Sexuelle
Gewalt
von Siegfried Petry
Das erste Mal (7. Lebensjahr)
Ich bin mit meinem Vater allein zu Hause. Meine Mutter ist mit meinen Brüdern weggegangen. Ich durfte nicht mit. Sie kann mich nicht brauchen, hat sie gesagt.
Ich möcht' in mein Zimmer gehen. Ganz leise geh' ich an der Schlafzimmertür vorbei (Eva erschrickt). Ich dachte doch, mein Vater schläft ... aber er ist wach und ruft mich. Ich soll ein bisschen zu ihm kommen. Ich will nicht, aber ich muss, ich muss zu ihm gehen. Ich soll mich zu ihm legen. - Er fängt an mich auszuziehen ... er fasst mich überall an. Ich ... ich will das nicht. Seine Hände sind überall. »Lass mich, ich will das nicht!« - »Stell dich nicht so an, ich will doch nur ein bisschen mit dir schmusen. Es ist doch nichts dabei! Ich tu' dir bestimmt nicht weh!« Das macht mir erst recht Angst. Ich hab' das Gefühl, das bedeutet nichts Gutes. - Er ... er nimmt meine Hand, und ich muss ihn anfassen und streicheln ... »Sei lieb und zier dich nicht so, es macht doch Spaß!« Dann legt er sich auf mich (Eva schüttelt verzweifelt den Kopf und windet sich.) »Halt still, verdammt, halt still!«
Er will ganz vorsichtig sein und wird
mir nicht weh tun. Ich glaub' ihm nicht und hab' Angst. Er lügt mich an, so wie
er mich immer anlügt. Das stimmt immer gar nicht, was er sagt. Da sagt er, er
tut mir nicht weh, und dann tut er mir doch weh. Au, au! Er tut mir weh, er tut
mir so weh! (Eva windet sich mit schmerzverzerrtem Gesicht.) Er tut mir
so weh ... ich halt's nicht mehr aus ... und ich
schrei'. »Sei still, verdammt, sei still!« Es tut so weh, und ich ...
ich kann nicht aufhören zu schreien. Da nimmt er ein Kissen und ... drückt es
mir aufs Gesicht. (Zeichen von panischer Angst und Atemnot.) Er bringt
mich um! Ich hab' Angst, er bringt mich um! (Nach einer Weile nimmt er das
Kissen von ihrem Gesicht.) » Wirst du jetzt still sein?« (Eva
nickt.) »Siehst du, es ist doch viel schöner, wenn du dich nicht
wehrst. Ich hab' dich doch lieb und will dir nicht weh tun.« Er soll ruhig
sein! Wenn er wenigstens ruhig wäre! Ich will ihn nicht hören! »Ich hab'
dich doch viel lieber als deine Mami.« (Dieser Satz ist doppeldeutig,
und ich frage Eva, wie sie ihn versteht. »Ich weiß es nicht. Ich weiß
nicht, wie ich ihn verstehen soll.«) - »Mit dir macht es viel mehr
Spaß. Dir wird's auch bald Spaß machen. Du musst nur immer ganz lieb zu mir
sein und immer alles tun, was ich dir sage. Dann werd' ich immer bei dir
bleiben und dich nicht allein lassen.« (Ich frage Eva, wie dies auf sie
wirkt: »Macht es dir Angst?« - »Nein, ich hab' noch mehr Angst
davor, dass er mich allein lässt. Ich hab' doch sonst niemanden.«)
»Wenn du nicht lieb bist, dann mag ich
dich auch nicht mehr, und deine Mami mag dich sowieso nicht; dann bist du ganz
allein. Also sei jetzt still und wehr dich nicht!« (Eva beißt die Zähne
zusammen und wimmert nur noch leise, ihr Gesichtsausdruck zeigt noch immer
große Schmerzen an, und sie zittert heftig.) Er hat mir doch versprochen,
dass es nicht weh tut ... (sie beginnt still zu weinen). »Hör auf
zu weinen! Es tut nur beim ersten Mal so weh, beim nächsten Mal tut's dir nicht
mehr weh. Und dann wird's dir auch gefallen.« Ich ... ich glaub' ihm
nicht, ich glaub' ihm das nicht. - »Das ist jetzt unser ganz großes
Geheimnis, du darfst es niemandem erzählen.«
Da sind seine Hände um meinen Hals, und
ich hab' so Angst. Die Hände sind so groß und stark, und wenn er zudrückt, dann
bekomm' ich keine Luft mehr. »Hast du das verstanden? Du wirst niemandem
was erzählen, sonst werd' ich dich zum Schweigen bringen! Hast du verstanden?« (Sie
nickt.) »Du wirst es niemandem erzählen, auch deiner Mutter nicht! Du
weißt jetzt, was dir sonst geschieht!« (Sie nickt wieder.) Dann
lässt er endlich meinen Hals los. »Es war das erste, aber bestimmt nicht
das letzte Mal, dass ich mit dir geschlafen hab'. Du wirst dich daran gewöhnen
müssen!« (Eva schüttelt den Kopf) Ich werd' mich nie daran
gewöhnen, nie! (Sie beginnt am ganzen Körper zu zittern wie bei
Schüttelfrost, macht heftige, unkoordinierte Bewegungen mit den Armen, Händen
und Fingern.)
Jetzt hab' ich plötzlich Angst,
furchtbare Angst, nur noch Angst, und ich weiß gar nicht, wovor. Mir ist
plötzlich so kalt. »Beruhig dich und mach kein solches Theater!« Ich
kann einfach nicht aufhören, ich kann nicht aufhören ... ich kann gar nichts tun!
Da schlägt er mich ins Gesicht und schreit (sie zuckt zusammen), dass
ich mich zusammenreißen soll. Ich erschreck' so fürchterlich, weil er schreit
und versuch' mich zusammenzureißen (sie krallt die Fingernägel so fest in
die Unterarme, dass sie tiefe Spuren hinterlassen). Das ist furchtbar, dass
er so schreit. Ich werd' einfach diese Stimme nicht los, wie er mich
anschreit. Das ist schlimmer für mich als dass er mich schlägt. Wenn er nur
nicht so schreien würde!
"Führ dich hier nicht so auf wie
eine Verrückte, das nützt dir auch nichts! Das war heute erst der Anfang; ich
mach' mit dir, was ich will, und du kannst gar nichts dagegen tun! Keiner wird
dir glauben, und keiner wird dir helfen! Du hast doch nur mich, darum sei ganz
lieb zu mir! Du hast mich doch auch lieb, oder? - Sag mir, dass du mich lieb
hast!« (Eva ballt die Fäuste und presst die Lippen zusammen.) »Sag's
mir, dass du mich lieb hast!« Das sag' ich nicht! Ich will ihm das nicht
sagen! (Sie schüttelt energisch den Kopf) »Bist du wieder trotzig?
Muss ich erst wieder den Stock holen?« (Sie zittert und schüttelt den
Kopf) »Nein, nein! - Ich will es nicht sagen, aber ich hab' solche
Angst ... ich halt' es nicht aus, wenn er mich mit dem Stock schlägt ... ich
will's nicht sagen, aber ich hab' Angst, dass er mich schlägt ... und ... und
da sag' ich's doch. »Ich, ich... ich hab' ... ich hab' dich lieb.« (Eva
sieht sehr unglücklich aus.) Es tut so weh, das sagen zu müssen, und ich
hasse ihn dafür, ich hasse ihn dafür, dass er mich dazu zwingt!
»Jetzt steh auf und komm mit!« Er
geht mit mir ins Bad und stellt mich einfach in die Wanne und nimmt die Dusche
... Das Wasser ist so kalt, so furchtbar kalt! (Sie zittert und schaudert.) »Jammer
nicht so rum! Du bist immer nur am herumheulen. Es wird Zeit, dass ich dir das
abgewöhne!« Dann trocknet er mich ab und setzt mich auf den
Badewannenrand. Ich muss die Beine ganz weit auseinander machen, er will
nachschauen, ob was passiert ist. Ich mag das nicht, ich hab' Angst, dass er
mir weh tut. »Tut es noch weh?« - »Ja.« Er sagt, er holt
eine Salbe, und dann tut's nicht mehr weh; ich soll schön sitzen bleiben. Dann
kommt er wieder und schmiert mich damit ein (es schmerzt). »Es ist
gleich vorbei, dann wird es nicht mehr weh tun. – Jetzt bring' ich dich
ins Bett« - und er geht mit mir in mein Zimmer. Er zieht mir mein
Nachthemd an und deckt das Bett auf.
»Ich will nicht ins Bett (verwundert
und unwillig), es ist doch noch gar nicht Abend!«. Er sagt, dass ich krank
bin und schlafen muss. Und dass ich von dem Saft nehmen soll, dann schlaf' ich
schön (Eva wird unruhig). Er holt die Flasche mit dem komischen rosa
Saft - ich mag den nicht. Er ist süß, aber ich mag ihn nicht. Sie geben mir den
immer, wenn ich nachts schreie und nicht schlafen kann. Ich mag ihn nicht - und
dann gibt er mir viel mehr als sonst (sie sträubt sich). (» Was hast
du gegen den Saft?«) Ich weiß nicht, ich mag ihn nicht. Ich will nicht ... (wird
sehr unruhig), ich will nicht einschlafen. Wenn ich einschlafe, dann weiß
ich nicht, was dann geschieht ... Und wenn ich den Saft genommen habe und
morgens aufwache, ist immer alles so ... ich weiß nicht ... dann ist immer
alles so wirr, und irgendwie weiß ich dann nicht, was los war. Es verwirrt mich
so.
Er sagt, ich soll schön schlafen, bis
morgen. »Schlaf schön, morgen hast du alles vergessen. Wenn du morgen
aufwachst, hast du allen Kummer vergessen und bist wieder fröhlich und
lachst.« Ich will ... (kopfschüttelnd) ich will gar nicht lachen,
ich bin so traurig, ich bin so traurig und weine. Ich will es gar nicht vergessen,
und ich will endlich weinen dürfen. - »Hör auf zu heulen! Wenn du nicht
aufhörst, sperr' ich dich in den Keller, da kannst du dann heulen, solang' du
willst.« (Die Drohung löst bei Eva panische Angst aus.) »Bitte
nicht, bitte nicht in den Keller, bitte, bitte nicht wieder in den
Keller!« Da ist es so schrecklich, da hab' ich so fürchterliche Angst.
Ich werd' so müde - aber ich will doch
nicht schlafen, und ich versuch' wach zu bleiben. Ich will nicht schlafen, ich
will nicht ... ich soll schlafen Und vergessen, schlafen und vergessen ...
schlafen ... und ... (sie schläft ein).
(Nach einer Sitzung sagte Eva einmal:)
»Ich hab' das Gefühl, ich sollte einschlafen, um alles zu vergessen. Einschlafen und Vergessen - das ist für mich eins. Heute noch hab' ich am Morgen keinen Sinn mehr dafür, wie es mir am Vortag gegangen ist - ich hab' keinerlei Gefühl mehr. - Ich hab' es gehasst und Angst davor gehabt einzuschlafen. Aber ich hab' mich nicht dagegen wehren können, wenn sie mir den rosa Saft gegeben hatten.«
(Zwischen zwei Durchgängen sagte Eva
einmal:)
»Es tut so weh, wenn er sagt „Deine Mami
mag dich sowieso nicht". Ich weiß ... ich weiß selbst nicht, ob sie mich
mag, aber ich möcht's gern, dass sie mich lieb hat (weint
und kratzt sich heftig). Ich weiß nicht ... das hat so was Endgültiges, was
er da sagt. Sie mag dich sowieso nicht und wird dich nie mögen. Irgendwie so,
dass sich da auch in Zukunft nichts ändern wird. - Komisch, da hat er sogar mal
die Wahrheit gesagt. - Es hat unheimlich weh getan. Es ist einfach so, dass er
mir damit meine Hoffnung, dass sie mich irgendwann doch mag ... die macht er
mir damit kaputt. - Ich weiß nicht, ich hab' so den Gedanken, er bindet mich
damit noch mehr an sich. Ich hab' oft so Sätze gehört, dass ich nur ihn hab'
... dass ich nur ihn hab' und dass ich alles tun muss, was er will ... das
kommt immer wieder.
Eva ist jetzt sechs Jahre und vier
Monate alt.
Im Keller
Es ist Abend. Eva liegt im Bett und kann nicht einschlafen. Die Angst vor der Nacht quält sie heute besonders. Immer wieder steht sie auf und kommt weinend zu ihrem Vater gelaufen; ihre Mutter ist krank und liegt zu Bett. Eva spürt, dass der Vater jedes Mal ärgerlicher wird, aber sie hält es im Bett nicht aus. Schließlich wird er wütend; er packt sie und schleppt sie durch den Hof zu dem alten, selbst am Tag völlig dunklen Gewölbekeller. Eva, im Schlafanzug, fleht ihren Vater an:
»Nicht einsperren, bitte, bitte, nicht
einsperren! (Vergeblich. Noch im Keller bittet sie ihn:) »Bitte,
bitte, nimm mich wieder mit!« - »Du bist böse, du bleibst hier!« (Er
macht das Licht aus und geht.)
»Nein, nein, nein, nein!« (Eva
ist entsetzt. Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen und offenem Mund steht
sie starr da.) Es ist so dunkel ... ich hab' so Angst ... so furchtbar
Angst! Ich muss raus hier, ich muss raus hier, raus hier! (Man sieht ihr an,
dass sie – wie sie später sagt - das Gefühl hat, verrückt zu werden.
Schließlich sinkt sie erschöpft zusammen. Sie kauert am Boden und verliert nach
und nach das Zeitgefühl. Es ist kalt, Eva beginnt zu frösteln, dann zu
schlottern. Da beschleicht sie ein entsetzlicher Gedanke:) Ich glaube, er
kommt nie wieder, nie wieder ... er lässt mich einfach hier. Ich muss immer
hier im Dunkeln bleiben ... ich komm' nie mehr raus, nie mehr raus ... es wird
nie mehr hell! (Wieder überfällt sie die Panik, das Entsetzen steht ihr im
Gesicht geschrieben. - Stunden vergehen. Eva ist still geworden, nur hin und
wieder wimmert sie und zieht sich unter Kälteschauern zusammen. Auf einmal hebt
sie den Kopf) Da ... da ... da ist ein Licht ... (Sie streckt langsam
den rechten Arm schräg nach oben. Plötzlich erschrickt sie und fasst sich mit
den Händen an den Kopf)
Ich hab' Angst ... ich versteh das nicht
... ich hab' Angst! Ich weiß genau, das kann nicht stimmen, das kann nicht
sein! Es ist nicht da ... aber ich seh' es
doch! Da ist eine Tür, und dahinter ist es ganz hell. Und eine Stimme ruft
mich: »Komm!« Ich glaub', ich bräuchte nur da durchzugehen ... ich
würd' es gern tun, aber ich hab' Angst ... ich weiß, ich bin doch im Keller,
und da ist nirgends ... (Eva weint verzweifelt). Ich hab' Angst, dass
ich ... dass ich ... (»Verrückt werde?«) - Ja. Ich weiß gar nicht genau,
was es bedeutet, verrückt zu werden, aber irgendwie weiß ich, jetzt passiert
es. - Ich soll mitkommen ... es ruft mich ... aber ich muss doch hier bleiben,
er hat es doch gesagt. Weil ich böse bin, muss ich hier bleiben. Ich muss doch
tun, was er sagt ... (Traurig sinkt sie in sich zusammen und schläft nach
einiger Zeit wieder ein. Zweimal schrickt sie im Schlaf auf und schreit. Als
sie nach längerer Zeit erwacht, spricht sie ganz leise und benommen:) Ich
weiß nicht, wo ich bin ... ich weiß nicht, was war ... es ist so furchtbar kalt
(sie beginnt wieder zu zittern) so furchtbar kalt ... Ich bin so müde
... so müde ...
Auf einmal ist es gar nicht mehr kalt
... ich spür' gar nichts mehr ... keine Angst ... auf einmal ist da gar nichts!
(Während der Therapie setzt sich Eva an dieser Stelle entsetzt auf. »Da
ist Nichts! Da ist Nichts! Ich halte das nicht aus, ich will das nicht
fühlen!« - Später sagt sie mir, es sei unbeschreiblich, was sie da erlebe.
Das Einzige, was ihr dazu einfalle, sei das sich ausbreitende Nichts
in »Die unendliche Geschichte«. - Nach mehreren Wiederholungen lässt auch
dieser Schrecken nach, und ich sehe, dass Eva in der Situation völlig gelähmt
war und den Horror einfach über sich ergehen lassen musste. - Später, als das
Grauen vorbei war, sagt sie leise:) Wenn ich jetzt einschlafe, wach' ich
nie mehr auf ... (Sie lächelt glücklich und liegt ganz entspannt und
zufrieden da. Dann verändert sich langsam ihr Gesichtsausdruck, sie wird
traurig und beginnt zu weinen.)
Eigentlich bin ich noch viel zu klein
... ich hätte so gern noch gewartet ... da wär' doch noch so viel ... jetzt wäre
ich bald in die Schule gekommen ... ich glaub', wenn es nicht immer so kalt
wäre, würd' ich gern noch leben ... warum ist es immer so kalt, so furchtbar
kalt? Wenn es doch nur einmal ein wenig warm gewesen wäre ... Ich will nicht
hier sterben, nicht hier. Hier ist es so kalt und dunkel ... und schmutzig.
Alles, was sie nicht mehr brauchen, schmeißen sie in den Keller ... nicht hier
sterben ... einfach weggeworfen ... wenn es wenigstens jetzt einmal warm wäre
... (Wieder vergeht eine längere Zeit, vielleicht einige Stunden. Plötzlich
kneift Eva die Augen zusammen, bedeckt sie dann mit den Armen, wendet den Kopf
ab, wird offenbar von Licht geblendet.) Da ... da ist ... jemand ... ich
weiß nicht, wer es ist ... er soll weggehen, er soll mich in ' Ruhe lassen ...
ich möchte wieder dahin, wo es so warm und hell war ... er soll weggehen ...
ich kenne ihn, aber ich weiß nicht, wer es ist ... ich kann mich nicht
erinnern, wer es ist ... Er leuchtet mit der Taschenlampe herum, bis er mich
findet.
»Aha, da hast du dich
verkrochen!« Er lacht. »Na, hast du gut geschlafen?« (Eva
merkt, dass ihr das Lachen und der Spott »irgendwo ganz innen weh tun«.
Sie reagiert nicht.) »Du redest wohl nicht mehr mit mir? - Jetzt hör
mit dem Theater auf und komm raus!« (Eva spürt, dass er böse wird.) »Oder
soll ich dich hier liegen lassen?« (Eva nickt.) Da wird er wütend.
Er zerrt mich aus der Ecke (Eva schüttelt den Kopf) und sagt: »Na
warte, gleich wirst du munter werden!« Er reißt mir die Schlafanzughose
runter und legt sich auf mich drauf. (Gleich darauf verspürt Eva »tief
innen« minutenlang fürchterliche Schmerzen.) Was macht er da mit mir?
Ich kann gar nichts dagegen tun, er hält mich so fest. (Eva liegt mit weit
aufgerissenen Augen da.) Ich schau' ihm die ganze Zeit in die Augen ... da
ist ... da ist so viel Hass! Er hasst mich, er hasst mich! Und es macht ihm
Spaß, wenn er mir weh tut. Je mehr er mir weh tut, um so mehr macht es ihm
Spaß! (Eva ist entsetzt über diese Entdeckung und kommt lange nicht darüber
hinweg. »Immer wieder sehe ich diese Augen, ich werd' sie einfach nicht
los!«- Als der Vater sie hochnimmt, flüstert sie:) «Papa, Papa ... bitte
nicht einsperren, nicht einsperren. Ich bin ganz brav, ganz brav ... ich hab'
nicht geweint ...«
(Der Vater trägt sie nach oben und bringt
sie zu Bett. Eva ist offenbar stark unterkühlt und friert noch längere Zeit.
Sie klagt über Müdigkeit, wenn sie aber einnickt, schrickt sie entsetzt wieder
auf:) Es war so dunkel ... so schrecklich dunkel ... (Den
Tag und die folgende Nacht verbringt sie im Bett. Während dieser Zeit erlebt
sie mindestens vierzehn unterschiedlich starke Panikanfälle. Sie schrickt auf,
schreit, reißt die Augen weit auf, sagt dann immer wieder dasselbe:) Es war
so dunkel ... so furchtbar dunkel. Ich hab' so Angst ...
(Fünfmal wird ihr Oberkörper angehoben
und ihr der »Saft« eingeflößt. Bevor sie danach wieder wegdämmert,
flüstert sie:) »Nicht weggehen, bitte, nicht weggehen ...
nicht allein lassen ... nicht wieder einsperren ...« (Jedes Mal, wenn
die Wirkung des Schlafmittels nachlässt, erwacht sie langsam und klagt über
Müdigkeit, später auch über Kopfweh, dann kommt wieder die Erinnerung und mit
ihr der Schrecken, und alles beginnt von vorn. In der Therapie vergeht oftmals
eine volle Stunde, bis Eva wieder einigermaßen ansprechbar ist.)
Was Eva in dieser Nacht im Keller erlebte, als sie allein und hilflos in der von ihr so gefürchteten Dunkelheit kauerte und schließlich allen Ernstes glaubte, nie mehr ans Tageslicht zu kommen, ist durchaus vergleichbar mit den Erlebnissen eines verschütteten Bergmanns und hatte auch ganz ähnliche Folgen: Angstträume und Panikanfälle über Monate und Jahre hinweg. Bis zum Ende ihrer Misshandlung konnte sich Eva noch an diese Nacht erinnern, dann sank die Erinnerung - zusammen mit allen übrigen - ins Unbewusste. Die Folge waren die für Eva völlig unerklärlichen Dunkelängste und sofortige Panikanfälle immer dann, wenn es überraschend um sie dunkel wurde, z.B. wenn jemand das Licht löschte oder die Fensterläden schloss.
In der Therapie haben wir eine ganze Kette solcher Panikszenen, die bis in die jüngere Vergangenheit reichten, aufgedeckt und bearbeitet. Eva selbst bezeichnete im Nachhinein dieses Erlebnis als das entsetzlichste und nachhaltigste ihres ganzen Lebens. Auch die therapeutische Arbeit daran war für Eva weitaus schlimmer und peinigender als bei allen anderen Geschehnissen. Eva sagte mir, sie musste zwischen durch immer wieder einmal »aussteigen«, weil sie die Ängste des kleinen Kindes und dessen Gefühl, verrückt zu werden, fast nicht ertragen konnte. »Ich musste mich immer wieder einmal davon überzeugen, dass ich nicht im Keller bin und - vor allem - dass noch Licht da ist.«
Für den Vater allerdings waren die Schäden, die Eva von dieser Nacht davontrug, kein Anlass zum Mitleid. In den folgenden Jahren hat er sie immer wieder, wenn auch nur für Stunden, im Dunkeln eingesperrt. Vor allem aber hat er die Androhung des Einsperrens als sehr wirksames Druckmittel benutzt, um Evas Schweigen zu erpressen. Fortan war die Drohung, sie würde ins Heim gebracht und dort »ins finsterste Loch gesperrt«, für Eva das fürchterlichste Schreckgespenst.
Spielabend
Eva ist vor etwa drei Monaten zur Schule gekommen. An einem frühen Abend sitzt sie zusammen mit der Mutter und den beiden Brüdern über einem Spiel.
Ich kann einfach nicht aufpassen, ich
schaff' es einfach nicht mehr. Er hat mir wieder so weh getan ... heute
Nachmittag. (An dieser Stelle geriet Eva bei jedem Durchgang tiefer in das
Protokoll des Geschehens vom vorausgegangenen Nachmittag, das im Folgenden
wiedergegeben ist.)
Ich höre, wie die Wohnungstür zufällt
... da merke ich erst, dass meine Mutter weggegangen ist. Und da steht auch
schon mein Vater da! Er nimmt mich einfach bei der Hand und führt mich ins
Schlafzimmer. Er sagt kein einziges Wort ... er nimmt mich einfach so mit. Ich
weiß auch sofort, was jetzt geschieht, aber ich wehr' mich gar nicht mehr. Er
kann einfach so kommen und mir weh tun ... Ich muss mich aufs Bett legen, und
er zieht mir mein Höschen aus. Er streichelt mich, und dann legt er sich auf
mich. Er tut mir so weh. »Au, au ... bitte, bitte, hör auf!« - Als es
vorbei ist, darf ich wieder gehen. »Hör auf zu heulen und reiß dich
zusammen! Deine Mutter kommt gleich wieder, die darf nichts merken.«
Er tut es immer wieder, immer wieder ...
ich muss immer daran denken ... ich darf mir doch nichts anmerken lassen, es
darf doch niemand was merken ... ich muss mich zusammenreißen.
Und morgen muss ich wieder in die Schule
... da muss ich mich noch mehr zusammenreißen. Ich kann einfach nicht richtig
aufpassen ... es ist so anstrengend ... ich bin immer so müde, so müde ... es
ist so furchtbar anstrengend ... und ich kann nicht weglaufen und mich
verstecken ...
Und davor ist noch die Nacht ... ich
hab' Angst, dass ich wieder nicht schlafen kann ... (An dieser Stelle ging
Eva wiederum in ein anderes Protokoll:)
Ich lieg' im Bett und kann nicht
schlafen. Da kommen so viele Gedanken ... ich krieg' immer mehr Angst ... immer
mehr ... dann bekomm' ich keine Luft mehr ... ich hab' Angst zu ersticken ...
und dann schrei' ich ... ich will es gar nicht, ich will gar nicht schreien,
aber irgendwie kann ich nicht mehr aufhören ... ich sitz' da und schrei'
einfach. Und dann kommen sie und haben diesen Saft dabei ... mir wird schon
ganz schlecht, wenn ich ihn nur seh' ... »Nein,
nein, ich will ihn nicht, ich will ihn nicht!« Ich wehr' mich und schlag'
nach ihnen. »Ich will ihn nicht!« Sie halten mir die Arme fest und
drücken mich aufs Bett ... dann heben sie meinen Kopf hoch ... ich will den
Saft nicht nehmen ... sie drücken mir auf den Nacken ... und dann muss ich ihn
einfach schlucken ... sie zwingen mich einfach dazu ... Dann halten sie mich
noch eine Zeit lang fest, und ich spür', wie ich müde werd' ... irgendwie nicht
richtig müde ... es ist nicht wie richtig müde werden ... so ein komisches
Gefühl, als ob ich versinke ... ich mag das nicht und versuch' mich dagegen zu
wehren ... ich hasse dieses Gefühl, so irgendwie wegzugehen, zu versinken, und
nichts dagegen tun zu können. Ich versuch' immer, mich dagegen zu wehren, ich
versuch' immer wach zu bleiben ... es geht nicht, es geht nicht, und das macht
mir so Angst. Ich spür', wie meine Arme und Beine immer schwerer werden ... ich
kann mich gar nicht mehr bewegen ... ich möcht' mich dagegen wehren ... ich
hab' so Angst ... es wird immer dunkler und dunkler ... gleich ... gleich ... (Eva
schläft ein. Als sie wieder wach wird, ist sie benommen und hat Kopfschmerzen.)
Am nächsten Tag bin ich so müde, aber sie lassen mich einfach nicht schlafen, ich
muss doch in die Schule ... da ist es, als wär' ich gar nicht richtig da, es
ist alles so weit weg ... es ist auch alles so anstrengend ... ich kann gar
nicht richtig zuhören ... ich soll nicht träumen ...
Den ganzen Tag bin ich so müde...
Ich schaff' s nicht, ich kann nicht mehr
... sie sitzen alle da und spielen, und ich muss immer an alles denken, und ich
... ich kann gar nicht richtig aufpassen ... Es ist schon Abend, und ich muss
bald ins Bett, und ich hab' Angst ... ich hab' jeden Abend Angst, dass ich ins
Bett muss ... meine Angst wird immer größer und größer ... Ich muss an so
Vieles denken ... es ist so viel, was mir da einfällt, es ist so viel ... und
ich muss mich doch zusammenreißen ... Ich soll aufpassen ... sie lachen über
mich ... Ich schaff' das nicht mehr, ich schaff' das alles nicht mehr (Eva
weint verzweifelt).
Ich versuch' ja, mich zusammenzureißen
und nicht zu weinen. Ich versuch' ja, nicht daran zu denken, aber ... ich kann
... ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr. Ich fang' einfach an zu
weinen, ich will es gar nicht, es geschieht einfach so ... ich denk' mir, jetzt
muss sie mir doch helfen und mich fragen, was ich ... ich hab' doch versucht,
allein zurechtzukommen, ich hab's doch wirklich versucht ... jetzt muss sie mir
doch helfen. Ich spür', wenn sie mich jetzt fragen würde, ich würd' ihr alles
erzählen ... ich würd' ihr alles erzählen ... Ich wünsch' mir so, dass sie mich
nur einmal in den Arm nimmt und mich ganz fest hält ... nur einmal ... nur
einmal möchte ich mich sicher fühlen, nur einmal keine Angst haben ... nur
einmal einen Augenblick ... nur ganz kurz ... nur ein bisschen ausruhen ...
Aber sie wird nur ärgerlich - »Du
störst uns, wenn du heulst!« - und schickt mich ins Bett. »Heulen
kannst du, wenn du allein bist!« Es tut so weh ... sie hat noch nicht mal
gefragt ... Es tut so weh, es tut so weh ... so allein ... sie will es gar
nicht wissen, warum ich wein' ... sie will es gar nicht wissen. ... Ich hab'
das Gefühl, da ist irgendwas kaputt gegangen ... es tut so weh ... es tut so
weh ... es ist so kalt hier, so kalt ...
Ich hab' es gelernt ... ich hab' es
gelernt, nicht zu zeigen, was ich fühl'; es will doch gar keiner wissen. Ich
muss fröhlich sein und lachen, dann sind alle zufrieden, dann sind sie sogar
nett zu mir. – Ich weiß nicht, wie's weitergeht, ich weiß nur, dass mir keiner
helfen wird.
Ich bringe mich um (8. Lebensjahr)
Ich sitze in meinem Zimmer und spiele
mit meiner Puppe. (Die siebenjährige Eva ist ganz in ihr Spiel versunken.)
Da taucht plötzlich mein Vater auf. Ich hatte irgendwie total vergessen, dass
er da ist. Es erschreckt mich, und ich habe Angst. Ich weiß schon, was
geschieht.
»Komm mit mir!« Ich habe Angst, er
wird mir wieder weh tun. »Ich will spielen!« — »Komm, jetzt
spielst du mit mir!« Er nimmt mir meine Puppe weg und wirft sie aufs Bett.
Er nimmt mich an der Hand und geht mit mir ins Schlafzimmer.
»Zieh dich aus! - Nun mach schon und
beeil dich!« - »Ich beeil' mich ja schon.« - Dann muss ich zu
ihm gehen und mich über seine Knie legen. Er hält mich fest. (Eva fasst sich
an den Nacken, wo der Vater sie offenbar grob anfasst und ihr Schmerzen
bereitet.) - »Du bist ein böses Kind, darum muss ich dich
bestrafen!« - Ich weiß nicht, warum ich böse bin. Er sagt immer, ich bin
böse, weil ich nachts nicht schlafen will. - Nachts sind da immer diese Träume,
und da schrei' ich immer und kann nicht schlafen. - Jetzt schlägt er mich, und
ich weiß gar nicht, warum. »Ich muss das tun, damit du ein braves Kind
wirst. Du willst doch, dass ich dich bestrafe, damit du ein braves Kind wirst?
Sag es, dass du es willst, los, sag es!« - »Ja, ja, ich will
es!« Dann schlägt er mich wieder. Und dann lässt er mich los. »Jetzt
leg dich ins Bett, ich will mit dir schlafen!« Ich muss mich aufs Bett
legen, und er zieht seine Hose aus.
»Mach die Beine auseinander!« Ich
will nicht, ich will nicht! Ich hab' das Gefühl, jetzt hab' ich überhaupt keine
Möglichkeit mehr, mich zu wehren. Er tut mir so weh! »Au, au ... bitte, tu
mir nicht so weh, bitte, bitte!« - »Sei ruhig, halt still! Verdammt,
halt still!« Er tut mir so weh! »Ich bin doch stärker als du, ich
mach mit dir, was ich will!« Er tut mir immer mehr weh. Ich hab' das
Gefühl, ich halt' das nicht mehr aus. Dann ist da ein fürchterlicher Schmerz,
und dann spür' ich erstmal überhaupt nichts mehr. (Eva
liegt wie bewusstlos da. Nach einer Weile beginnt sie sich wieder zu bewegen.)
Da ist immer noch mein Vater über mir. »Wir sind noch nicht
fertig!« Er tut mir weiter weh. Er stöhnt und stöhnt immer lauter. (Sie
wimmert vor Schmerz.) Und dann ist es vorbei. »Darf ich jetzt
gehen?« Ich habe Angst, dass wir noch nicht fertig sind. Mein Vater nickt.
Ich zieh' mich an und geh'. Es tut weh. Ich leg' mich auf mein Bett und nehm'
meine Puppe in den Arm. Es tut noch so weh. – (Nach einiger Zeit:) Es
ist gar nicht so schlimm, nein, nein. (Sie schüttelt den Kopf und presst die
Lippen zusammen. Sie sieht sehr traurig aus. Nach einer Weile schläft sie ein;
es ist ein unruhiger, immer wieder von Panikanfällen unterbrochener Schlaf.
Schließlich wird sie ruhiger, und dann beginnt sie zu lächeln.) Er könnte
mir nicht mehr weh tun, er könnte mir nicht mehr weh tun ... wenn ich tot wäre
... wenn ich tot wäre. Ich will endlich tot sein. Ich will nicht mehr leben.
Ich bringe mich um.
Sie ist böse
Ich wollte nur die Schlüssel für die
Wohnung aus seinem Büro holen, da hält er mich fest und schließt die Tür
ab. »Lass mich!« — »Zier dich nicht so!« sagt er und fängt
an, mich auszuziehen. Dann macht er seine Hose auf und nimmt meine Hand, und
ich soll ihn streicheln. »Nein, nein! Ich will nicht! Ich will
nicht!« Ich will raus, ich will weg! Ich reiß' mich los und lauf' zur Tür
und schreie: »Nein, nein!« Ich schreie und hoff', dass mich jemand
hört. Er schreit mich an, dass ich ruhig sein soll, aufhören soll zu schreien,
und hält mir den Mund zu ... zerrt mich von der Türe weg ... stößt mich auf die
Couch ... er ist wütend und (Eva schützt Gesicht und Kopf mit Händen und
Armen) schlägt mich ... er schreit, dass er mir doch verboten hat zu
schreien ... er nimmt ... nimmt sein Taschentuch und ... »Nein,
nein!« ... steckt's mir in den Mund. Er packt
mich und zerrt mich aus der Ecke und will mir die Beine auseinander machen ...
Ich will nicht, ich will nicht! Ich versuch' mich zu wehren. Ich weiß, wenn er
es schafft, wird er mir weh tun ... (Eva wehrt sich verzweifelt), aber
er ist einfach stärker als ich. Er tut mir weh! Er tut mir so weh!
»Du möchtest wohl schreien? - Schrei
doch, schrei doch!« Ich kann ... ich kann doch nicht schreien! Er tut mir
so weh ... so weh ... Er will mir weh tun, er will mir weh tun! (Diese
Erkenntnis scheint Eva zu überraschen und zu erschrecken.) »Tut es
weh, tut es weh?« Ich will es erst nicht zugeben. Er fragt immer wieder,
immer wieder, ob es mir weh tut. (Eva gibt schließlich auf und nickt.) »Dann
ist es ja gut. Das soll es nämlich auch! Dann kann ich ja so
weitermachen!« (Eva krümmt sich vor Schmerzen, windet sich, bäumt sich
auf.) »Willst du jetzt lieb sein?« (Eva nickt wieder.)
Dann hört er endlich auf und zieht mir das Taschentuch aus dem Mund und zerrt
mich hoch. »Du hättest mich nicht so wütend machen sollen! Ich muss dir
wohl wieder mal zeigen, wer hier bestimmt? Willst du immer noch schreien? Wenn
ich mit dir fertig bin, dann wirst du alles tun, was ich will.«
Er steht da ... »Komm
her!« Ich muss mich vor ihm hinknien ... er packt meinen Kopf und hält ihn
ganz fest, und ich muss ihn in den Mund nehmen. Er fasst mich so fest im Nacken
... (Eva hat Atemnot und Brechreiz, sie stöhnt und würgt. Schließlich
schluckt sie mehrmals und hält die Hand vor den Mund.) - Irgendwann ist es
vorbei ... ich steh auf ... ich will nur weg ... nur weg hier, nur weg! Ich
muss hier raus! Ich hab' das Gefühl, wenn ich hier bleib', dann erstick' ich.
Er sitzt auf der Couch und hält mir den Schlüssel hin. Ich will ihn nehmen. Da
packt er mich (Eva zuckt zusammen) ... ich erschreck' so ... er zieht
mich an sich ... es geht so schnell ... ich will doch nur diesen Schlüssel
nehmen ... da packt er mich und küsst mich und fragt, warum ich ihn immer erst
so wütend machen muss, wo er mich doch lieb hat. Er will mir doch gar nicht weh
tun. Aber ich brauch' es anscheinend. (Erst erstaunt, dann mit wachsender
Zustimmung, schließlich wie selbstverständlich wiederholt Eva diesen Satz viele
Male: »Anscheinend brauch' ich das, anscheinend brauch' ich das ...
« Hier bin ich Zeuge einer Indoktrination und ihrer Verinnerlichung.)
Er sagt, dass ich mit niemandem darüber
reden darf. Ich will nur weg, weg, weg! Er gibt mir den Schlüssel ... ich
schließ' auf und lauf' weg, nur weg ... ich lauf' die Treppe runter und hör'
noch, wie er hinter mir herruft, dass ich hier bleiben soll ... ich will nur
weg hier ... Ich lauf' aus dem Haus und über die Straße ... da hupt ein Auto
... ich lauf' einfach weiter, ich hab' so Angst, dass er mir nachläuft ... ich
lauf' und lauf' (Eva ist hörbar außer Atem) ... um die Ecke ... nur weg
... nur weg ... Ich lauf' durch die Straßen ... ich weiß nicht, wo ich hin
soll. Wo soll ich denn hin? (Langsam wird Eva ruhiger, nach einer Weile
beginnt sie zu frösteln und legt die Arme über der Brust zusammen.) Es wird
kalt (es ist April, sagt sie mir). Ich weiß nicht, wo ich hin soll ...
ich muss wohl doch nach Hause ... es wird dunkel ... ich weiß doch nicht, wo
ich hin soll ... da geh' ich halt nach Hause ...
Da sind meine Eltern. Mein Vater schreit
mich gleich an ... meine Mutter steht nur da, sie sagt gar nichts (Eva ballt
die Fäuste und macht ein trotziges Gesicht). Er fragt, wo ich her komm', wo
ich war ... ich komm' gar nicht dazu, zu antworten, er schlägt mich (sie
schützt ihr Gesicht), er schlägt mich und schickt mich ins Bett und macht
das Licht aus. »Das Licht bleibt aus!« - Ich lieg' da und hör' sie
reden und ... ich komm' mir so verlassen vor ... es kümmert sich keiner um mich
... ich gehör' gar nicht dazu ...(Eva beginnt, sich an den Haaren zu ziehen,
immer heftiger). Ich will mir weh tun ... ich will mir weh tun. Wenn ich
mir weh tu', dann spür' ich nur das, und das ist irgendwie besser ... (sie
weint sich langsam in den Schlaf Sie schläft sehr unruhig und sagt - wohl im
Traum - immer wieder: »Nein, nein! Nein, nein!« - Das Folgende spielt
sich am nächsten Tag ab:) Sie sprechen nicht mit mir. Sie tun so, als wär'
ich gar nicht da, sie beachten mich gar nicht. (Diese und ähnliche Sätze
wiederholt Eva immer wieder. Sie wirkt sehr traurig, später nachdenklich.)
Ich hab' das Gefühl, dass ich was falsch
gemacht hab' ... ich bin schuld ... ich bin schuld. Ich fühl' mich immer mehr
schuldig. Ich darf nicht mit ihnen essen, ich muss allein in der Küche essen
... Ich weiß nicht, was ich noch tun soll, damit sie mich wieder lieb haben ...
es ist meine Schuld, dass sie mich nicht lieb haben. Ich war böse ... ich muss
mir weh tun ... ich war böse, ich darf nicht weglaufen ... ich muss mich
bestrafen ... ich muss mir weh tun, dass sie mich wieder lieb haben ...
vielleicht haben sie mich lieb, wenn ich mir sehr weh tu' ... wenn ich mir ganz
arg weh tu', wenn ich mich bestrafe ... Ich hab' irgendwo ein Messer, ich hab'
es versteckt ... in meinem Bett ... ich muss mir weh tun ... (Eva scheint in
der rechten Hand etwas zu halten, während sie die linke Hand mit der Handfläche
nach oben vor der Brust hält. Dann fährt sie mit der rechten Hand über die
linke Handfläche, verzerrt das Gesicht vor Schmerz und zieht die Luft durch die
Zähne ein.)
Es tut so weh, aber es ist noch nicht
genug. (Sie schneidet sich noch ein zweites und drittes Mal, es kostet sie
sichtlich Überwindung, und sie stöhnt dabei wieder vor Schmerz.) Ich will
zu meinem Vater gehen (sie hält die linke Hand wie eine Opfergabe vor sich),
ich will ihm das zeigen ... ich will ihm zeigen, dass ich mich bestraft habe,
dass er nicht mehr böse zu sein braucht ... er braucht nicht mehr böse zu sein
... ich hab' mich doch bestraft ... Ich geh' zu meinem Vater ... er ist so
komisch ... und sag' ihm, ich will immer lieb sein, immer ganz lieb sein. (Bei
einem späteren Durchgang zeigt sich diese Szene merkwürdig verändert. Eva sagt
auf einmal:) Sie ist böse, ich muss sie bestrafen. Ich bin nicht böse, sie
ist böse ... sie braucht das. Sie ist böse, und deshalb haben sie mich nicht
lieb. Sie macht ihn immer wütend, sie muss bestraft werden, sie braucht das.
Sie will immer nicht lieb zu ihm sein, und dann ist er böse auf mich ... ich
bin nicht böse ... ich brauch' das nicht. Ich bin nicht böse ... mich hätten
sie lieb ... Wenn sie nicht da wäre, dann wär' alles viel besser, ich wär' ganz
lieb, und mich hätten sie lieb ... Sie wissen nicht, dass sie es ist ... Sie
ist trotzig ... ich muss sie bestrafen, es muss weh tun, sehr weh tun ... sie
hält mir die Hand hin ... sie hat Angst ... (Schmerzzeichen). Es reicht
nicht (nochmals Schmerzzeichen, dann noch ein drittes Mal.) – (Als
ich später mit Eva über diese Szene spreche und sie frage, welche Darstellung
denn die richtige sei, sagt sie, es sei die zweite. Sie habe beim Durchleben
von Anfang an das Gefühl gehabt, die Sätze »Ich bin böse, ich muss mich
bestrafen ... « seien nicht ganz richtig, da sei vielmehr eine Andere, für
die sie gelten. Bei intensiverem Kontakt mit dem Protokoll seien die Sätze
plötzlich in der veränderten Form da gewesen.)
(Die Sätze «Du bist
böse« und »Ich bin böse« beschäftigten Eva auffällig lange und
intensiv. Vermutlich waren sie schon in manchen früheren Protokollen enthalten
und hatten sich Eva eingeprägt. Um dies zu überprüfen, fragte ich sie; ob ihre
Eltern schon öfter zur Strafe nicht mir ihr gesprochen hätten. Sie nickte
sofort sehr heftig. Daraufhin begannen wir mit der Bearbeitung entsprechender
früherer Szenen. Aus diesen stammen unzählige Variationen des immer gleichen
Themas mit den folgenden Grundmustern:)
Ich denke, dass ich irgendwie böse bin,
und da muss ich mich bestrafen, dass sie wieder mit mir reden.
Sie reden nicht mit mir ... ich halt'
das nicht mehr aus, ich muss mich bestrafen ... Ich hab' immer das Gefühl, dass
ich böse bin, aber was tu' ich denn? Ich weiß gar nicht, was ich getan hab'.
Ich denk' manchmal, sie sind böse auf mich, nur weil ich da bin (Eva weint
bitterlich). Sie hassen mich, nur weil ich da bin, weil es mich gibt. In
bin böse, weil ich da bin. Es wär' viel besser ohne mich. (Bei manchen
Wiederholungen liegt Eva wie ein Säugling da, mit erhobenen Armen, die Finger
locker gebeugt.) Ich bin schon böse geboren worden. (»Wie kommst du
darauf?«) Wenn ich nicht böse wäre, hätten sie mich doch lieb. Ich versuch'
es doch ... ich versuch' es doch, lieb zu sein ... ich bin halt böse ...
Eva ist in diesem Protokoll gerade
sieben Jahre alt. - Sie hat schon als Kleinkind aus dem Verhalten ihrer Mutter
den Schluss gezogen, sie sei böse. Darin wurde sie später durch Äußerungen des
Vaters immer wieder bestätigt. Sie weiß zwar nicht, wieso sie böse ist und was
sie denn falsch macht (ein überaus verwirrender und peinigender Zustand), gibt
sich aber größte Mühe, »lieb zu sein«. Aber was soll sie tun, um lieb zu
sein, wenn sie gar nicht weiß, was böse ist? Aus dieser Desorientierung
entsprang (schon lange vor diesem Protokoll) der Gedanke, sich selbst zu
bestrafen, um ihren Eltern wenigstens auf diese Weise ihren guten Willen zu zeigen.
Diese Selbstbestrafung (bzw. die Absicht dazu) kann natürlich den inneren
Konflikt Evas, die sich im Grunde ihres Wesens doch als gut empfindet, nicht
lösen, ja wird ihn sogar noch verstärkt haben. Da Eva, so wenig wie irgend ein
Mensch, einen solch tiefen existenziellen Widerspruch auf Dauer nicht ertragen
kann, setzt schließlich eine Persönlichkeitsspaltung ein: Eva erschafft in sich
eine zweite Eva (»spaltet sie von sich ab«) und schiebt ihr die Rolle des
Sündenbocks zu: Sie ist an allem schuld, sie ist böse, sie
muss bestraft und später sogar umgebracht werden.
Während der Arbeit an diesem Protokoll
gab es noch eine weitere Schwierigkeit: Es fiel Eva im Laufe der Zeit immer
schwerer, über den Satz »Er fasst mich so fest im
Nacken« hinwegzukommen, und schließlich blieb sie endgültig dabei stecken.
Von dem ganzen Protokoll war zu dieser Zeit schon nicht viel mehr übrig
geblieben als eben dieser Satz und die Nackenschmerzen. Da lag die Vermutung
nahe, dass es wohl in Evas Kindheit - früher oder später - noch mehr Ereignisse
gegeben habe, in denen sie starke Nackenschmerzen hatte, und dass es damit eine
besondere Bewandtnis haben müsse, sodass sie den weiteren Fortschritt der
Arbeit aufhielten. Darum forderte ich Eva auf, solche Geschehnisse aufzusuchen
und zu durchleben. Sofort wurde sie auffällig unruhig und ängstlich, begann
aber doch mit der aufgetragenen Arbeit, und allmählich entfalteten sich die
folgende Szenen.
Exkurs 1: Die Hand im Nacken
Immer, wenn ich etwas nicht tun will ...
wenn er mich zu etwas zwingen will, dann packt er mich im Nacken. Ich muss tun,
was er will, sonst tut er mir so weh ... Es ist so oft, so oft ...
Bei meinen Hausaufgaben steht er hinter
mir ... ich hab' so Angst ... wenn ich was verkehrt mach' ... (Eva zuckt vor
Schmerz zusammen und fasst sich mit beiden Händen in den Nacken) ... immer
ist seine Hand da an meinem Nacken ... ich hab' das Gefühl, sie ist ständig da (wieder
Zeichen heftiger Schmerzen). »Nein, nein!«
Manchmal hat er mich auch an den Haaren
festgehalten, das war mir viel lieber ... es hat auch weh getan, aber nicht so
... so ... (Eva sucht vergeblich nach Worten, die den Unterschied deutlich
machen sollen. Es scheint ein Schmerz von ganz besonderer Art zu sein.) Er
weiß genau, dass ich das nicht mag, wenn er mich da am Nacken fasst. Ich
versuch' ja irgendwie, mich nicht zu wehren ... au ... »Lass mich
los!«
Ich will nicht in dieses Haus (siehe »Garten
ohne Blumen«) gehen, nein, nein, ich will da nicht hinein! Ich hab' mir
ganz fest vorgenommen, ich geh' da nicht mehr rein, und wenn er mich totschlägt
... nein, nein! Und dann packt er mich am Nacken ... au ... au ... und dann
geh' ich doch rein (resigniert). – Komisch ... ich versteh' das nicht
... ich hab' mir so fest vorgenommen, ich geh' da einfach nicht mehr rein, und
dann packt er mich am Nacken, und schon geh' ich rein ...
Wenn er mich am Nacken packt, dann tu
ich alles, was er will ... dann geh' ich in den Keller ... dann nehme ich ihn
in den Mund ... dann gehe ich in das Haus ... dann kann ich mich einfach nicht
mehr wehren ... es ist schlimmer, als wenn er mich schlägt ... komisch. (Das
Rätsel der geheimnisvollen Wirkung der »Hand im Nacken" wird auch für
mich immer größer. Da taucht ein neues Geschehen auf:)
Irgendwie hab' ich das Gefühl, dass ich
noch sehr klein bin (Eva hat ihre typische Säuglingshaltung eingenommen)
... ich lieg' in meinem Bett ... da kommt meine Mutter. (Eva kneift die
Augen zu und wendet den Kopf ab, sie will offensichtlich irgend etwas nicht
sehen. Schließlich stellt sich heraus, dass der gefürchtete Gegenstand das
Fläschchen ist, das die Mutter in der Hand hält.) Sie nimmt mich hoch ...
ich hab' so Angst, ich will das nicht (Eva zeigt eine geradezu panische
Reaktion) ... sie nimmt mich hoch und hält mich im Arm. Dann ... dann
drückt sie mir hinten auf den Hals ... es tut so weh! (Eva öffnet den Mund,
will offenbar schreien, kommt aber gar nicht dazu, ist vollauf damit
beschäftigt, schnell zu schlucken, wobei sie sich immer wieder verschluckt und
hustet.)
Sie steckt mir die Flasche in den Mund,
und ich muss immerzu schlucken, auch wenn ich gar nicht will. Ich will nicht
mehr! Sie soll doch aufhören! Ich kann nicht mal schreien ... Ich bin so froh,
wenn es endlich vorbei ist und sie wieder weggeht. Irgendwie weiß ich, dass sie
mich erstmal eine Zeit lang in Ruhe lässt, bevor sie
wiederkommt ... aber dann kommt die Angst wieder, weil ich weiß, jetzt kommt
sie bald ... sie kommt immer wieder und hat die Flasche dabei und dann ... (Eva
gerät wieder in Panik) dann nimmt sie mich hoch und drückt mir hinten auf
den Hals ... (Eva durchlebt die Schreckensszene viele Male, bis diese
endlich anfängt, sich aufzulösen. Dann tritt ein neues Detail hervor:)
Einmal ist da eine Stimme: »Machst du das immer so?« (Eva kennt
die Stimme nicht, weiß aber, dass es eine Frauenstimme ist. Jedes Mal, wenn sie
die Frage hört, zuckt Eva zusammen und beginnt, sich zu kratzen. Ich frage sie,
was sie erschreckt.) Irgendwie klingt die Stimme so entsetzt. (Eva wird
sehr traurig und beginnt dann zu weinen. » Was macht dich so traurig?«)
Sie macht das immer so, sie macht das immer so! (»Die andere Frau ist
entsetzt, aber deine Mutter macht das immer so?« Eva nickt.) Irgendwie
weiß ich, dass es auch anders sein kann, und sie macht das immer so. (Eva
hört auch die Antwort ihrer Mutter:) »Es muss schnell gehen, ich hab'
keine Zeit. Und so geht es am schnellsten.« (Weinend und tieftraurig
wiederholt Eva viele Male leise den Satz:) So geht es am schnellsten, so
geht es am schnellsten.
Diese Serie von Erlebnissen erklärt wenigstens
teilweise die fast magische Wirkung, die viel später der Nackengriff des Vaters
auf Eva ausübt. Und natürlich fiel mir ein, dass am Anfang unserer Arbeit Evas
häufiger Griff in den Nacken das erste Körpersignal war, das mir auffiel. -
Wieso aber löste schon der Nackengriff der Mutter eine so übermäßige Reaktion
aus? Gab es da eine noch frühere Ursache? Meine Vermutung wird dadurch
bestärkt, dass Eva bei den Durchgängen durch die Fütterungsszene immer wieder
einmal eine frühe, sehr diffuse Erinnerung einblendet: »Ich weiß nicht, da
ist noch etwas ... irgend jemand hat mir einmal sehr weh getan ... ich weiß
nicht ... irgendwas war da.« Als ich Eva bitte, dorthin zurückzugehen,
zeigt sie große Angst und weigert sich heftig. Mit einiger Mühe und Geduld
gelingt es mir, sie dafür zu gewinnen, sich auf ein anscheinend sehr
traumatisches und angstbesetztes Ereignis einzulassen. Dann wird bald deutlich,
dass Eva ihre Geburt wiedererlebt.
Exkurs 2: Die Geburt
Eva liegt ganz entspannt da und lächelt
glücklich.
(»Du fühlst dich wohl?«) Ja ...
es ist eigentlich ganz schön hier ... obwohl ... manchmal hab' ich Angst. (»
Was macht dir Angst?«) Ich weiß nicht... irgendwas war da ... (längere
Pause). Ich hab' Angst, dass es wieder losgeht ... irgendwie erinnere ich
mich, dass es hier nicht immer sicher war ... (Pause). Jetzt fühl' ich
mich wieder ganz wohl ...
Eva hat, wie ich inzwischen weiß, mindestens zwei Abtreibungsversuche überlebt; einem davon, der von einer »Expertin« aus der Nachbarschaft ausgeführt wurde, ist ihr Zwillingsgeschwister zum Opfer gefallen. Es war also tatsächlich »hier nicht immer sicher«.
(Plötzlich wird Eva unruhig und zeigt
Angst.) Ich weiß nicht, da ist ... plötzlich bekomm' ich Angst
... ich weiß nicht, irgendwas geschieht da ... es macht mir Angst ... (Pause).
Jetzt ist es wieder vorbei ... es ist alles wieder ruhig. (Nach ca. zwei
Minuten wiederholt sich etwa dasselbe, nach einer weiteren Minute wiederum,
diesmal heftiger:) Ich hab' Angst, ich hab' so Angst ... Ich will nicht weg
hier, ich will nicht weg ... es ist noch zu früh! (Eva beruhigt sich
langsam, doch schon bald kommt die Angst wieder:) Ich hab' Angst ... ich
hab' Angst ... ich will nicht weg hier, es ist doch noch zu früh ... warum
lassen sie mir keine Zeit? Ich will noch nicht weg! Ich hab' das Gefühl, ich
bin noch nicht so weit.
Später erfahre ich, dass die Hebamme nach einer durchwachten Nacht aus »Zeitmangel« - sie musste zu ihrem Kind nach Hause - die Geburt eingeleitet hatte. Anmerkung: Zu jener Zeit waren Hausgeburten - auch ohne Arzt – das Übliche.
Es ist so anstrengend, und ich hab'
Angst, dass ich es nicht schaffe ... (Eva beginnt zu weinen, sie wirkt sehr
traurig. Plötzlich wird sie wieder sehr unruhig.) Es wird ... es wird so
... so eng, es wird so eng (Eva bäumt sich auf und verzerrt das Gesicht.
Ihre Not wird im Laufe der nächsten Minuten immer größer.) Ich komm' nicht
weiter ... ich komm' nicht weiter ... es ist so furchtbar eng ... ich muss da
jetzt durch ... ich steck' fest ... ich steck' fest ... ich steck' fest, ich
komm' nicht weiter ... ich schaff' es einfach nicht ... was machen sie mit mir?
Sie schreit, sie schreit: »Es ist
so anstrengend ... wie lange dauert das noch?« - »Gleich ... gleich
hast du es geschafft ... einmal musst du dich noch anstrengen!« (Gleich
darauf verzerrt Eva das Gesicht wie unter einem fürchterlichen Schmerz, erst
nach einiger Zeit, als der Schmerz nachgelassen hat, sagt sie:) Es tut so
weh ... mein Hals ... mein Nacken tut so weh ... (Im Laufe der Arbeit wird
deutlich, dass Eva beim Herausziehen an der Halswirbelsäule verletzt worden
sein muss. Hier also lag die Ur-Ursache für die außergewöhnliche Wirkung, die
der Nackengriff jahrelang auf Eva ausgeübt hat. - Das Protokoll ist hier noch
längst nicht zu Ende, doch ist der Rest in diesem Zusammenhang weniger
wichtig.)
Angst vor dem Einschlafen
Ich lieg' in meinem Bett. Es ist schon
spät, und ich weiß, ich muss schlafen. Aber ich kann einfach nicht einschlafen,
ich hab' so Angst. Ich weiß genau, wenn ich nicht schlaf', sind sie wieder böse
auf mich. Aber ich hab' so Angst ... ich hab' so Angst davor, einzuschlafen,
dass ich wach bleiben will ... Ich weiß, dass es wieder Ärger gibt, aber ich
hab' doch so Angst! Und ich versuch's doch, ich versuch's ...
Irgendwann kommt meine Mutter. Sie ist
böse auf mich und schimpft und schreit: »Warum schläfst du nicht?« -
und ich weiß genau, sie will gar keine Antwort, sie will es gar nicht wissen.
Sie fragen mich immer wieder, jedes Mal, warum ich nicht schlafe und was los
ist, warum ich immer Ärger machen muss ... und ich weiß, sie wollen gar keine
Antwort, sie wollen es gar nicht wissen. Sie tun immer so, als würd' ich alles
nur tun, weil ich böse bin - dabei hab' ich doch Angst, ich hab' doch so Angst!
Sie sagt, dass sie in fünf Minuten
wiederkommt, und wenn ich dann nicht schlafe, muss ich eben den Saft nehmen.
Ich will das nicht, ich will das nicht! - Ich muss schlafen, ich muss schlafen,
sonst muss ich den Saft nehmen! Ich hab' so Angst, ich hab' so Angst und kann
nicht einschlafen ... Jetzt hab' ich auch noch Angst vor dem Saft. Ich kann
einfach nicht einschlafen. Ich weiß schon genau, dass ich nichts tun kann ...
dass sie durch die Türe kommen und die Flasche dabei haben ... Ich sitz' in
meinem Bett, ganz in der Ecke, und hab' Angst und wart' drauf, dass die Tür
aufgeht. Jetzt wird sie gleich wiederkommen, und ich schlaf' immer noch nicht
...
Da geht die Tür auf, und mein Vater
kommt, und ... er hat die Flasche dabei. Jetzt weiß ich, dass ich gar nichts
mehr machen kann, gar nichts mehr. Ich möcht' am liebsten weglaufen ... das
geht alles nicht (weint sehr), ich kann gar nichts machen. »Bitte,
bitte, nicht!« Er ist böse auf mich und sagt: »Musst du jeden Abend
Ärger machen? - Mund auf!« Ich tu's nicht (schüttelt den Kopf, beißt
die Lippen zusammen), ich will nicht! Und dann ... dann geht alles so
schnell. Er schlägt mich und packt mich (Eva fasst sich in den Nacken) -
ich weiß gar nicht, was geschieht - und steckt mir den Löffel in den Mund. Dann
macht er das Licht aus und geht. Er weiß doch genau, dass ich Angst hab', wenn
es dunkel ist! - Jetzt hab' ich noch mehr Angst. Ich weiß, jetzt werd' ich bald
einschlafen, ich kann gar nichts dagegen tun ... sie haben es wieder geschafft!
... Aber ich will nicht einschlafen, ich versuch' wach zu bleiben. (Eva kämpft
noch eine Zeit lang in panischer Angst gegen das Einschlafen:) Ich darf
nicht einschlafen ... irgendwie hab' ich das Gefühl, dass dann irgendwas
passiert ... ich darf nicht einschlafen, ich muss aufpassen, ich muss wach
bleiben und aufpassen. Wenn ich einschlaf', kann ich
nicht aufpassen ...
(Bald darauf beginnt
der »Saft« zu wirken und Eva schläft ein. Später in der Nacht kneift
Eva im Schlaf die Augen zusammen und hält einen Arm übers Gesicht.) Es ist
plötzlich hell, und mein Vater ist da. Was will er denn? Warum lässt er mich
nicht schlafen? Ich bin doch noch so müde, ich werd' gar nicht richtig wach ...
Was macht er denn? (Eva wird unruhig und beginnt zu stöhnen.) »Au,
au! Er tut mir weh, er tut mir so weh! Er sagt, ich soll still sein, ich soll
die Augen zumachen und weiterschlafen. Es tut immer noch weh, und ich will
endlich wach werden, aber ich bin so müde ... er soll weggehen ... Ich versteh'
nicht, was er hier will, warum lässt er mich nicht schlafen? Immer wieder sagt
er, ich soll weiterschlafen, es ist nichts ... aber es stimmt nicht, da ist
irgendwas, es tut doch so weh! ... Ich bin so müde und kann mich gar nicht
wehren ... ich kann gar nichts tun. –.»Schlaf einfach weiter!« Immer
wieder sagt er das, und ich will doch wach werden! Wenn er doch nicht dauernd
sagen würde, ich soll schlafen ... Ich will das nicht hören, ich will doch wach
werden! (Sie hält sich die Ohren zu.) »Geh weg, geh weg!« Es
tut immer noch weh, aber ich bin so müde ... (Eva zuckt noch mehrmals zusammen
und schläft nach einer Weile wieder ein.)
(Am nächsten Morgen: Eva hält sich die
Augen zu, wie geblendet, beginnt dann, sich die Augen zu reiben.) Sie
lassen mich nicht weiterschlafen, ich soll aufwachen, ich muss in die Schule.
Ich bin aber noch so müde ... mein Kopf tut so weh ... (plötzlich wird Eva
unruhig). - Da war was! Irgendwas war da ... irgendwie weiß ich plötzlich,
dass da etwas war (Eva quält sich sichtlich damit, sich an etwas zu
erinnern, das sich ihr immer wieder entzieht und dann doch wieder auftaucht).
Irgend etwas war da ... vielleicht hab' ich auch nur geträumt? ... Es verwirrt
mich so ... immer wenn ich aufwach', weiß ich nicht mehr, was da war (sie
ist ganz verzweifelt). Ich kann mich erinnern, dass ich nicht schlafen
wollte ... dass er mir den Saft gegeben hat ... dann bin ich doch eingeschlafen
... und dann ... und dann ... dann war irgendwas ... ich weiß nicht, ich weiß
nicht ... oder hab' ich doch nur geträumt? Ich darf einfach nicht mehr
einschlafen ... es war schon so oft so ... ich darf nicht mehr einschlafen ...
aber dann kommen sie wieder mit diesem verdammten Saft ... und am Morgen weiß
ich wieder nicht, was da war ... das macht mich noch ganz verrückt ... immer
das Gefühl, ich kann mich an irgendwas nicht erinnern, ich hab' irgendwas
vergessen ... Ich muss ständig darüber nachdenken, was da war, und ich krieg's einfach nicht ... irgendwas geschieht da nachts ...
irgend jemand macht da was ... Was machen sie mit mir?
(In der späten Phase der Arbeit an
diesem Protokoll sagte Eva einmal nach einem Durchgang:) Ich
hab' es so gehasst, wenn es dunkel geworden ist, dann musste ich ins Bett ...
Es war so schlimm, wenn ich früh aufgewacht bin und das Gefühl hatte, da war
heut' Nacht etwas. Ich wollte nicht mehr einschlafen ... dann weiß ich nicht,
was sie mit mir machen.
Und immer ihre blöden Fragen, warum ich
nicht einschlaf'! Sie will mir ja gar nicht helfen
... ich soll gar nicht darauf antworten. Warum fragt sie mich, ich darf ja doch
'nicht antworten ... ich versuch' auch gar nicht mehr zu antworten ... ich sag'
schon gar nichts mehr ... ich will gar nicht mehr mit ihr reden ... sie will
die Antwort nicht wissen ... es wusste sowieso jeder (Eva weint heftig und
lange). Es war allen ganz recht so ... irgendwie hab' ich das Gefühl, es
war eigentlich eine Sache zwischen meinem Vater und meiner Mutter - ich weiß
nicht, wie ich dazwischengekommen bin ...
Am Ende dieses Protokolls findet sich
ein deutlicher Hinweis darauf, dass Eva zu dieser Zeit schon von der
Mitwisserschaft der ganzen Familie überzeugt war. Selbst wenn diese
Zu dem anscheinend ungeheuerlichen
Vorwurf, die Mutter habe - wenn auch sicher nicht im Detail - von den Vorgängen
gewusst, möchte ich anmerken: Nach Meinung vieler Fachleute ist es schlechthin
unmöglich, dass eine Mutter von einem länger anhaltenden sexuellen Missbrauch
ihres Kindes durch den Vater (oder einen anderen zur Familie gehörigen
Menschen) nichts weiß. Der wichtigste und häufigste Grund für ihr
stillschweigendes Dulden ist die Angst vor einem Skandal und vor dem Verlust
des Ernährers der Familie. In manchen Fällen ist der Vater zudem ein
Familientyrann, der auch seine Frau misshandelt und demütigt und sie so zum
Schweigen bringt. Dass dies bei Evas Vater nicht zutrifft, erfuhr ich, als ich
Eva einmal fragte, wer in ihrer Familie der oder die Stärkste sei. Prompt und
sehr bestimmt kam die Antwort: »Meine Mutter! Ich hab' immer das Gefühl,
sie spielt mit allen, sie manipuliert alles ...« (»Wie macht sie das?«) »Immer,
wenn sie irgend etwas will, bekommt sie Kopfweh oder wird krank.«
Bei dieser Konstellation ist es sehr
wohl möglich, dass die Misshandlungen Evas unter anderem auch
(Ersatz-)Racheakte des Vaters waren. Dass er auch gern einmal den starken Mann
spielen und sich Triumphe verschaffen wollte, geht aus vielen Protokollen
überzeugend hervor. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch Evas oben
angeführte Bemerkung, es sei ihrem Gefühl nach eigentlich eine Sache zwischen
ihrem Vater und ihrer Mutter gewesen, in die sie da hineingeraten sei.
Hausaufgaben
Ich sitz' am Tisch und mach'
Hausaufgaben (Eva ist in der 2. Klasse). Meine Brüder sind in der
Schule, und meine Mutter ist weggegangen.
Da kommt mein Vater. Er sagt noch gar
nichts, aber ich weiß ... ich weiß in dem Moment genau, was er will und. ..und
dass ich nichts dagegen tun kann. Ich hab' so schreckliche Angst ... aber ich
darf keine Angst haben, ich muss mich zusammennehmen (Eva presst die Lippen
zusammen und ballt die Fäuste) ... Ich muss mich zusammennehmen. (»Warum
darfst du keine Angst haben?«) Das macht alles noch schlimmer ... ich darf
diese Angst einfach nicht spüren.
Er sagt, ich soll mit ihm kommen ... und
ich muss mit ihm ins Schlafzimmer gehen. »Los, beeil dich, deine Mutter
kommt bald zurück!« Ich soll mein Höschen ausziehen, den Rest kann ich
anbehalten. »Heute muss es schnell gehen!« Ich hab' so Angst, und er
drängt mich so. Er lässt mir einfach keine Zeit, um mich ... um mich ... ich
weiß nicht ... irgendwie um die Angst ... um die Angst ... (Eva sucht lange
nach einem Begriff - »... zu überwinden?«) Ja, so ... Ich muss mich
beeilen, und ... ich hab' solche Angst. Er soll mir doch ein bisschen Zeit
lassen!
Dann muss ich mich aufs Bett legen, und
er legt sich auf mich. Er tut mir so weh ... es tut so weh ... au ... es tut so
weh (Eva gibt leise, aber intensive Schmerzlaute von sich und bemüht sich
gleichzeitig, den Schmerz zu verbeißen und still zu sein. Ihrem Gesicht sieht
man an, wie sehr sie leidet). Es tut so weh, und ich hab' das Gefühl, ich
halt' das nimmer aus. »Hör auf, bitte, hör auf, du tust mir so
weh!« Er lacht nur und sagt: »Jetzt wird es doch erst schön! Es geht
jetzt erst richtig los!« Und dann sind da nur noch Schmerzen ... ich kann
nur warten, bis es vorbei ist ... und versuch', möglichst wenig zu spüren.
Dann ist es endlich vorbei, und ich darf
aufstehn. »Darf ich jetzt gehen?« (»Wie
kommst du auf die Idee, ihn zu fragen, ob du gehen darfst?«) Manchmal muss
ich noch bei ihm bleiben und ... und ihn streicheln ... ich muss immer warten,
bis er es mir erlaubt zu gehen.
Ich frag' ihn, ob ich jetzt gehen darf,
und da schreit er mich an ... ich erschreck' so ... er schreit mich an, dass
ich verschwinden soll ... ich soll endlich abhauen ... und dass ich an allem
selbst schuld bin. Ich ... (zittert heftig) ich versteh' es nicht, ich
versteh' das nicht ... dass ich an allem schuld bin ... ich geh' ins Bad und
wasch' mich und versuch', nicht zu weinen ... ich will nicht weinen ... ich
will nicht daran denken. Dann setz' ich mich wieder an meine Aufgaben ... aber
ich kann sie nicht machen ... ich kann sie nicht machen ... ich starr' ... ich
starr' dieses Heft an, aber irgendwie nehm' ich nichts richtig wahr ... ich
sitz' nur da ... auf einmal merk' ich, wie ich immer weiter weggeh',
immer weiter weg ... auf einmal ist da gar nichts mehr ... keine Traurigkeit
... nichts ... es ist so schön ... (Eva liegt ganz ruhig und entspannt da).
Auf einmal spür ich, ich muss aufpassen
... (Eva wird unruhig) ich muss umkehren, sonst komm' ich ... komm' ich nicht
mehr zurück (sie wird immer unruhiger, ihre Hände beginnen zu zittern, sie
fährt sich mit den Unterarmen übers Gesicht und presst dann die Fäuste an die
Schläfen, als würde ihr sonst der Kopf zerspringen) ... in meinem Kopf ist
alles so durcheinander ... (sie zittert am ganzen Körper, ihr Atem geht
stoßweise und ganz flach. Nach einer Weile erst wird sie ruhiger). Ich hör'
meine Mutter zurückkommen ... (Eva wird sehr traurig und beginnt zu weinen.)
Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ... irgendwie wünsch' ich mir, dass sie mich
in den Arm nimmt ... und mich einfach festhält ... ich bräuchte das jetzt so
... und irgendwie weiß ich genau, dass sie's nicht tun wird. Es tut so weh ... (Eva
weint heftig). Ich weiß ja, dass sie's nicht tun wird, und ich weiß, dass
ich mir's gar nicht wünschen sollte ... aber ich
brauch' sie so ... ich fühl' mich so fürchterlich alleingelassen. Ich hab' doch
so viel Angst ... und da ist niemand ... es tut so weh ...
Da ist meine Mutter, und sie schimpft
auch noch mit mir. Sie schimpft, weil ich noch nicht fertig bin. Ich soll nicht
immer träumen und soll meine Aufgaben machen. (Eva schüttelt erst traurig
und enttäuscht, dann mehr trotzig den Kopf, beißt die Lippen zusammen .und
wischt sich die Tränen ab.)
Ich will nicht mehr traurig sein ... ich
werd' nie mehr traurig sein ... ich hätt' es doch wissen müssen ... (sie
beißt sich in den Handrücken).
Eva ist jetzt im achten Lebensjahr. Immer mehr entfalten sich des Vaters Sadismus und Brutalität. Und immer leichter gelingt es Eva, »ganz weit weg zu gehen«, um ihrem Kummer zu entfliehen. In der hier beschriebenen Situation spürt sie erstmals die Gefahr, die damit verbunden ist, nämlich nicht mehr zurück zu können. Den Zwiespalt zwischen Verlockung und Gefahr des Weggehens empfindet Eva als körperliche Pein.
Immer Angst
Plötzlich kommt mein Vater in mein
Zimmer. Ich hab' gar nicht gewusst, dass er da ist; ich hab' gedacht, ich bin
allein daheim. Ich weiß gleich, dass er wieder ... wieder was von mir will. Er
ist so komisch ... ich merk' es gleich ... irgendwie ist er anders.
(Bei einem der späten Durchgänge durch
dieses Protokoll kommen Eva viele Gedanken und Gefühle zu dieser und mancher
ähnlichen Situation:) Er ist dann so anders, ich versteh' das
gar nicht (Eva beginn zu weinen). Manchmal ist er so lieb zu mir, und
dann wieder ... ich versteh' das nicht. Warum tut er mir weh? Ich kann das
nicht verstehen, ich hab' ihn doch lieb. Und ich kann das gar nicht
beeinflussen; es ist unabhängig von meinem Verhalten, so ... so unberechenbar.
Ich weiß nie, was gleich wieder geschieht. Irgendwie hab' ich immer Angst. Ich
kann einfach nicht verstehen, warum er mir immer so weh tut. Ich hab' es mir so
oft überlegt. Ich hab' gedacht, es müsste doch irgend einen Grund geben,
vielleicht, dass ich böse bin oder ... dass ich irgendwas falsch mache ... Was
mach' ich denn falsch? Ich versteh es nicht ...
Er sagt, ich
soll mich ausziehen. Ich will nicht (Eva ist verzweifelt), ich will
nicht, aber ich trau' mich nicht, ihm zu widersprechen, ich hab' so Angst vor
ihm. Ich darf ihn nicht wütend machen.
(Eva weint lange.) Ich
muss immer tun, was er will, ich darf ihm nicht widersprechen. Warum darf er
mir immer weh tun? Was hab' ich denn getan? Ich hab' das Gefühl, er darf mit
mir machen, was er will ... es ist egal, was ich will. Irgendwie kann
ich mich einfach nicht damit abfinden ... es wär' viel einfacher, wenn ich mich
damit abfinden könnte. - Er hat immer versucht mir einzureden, dass ich das
auch will, was er da mit mir macht. Ich wusste immer, ich will das nicht, ich
will das nicht, ich will nicht! Aber ich durfte mich nicht wehren ...
Ich zieh' mich
aus ... vielleicht wird es nicht so schlimm. Ich versuch' mir einzureden, es
wird schon nicht so schlimm, es wird schon nicht so schlimm ... und irgendwie
weiß ich, dass ich mir was vormach' ... »Mach
schneller, beeil dich! Ich kann es kaum noch erwarten, ihn dir reinzustecken!« (Eva hält sich die Ohren zu; sie will diesen Satz nicht hören,
er tut ihr, wie sie sagt, sehr weh.) Ich will nicht, ich will nicht (Eva beginnt zu
weinen), aber ich kann gar nichts tun ... was soll ich denn tun? Ich muss
einfach tun, was er will ... ich weiß, er wird mir weh tun ... ich will nicht,
ich will nicht ... Er zieht seine Hose aus (Eva wendet den Kopf ab und legt den rechten
Unterarm über die Augen). »Schau her, schau ihn dir an!« - Ich hab' so
Angst ... er sagt, ich soll mich hinlegen (Eva weint wieder). »Bitte, bitte, nicht, bitte, nicht ...« Er
legt sich auf mich. (Gleich darauf verzieht Eva das Gesicht vor Schmerz, ballt
die Fäuste, beißt sich auf die Lippen, wimmert und stöhnt.) Ich versuch' es
nicht zu spüren, ich tu' mir selber weh, damit ich es nicht spüre (sie
drückt sich die Fingernägel tief in die Handflächen), ich spür' es
trotzdem, ich kann mir einfach nicht genug weh tun, es reicht nicht, es reicht
nicht ... es ist nicht nur, dass er mir so weh tut (Eva weint heftig)
... er macht mit mir einfach, was er will, ich kann gar nichts dagegen tun ...
nur warten, bis es vorbei ist ... und dann versuch' ich's möglichst schnell zu
vergessen ... (»Wie machst du das?«) Ich weiß nicht ... ich red' mir
ein, dass gar nichts passiert ist ... aber irgendwie hab' ich immer Angst ...
Ich steh' auf
und zieh' mich an. Ich bin so froh, dass es wieder mal vorbei ist ... ich hab's
wieder mal überstanden. Jetzt wird er mich wieder eine Zeit lang in Ruhe lassen
...
Er geht zur
Tür. Da bleibt er stehen und dreht sich um und lacht und sagt, dass er
vielleicht später nochmal wiederkommt. (Eva ist
entsetzt.) Ich erschreck' so furchtbar, wie er das sagt. Ich werd'
verrückt! Ich halt' das nicht mehr aus! Es ist doch gerade erst
vorbei! »Nein! Nein! Nicht nochmal heute!« (Sehr
heftig bricht es aus ihr hervor:) »Ich sag's der Mama, ich sag's der
Mama!« (Kaum hat sie das gesagt, wird Eva starr vor Schreck und
verschließt sich den Mund mit dem Handrücken.) Das hätt' ich nicht sagen
dürfen ... nein! ... das hätt' ich nicht sagen dürfen! Jetzt
ist er wütend. Er kommt und packt mich (Eva fasst sich an den Nacken)
und tut mir weh. »Komm mit!« - »Au, au!« Er lässt mich gar
nicht fertig anziehen. (Eva zieht den Kopf zwischen die Schultern, hebt
beide Arme halb hoch, ist offensichtlich wehrlos.) Ich muss mit ihm gehen,
er tut mir so weh ... ich bin noch nicht mal angezogen ...
Erst weiß ich
gar nicht, was er mit mir vorhat, aber dann ... dann ... - »Nein, nein!
Nicht, nicht!« (Eva gerät in Panik) »Bitte, bitte, nicht in
den Keller! Bitte, nicht in den Keller!« (Sie fleht ihn anscheinend auf
dem ganzen Weg in den Keller an.) Er geht mit mir über den Hof zur
Kellertür und die Treppe hinab und sperrt mich ein (in einen Verschlag). »Jetzt
kannst du dir überlegen, ob du es der Mama sagen willst!« Dann geht er
hinauf und macht die Tür zu. Jetzt ist es ganz dunkel ... ich kann gar nichts
sehen ... ich hab' so Angst ... hier gibt es ... hier gibt es ... hier gibt es
... (es dauert lange, bis Eva endlich ganz entsetzt hervorbringt:) Hier
gibt es so viele Spinnen! Überall sitzen hier Spinnen! (Eva presst
die Fäuste an die Schläfen, drückt die Ellenbogen an die Brust, erstarrt mehr
und mehr im Schock. Bis zum Ende spricht sie ganz leise und apathisch, mit
völlig ausdruckslosem Gesicht:) Irgendwann spür' ich plötzlich gar nichts
mehr ... ich hab' auch keine Angst mehr. Irgendwie weiß ich, es ist furchtbar
kalt hier ... ich spür' das nicht mehr. Ich weiß nicht, wie lange ich da bin
...
Irgendwann ...
holt er mich ... wieder. Irgendwie ist alles so ... als wär' ich gar nicht da
... als würd' ich irgendwie nur zuschauen ... irgendwie fühl' ich gar nichts
... im Hof ist alles weiß, es hat geschneit ... ich hab' keine Schuhe und
Strümpfe an, ich spür' es gar nicht, ich seh' nur,
dass meine Füße ganz schwarz sind von den Kohlen. Er fragt mich, ob ich jetzt
gelernt hab', ihm nicht zu widersprechen.
Dann muss ich
lieb zu ihm sein ... ich muss mich vor ihn knien ... muss seine Hose aufmachen
und ihn streicheln ... ich tu alles, was er will ... mir ist, als wär' ich gar
nicht richtig da ... als würd' ich danebenstehen und mir zuschauen ... er
stöhnt ... ich soll weitermachen ... ich will nicht mehr ... er hält meine
Hände fest ... (heftiger Ekel durchbricht Evas Lethargie, sie spreizt die
Finger und hält voll Widerwillen die Hände vor sich und wendet sich ab).
Meine Hände sind so eklig ... Dann wäscht er mir die Hände ab ...
Irgendwann
kommt meine Mutter nach Hause ... ich sag' ihr nichts ... ich sag' ihr nichts
... ich bin froh, als sie mich ins Bett schicken, ich will nur schlafen, nur
schlafen und alles vergessen ... (Eva schläft ein. In der Nacht wird sie
plötzlich unruhig, atmet immer schneller und flacher, wirft den Kopf hin und
her, macht abwehrende Bewegungen mit den Armen.) Irgend etwas weckt mich
... da ist mein Vater ... ich will, dass er weggeht. »Geh weg, geh weg!
Nein, nein!« (Eva rückt entsetzt ganz an die Wand.) »Ich hab'
dir doch gesagt, dass ich nochmal
komme!« - »Nein, nein, nicht nochmal!« -
Und plötzlich fang' ich an zu schreien ... ich weiß gar nicht, wie's geschieht
... ich schrei' und schrei' ... ich sitz' im Bett und kann einfach nicht
aufhören zu schreien ... »Warum schreist du denn so ?« -»Ich
weiß nicht, ich weiß nicht!« - »Dann hör doch auf!« Ich kann
nicht aufhören, ich kann einfach nicht aufhören! (Eva hält sich die Ohren
zu.) Ich hör' mich schreien und weiß nicht, warum! (Über diese
Entdeckung ist Eva ganz entsetzt.) Ich find' keinen Grund, warum ich
schrei', aber ich kann einfach nicht aufhören. (Eva scheint ganz
verzweifelt, sie fasst sich mit beiden Händen an die Schläfen.) Ich werd'
verrückt, ich hab' Angst, ich werd' verrückt! Ich könnt' immerzu schreien ...
nie mehr aufhören ... das macht mir so Angst ... ich schrei' und schrei' und
denk', warum kommt denn keiner? Irgend jemand müsste doch was tun, dass ich
aufhöre zu schreien ... warum tut denn keiner was, dass ich aufhöre? - Da geht
die Tür auf, und meine Mutter kommt. Irgendwie denk' ich, dass sie zu mir kommt
und mich in den Arm nimmt und ganz fest hält ... und dass dann alles gut wird.
- Ich weiß gar nicht, warum ich das denk' ... ich hab' mir es halt so oft schon
gewünscht ... (Eva beginnt zu weinen, immer heftiger, herzzerreißend). -
Mein Vater schickt sie wieder fort. Er sagt, dass ich nur schlecht geträumt
hab' und dass er sich schon um mich kümmert. Da geht sie wieder weg ... sie
geht einfach wieder weg ... (Evas Gesicht zeigt erst Entsetzen, dann Trauer,
gleich darauf wieder Apathie.) Ich hätte es mir denken können ... ich hätte
es doch wissen müssen, ich hätte es doch wissen müssen, dass mir keiner hilft.
Mir ist jetzt
alles so gleichgültig. Mein Vater schimpft mit mir, er sagt, ich bin böse, und
ich soll mich nicht so anstellen. Er gibt mir irgendwas zu trinken, dass ich
gut schlafe. Er macht mir die Beine auseinander und fängt an, mich zu
streicheln. Ich wehr' mich nicht ... ich kann mich nicht mehr dagegen wehren
... Ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr ... ich will nur meine
Ruhe. »So bist du brav«, sagt er, und dass ich jetzt ganz stillhalten
soll. (Eva beginnt zu wimmern und zu stöhnen.) Er tut mir weh, aber ich
halt' ganz still, obwohl es so weh tut. Er sagt immer wieder: »So bist du
brav, so hab' ich dich lieb.« Ich wein' nur ein bisschen, nur ganz leise
...
(Eva schläft
schließlich ein. Nach einiger Zeit wird sie unruhig und legt die Hand auf die
Stirn.) Mein Kopf tut so weh ... mein
Kopf tut so weh ... (Die Kopfschmerzen werden anscheinend immer stärker,
fast unerträglich. Dann beginnt Eva zu zittern, sie legt die Arme über der
Brust zusammen, zieht den Kopf ein, atmet schnell und flach.) Es ist so
kalt ... so kalt ... es ist alles so weit weg ... Sie sollen mich in Ruhe lassen,
sie sollen mich in Ruhe lassen! Jemand hält meinen Arm fest ... Er soll mich in
Ruhe lassen, aber ich kann's ihm nicht sagen. Ich versuch' mich zu wehren ...
er sagt, dass es gleich besser wird. (Eva streckt den linken Arm neben dem
Rumpf aus und zuckt plötzlich zusammen.) Und dann tut's weh. Warum tun sie mir
dauernd weh? (Sie fasst sich mit der rechten Hand an die linke Armbeuge,
offensichtlich hat sie dort eine Injektion bekommen. Bald darauf schläft sie
wieder ein. Als sie später erwacht, hat sie keine Kopfschmerzen mehr, ist aber
noch benommen. Sie kann sich nicht mehr daran erinnern, was geschehen ist. Sie
muss einige Tage im Bett bleiben, der Arzt kommt noch ein paar Mal und gibt ihr
Medizin.)
Glückliche Tage in M. (9. Lebensjahr)
Es sind Sommerferien. Eva ist 8 Jahre
und 4 Monate alt.
Ich darf mit meinen Großeltern nach M.
fahren, zu meiner Tante und meinem Onkel (Eva strahlt übers ganze Gesicht).
Meine Brüder sind so sauer (sie lacht), weil ich mit darf und sie nicht ... Ich
hab' bis zum Schluss Angst gehabt, ich muss doch dableiben. Aber jetzt sind wir
weggefahren ... zwei Wochen wollen wir dort bleiben.
Irgendwie bin ich müde ... ich war immer
so schrecklich müde, bevor wir hierher gefahren sind ... (Eva meint damit
wohl »erschöpft«, kennt aber dieses Wort noch nicht). Sie lassen mich
einfach in Ruhe, ich sitz' stundenlang auf der Schaukel oder an dem kleinen
Teich mit den Goldfischen ... ich will einfach nur dasitzen ... Manchmal
bekomm' ich plötzlich Angst, und dann fällt mir ein, dass er ja weit weg ist
... dann hab' ich keine Angst mehr ... ich kann abends ins Bett gehen und
schlafen ... so nach und nach verschwindet die Angst.
Ich glaub', ich hab' in der ersten Woche
kein Wort mit ihnen geredet (Eva lächelt anhaltend) ... sie lassen mich einfach
in Ruhe ...
Und dann ist die Angst weg ... Ich
glaub', ich hab' alles vergessen ... ich kann lachen und reden. Sie sind lieb
zu mir ... sie sagen, dass ich hier bleiben soll ... sie haben ein Kind, aber
kein Mädchen ... sie hätten gern eines, so ein braves Mädchen, wie ich bin ...
irgendwie verwirrt mich das ... daheim sagen sie immer, dass ich böse bin ...
Sie schenken mir Sachen, und ich muss gar nichts dafür tun ... meine Tante
spielt mit mir (jetzt lächelt sie wieder und wirkt glücklich) ... ich
hab' wirklich alles vergessen ... ich brauch' auch die Schaukel nicht mehr ...
Ich kann lachen und reden und springen ...
Dann fahren wir nach Hause. Ich freu'
mich sogar auf zu Hause - ich rede und erzähl' den ganzen Abend. - Am nächsten
Tag ... meine Mutter ist nicht da ... da ist plötzlich mein Vater. Er sagt, ich
soll mitkommen. Ich sag', dass ich (sie lacht) ... komisch ... ich weiß
gar nicht, was er von mir will. Ich sag', dass ich keine Zeit hab', dass ich zu
meiner Freundin will, ihr erzählen, wie schön es war ... da wird er irgendwie
ärgerlich ... er sagt, dass es wohl zu schön war, dass es mir wohl zu gut
gegangen ist - ich weiß gar nicht, was er damit meint ... ich hab' immer noch
keine Angst ... mir ist nur irgendwie komisch. Er sagt nochmal,
ich soll mitkommen. (Eva schüttelt den Kopf.) »Ich will doch zu
meiner Freundin.« Da ... da (Eva zuckt zusammen, erstarrt, reißt
entsetzt die Augen weit auf) ... da wird er wütend - ich erschreck' so! (Sie
legt die Arme schützend um den Kopf.) Er schlägt auf mich ein und schreit -
ich bin so erschrocken ... ich hab' doch gar nichts getan ... ich wollt' ihn
doch gar nicht ärgern ... ich, ich weiß gar nicht, was ist ... ich hab' gar
nicht mitbekommen, dass er wütend geworden ist, ich hab' immer gelacht und gesagt,
dass ich keine Zeit hab' und weg muss ... auf einmal schlägt er mir ins Gesicht
... es ging so schnell ... ich spür' noch nicht mal, dass es weh tut, ich bin
so erschrocken ... er schreit, dass er mir erst wieder beibringen muss zu
gehorchen, dass ich wieder tu', was er will. Er zerrt mich ins Schlafzimmer -
und plötzlich weiß ich wieder alles (da ist auch wieder das Entsetzen in
ihrem Gesicht) ... plötzlich ist alles wieder da! Und ... und jetzt ist
auch die Angst wieder da!
Er sagt, ich soll mich ausziehen ...
jetzt widersprech' ich ihm nicht mehr ... jetzt weiß
ich wieder, dass ich tun muss, was er will ... Wie ich mich auszieh', seh' ich, dass er seinen Gürtel aus der Hose zieht
... »Du bist schon immer ein böses Mädchen gewesen und wirst es immer bleiben!« -
Dann fängt er an, mich zu schlagen. »Weißt du, was du bist? Weißt du,
warum ich dich bestrafen muss?« - »Ein böses Mädchen, ein böses
Mädchen, ich bin ein böses Mädchen ... (Eva wiederholt ständig diese Sätze,
wie um ihn zu beschwichtigen, während er auf sie einschlägt.). Ich weiß gar
nicht, ob ich das glaub', ob das stimmt ... plötzlich ist da die Erinnerung,
dass sie gesagt haben, ich bin brav ... jetzt ist es wieder so wie vorher ... (Eva
weint herzzerreißend.) - Er fragt, ob ich lieb sein will. (Eva nickt
anhaltend. Langsam wird sie ruhiger, wirkt erschöpft.)
Ich muss mich ins Bett legen ... er
streichelt mich (immer wieder verzerrt sich ihr Gesicht vor Schmerz, sie
krallt die Hände ins Kissen) ... er tut mir weh, so weh! Ich soll ihn auch
streicheln (immer wieder Schmerzzeichen) ... er stöhnt ... er stöhnt ...
und dann ... (Eva spreizt ihre Finger und hält die Hände von sich, voller
Ekel.) - Ich zieh' mich an ... »Jetzt kannst du zu deiner Freundin
gehen!« (Eva weint still vor sich hin.) Jetzt ... jetzt will ich
nicht mehr ... (sehr traurig). - Es war zu schön ... es war zu schön ...
es darf nicht zu schön sein ... ich bin ein böses Kind ... es darf nicht zu
schön sein ... immer, wenn es schön ist, kommt danach ... Es hätte nicht so
schön sein dürfen ... Ich hatte wirklich alles vergessen ... Ich hab' es doch
gewusst, dass es niemals aufhört ... es war zu schön ...
Nach Abschluss der Arbeit an diesem
Protokoll sprechen wir darüber, auf welch merkwürdigem »Umweg« wir in
der Therapie zu diesem Geschehen gelangt waren: Ich wollte Eva zur Abwechslung
und als Erholung von der vorangegangenen anstrengenden Arbeit einmal ein
angenehmes Ereignis wiedererleben lassen. So waren wir zu einem Nachmittag
gekommen, den Eva mit 34 Jahren während eines Urlaubs in der Provence mit ihrer
Freundin bei einer alten Kapelle verbracht hatte. Während dieser ganz besonders
schönen Stunden wird Eva immer wieder und scheinbar ohne Grund traurig und
ängstlich. Eva meint, sie habe »ein bisschen ein schlechtes Gewissen«. Am Ende
geschieht etwas ganz Bezeichnendes: »Bevor wir wieder wegfahren, pflücken
wir noch Lavendel. Ich schneide mir die Finger auf ... es blutet und brennt
fürchterlich. Da kommt mir plötzlich der Gedanke: Das geschieht dir ganz recht!
Es ist dir irgendwie zu gut gegangen!«
Auf der Suche nach einer entsprechenden
Erfahrung, die sie irgendwann einmal gemacht haben musste, und nach dem Grund
für die vorbeugende Selbstbestrafung waren wir dann zu den »schönen Tagen
in M.« gekommen.
Evas abschließender Kommentar am Ende
der Arbeit zeigt, wie sehr sie die früher gemachten Erfahrungen verallgemeinert
hatte: »Komisch, wenn es irgendwo schön ist, dann wart' ich schon immer
darauf, dass da jetzt was passiert. Und dann ist es wieder okay.«
Garten ohne Blumen
Seit dem letzten Geschehen sind einige
Monate vergangen, in denen der Vater Eva unbehelligt gelassen hat. Dafür
scheint es, wie man aus dem Folgenden ableiten kann, einen besonderen Grund zu
geben, der uns jedoch unbekannt geblieben ist. Vermutlich ist die Mutter doch
einmal energisch eingeschritten. Für diese