alptraums, den Evas Organismus offensichtlich wie ein reales Geschehen aufgezeichnet hatte, hervortraten und schließlich aufgelöst werden konnten.
Exkurs: Der Alptraum
Da ... da ist eine Tür, und dahinter ist es ganz dunkel. Ich will nicht ... ich will nicht durch diese Tür, nein, nein, ich will nicht da durch! Aber da ist eine Hand in meinem Rücken ... so groß und stark ... die schiebt mich ... nein, nein, ... ich will da nicht durch! Nein, nein! ... Sie schiebt mich einfach durch die Tür ... Es ist alles um mich ganz dunkel, so furchtbar dunkel ... ich kann überhaupt nichts sehen, es ist alles schwarz und ganz still ... Ich trau mich nicht, mich zu bewegen ... ich hab' Angst weiterzugehen ... ich hab' so Angst! Irgendwie hab' ich Angst, wenn ich weitergeh', dass ich da abstürze ... ich weiß nicht, was da kommt, wenn ich weitergeh' ... ich steh' einfach da und trau mich nicht, mich zu bewegen ... Und dann ... dann ... dann tauchen plötzlich aus der Dunkelheit so ... es sind Schlangen und ... Schlangen und Messer ... sie kommen ... sie tauchen einfach so aus der Dunkelheit auf und kommen ... kommen ... sie kommen auf mich zu ... es werden immer mehr und mehr. Sie kommen immer näher und näher ... sie wollen ... sie wollen in meinen Mund ... und ich kann mich nicht dagegen wehren, ich kann einfach nichts tun. Ich hab' meinen Mund ganz weit offen, und ich ... ich kann ihn nicht zumachen ... und sie kommen immer näher ... sie werden in mich hineinkriechen ... sie kommen ... ich will schreien, ich will schreien ... es geht nicht ...
Und da wach' ich auf ... ich merk', dass ich in meinem Bett lieg' ... es ist ganz dunkel, und ich hab' so Angst (Eva zittert und weint) ... ich trau' mich auch nicht, das Licht anzumachen ... warum kommt denn niemand, warum kommt denn niemand? Ich hab' so Angst und wünsch' mir so sehr, dass jemand kommt ... dass jemand kommt und mich beschützt ... ich weiß, dass niemand kommt ... da ist niemand ... es gibt niemanden (sie weint herzzerreißend und beginnt, sich an den Haaren zu reißen) ... ich tu' mir weh ... das lenkt ab und beruhigt mich irgendwie ... ich tu' mir weh', und dann spür' ich nichts mehr anderes ... (auf einmal wird ihr Gesicht trotzig, sie beißt die Lippen zusammen und gräbt sich die Fingernägel tief in die Handflächen) ... ich brauch' niemand, ich brauch' niemand (sie wiederholt dies mehrfach, redet es sich förmlich ein) ... es tut so weh. .. .wenn ich mir nicht weh tu', dann spür' ich, dass ich doch jemand brauch' (sie steigert noch ihre Anstrengungen, sich weh zu tun). Ich bin so allein ... ich komm' mir so richtig eingeschlossen vor in der Dunkelheit und ... und hab' das Gefühl, da komm' ich nie mehr raus ... da komm' ich nie mehr raus ...
Eva geht zu dieser Zeit noch nicht in den Kindergarten; sie ist demnach höchstens viereinhalb Jahre alt.
Im Badezimmer
Mein Vater badet mich, und es ist lustig. (Eva ist fröhlich und lacht.) »Jetzt will ich aber auch ein bisschen Spaß haben!« Ich weiß genau, dass dann immer irgendetwas ist, was ich nicht will, was ich nicht mag. Es bedeutet nichts Gutes, und es ist so, als käme jetzt die Strafe dafür, dass ich Spaß gehabt habe. Jetzt muss ich dafür bezahlen.
Dann macht er seine Hose auf, und ich denke, ich muss es wieder anschauen. »Fass ihn mal an! Sei lieb zu ihm und streichel ihn mal!« - »Nein, ich will nicht, nein, nein!« Er schlägt mich ins Gesicht. »Du sollst nicht immer nein sagen! Fass ihn an!« Er ist wütend, und ich hab' Angst. Er nimmt meine Hand und zeigt mir, was ich tun soll. »Nimm beide Hände!« - »Ja, so ist es gut, so bist du lieb. Du hast mich doch lieb?« Diese Frage verwirrt mich so. Ich hab' ihn ja lieb, aber ich mag es nicht tun. Am schlimmsten ist, dass ich etwas tun muss, was ich absolut nicht will, und es verwirrt mich so, weil ... ich hab' ihn ja lieb, aber ich mag das nicht tun. Ich will das absolut nicht. Aber wenn ich ihn lieb hab', muss ich es tun, und ich will es nicht. Und ich finde es so eklig. - Seine Frage ,Du hast mich doch lieb?' verwirrt mich so. Es ist, als ob ,lieb haben' zwei verschiedene Bedeutungen hat.
Er stöhnt und hält meine Hand. »Mach's fester!« Und er stöhnt immer lauter und dann ...
es ist so eklig. Meine Hände sind so eklig (Eva spreizt die Finger, ihre
Miene ist voller Abscheu).
- Er wäscht mir die Hände ab und sagt: »So schlimm
war's doch gar nicht! Beim nächsten Mal stellst du dich nicht mehr so an! Und
du weißt doch, du darfst es niemandem erzählen!« Ich lauf' zu meiner Mutter, und ich bin so verwirrt und hab'
Angst. Ich brauche ihre Hilfe, und ich darf ihr doch nichts erzählen. Ich
brauch' sie, sie muss mich irgendwie beschützen, aber
ich darf ihr doch nichts sagen. Ich bin so verwirrt! Ich lauf' ihr irgendwie
nach, dass sie mir hilft. »Was willst du denn?« Ich darf doch nichts sagen! »Geh mir aus dem Weg, du
störst hier. Geh zu deinem Vater.« Sie schickt mich
einfach wieder zu ihm! Ich fühl' mich so furchtbar
alleingelassen und hoffnungslos. (Eva beginnt zu weinen.)
Eva kann noch heute keine Hautcreme, Sonnenmilch und ähnliches auf den Händen vertragen.
Auch in anderen Protokollen aus dieser Zeit - Evas fünftem Lebensjahr - spricht sie häufig davon, dass sie sich von ihrer Mutter im Stich gelassen fühlt. »Warum hilft sie mir denn nicht? Warum beschützt sie mich nicht?« so fragt Eva immer wieder. »Irgendwie hab' ich das Gefühl, sie müsste es doch wissen. Ich komm' gar nicht auf die Idee, dass sie es nicht weiß.« Diese Aussagen sind freilich kein stichhaltiger Beweis für die Mitwisserschaft der Mutter, sollten aber in Anbetracht der sonst so sicheren Intuition Evas auch nicht leichthin abgetan werden.
Wenig später wird Eva ernstlich krank. »Da ist eine Zeit, die ich wie einen einzigen langen Augenblick erlebe: Ich bin in meinem Bett und darf nicht aufstehen. Ich bin traurig und sehr müde und wein' dauernd. Eine Ärztin kommt zu mir, sonst bin ich fast immer allein. Ich bin wohl längere Zeit krank. Sie sagen, ich darf nicht dauernd weinen.«
Diese Krankheit ist die erste uns bekannte starke somatische Reaktion Evas auf ihre Erlebnisse und wohl auch ein verzweifelter - freilich vergeblicher - Appell an die Mutter, ihr doch endlich zu helfen.
An der Treppe (6.
Lebensjahr)
Ich sitze mit meinem Vater im Auto. Er hat mich vom Kindergarten abgeholt. Als ich merke, dass er nicht nach Hause fährt, weiß ich schon, was geschieht. Wir halten an einem einsamen Ort. Ich kenne die Stelle. Ich bin nicht das erste Mal mit ihm da und weiß ganz genau, was jetzt kommt. Trotzdem erschreckt es mich, als er sagt: »Jetzt sei schön lieb zu mir.« Dieser Satz macht mir erst richtig Angst. »Nein, nein, ich will nicht!« Das stört ihn überhaupt nicht. Jetzt macht er seine Hose auf. »Ich sag' alles der Mama!« Da wird er wütend. Er zerrt mich aus dem Auto. »Dir werd' ich helfen!« Den Satz kenne ich. Er bedeutet immer Angst und Schmerzen. Ich warte darauf, dass er mich schlägt.
Er zerrt mich an eine lange, breite Treppe. Ich kann mich nirgends festhalten. Er steht hinter mir und hält mich so, dass ich hinunterfalle, wenn er mich loslässt. »Schau runter, schau es dir genau an!« Ich hab' Angst und mach' die Augen zu und dreh' den Kopf weg. Wenn ich es nicht sehe, ist es für mich nicht da. »Mach die Augen auf und schau runter!« Er dreht mir den Kopf nach vorn, und es tut mir im Nacken weh. »Mach die Augen auf und schau runter!« Er tut mir so weh, und ich mach' die Augen auf und schau' runter und hab' schreckliche Angst. »Wenn du nicht lieb zu mir bist, lass' ich dich fallen!« Ich habe solche Angst! Ich würde ihm alles versprechen. »Ich will ... ich will ganz lieb sein! Ich will immer ganz lieb sein, bitte, bitte ...« - Dann stehe ich wieder sicher, und er lässt mich los. Wir gehen zurück zum Auto und steigen ein. »Jetzt wirst du schön lieb zu mir sein!«, und er macht wieder die Hose auf. Ich will es nicht, es ist so ekelhaft. »Ich will nicht!« - »Denk an die Treppe und sei lieb!« (Eva zittert am ganzen Leib.) Es ist so ekelhaft, aber ich hab' solche Angst. Ich fasse ihn an und streichle ihn. Er hält meine Hand fest, dass ich sie nicht zurückziehen kann. Er stöhnt und sagt: »So ist es gut, so bist du lieb!« Dieser Satz ist ganz schrecklich für mich. Ich will doch ein liebes Kind sein, aber doch nicht so, nicht so ... Er stöhnt wieder und sagt: »Mach weiter!« Er stöhnt - und dann ist es vorbei. Es ist so eklig! Meine Hand ist so schmutzig. Er hat ein großes weißes Taschentuch, damit wischt er meine Hand ab. Aber die Hand ist nicht sauber und fühlt sich immer noch so eklig an ...
Wir fahren nach Hause. Unterwegs sagt er: »Du sagst kein Wort, sonst fahren wir zurück zur Treppe, hörst du?«
Als wir ausgestiegen sind, zupft er an meinen Kleidern herum und bringt sie in Ordnung. Dann gehen wir ins Haus. Da ist meine Mutter und meine zwei Brüder. Ich bin bei ihnen, aber sie sind so weit weg. Ich kann sie einfach nicht erreichen. Sie sind da, aber ich bin allein ... ich bin doch immer allein. - Ich nehme seinen Satz ganz wörtlich und sage kein einziges Wort. Ich stehe da und sage nichts.
Ich fühl' mich so allein und so hoffnungslos ... und so hilflos. Ich will diese Hilflosigkeit nicht spüren. (Sie kratzt sich. Wenn Eva ein unangenehmes Gefühl nicht spüren will, kratzt sie sich mit den Fingernägeln am linken Unterarm, der manchmal ganz blutig ist.) Ich habe das Gefühl, einen Ausweg zu suchen und keinen zu finden - zu suchen und zu suchen. Ich find' einfach nichts. Ich werd' verrückt, ich werd' verrückt! Ich halt' das nimmer aus, aber ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich halt' das nimmer aus, aber es gibt irgendwie keinen Ausweg. (Langsam beruhigt sie sich, nach einer Weile beginnt sie zu lächeln, ein stilles, glückliches Lächeln.) Es gibt einen Ausweg, es gibt einen Ausweg: Einfach tot sein. Wenn ich tot bin, hab' ich endlich meine Ruhe, dann kann er mir nichts mehr tun.
Eva ist zu
dieser Zeit fünf Jahre alt.
Der hier noch recht unauffällige Satz »Es tut mir im Nacken weh« wird uns immer wieder begegnen und sich später als sehr bedeutungsvoll erweisen.
Evas Gefühl, allein und alleingelassen zu sein, manifestiert sich hier zum ersten Mal als die körperlich-räumliche Empfindung, ganz weit weg von den anderen zu sein. »Ganz weit weg sein« wird bald für Eva zu einem vertrauten Eindruck, »ganz weit weg gehen« zu einer bald bewusst geübten Praxis, zu einer verlockenden Möglichkeit, der unerträglich gewordenen Realität zu entfliehen, bis sie eines Tages die Gefahr spürt, »nicht mehr zurück zu können«, d. h. wahnsinnig zu werden.
In diesem Protokoll aber entdeckt Eva zunächst einen anderen Ausweg aus ihrem Leiden: den Tod. Und bald darauf - noch immer nicht sechs Jahre alt - versucht sie zum ersten Mal, sich umzubringen.
Der Sturz
Ich wache auf und liege in meinem Bett. Es ist Nacht. Ich habe Angst. Ich starre auf die Tür und warte darauf, dass mein Vater hereinkommt. Ich will raus hier! Ich stehe auf, gehe auf den langen Gang hinaus und vor zur Wohnungstür. Ich mach' die Tür auf und schau' die lange, steile Treppe hinab. Ich will weg! Wenn ich die Treppe hinunterfalle, bin ich tot und habe endlich meine Ruhe vor ihm.
Ich gehe näher und immer näher an die Treppe heran. Ich habe Angst vor dem Sturz, aber ich will weg. Schließlich lasse ich mich einfach hinunterfallen. Ich schlage mir den Kopf und den Rücken auf. Dann wird es dunkel um mich, und dann ist da eine Weile gar nichts. Als ich wieder zu mir komme und die Augen aufmache, steht da mein Vater. Ich erschrecke: Er ist also immer noch da. Es hat nicht geklappt. Ich entkomme ihm einfach nicht.
»Ist dir etwas passiert? Wieso bist du nicht in deinem Bett?« Ich kann ihm doch nicht sagen, was ich tun wollte ... wegen ihm tun wollte. Und da sage ich: »Ich kann nicht schlafen.« -»Tut dir etwas weh?« (Eva presst die Lippen aufeinander:) Ich sag's ihm nicht, dass ich mir wehgetan habe. -»Komm, ich helf' dir.« Ich steh' ganz schnell auf und lauf' die Treppe hinauf. Ich will nicht, dass er mich anfasst. Das Treppensteigen tut mir weh. - »Warte, ich bring' dich ins Bett.« Das kommt mir wie eine Drohung vor.
Als ich wieder in meinem Bett bin, kommt meine Mutter: »Tut dir etwas weh?« Das interessiert sie doch gar nicht! Ich sage ihr nichts. - »Wenn du etwas brauchst, rufst du mich!« Sie lügt, sie will nur ihre Ruhe haben. Alle lügen hier, alle.
Dann bin ich wieder allein, und da hab' ich auch schon wieder Angst. Ich starre die verdammte Tür an und warte darauf, dass mein Vater kommt. Es ist alles wie vorher, nur noch schlimmer. Ich bin wieder da und hab' keine Hoffnung mehr. Es gibt keinen Ausweg.
Ich darf nicht einschlafen ... ich muss aufpassen, wenn er kommt.
Verwirrung
Ich bin mit meinem Vater allein in der Wohnung. Er hat mich gerufen. Ich will nicht zu ihm gehen. Ich weiß genau, was jetzt kommt. Ich weiß genau, was er will. Ich habe schreckliche Angst und will nicht zu ihm gehen, aber ich muss tun, was er sagt, sonst wird er wütend.
Ich stehe an der Tür. Im Zimmer sitzt mein Vater. »Komm her zu mir!« Er sitzt vor mir und macht seine Hose auf. Ich will das nicht sehen und mache die Augen zu. »Mach die Augen auf! Schau ihn dir an!« Ich mach' die Augen auf (Eva ist voller Ekel und Abscheu). Er packt mich am Nacken und drückt meinen Kopf zwischen seine Beine. Ich will es nicht, und er tut mir weh. »Au, au ...« - »Nun mach schon! Stell dich nicht so an! Wehr dich nicht, du tust dir nur weh!« Dann muss ich ihn in den Mund nehmen. Ich hab' das Gefühl zu ersticken. Er hält mich am Kopf fest, und ich kann nicht weg. Er stöhnt, er stöhnt immer lauter. Er hält mich fest, und ich krieg' keine Luft. Dann spritzt er mir alles in den Mund. Es ist so eklig, und ich kann nicht weg. »Schluck es runter! Es ist alles für dich! - Du musst dich endlich daran gewöhnen!« Er lässt meinen Kopf los, und ich will weg. Da fasst er mich wieder fest an und lässt mich nicht weg. Er hält mich fest und streichelt mich. Ich will nur weg von ihm. Er redet auf mich ein, er redet und redet. Ich will gar nichts hören. Er soll aufhören! Es verwirrt mich so, es verwirrt mich so, ich weiß gar nicht mehr, was stimmt. (Dieses Gefühl der Verwirrung ist für Eva besonders schlimm - schlimmer noch als das, was vorher geschah.) »"Siehst du, so schlimm war's doch gar nicht! Du darfst dich nur nicht so anstellen. Du bist selber schuld: Wenn du dich wehrst, muss ich dir weh tun. Ich will dir nicht weh tun, ich hab' dich doch lieb. Es wird dir auch noch Spaß machen. Wir werden noch viel Spaß zusammen haben. Nur wir zwei. Ich werd' dir noch viel beibringen.« (Dieser Satz macht Eva große Angst:) Es geht nie vorbei! Es wird nie vorbei sein, er holt mich immer wieder! - »Es ist unser Geheimnis, du darfst es niemandem erzählen!« - Dann lässt er mich endlich los, und ich lauf' weg. Ich möcht' mich irgendwo verkriechen. Ich hab' Angst und fühl' mich so hilflos.
Ich geh' in mein Zimmer. Da sitz' ich in meinem Bett, ganz in der Ecke, und weine. Da kommt mein Vater. Er zerrt mich aus meiner Ecke. »Au!« - »Nimm dich zusammen! Hör auf zu heulen! Du willst doch deiner Mutter keinen Kummer machen, oder?« (Eva schüttelt den Kopf und presst die Lippen zusammen.) Dieser Satz macht mich verrückt - und total hilflos. Nein, ich will ihr keinen Kummer machen, sie weint sowieso dauernd, und ich hab' irgendwie das Gefühl, daran schuld zu sein. Mein Vater hat diesen Satz schon öfter gesagt, ich kenne ihn schon. Und jedes Mal fühle ich mich schuldig. Nein, ich will meiner Mutter keinen Kummer machen. - »So bist du brav! Und jetzt will ich keine Tränen mehr sehen!«
Eva hat sich im Laufe der nächsten Jahre das Weinen völlig abgewöhnt. Noch zu Beginn der Therapie konnte sie keine Tränen weinen.
Dieses Protokoll aus Evas sechstem Lebensjahr enthält neben vielen Ungeheuerlichkeiten einen Satz mit weitreichenden Folgen: »Du bist selber schuld!«. Er bezieht sich hier zwar nur auf den zugefügten Schmerz, aber nach den Erfahrungen mit dem Begleiteten Wiedererleben neigt das Unbewusste geradezu zwanghaft dazu, Aussagen und Befehle, die in einer traumatischen Situation in einem Protokoll aufgezeichnet werden, aus dem Zusammenhang zu lösen und fast unbeschränkt zu verallgemeinern. So wird die Aussage »Du bist selber schuld!« (wenn ich dir weh tue) generalisiert zu: »Du bist selber schuld an allem, was geschieht.« Doch dies ist nur eine der Ursachen für Evas aufkeimende Schuldgefühle. Der Vater hat ihr nämlich schon öfter und mit Erfolg suggeriert, sie sei am Kummer der Mutter schuld. Dass diese »dauernd weint", ist ein neuerlicher, wenn auch nicht zwingender Hinweis darauf, dass sie um die Vorgänge weiß, zumal Eva intuitiv spürt, dass der Kummer der Mutter irgendwie mit ihr zusammenhängt.
Weiter "Das erste Mal" (7. Lebensjahr)