Sexuelle Gewalt
von Siegfried Petry

  

Teil 1   Teil 2   Teil 3 

Point of no Return

Ich muss zu meinem Vater kommen, und ich hab' Angst. Er ist in seinem Büro neben der Wohnung. Er sagt, er hat schon auf mich gewartet. Er schließt die Tür hinter mir ab, und da weiß ich, jetzt kann ich nicht mehr weg. Er sagt, er muss mich wohl wieder einmal bestrafen, weil ich immer noch so trotzig bin. (»Ist da irgend etwas vorgefallen?«) Ja, irgendwas war da an dem Tag ... ich war so wütend auf ihn ... irgendwas wollt' ich absolut nicht tun ... ich wollte es einfach nicht tun, weil er es wollte ... und deshalb muss er mich bestrafen. Er sagt, dass er mir den Trotz schon austreiben wird ... (Eva schüttelt trotzig den Kopf und ballt die Faust.) Komisch ... ich hab' Angst, aber ... irgendwie denk' ich, das schafft er nicht! Er kann mich schlagen und alles Mögliche mit mir machen, aber irgendwo bin ich stärker als er (Eva freut sich offensichtlich). Ich nehm' mir einfach vor, dass er mich nicht klein kriegt ... (wird ernst) ... es ist verdammt anstrengend ...

Ich muss mich ausziehen, und dann muss ich mich über die Couch legen. Ich weiß schon, was er will, irgendwie kenn' ich es einfach schon ... Er steht da mit einem Stock in der Hand, und dann fängt er an, mich zu schlagen (Evas Gesicht verrät starke Schmerzen, sie zuckt bei jedem Schlag zusammen, sie wimmert und stöhnt, beißt aber die Lippen zusammen und bemüht sich sichtlich, nicht zu schreien). Ich soll ... ich soll ... (sie setzt mehrfach zum Sprechen an, unterbricht sich aber immer wieder, schüttelt energisch den Kopf und macht ein trotziges Gesicht. Sie will offenbar nicht wiederholen, was ihr Vater sagt, so, als sei das bereits eine Einwilligung). Ich werd' ihn nicht bitten, ich werd' ihn nicht bitten, und wenn er mich totschlägt! (Immer wieder heftiges Kopfschütteln.) 

»Du bist ja immer noch trotzig! Willst du jetzt lieb sein, oder willst du noch mehr Schläge?« - (»Was will dein Vater denn von dir?« Erst nach mehrfachem Nachfragen bringt sie mühsam hervor:) Ich soll ihm sagen, dass ich ... dass ich ... (reißt sich an den Haaren) in Zukunft lieb sein will ... und (Kopfschütteln) ... und nicht mehr trotzig bin. Ich ... ich soll ihn ... ich soll ihn drum bitten ... wenn ich ihn ... (sehr mühsam) ... wenn ich ihn ganz brav drum bitte, dann hat er mich wieder lieb, und dann kann er aufhören, mich zu schlagen. (Eva wird wütend:) Er weiß ganz genau, wie ich es hasse zu bitten (voller Trotz), absolut hasse. Er will mich .. nur klein kriegen ... er macht mich so wütend ... ich werd' ihn nicht darum bitten! - Dann schlägt er mich weiter, und es wird immer schlimmer ... es tut so weh ... er tut mir so weh! (Der Vater schlägt unentwegt auf sie ein, sie wimmert und stöhnt und beißt sich auf die Lippen. Schließlich gibt sie doch auf.) »Bitte ... bitte ... (sehr traurig, gebrochen, ganz leise:) »Ich will lieb sein ... ich werd' ganz lieb sein« ... Ich soll ... ich soll es ganz laut und deutlich sagen ... Ich hab' solche Angst ... er steht da mit dem Stock in der Hand ... und da (sehr widerwillig) da sag' ich es: »Bitte, bitte, ich will ganz lieb sein!« (Eva ist völlig erschöpft, sie weint still vor sich hin und schämt sich anscheinend vor sich selbst, dass sie kapituliert hat.)

Ich will ... (schon wieder trotzig) ich will nicht weinen, er soll nicht merken, wie sehr er mir weh tun kann ... Wenn ich ihm nicht zeig', dass er mir weh tut, dann hab' ich das Gefühl, ich verderb' ihm den Spaß. Er zieht seine Hose aus ... da weiß ich, was jetzt kommt. Ich muss mich auf die Couch legen. »Jetzt kannst du gleich beweisen, dass du ganz lieb bist!« Er kommt zu mir und streichelt mich und sagt, dass es doch so schön ist ... und ... dann legt er sich auf mich ... ich hab' so Angst ... (plötzlich wieder Zeichen heftiger Schmerzen, ihr Atem stockt, sie stöhnt und presst die Lippen zusammen). Er tut mir so weh ... er tut mir so weh ... (Eva stöhnt und zittert minutenlang. Plötzlich liegt sie ganz ruhig, wie bewusstlos.)

Er steht auf und zieht sich an und sagt, dass ich jetzt gehen kann. Ich ... ich fühl' mich so total leer ... Ich zieh' mich an, und dann sagt er noch, dass ich niemandem was sagen darf ... Irgendwie ist mir sowieso alles gleichgültig, ich will nur allein sein ... allein sein. Ich geh' in mein Zimmer und ich setz' mich auf mein Bett und verkriech' mich in eine Ecke ... irgendwie hab' ich das Gefühl, als würde alles um mich herum immer weiter verschwinden ... ich bin einfach irgendwie ganz weit weg (lächelt), als wär' ich gar nicht mehr da ... es ist unheimlich schön ... so ruhig und friedlich, und niemand ist da, der mir weh tut ... (Plötzlich .wird Eva unruhig, irgend etwas scheint ihr unangenehm zu sein.)  

Da ist irgendwo die Stimme meiner Mutter ... (hält sich die Ohren zu), ich will sie nicht hören ... sie gehört nicht hierher ... ich will, dass sie verschwindet ... Sie ruft immer wieder, und ich merke, dass ich immer mehr in die Wirklichkeit zurückkomme ... Dann ist sie da und schimpft, dass ich nicht gekommen bin ... Ich hab' das Gefühl, ich muss mich zusammennehmen, ich muss mich zusammennehmen ... ich möcht' wieder ... ich hab' so Sehnsucht danach, wieder wegzugehen ... es geht irgendwie auch ganz einfach; wenn ich mich nicht dagegen wehre, dann geschieht es einfach ... Ich hab' das Gefühl, es zieht mich immer wieder da hin ... (Eva ist ganz ruhig und entspannt). Es ist so schön und so friedlich ... und alles andere ist einfach weg ... (Auf einmal wird Eva mehr und mehr unruhig). Irgendwie hab' ich plötzlich das Gefühl, ich muss aufpassen ... ich kriege Angst ... es ist gefährlich ... (sie wird traurig), es ist so schön ... es ist so schön, und ich will nicht zurück, es ist so schön ... (beginnt zu weinen), ich muss zurück ... ich muss zurück ... (wird wieder unruhig) ... ich weiß nicht, wenn ich da so weggehe, ist es unheimlich schön, aber ich hab' das Gefühl, da kommt irgendwann so das absolute Nichts ... ich hab' Angst, dass ich da irgendwo aufhöre zu existieren (zittert) ... dann muss ich wieder zurück (wird traurig) ... es ist schwer, da wieder wegzugehen (weint) ... ich weiß, wenn ich zurückgehe, dann ... dann geht alles so weiter wie bisher ... (Eva macht fahrige Bewegungen mit den Händen, reißt dann plötzlich die Augen auf, voller Angst und schreckensstarr, beginnt schließlich heftig zu weinen.) Ich muss zurück, aber ich will nicht! Ich möchte dort bleiben ... es ist so schön ... und gleichzeitig weiß ich, dass es gefährlich ist ... dass ich nicht dableiben darf! Ich muss zurück! - Ich will einfach leben! Und irgendwie hab' ich das Gefühl, ich kann noch kämpfen.

 

... dann bring' ich ihn um!

Mein Vater ruft mich, ich soll zu ihm kommen. Ich hab' Angst und fühl' mich so hilflos, aber ich muss ihm gehorchen. Ich geh' zu ihm ins Schlafzimmer, und er schließt die Tür hinter mir ab. »Zieh dich aus! - Leg dich aufs Bett, ich will mit dir schlafen.« - »Ich will nicht, ich will nicht!» Da wird er wütend und schlägt mich ins Gesicht. »Dir werd' ich helfen! Du tust, was ich will!« Er schlägt mich einfach. Er ist so wütend, und ich hab' Angst, er schlägt mich tot. Ich trau' mich nicht mehr, mich zu wehren, und dann tu' ich, was er will. Er legt sich auf mich und ... er tut mir so weh, und ich kann nichts dagegen tun, ich muss einfach warten, bis es vorbei ist ... Irgendwann ist es vorbei, und ich ... ich ... ich ... (Eva ist völlig erschöpft). »Hast du endlich begriffen, du gehörst mir! Du bist nur dazu da, dass ich dich benützen kann, sonst bist du zu nichts wert! Hast du verstanden?« (Eva nickt nachdrücklich mit dem Kopf.) Ich sage »ja«, ich sage zu allem »ja«, ich habe solche Angst. Ich versuche auch, das zu begreifen und mich nicht mehr dagegen zu wehren. Ich will mich endlich damit abfinden. Wenn er es doch sagt! Er ist doch mein Vater! Ich nehme mir vor, mich endlich damit abzufinden ... aber ich kann es nicht! Ich kann mich nie damit abfinden ... aber ich kann auch nichts dagegen tun ... Wenn ich es schaffe, mich damit abzufinden, wäre vielleicht alles gar nicht so schlimm, aber ich kann es nie ganz. - »Jetzt nimm dich zusammen! - Du weißt, dass du niemandem ein Wort sagen darfst, sonst schlag' ich dich tot! - Und jetzt verschwinde!«

Ich nehm' meine Kleider und geh' ins Bad und wasch' mich; ich komm' mir so schmutzig vor. Dann zieh' ich mich an und geh' fort. Ich weiß nicht, wo ich hin will, ich will nur weg von hier. Ich laufe einfach durch die Gegend. Ich fühle mich so allein, und ich will nicht mehr heim. - Irgendwann bin ich am Fluss unten. Ich sitz' ganz lang da und schau' in das Wasser. Ich müsste mich bloß reinfallen lassen. Ich hab' das Gefühl, als würde mich das Wasser anziehen. Aber es ist gleichzeitig unheimlich. Ich denk', ich muss weg hier, doch ich kann nicht. Ich glaub' ... ich glaub', wenn ich tot bin, hab' ich endlich meine Ruhe, und doch hab' ich so Angst davor. Ich kann mich nicht entscheiden. Ich bleib' einfach da sitzen. - Es wird kalt, und ich friere. Aber ich hab' das Gefühl, ich kann einfach nicht weg. Wenn ich weggehe, dann geht alles so weiter. Und wenn ich mich da reinfallen lasse, dann ist alles ... ich weiß nicht, ich hab' die Vorstellung, dass es dann ewig dunkel ist. Und davor hab' ich Angst. Ich sitz' da ganz lang und weiß einfach nicht, was ich tun soll.

Dann fängt es an dunkel zu werden. Ich möcht' am liebsten einfach da sitzen bleiben, aber ich muss nach Hause. - Es wird dunkel, und dann geh' ich halt doch nach Hause. Ja, ich geh' nach Hause, und ich weiß, es wird alles so weitergehen. Ich gehe nach Hause, aber ich hab' mich nicht dafür entschieden, dass ich weiterleben will. Ich hab' das Gefühl, ich hab' es erst mal aufgeschoben. - Als ich nach Hause komme, ist da meine Mutter und schimpft. Sie will wissen, wo ich war und warum ich so spät komme. Ich ... ich ... (hilflos und verzweifelt) ich kann es ihr doch nicht erklären, ich darf ihr doch nichts sagen. Ich steh' nur da und sag' gar nichts. Sie wird böse und schimpft mich. Sie sagt, ich mach' ihr nur Ärger. Ich soll verschwinden, sie will mich nicht mehr sehen. - Ich geh' ins Bett. Ich bin traurig und fühl' mich so alleingelassen. Immer schickt sie mich weg ... Auf einmal geht die Tür auf, und da ist mein Vater. »Hast du irgend jemand was erzählt?« (Heftiges, angstvolles Kopfschütteln.) 

»Ich hab' nichts gesagt, ich sag' nichts!« - »Du weißt, ich bring' dich um, wenn du was sagst!« Dann geht er wieder. (Nach einer Weile wird Eva unruhig und beginnt sich heftig am Arm zu kratzen.) Ich ... ich ... ich will mir weh tun! (»Warum?«) Ich will mich bestrafen! (»Wofür?«) Irgendwie bin ich schuldig. (»Wie?«) Ich bin böse! ( »Was tust du Böses?«) Keiner hat mich lieb. Wenn ich nicht böse wäre, hätten sie mich lieb. (Eva weint. Sie krümmt ihre Finger, und ihre rechte Hand wird wie eine Kralle.) Ich muss mich bestrafen! Ich zerkratz' mir das Gesicht. Irgendwie bin ich auch wütend, aber ich weiß nicht, auf wen. Wahrscheinlich bin ich schuld. - Ich will mir einfach weh tun. Ich zerkratz' mir das Gesicht. - Es reicht nicht, es reicht nicht! Es tut nicht genug weh. Es blutet, aber es reicht nicht, es reicht nicht! Ich brauch' irgendwas, womit ich mich mehr verletzen kann. Ich steh' auf und hol' mir das Messer. Es gehört meinem Bruder. Ich hab' es mir genommen und in meinem Zimmer versteckt. Ich hab' es schon oft mit ins Bett genommen und hab' es aufgeklappt und angeschaut und mir vorgestellt, dass ... wenn er wieder kommt, dann bring' ich ihn um! Wenn er mich noch einmal anfasst, bring' ich ihn um! Dafür hab' ich mir das Messer genommen. Ich hab' so einen Hass auf ihn. Er macht mit mir einfach, was er will. Ich ... ich ... wenn er mich noch einmal anfasst ... Ich glaub', ich will auch gar nicht mir weh tun, ich will ihm weh tun! Ich bin wütend und will ihm weh tun ... und dann tu' ich mir selber weh. Ich nehm' das Messer und schneid' mir in den Arm. - Das tut auch nicht genug weh, und ich bin immer noch wütend. Ich bin wütend und weiß nicht, was ich mit dieser Wut machen soll. Dann schneid' ich mir immer wieder in den Arm, aber ich spür' überhaupt nichts, ich schau' mir einfach dabei zu. Es blutet ... (Nach einiger Zeit beginnt Eva, mit dem Daumennagel wie mit einer Klinge über die Pulsadern am linken Handgelenk zu schneiden.) Ich müsste eigentlich hier schneiden. Dann wär' alles vorbei, und dann könnte mir niemand mehr weh tun. Aber ich hab' Angst davor. Irgendwie hab' ich Angst davor, tot zu sein. (Plötzlich zeigt sie Anzeichen von Schmerz.) Jetzt fängt der Arm an, weh zu tun. - Da kommt mein Vater. Ich hab' Angst vor ihm, und ich bin wütend auf ihn. Ich nehm' das Messer wieder in die Hand (sie beugt den rechten Arm, als ob sie zustechen wolle). Ich will nicht, dass er näher kommt. Aber er kommt immer näher. Ich will mich wehren und will ihm weh tun und ... irgendwo hab' ich das Bild, dass ich auf ihn einsteche, immer wieder und immer wieder. Umbringen möcht' ich ihn! Er hat mir so oft gedroht, dass er mich umbringt, und seit ich das Messer hab' ... ich will einfach auf ihn einstechen, immer wieder. Und ich versuch' auch zuzustechen ... aber er ist so viel stärker als ich, er hält einfach meine Hand fest und nimmt mir das Messer ab. Er ist wütend und schlägt mich. Er weiß genau, was ich wollte. Er schlägt einfach zu, immer wieder. »Das wirst du mir büßen! Jetzt ist der Spaß vorbei, in Zukunft hast du nichts mehr zu lachen!« - Komisch, ich weiß, dass das stimmt, dass es nachher noch viel schlimmer ist. - Immer wieder schlägt er zu, und irgendwo schlag' ich mit dem Kopf hin. Ich schrei', und da kommt meine Mutter. »Was ist hier los?« - »Sie ist verrückt! Sie ist mit dem Messer auf mich losgegangen!« - Vielleicht hat er Recht, vielleicht bin ich wirklich verrückt? Es verwirrt mich so, vielleicht bin ich wirklich verrückt. - Meine Mutter ist jetzt auch wütend. »So geht das nicht weiter! Es muss was geschehen, es muss irgendwas passieren!« Es klingt wie eine Drohung. Ich denke, die machen jetzt irgendwas mit mir, und kriege Angst. – Schließlich wäscht irgendjemand das Blut von meinem Arm ab und verbindet ihn. Ich hab' das Gefühl, sie sind böse auf mich. Mir ist alles gleichgültig. Es tut auch fast nicht mehr weh.

Es ist Morgen, und ich bin wach. Ich hör' sie alle draußen. Weil keiner kommt, weiß ich, dass etwas anders ist als sonst. Keiner kümmert sich um mich, und ich trau' mich nicht, aufzustehen und zu ihnen zu gehen. Ich hab' Angst davor, was jetzt geschieht, was sie jetzt mit mir machen. Ich warte einfach und hab' Angst. Ich höre, wie meine Brüder weggehen. Dann geht auch mein Vater weg, und ich bin immer noch allein und weiß nicht, was ist ... Irgendwann kommt meine Mutter. Ich trau' mich nicht zu fragen, was jetzt geschieht, und sie redet nicht mit mir. Ich soll aufstehen und mich anziehen. Ich weiß gar nicht, wo sie mit mir hin will. Es ist so ruhig, sie redet nicht, und ich rede nicht. Irgendwann geht sie mit mir weg, und ich weiß immer noch nicht, wohin. Das ist das Unangenehmste, dass sie nicht mit mir redet. Ich hab' so Angst! 

Wir gehen in irgendein Haus. Ich überlege, ob ich nicht einfach wegrennen soll. Doch ich weiß nicht, wohin. Dann gehe ich halt mit ihr. Ich weiß immer noch nicht, wo wir sind. - Dann sind wir in einem langen Gang mit Stühlen an den Seiten und müssen erst mal warten. Nach einiger Zeit lässt meine Mutter mich allein. - Auf einmal schreit ein Kind. Da bekomme ich unheimliche Angst. Ich denke, sie tun ihm weh, und als nächstes holen sie mich und tun mir auch weh. Ich möcht' am liebsten weglaufen, aber ich kann das nicht. Ich bin irgendwie wie gelähmt, ich kann einfach nicht weg. Ich schaff' es einfach nicht. - 

Dann holen sie mich. So langsam bekomme ich mit, dass wir bei einem Arzt sind. Doch ich weiß immer noch nicht, was sie vorhat. - Ich kenne den Arzt nicht. Ich soll erzählen, was los ist. Er will wissen, warum ich das getan hab'. Er weiß, dass ich mit dem Messer auf meinen Vater los bin. - Ich darf es doch nicht sagen, ich darf es doch nicht sagen! (Eva ist ganz verzweifelt.) Ich sag' einfach gar nichts, doch dann glauben immer alle, ich wär' trotzig. - Dann redet meine Mutter über mich, und das ist mir sehr unangenehm. Es stimmt nicht, was sie sagt. Ich will sie nicht hören! Es stimmt so nicht! Es stimmt nicht! Aber ich kann's doch nicht erklären! - Dann schicken sie mich raus, und ich muss einfach warten, was sie beschließen. Irgendwann ruft er mich wieder rein. Meine Mutter ist nicht mehr im Zimmer. Darüber bin ich eigentlich ganz froh. Er macht den Verband vom Arm ab, und das tut weh. Er fragt, ob ich ihm nicht sagen will, warum ich das gemacht hab'. Da fang' ich zu weinen an, und er lässt mich einfach weinen und schimpft nicht. Es ist schön, dass keiner sagt, dass ich endlich aufhören soll. Er nimmt mich in den Arm und lässt mich weinen. Und für einen Moment fühle ich mich vollkommen sicher. Er fragt noch mal, ob ich ihm nicht erzählen will ... (Eva presst die Lippen heftig zusammen). Und warum ich so traurig bin, ob mir jemand was getan hat. Aber ich darf ihm doch nichts sagen! Dann gehen wir wieder nach Hause, und ich weiß immer noch nichts. Sie redet nicht mit mir, sie sagt mir einfach nichts. Ich weiß nicht, was sie mit mir tun wollen.

Dann muss ich immer diese Tabletten nehmen. Ich mag sie nicht nehmen. Sie sind eigentlich ganz klein, aber ich mag sie nicht. Mir ist dann immer alles so gleichgültig, und ich bin immer müde. Ich hoffe immer, dass sie sie vergisst, aber das passiert selten. Und immer, wenn ich denke, jetzt sind die Tabletten alle, sind wieder neue da. (»Wie oft etwa?«) Sieben- oder achtmal. ( Warst du inzwischen noch mal bei dem Arzt?«) Nein. - Vor allem früh mag ich sie nicht nehmen. Abends muss ich sie auch nehmen. (Nach einer Weile wird Eva sehr unruhig und beginnt zu zittern.) Ich hab' fürchterlich Angst. Die Angst kommt immer wieder. Und dann sind da diese blöden Tabletten. Wenn ich sie genommen hab', kann ich überhaupt nicht richtig denken ... und bin so müde. Und irgendwann kommt dann die Angst wieder. Ich weiß gar nicht, wovor ich Angst hab'. Ich weiß nicht ... ich weiß nur, dass es immer am Nachmittag und Abend ist, dass ich Angst hab', und dann bin ich immer froh, wenn ich ins Bett darf. Dann geben sie mir noch eine Tablette, und dann schlaf' ich. - Ich weiß, dass ich die Tabletten lange Zeit nehmen muss und dass es ganz schrecklich ist. Nichts macht mir mehr Freude. Immer ist da dieses komische Gefühl von den Tabletten - oder die Angst. Irgendwann fange ich an, diese Tabletten zu erwarten, und irgendwie werde ich immer stiller und hab' das Gefühl, die anderen kommen gar nicht mehr an mich heran. Nur mein ... nur mein Vater, der kommt und tut mir immer weh. Ich glaube, er hat es darauf angelegt, mir weh zu tun, es macht ihm Spaß.

Irgendwie sind die Tage alle gleich. Irgendwie bin ich überhaupt nicht mehr da. Ich bin schon da, aber irgendwie bin ich total allein. Komisch, die anderen sind zwar da, aber ich bin wie unter einer Glasglocke. Ich rede einfach nichts mehr und bin immer weiter weg.

Dann - irgendwann - ist es aus. Es gibt keine Tabletten mehr. Irgendwann geben sie mir keine mehr, es sind keine mehr da. Ich ... (Eva beginnt heftig zu zittern und zu frieren) ich ... ich ... es ist, als würde diese Glasglocke verschwinden, und ich bin wieder mitten unter den ganzen Leuten, und alles ist so laut und macht mir Angst. Ich will diese Tabletten wieder haben! Ich habe Panik, weil die nicht mehr da sind, und irgendwie hab' ich das Gefühl, so die ganze Welt rückt wieder näher, es ist wieder alles so wie vorher. Mein Vater, er macht mit mir, was er will. Ich ... ich ... ich weiß nicht, wie ich ohne diese Tabletten zurechtkomme. Ich brauche diese Tabletten, ich halt' es sonst nicht aus. Irgendwie hab' ich keinen Schutz mehr. Ich hab' das Gefühl ... ich hasse es, wie die Welt immer näher kommt. Ich möchte alles von mir fernhalten. Zeitweise geht das, ich lass' niemand an mich rankommen. Doch dann kommt mein Vater ...

Ich ... ich weiß nicht, ich hab' da beschlossen, niemand mehr an mich herankommen zu lassen. (Eva liegt da wie eine aufgebahrte Tote, das Gesicht ausdruckslos, die Arme über der Brust gekreuzt, doch mit weit abgespreizten Fingern. Es ist ein schrecklicher Anblick. Auf meinen Versuch, auch nur ihre Fingerspitzen ganz leicht zu berühren, reagiert sie mit Panik und heftiger Abwehr.)

Dieses Protokoll aus Evas neuntem Lebensjahr scheint zunächst die Mitwisserschaft der Mutter, für die es in früheren Protokollen zahlreiche Hinweise gibt, wieder in Frage zu stellen: Hätte die Mutter es gewagt, mit Eva einen Arzt aufzusuchen, wenn sie die Gründe für deren auffälliges Verhalten gekannt hätte? Andererseits enthält dieses Protokoll einen weiteren Hinweis auf die Komplizenschaft der Mutter: Sie erzählt in Evas Beisein dem Arzt Unwahrheiten — was wird sie ihm erst gesagt haben, als sie mit ihm allein war?

Doch warum ist sie mit Eva zum Arzt gegangen? Sollte dies ein verzweifelter Appell oder eine Drohung an den Vater sein? Ist es ein Zeichen ihrer eigenen Hilflosigkeit und Überforderung? Oder einfach der Rückgriff auf das gängige Verfahren, ein Problem scheinbar zu beseitigen, indem man diejenige ruhigstellt, die lästigerweise immer wieder darauf aufmerksam macht? Vielleicht von all dem etwas, und das auf dem Untergrund einer gehörigen Portion Dummheit und im Vertrauen darauf, dass Eva schon genügend eingeschüchtert ist und nichts verraten wird? (Oder wurde die Mutter einfach von dem Ansinnen des Arztes überrascht, mit Eva allein sprechen zu wollen?) Dazu mag noch jenes Quäntchen (oder Quantum) Irrationalität kommen, das so oft menschliches Handeln mitbestimmt.

Die Frage, ob die Mutter von den Misshandlungen Evas wusste, konnte nie definitiv entschieden werden. Eva hat mit ihrer Mutter auch später nie darüber gesprochen; und ob diese dann die Wahrheit gesagt hätte, ist höchst ungewiss. Für Evas subjektives Erleben ist die Antwort ohnehin gleichgültig: Eva war seinerzeit fest davon überzeugt (und ist es noch immer), dass die Mutter von den Vorgängen wusste und sie geduldet hat. Dies allein ist dafür entscheidend, wie sehr Eva sich hilflos, verlassen, verloren fühlen musste.

Erschütternd ist das Verhalten des zunächst so sympathisch und einfühlsam wirkenden Arztes. Er war bald auf der richtigen Spur und kann daher nicht einfach als naiv gelten - und doch unterließ er selbst eine nur oberflächliche Untersuchung Evas auf Spuren von Misshandlungen, von einer gynäkologischen Untersuchung ganz zu schweigen. Statt dessen verschrieb er, vermutlich ganz im Sinn der Mutter, über viele Wochen hinweg immer wieder Psychopharmaka, ohne sich die kleine Patientin noch einmal vorstellen zu lassen, wodurch Eva schließlich süchtig wurde.

 

Ich bin schuld (10. Lebensjahr)

Es ist Frühjahr; Eva geht in die 3. Klasse. Sie ist also gerade neun Jahre alt.

Ich spiel' auf der Straße, da kommt mein Vater und sagt, dass ich mitkommen soll und dass wir nach X. zu meinen Großeltern fahren und meine Mutter abholen. — Wir fahren los ... auf einmal merk' ich, dass wir zu diesem Haus fahren (Eva beginnt zu weinen, dann wird sie wütend und ballt die Fäuste). Er hat mich wieder angelogen! Ich glaube ihm nicht mehr ... ich werde ihm nie mehr glauben!

Ich muss mit ihm in dieses Haus gehen und muss mich ausziehen. Es geht ihm nicht schnell genug. Ich soll mich beeilen, sagt er, er hat nicht viel Zeit. Ich zieh mich aus ... er sagt dauernd, ich soll nicht so langsam machen. »Komm her!« - »Nein, nein!« (Eva sagt das sehr energisch und schüttelt sehr bestimmt den Kopf.) Ich will das nicht tun, ich tu' das nicht! (Eva bedeckt den Mund mit dem Handrücken.) Er wird wütend und schreit mich an: »Komm sofort her!« — »Ich will nicht, ich will nicht! Ich tu's nicht, nein, nein!« — »Zum letzten Mal: Komm her!« Er wird immer böser, und ich hab' so Angst vor ihm. (Eva schüttelt nur noch den Kopf.) — 

»Du willst es wohl nicht anders!« Er geht und holt ... (Evas Atem stockt) er holt die Peitsche. »Nein, nein, nicht, nicht!« — »Schau sie dir an! Wir wollen doch mal sehn, ob du nicht doch tust, was ich will!« Ich ... ich geh' immer weiter zurück, ich will weg von ihm, aber er geht mir nach. Jetzt kann ich nicht mehr weg, da ist die Wand ... und er steht vor mir (sie zittert vor Angst). »Nein, nein!« - »Dreh dich um!« - »Nein, nein!« Er packt mich und dreht mich um und dann ... dann »Au, au!« (Eva verzerrt das Gesicht vor Schmerzen. Der Vater schlägt sie etwa ein Dutzend Mal mit der Peitsche. Nach einigen Schlägen bricht Eva zusammen und kauert am Boden. Bei jedem Schlag zuckt sie zusammen, schreit auf, krümmt sich vor Schmerz und bittet immer wieder, er möge aufhören:) »Nicht! Ich tu' alles, ich tu' alles! Nicht mehr schlagen, bitte!« - »Tust du jetzt, was ich will?« (Eva nickt.) »Ja, ja, ich will alles tun!« - »Komm hoch, steh auf!« (Eva kann nicht aufstehen.) Er packt mich am Haar und zerrt mich hoch. (Eva öffnet den Mund. Sie kniet jetzt vor ihrem Vater.) Er packt meinen Kopf ... (Eva stöhnt und würgt, verzerrt das Gesicht vor Schmerz und Abscheu. Immer wieder zieht der Vater ihren Kopf an sich.) »Na, wie gefällt dir das? Willst du noch mehr?« Jetzt packt er meinen Kopf noch fester ... (Ihre Kopfbewegungen werden heftiger und schneller, sie bekommt keine Luft mehr, ächzt und würgt, läuft rot an. Schließlich schluckt sie einige Male voller Ekel.) »Warum nicht gleich so? Immer erst dieses Theater!« (Eva ballt die Fäuste und sagt erst leise, dann immer lauter, mit wachsender Wut:) »Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich!« 

Er lacht nur ... er lacht mich aus ... (sie wird sehr traurig und beginnt zu weinen). »Das ist mir egal! Hauptsache, du tust, was ich dir sage!« (Und nach einer kurzen Pause:) »Du hättest mich eben nicht wütend machen sollen!« (Dieser Satz beschäftigt Eva lange:) Jetzt bin ich wieder schuld! Ich bin schon immer an allem schuld gewesen! (Sie rollt längere Zeit verzweifelt den Kopf hin und her.) Ich bin selber schuld! Ich bin selber schuld. Ich bin schuld ... ich bin schuld ... (viele Male).

 

Niemand glaubt dir!

Ich komm' zu ihm in sein Büro ... ich will ihm nur was sagen und gleich wieder gehen, aber er hält mich fest. Ich soll ... (Eva erschrickt) ich soll ein bisschen bei ihm bleiben. Dann schließt er die Türe ab und sagt, dass er mich lieb hat und dass er mich braucht. Er soll mich loslassen! Er ... er fängt an, mich auszuziehen (Eva wehrt sich). »Du gehörst doch mir!« (Dieser Satz, den Eva schon so oft gehört hat, empört sie immer wieder aufs Neue.) »Ich gehöre doch nicht ihm! Ich kann doch niemandem gehören.«

Überall sind seine Hände ... ich will das nicht, aber er ist einfach stärker, und ich hab' so Angst vor ihm! Er sitzt auf der Couch, und ich steh' bei ihm ... seine Hände sind überall ... überall ... ich weiß nicht, was ich tun kann. (Evas Stimmung schwankt zwischen Hilflosigkeit, Verzweiflung und Empörung. Auf einmal platzt sie los:) »Lass mich! Lass mich! Ich sag' alles der Mama!« — Schon wie ich das sage, weiß ich, dass ich es nicht hätte sagen sollen. — Er wird böse ... er packt mich und hält mich ganz fest. Es tut so weh! Er hält mich so fest! Ich hab' so Angst vor ihm ... er hält mich so fest! (Eva reibt sich die Oberarme.) »Du wirst mit niemandem darüber reden, niemals! Hast du verstanden?« Ich hab' so Angst vor ihm (Eva zittert am ganzen Leib). »Es würde dir sowieso niemand glauben. Ich werde sagen, dass du lügst und dass du es gewollt hast. Jeder wird mir glauben, und dich stecken sie ins Heim, und da geht's dir schlecht ... da ist es besser für dich, du tust, was ich sage.« Er sagt, ich soll mich auf die Couch legen ... ich hab' Angst, ich hab' so Angst! Er legt sich auf mich. »Nein, nein, bitte nicht, bitte nicht!« (Eva fleht förmlich um Gnade.) »Stell dich nicht wieder so an!« Dann ... (Eva windet und krümmt sich nun minutenlang vor Schmerz, sie beißt die Lippen zusammen und ballt die Fäuste, drückt sich die Fingernägel tief in die Handflächen, wimmert und stöhnt.) Er tut mir so weh! Er tut mir so weh! (Dann liegt sie erschöpft still. Nach einigen Minuten beginnt sie sehr matt und traurig, fast unhörbar:) Ich ... ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr ... (Sie wiederholt diesen Satz viele Male, dann wird sie still. Nach einer Weile sagt sie ganz lethargisch:) Es ist alles so weit weg ... Ich zieh' mich an, aber es ist, als ob ich gar nicht da wäre. Er sagt, ich soll spielen gehen ... jetzt mag ich nicht mehr spielen. Ich geh' in mein Zimmer und leg' mich auf mein Bett. Es hört niemals auf ... es hört niemals auf ... niemals ... (Eva weint längere Zeit ganz verzweifelt.) Es wird immer so weitergehen ... immer weiter ... Immer weiter.

 

Strafe muss sein!

Gestern bin ich ihm weggelaufen. Er hat mich gerufen, ich soll zu ihm kommen, da bin ich weggelaufen ...

Heute holt er mich an der Schule ab. Am liebsten würd' ich wieder weglaufen ... es hat doch keinen Sinn ... ich kann doch nicht immer weglaufen, er kriegt mich ja doch. Ich geh' zu ihm und steig' ins Auto ... ich hab' Angst ... ich weiß, ich hätte nicht weglaufen dürfen. Er sagt kein Wort. Ich weiß schon, wo er hinfährt ... zu dem kleinen Haus. Ich hab' Angst, ich will da nicht rein! Ich will da nicht rein, aber ich kann gar nichts tun. Er schließt die Tür ab, damit ich nicht wieder weglauf'. »Weißt du auch, warum wir hier sind? Du weißt doch, dass ich dich bestrafen muss?" (Eva nickt angstvoll und traurig.) 

»Zieh dich aus und leg dich aufs Bett!« Er holt diesen ... diesen ... Lederriemen (Eva zittert vor Angst. Er beginnt sie zu schlagen. Eva zuckt bei jedem Schlag zusammen, krümmt und windet sich, beißt die Zähne zusammen. Ich zähle acht Schläge.) Es tut so weh, es tut so weh! »Ich tu's nicht wieder, ich tu's nicht wieder!« - »Hör auf zu heulen, es musste sein. Es muss weh tun, damit du es dir auch merkst!« - Ich denk', jetzt hab' ich meine Strafe bekommen, und wir können nach Hause gehn, und will aufstehn. »Bleib liegen! Ich bin noch nicht fertig mit dir. Der Spaß ist noch nicht vorbei!« Ich erschreck' so, ich hab' doch gedacht, jetzt hab' ich meine Strafe bekommen ... es war doch genug ... da fängt er an, mich festzubinden. Nein, nein, nicht, ich will es nicht! Ich versuch' mich zu wehren (Eva schlägt mit den Armen um sich), da wird er wütend. »Au, au, nicht so fest, nicht so fest!« Er bindet mich immer fester, immer fester ... (Eva krümmt und windet sich und schreit vor Schmerz.) Er sagt, ich soll den Mund halten und aufhören zu jammern ... dass ich selbst daran schuld bin. »Ich lass' dich jetzt allein, dass du in Ruhe nachdenken kannst, ob du mir noch mal davonlaufen willst.« Dann geht er weg und lässt mich einfach da liegen ... Ich versuch' es einfach nicht zu spüren ... Ich versuch' wegzugehen ... wo ich hingeh', da spür' ich nichts ... ich versuch' es, aber es tut immer mehr weh ... ich kann gar nichts tun ... es tut so weh... wenn ich nur irgendwas tun könnte ... (Eva hebt immer wieder einmal verzweifelt den Kopf, wirft ihn hin und her, macht den Rücken hohl, verzerrt das Gesicht, beißt sich auf die Lippen - die einzigen Bewegungen, die ihr möglich sind) »Au, au!« (In den nächsten Minuten verkrampfen sich ihre Finger wie Krallen.) - Es dauert so lang, so lang. Mir ist so kalt ... ich spür' meine Hände nicht mehr ... vielleicht kommt er gar nicht mehr?

Ich hätte nicht weglaufen dürfen ... ich bin selber schuld ...

Es ist so schrecklich kalt ... Ich glaub' jetzt ganz sicher, dass er nicht mehr kommt. Er lässt mich einfach hier liegen ... draußen scheint die Sonne und hier ist es ganz dunkel ... ich seh' die Sonne nie mehr und das Licht ... er kommt nicht mehr ... (Eva weint bis zur Erschöpfung).

Irgendwann geht das Licht an ... es ist schon vier Uhr ... (»Woher weißt du das?«) Da ist 'ne Uhr ... (»Weißt du, wann die Schule aus war?«) Um ein Uhr ... um zwei ist er weggegangen ... Er steht da ... er sieht so groß aus ... er macht mir Angst. Er ist so groß und ich so klein ... »Na, hast du nachgedacht, ob du noch mal weglaufen willst?« (Eva schüttelt den Kopf) — »Bitte, mach mich los, bitte, bitte, mach mich los!«  

»Wir müssen noch das von gestern nachholen!« Er zieht sich aus und legt sich auf mich. Er tut mir weh ... es tut so weh ... er soll aufhören ... (Eva krümmt und windet sich vor Schmerz.) Auf einmal hört er auf ... dann kniet er sich über mich und packt meinen Kopf. »Nein, bitte nicht! Bitte nicht!« Er packt mich so fest, so fest ... es tut so weh »Au, au!« (Eva hebt widerstrebend den Kopf und öffnet den Mund, sie ächzt, stöhnt, würgt, leidet entsetzlich, bis sie endlich ganz ermattet den Kopf sinken lässt. Dann beginnt sie immer schneller und immer flacher zu atmen, schließlich hechelt und japst sie nur noch, der Kopf wälzt unkontrolliert hin und her.) Er schreit, was mit mir ist, ich soll mich beruhigen ... ich kann's nicht, ich will's ja, aber ich ... ich kann nicht ... er schreit, er schreit immer wieder, ich soll mich beruhigen ... ich kann's einfach nicht ... ich weiß nicht, was mit mir ist ... ich hab' so Angst, ich komm' da nicht raus, ich komm' da nicht mehr raus ... ich kann nicht mehr aufhören ... irgendwie funktioniert alles nicht mehr, ich schaff' es nicht mehr ... (Plötzlich hebt Eva den Kopf, gleich darauf liegt sie ganz ruhig da, sie atmet wieder regelmäßig, ihre Oberlippe schwillt an der linken Seite an.) Er hat mich geschlagen ... »Hast du dich wieder beruhigt? Willst du mir noch mal weglaufen?« (Eva schüttelt den Kopf) »Ich lauf' nicht mehr weg ... ich lauf' nicht mehr weg."

Dann bindet er mich los. (Eva zieht langsam die Beine an und nimmt die Arme herab.). Ich kann meine Hände gar nicht mehr bewegen. (Ganz langsam führt sie die rechte Hand zu der geschwollenen Lippe, dann reibt sie sich lange die Handgelenke.) Er nimmt mich in den Arm ... er ist gar nicht mehr böse ... irgendwie versteh' ich das nicht ... er ist plötzlich so lieb zu mir, und grad' hat er mir doch so weh getan ... Irgendwie find' ich es schön, aber irgendwie hab' ich auch Angst ... ich weiß nicht, ob ich das will ... ob ich es schön finde.

Er sagt, dass ich endlich gehorchen muss ... wenn ich ihm gehorche, muss er das alles nicht tun ... ich muss nur ein bisschen lieb zu ihm sein ... es ist doch gar nicht so schlimm ... dass es auch nicht weh tut, wenn ich mich nicht dagegen wehre ... dass er mich dann auch nicht bestrafen muss. - Er sagt das alles so freundlich, aber irgendwie hab' ich das Gefühl, was er sagt und ... und wie er es sagt, das passt nicht zusammen (Eva wirkt sehr gequält, sie ist unruhig und zittert) ... irgendwie stimmt das einfach nicht ... ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich hab' nur das Gefühl, irgendwie stimmt alles nicht ... es ist nur so ein Gefühl ... es stimmt nicht, es stimmt nicht ...

Ob ich in Zukunft tun werde, was er will (Eva nickt), ob ich ihm das verspreche (sie nickt wieder). Ich versprech's ihm (sehr traurig), ich versprech's ihm. »So bist du mein braves Mädchen!« Ich soll mich anziehen, dass wir nach Hause fahren können.

(Das Erlebnis ängstigt Eva noch viele Tage:) Ich hab' so Angst ... ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte ... ich muss so aufpassen, dass ich ...dass ich nicht die Kontrolle verliere. (Offensichtlich drückt Eva ihr damaliges Empfinden mit ihren heutigen Begriffen aus. Mir fällt dabei ein, dass »die Kontrolle behalten« jahrzehntelang eines der wichtigsten Prinzipien ihres Lebensprogramms war.)

Ich hab' so Angst, dass ich da mal nicht mehr rauskomme, dass ich es einfach nicht mehr schaff', mich zusammenzureißen ... Ich weiß nicht ... ich hab' das Gefühl, dass irgendeine Kleinigkeit genügt, und ich dreh' durch. Es ist, als hätt' ich keinerlei Schutz mehr (Eva zieht sich zusammen, kreuzt die Arme über der Brust, zittert heftig am ganzen Körper) ... ich kann mich nicht mehr schützen ... es ist alles viel zu nah ... wenn irgendwas geschieht, werd' ich verrückt.

Ich wein' dauernd ... ich fang' plötzlich an zu weinen, ich will es gar nicht, es geschieht einfach so ... ich kann nichts dagegen tun ... Ich will nicht in die Schule gehen (Eva schüttelt heftig den Kopf, anscheinend spricht sie mit ihren Eltern. Auf meine Frage hin sagt sie, dass sie einige Zeit nicht zur Schule geht). Ich hab' vor allem Angst ... alles macht mir Angst. Sie geben mir Tabletten ... dann ist mir alles so gleichgültig (Eva spricht jetzt ganz langsam und apathisch), alles ... so ... gleichgültig. Dann fängt er wieder an ...

(Am Ende der Arbeit an diesem Protokoll reflektiert Eva ihre Erfahrungen:) Irgendwie hab' ich geglaubt, dass er mich bestrafen muss. Ich wusste schon an der Schule, als ich nicht weggelaufen bin, dass er mich bestrafen wird und dass es weh tun wird, und ich wusste, dass es sein muss ... er muss mich doch bestrafen ...

 

... da sind die Tabletten

Ich bin mit meinem Vater allein zu Hause. Meine Mutter ist weggefahren ... wir waren am Bahnhof, da ist sie weggefahren. Jetzt bin ich mit ihm allein. (» Und deine Brüder?«) Sie sind bei meinen Großeltern in X. (einem Vorort). (Eva wird traurig und beginnt dann zu weinen.) Sie ... sie wollten mich nicht.

Er hat gesagt, dass wir zwei es uns ganz schön machen ... er ist auch ganz lieb zu mir, aber ich hab' trotzdem Angst, irgendwie hab' ich immer Angst vor ihm. Ich hab' einfach dauernd Angst ... immer, wenn er in der Nähe ist, hab' ich Angst.

Ich bin in der Küche, und da kommt mein Vater. Er sagt: »Komm, wir gehen ins Bett.« (Eva spreizt die Finger abwehrend und schüttelt den Kopf.) In meinem Kopf geht plötzlich alles durcheinander. Ich will nicht mehr ... nein, nein (sie wirkt sehr gequält, als ob sie nicht recht beschreiben könne, was in ihr vorgeht), es geht alles durcheinander: die Vorstellung, was jetzt wieder kommt, und dass ich das nicht will, und die totale Panik ... und trotzdem geh' ich mit ihm, wie ein Automat geh' ich mit ihm ... da ist dieses Messer auf dem Küchentisch ... ich nehm' es mit ... und da ist plötzlich der Gedanke: »Heut' bring' ich ihn um!« 

Ich will nicht, ich will nicht, aber ich geh' mit ihm ins Schlafzimmer. Ich ... ich halt' das nimmer aus, ich halt' das nimmer aus! Er sagt, ich soll mich ausziehen. (Eva beugt den rechten Arm mit geballter Faust wie zum Stoß mit einem Messer.) »Fass mich nicht an, fass mich nicht mehr an! Ich bring' dich um, ich bring dich um!« Ich erschreck' über das, was ich gesagt hab' ... und ... wieso hab' ich ein Messer? Ich weiß gar nicht, warum ich das mitgenommen hab' ... Er kommt auf mich zu ... er kommt einfach auf mich zu und schreit: »Leg das Messer weg, leg's sofort weg!« (Eva gerät in Panik, ihren Armbewegungen sieht man an, was geschieht: Der Vater packt sie sehr fest am Handgelenk, sie lässt das Messer fallen und hebt die Unterarme schützend vor den Kopf.) Er schlägt mich (sie krampft sich zusammen), er ist so wütend, er schlägt einfach auf mich ein. »Das machst du nicht nochmal! Dir werd' ich helfen! Ich hab' dir wohl in letzter Zeit zu viel durchgehen lassen!« (Er schlägt immer noch auf sie ein.) »Ich muss wohl wieder mal härtere Saiten aufziehen!« Ich hab' so Angst! Er ist so wütend, so wütend. »Da könnt' ich gleich mal damit anfangen!« Ich muss mich ... vor ihn hinknien, und ... er steht vor mir und macht seine Hose auf ... Er packt mich an den Haaren und ... und steckt ihn mir in den Mund ... (Eva würgt und hat Atemnot, sie setzt sich verzweifelt zur Wehr.) Es ist furchtbar! Es war noch nie so schlimm! Er ist so wütend. (Es ist entsetzlich anzusehen, wie Eva leidet. Man kann förmlich sehen, wie sie mit dem Oberkörper und dem Kopf nach hinten ausweichen will und wie der Vater sie an den Haaren festhält und immer wieder zustößt.) »Na, wie ist das? Willst du immer noch gegen mich kämpfen? Willst du mich immer noch umbringen?« (Eva würgt immer wieder und hat Brechreiz, sie ächzt und stöhnt und gibt Schmerzenslaute von sich. Dann schluckt sie ein paar Mal mühsam und wird schließlich ruhiger, sie ist außer Atem und völlig erschöpft.) Er fragt, ob ich begriffen hab', dass er der Stärkere ist und mit mir tun kann, wozu er Lust hat, ob ich das endlich begriffen hab'? Ich soll sagen, dass er alles mit mir machen darf (sie nickt). »Ja, du darfst alles mit mir machen.« Ich soll ... ich soll ihn dabei anschauen, wenn ich das sage. (Eva schlägt kurz die Augen auf und blickt nach oben:) »Ja, du darfst alles mit mir machen.« (Sie wirkt völlig apathisch, todtraurig, hoffnungslos.) Dann geht er weg, und ich ... ich halt' das nimmer aus, ich halt das nimmer aus. Ich will ... ich will nicht ... ich will nicht mehr ... leben (sie schüttelt langsam und sehr traurig den Kopf), nein ... nein ... - Da fallen mir diese ... diese Tabletten ein ... die er mir manchmal gibt ... es tut nicht weh, wenn ich die nehme. Ich schlaf' einfach ein, und dann ist alles vorbei ... ich mach' das Schubfach auf, und da sind die Tabletten. Ich nehm' sie, und dann ... dann schluck' ich sie ... dann leg' ich mich in mein Bett ... jetzt werd' ich traurig (sie beginnt zu weinen) - (»Tut es dir leid, dass du die Tabletten genommen hast?« Eva schüttelt langsam den Kopf.) Nein ... nein ... ich hätt' so gern gelebt ... aber so will ich nicht mehr leben (sie weint bitterlich). Ich nehm' meinen Teddy in den Arm ... ich hab' ihn doch schon so lang ... ich bin traurig, weil ich nicht weiß, was aus ihm wird ... irgendwie hab' ich nicht gedacht, dass es so weh tut ... es macht mich unheimlich traurig: ich denke, sie schmeißen ihn einfach weg ... (Eva schluchzt und weint hemmungslos.) - Ich hab' ... irgendwie hab' ich mir es einfacher vorgestellt, aber jetzt ist es gleich vorbei ... jetzt wird mir so komisch ... ich werd' müde ... und jetzt ... jetzt ... schlaf' ich gleich ein, und dann ist alles vorbei ... (spricht immer langsamer und leiser) er kann mir nicht mehr weh tun. (Sie schläft ein. Nach einiger Zeit wird sie unruhig und bewegt den Kopf hin und her, als ob ihr etwas lästig wäre.) Da ist mein Vater ... er schüttelt mich, ich soll aufwachen ... er lässt mich nicht schlafen (atmet schwer, stöhnt, schüttelt den Kopf) ... er lässt mich einfach nicht schlafen ... ich soll wach bleiben ... er soll mich doch schlafen lassen ... jetzt ist es gleich ... jetzt hab' ich das Gefühl, jetzt hab' ich's geschafft, jetzt ist es gleich so weit ... mir ist, als würd' ich immer tiefer irgendwo reinfallen, immer tiefer ... (sie schläft wieder ein, ihr Kopf sinkt auf die Seite, sie wirkt wie tot).

Da ist jemand ... sie lassen mich nicht schlafen (ihr Kopf wird wie von fremder Hand hin- und herbewegt, sie wird nicht richtig wach). Sie lassen mich einfach nicht schlafen ... mir ist so schlecht ... ich weiß nicht, was sie mit mir machen, sie sollen mich doch in Ruhe lassen ... es ist so komisch, ich bin nicht wach, aber irgendwie krieg' ich doch mit, was da geschieht ... dass sie irgendwas mit mir tun ... es ist so hektisch ... sie sollen mich doch in Ruhe lassen ... es ist so blöd, ich hab' immer das Gefühl, ich krieg' alles mit, aber ich kann nichts tun ... sie legen mich auf den Rücken ... jemand nimmt mein Kopfkissen weg ... sie schieben mir was unter die Schultern und ... und tun meinen Kopf so zurück ... er hält meinen Kopf fest und dann (würgt, verkrampft sich, hat Brechreiz) ... sie stecken mir was ... ich will etwas herauswürgen ... »Halten Sie sie fest!« ... Er soll mich jetzt nochmal ganz fest halten und dann ... (blitzschnell legt sie beide Hände auf die Magengrube und versucht mit aller Gewalt, sich aufzurichten au, au ... es tut so weh, es tut so weh! Ich hab' nur den Gedanken: Ich will hoch, ich will unbedingt hoch! Und er hält mich so fest. Wenn er mich nur nicht so festhalten würde! - Wie es so weh tut, mach' ich die Augen auf ... ich seh', wie sie sich so über mich beugen, ich seh' ihre Gesichter über mir ... und ich will doch nur hoch ... Jemand hält meinen Arm fest ... ich will doch nur schlafen ... (Plötzlich zuckt ihr linker Arm heftig, sie hat Schmerzen in der Armbeuge, offensichtlich bekommt sie dort eine Injektion.) Es tut weh, ich weiß nicht, was da ist ... es ist alles so weit weg ... sie reden miteinander ... der eine sagt, dass mein Vater mich jetzt schlafen lassen soll. (Sie schläft wieder ein. Nach einiger Zeit erwacht sie langsam.) ... Mein Kopf tut so weh, und ich fühl' mich so schlapp ... da ist mein Vater ... er redet auf mich ein ... ich darf nichts sagen ... ich darf ... nichts sagen ... ich soll einfach sagen, dass ich mich nicht mehr erinnern kann ... mein Kopf tut so weh ...

Da ist ... da ist der Doktor. Er macht etwas an meinem Arm. Er fragt mich, was gestern war ... ich soll erzählen, warum ich das gemacht hab' (sie wird sehr unruhig) ... da hinten steht mein Vater ... ich darf doch nichts sagen ... ich sag', ich weiß nicht, ich weiß nicht ... ich hab' ... ich hab' so Angst ... (wird immer unruhiger, schüttelt heftig den Kopf, windet sich) ich soll doch mal versuchen, mich zu erinnern ... ob ich vielleicht Kummer hab' ... ob mir jemand was getan hat (sie zittert immer heftiger) ... ich soll ihm doch einfach erzählen, was gestern los war ... ich sag' nur, ich weiß nicht, ich weiß nicht ... (ihr Kopf schlägt wild hin und her) ... er sagt, ich soll mich beruhigen, es ist ja alles gut. Er sagt irgendwas ... dass es so keinen Sinn hat ...

Er geht mit meinem Vater raus und ich hör' sie reden und - au, mein Kopf! - er fragt meinen Vater, ob er weiß, warum ich das getan hab' ... der sagt, er glaubt, dass ich Probleme in der Schule habe (Eva schüttelt den Kopf, ist nicht einverstanden) ... er will nicht, dass meine Mutter was erfährt, es geht ihr nicht gut. (Eva schläft wieder ein. - Nach einiger Zeit beginnt sie wieder zu sprechen:) Mir ist kalt, mein Kopf tut so weh ... ich schlaf' die meiste Zeit ... alle tun so, als wär' ... gar nichts gewesen. (»Alle?«) Mein Vater ... auch der Doktor ... er ist manchmal da ... es fragt keiner mehr ...

(Später frage ich Eva, wo ihre Mutter hingefahren ist.) Zu meinem Onkel nach M. (sie beginnt zu weinen) ... ich wollte unbedingt mit, aber mein Vater hat gesagt, dass ich dableiben muss, dass meine Mutter mal ihre Ruhe braucht ... es ist schon längere Zeit so: Wir müssen immer ruhig sein und brav sein und dürfen sie nicht stören ... (Auf einmal zeigt sich Ärger und dann Wut in ihrem Gesicht, sie ballt zornig die Fäuste. »Was macht dich so ärgerlich?« Daraufhin beginnt sie zu weinen.) Ich bin doch so schon immer ganz brav und ruhig.

(Ich erfahre noch, dass Sommerferien sind und dass Eva in die 4. Klasse kommt, wenn die Schule wieder beginnt. Demnach ist Eva 9 Jahre und 4 Monate alt. Eva weiß auch, dass der sie behandelnde Arzt der langjährige Hausarzt der Familie ist, der jetzt schon länger nicht mehr lebt. »Er war eigentlich ein ganz lieber Mensch.«).

 

Familienfest (11. Lebensjahr)

Zwischen dem letzten Protokoll und diesem liegt genau ein Jahr. In dieser Zeit war der Vater mit Eva noch oft in dem kleinen weißen Haus. Er hat sie mehrmals an Armen und Beinen gefesselt und stundenlang allein liegen gelassen und hat sie ohne erkennbaren Grund ausgepeitscht (»Du bist böse und schlecht, ich muss wieder einmal etwas für deine Erziehung tun!«). Oft drängte sich mir der Eindruck auf, dass er sich damit eigentlich an seiner Frau (oder den Frauen überhaupt?) rächen wollte. Wenn Eva ihm nicht sofort und blindlings gehorchte, geriet er in maßlose Wut, die er in brutalen sexuellen Misshandlungen entlud. (Auch dabei hatte ich wiederholt den Eindruck, dass er Frustrationen abreagierte, die er durch seine Frau erfahren hatte.)

Eva meint oft zu spüren, dass ihre Mutter böse auf sie ist, ohne dass sie wüsste, warum. »Was habe ich denn nur getan? Warum lassen sie mich nicht in Ruhe?« fragt sie sich immer wieder. Sie hat oft Alpträume und kann häufig nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden. Als Folge der Beruhigungs- und Schlafmittel, die ihr eingeflößt werden, ist manchmal ihre Erinnerungsfähigkeit gestört: »Ich weiß gar nicht, wie ich ins Bett gekommen bin ... ich war in der Schule ... ich bin nach Hause gekommen ... es war Mittag ... und dann weiß ich nicht, was dann war. Da fehlt ein Stück! Ich weiß nicht ... es macht mir so Angst ... irgendwie ist da ein Tag einfach weg, da ist einfach ein ... ein schwarzes Loch. Da fällt mir ein, da sind noch mehr so schwarze Löcher ... ich hab' schon so viele! ... Da bin ich einfach nicht da ... da gibt es mich einfach gar nicht. Irgendwie hab' ich Angst, dass ich ganz verschwinde, ich muss aufpassen, ich muss aufpassen!«

Evas vorherrschende Gefühle in dieser Zeit sind Angst, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, ohnmächtiger Hass auf den Vater und die Sehnsucht, tot zu sein.

Nun ist Eva 10 Jahre und 4 Monate alt.

 Es sind so viele Leute bei uns im Wohnzimmer. Sie reden und lachen und sind so laut. Ich mag das nicht. Ich wäre viel lieber allein. Ich mag nicht reden, und ich mag nicht, wenn mich jemand anfasst. Ich tu' mir weh (Eva hält ihre Hände unter dem Tisch versteckt und kratzt sich die Handflächen auf). Es merkt keiner, dass ich mir weh tu'. Mir hilft es dabei, mich zusammenzureißen ... es ist so furchtbar anstrengend.

Auf einmal krieg' ich Angst, dass jemand was merkt. Sie müssen es doch merken ... ich mein' immer, sie müssen es mir doch ansehen! Ich hab' so Angst! Wenn sie es merken, dann sagen sie, ich bin schuld ... niemand wird mir glauben ... manchmal glaub' ich schon selber, dass .ich schuld bin ... bin ich schuld? (Eva ist völlig verwirrt. Durch vorsichtiges Nachfragen finde ich heraus, dass sie sich einfach nicht vorstellen kann, ihr Vater könne schuld sein. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Schuld bei sich zu suchen.) Aber was habe ich denn bloß getan?

Manchmal wünsch' ich mir, dass endlich einer was merkt ... dass es vorbei ist ... ganz egal, was dann kommt ... Aber dann ist da wieder die Angst ... es darf niemand merken, es darf niemand was merken!

Da kommt mein Vater und sagt, ich soll mit ihm kommen; er hat ein Geschenk für mich, weil ich doch heute Namenstag habe. Ich bin so froh, dass ich hier rauskomme ... nur weg hier ... weg ...

Er geht mit mir in sein Büro und schließt die Tür ab. Da weiß ich, dass er wieder was von mir will. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, ich hätte es mir eigentlich denken können ... Ich hab' Angst. Er sagt, ich muss erst ein bisschen lieb zu ihm sein (Eva schüttelt energisch den Kopf und wehrt ab). »Stell dich nicht so an! Schließlich hab' ich heut' Geburtstag, und da musst du lieb zu mir sein und tun, was ich sage!« (Eva beginnt zu weinen.) Ich muss mich vor ihn hinknien und ihm die Hose aufmachen und ihn streicheln. Ich hab's doch schon so oft gemacht, ich muss mich doch mal daran gewöhnen. Aber ich will es nicht, ich will es nicht! — Wenn ich so vor ihm knien muss, ist es besonders schlimm ... oft muss ich es ihm im Auto machen, da ist es viel einfacher ... Ich spür' jetzt, es ist gleich ... »Mach weiter! Schneller!« Dann fasst er meine Hände und hält sie fest, dass ich sie nicht wegnehmen kann und dann ... (Eva spreizt die Finger und hält voller Ekel die Hände weit von sich.) Ich halt' das nicht aus, ich halt' das nicht aus! Es ist so ... so ... Er weiß genau, dass ich das nicht aushalten kann ... er hält extra meine Hände fest, dass ... und oft lässt er mich ganz lange so vor ihm knien, bevor er meine Hände abwischt ... Jetzt nimmt er sein Taschentuch ... Dann holt er ein Päckchen aus seinem Schreibtisch. (Eva schüttelt energisch den Kopf:) 

»Jetzt will ich es nicht mehr! Ich will es nicht, ich will es nicht!« - Er sagt, ich soll's nehmen, es ist eine Überraschung ... ich soll's aufmachen. (Eva macht das Päckchen auf, ist erst völlig perplex, dann zeigt sie zunehmende Angst und Entsetzen.) Ich ... ich ... ich weiß nicht, was das ist ... es sieht ... aus ... wie ... »W ... w ... wa ... was ist das? Was ist das, was ist das?« - »Das wird dir noch viel Spaß machen!« - Ich hab' so Angst! - »Schau mal, wie groß er ist!« - Ich hab' so Angst! -»Wir wollen es gleich mal ausprobieren! Leg dich auf die Couch!« Ich hab' so Angst, so schreckliche Angst! (Eva zittert am ganzen Körper.) »Halt still! Wehr dich nicht dagegen, sonst muss ich dir weh tun!« (Gleich darauf krümmt und windet sich Eva vor Schmerzen, traut sich aber nicht, zu schreien.) Er tut mir so weh damit, er tut mir so weh, so furchtbar weh! Es tut viel mehr weh, als wenn er ... »Na, wie gefällt dir das? Soll ich noch weitermachen? Soll ich ihn noch tiefer reinstecken?« - »Nein, nein, bitte nicht! Bitte, Papa, bitte, hör auf, bitte, bitte! Ich mach' alles ... ich tu' alles, was du willst!« - »Dann musst du ihn in den Mund nehmen!« (Eva nickt.) Ich mach' alles, ich mach' alles, er soll nur aufhören, mir weh zu tun ... es ist so furchtbar ... Dann ... dann kniet er sich über mich. Er ist schon wieder ganz groß und steif! (Ich sehe, wie Eva gezwungenermaßen den Kopf hebt - wieder der Griff in den Nacken! - und ihn längere Zeit ruckartig vor- und zurückbewegt.) Ich hab's ihm versprochen ... ich hab's ihm versprochen, jetzt muss ich es auch tun. Ich hab' so furchtbar Angst ... weil da jetzt plötzlich etwas ist, was noch viel mehr weh tut ... (Eva liegt erschöpft und nach Atem ringend da.) Mir ist so schlecht ... ich möcht' nur ein bisschen liegen bleiben und mich ausruhen ... nur ein bisschen ... Er sagt, ich soll aufstehen und mich zusammenreißen. Wir müssen zurück ins Wohnzimmer, bevor uns jemand vermisst. Er soll mir doch ein bisschen Zeit lassen, nur ein bisschen, mir ist doch so schlecht ... ich weiß nicht, ob ich es schaffe. (Während sie zurückgehen, reibt sich Eva mit beiden Handrücken die Tränen aus den Augen.) Ich muss mich zusammenreißen, es darf doch keiner was merken ... ich muss so tun, als wär' gar nichts gewesen. Ich geb' mir ja Mühe, aber es ist so anstrengend ... Ich versuch' mir einzureden, dass gar nichts passiert ist. Es ist doch gar nichts passiert, es ist doch gar nichts passiert ... Dann bin ich wieder mitten unter den ganzen Leuten und doch irgendwie nicht da ... es ist so anstrengend (Eva kratzt sich wieder die Handflächen auf) ... nun ist alles noch viel schlimmer ... Auf einmal denk' ich, ich halt' das nicht mehr aus, gleich schrei' ich, gleich schrei' ich! Aber dann ... (Eva kratzt sich noch heftiger als zuvor und bekommt ihre Gefühle wieder unter Kontrolle.) Es ist so anstrengend, und ich bin so müde, so furchtbar müde ... (Die Stunden bis zum Abendessen und darüber hinaus schleichen für Eva qualvoll langsam dahin.) Endlich darf ich ins Bett gehen ... ich bin so froh ... endlich bin ich allein, endlich allein ... (Eva atmet hörbar und sichtbar auf, doch gleich darauf beginnt sie immer schneller und flacher zu atmen.) Ich weiß nicht, was da mit mir los ist ... ich weiß nicht, ich ... ich ... ich kann gar nichts dagegen tun, es geschieht einfach so mit mir ... (Eva wirft den Kopf hin und her, schlägt mit den Armen wild um sich, legt sie dann schützend vor den Kopf und stößt mühsam hervor:) W ... w ... we ... we ... weg, weg, weg, weg! (20- bis 30mal. Dann beruhigt sie sich ganz langsam, kommt wieder etwas zu Atem.) Plötzlich ist es so kalt ... komisch, es ist Sommer und warm, wieso ist es plötzlich so kalt? (Eva kreuzt die Arme über der Brust, zieht sich zusammen, schlottert und klappert mit den Zähnen. Nach einiger Zeit klingen diese Symptome langsam ab und Eva schläft ein. Später öffnet sie die Augen wieder, schaut aber starr ins Leere.) Da ... da ist mein Vater ... er legt sich auf mich ... nein, nein, nicht schon wieder weh tun ... und ... komisch ... ich seh' ihn, und ich hör', und ich spür', dass er mir weh tut ... und gleichzeitig ist er so weit weg ... als würd' ich nur zuschauen ... komisch ... au, au (ganz leise und benommen). - Es ist schrecklich kalt (Eva dreht sich auf die Seite und rollt sich zusammen, die Anzeichen von Schüttelfrost sind noch stärker als zuvor) mein Kopf tut so weh ... Da, da schreit ein Kind ... es schreit so furchtbar, es schreit und schreit und hört nicht auf ... ganz tief drinnen in mir schreit es ... keiner hört es, und keiner hilft ihm ...

(Am nächsten Morgen wird Eva nur mühsam wach; sie spricht leise und stockend:) Ich muss heute nicht in die Schule ... ich bin froh darüber ... ich bin noch so müde ... ein wenig ausruhen ... ich kann mich gar nicht richtig erinnern, was war ... da waren so viele Leute ... er hat mich mit ins Büro genommen ... ich soll lieb zu ihm sein ... dann weiß ich nichts mehr ... (sie versucht noch ein paar Mal, sich an den gestrigen Tag zu erinnern, kommt aber nicht weiter. Schließlich gibt sie auf). Wieder so ein schwarzes Loch! Das macht mir so Angst! - Ich bin so schrecklich müde ... es hört niemals auf ... es geht immer so weiter ... nur ein bisschen ausruhen ... dann nehm' ich mich gleich wieder zusammen ... ich versprech's ihm ... nur ein bisschen ausruhen.

 

Hackordnung

Meine Eltern streiten, sie schreien sich an. Es macht mir Angst, wenn sie streiten (Eva hält sich die Ohren zu). Ich hab' Angst, dass ich da wieder reingezogen werde. Ich schleich' mich aus der Wohnung, ganz leise; ich will warten, bis der Streit vorbei ist. Ich schleich' mich die Treppe runter in den Hof.

Auf einmal kommt mein Vater. Ich sehe, dass er wütend ist. Ich weiß nicht, warum ... ich weiß nur, dass er gefährlich ist, wenn er wütend ist ... Er geht an mir vorbei (Eva ist erleichtert) ... zum Auto ... und dann bleibt er plötzlich stehen und sagt, dass ich mitkommen soll. Ich hab' Angst, aber ich geh' trotzdem hin. Er fährt mit mir weg. Er fährt ... nein, nein! ... er fährt zu dem Haus. Ich hab' doch gar nichts getan!

Ich steig' einfach nicht aus (schüttelt energisch den Kopf). »Ich steig' nicht aus! Ich geh' da nicht rein! Ich hab' doch gar nichts getan!« Er kommt und packt mich und zerrt mich aus dem Auto, zu dem Haus ... er stößt mich in das Zimmer ... ich fall' hin ... ich erschreck' so, es geht alles so schnell (sie atmet ganz schnell und flach). Ich soll aufstehen und mich ausziehen ... ich hab' so Angst vor ihm, er steht da und ist so wütend ... Ich trau' mich nicht, ihm zu widersprechen ... ich steh' auf und zieh' mich aus. Er holt den Lederriemen, und ich muss mich über den Sessel legen ... »Ich hab' doch nichts getan!« – »Sei ruhig! Du bist böse!« Er schlägt mich - au, au! - ich hab' doch gar nichts getan! Immer wieder sagt er, dass ich böse bin. Ich hör' immer nur: »Böse, böse, böse ... « Er ist wie verrückt; ich denk', er schlägt mich tot.

Dann muss ich mich aufs Bett legen, und er bindet mich an. »Nein, nein, bitte nicht!« Ich kann gar nichts mehr machen. Er legt sich auf mich, er ist immer noch so wütend ... au, au! (Eva windet und krümmt sich vor Schmerzen.) Es tut so weh, es tut so furchtbar weh! »Dir werd' ich's zeigen, dir werd' ich's zeigen!« (Es folgen einige besonders heftige, wütende Stöße, die Eva aufschreien lassen. Dann ist es vorbei.)

Ich ... ich soll sagen, dass es mir gefällt (Eva wirft den Kopf ruckartig hin und her). »Nein, nein!« Er hat mir doch so weh getan! Da schlägt er mich ins Gesicht. »Los, sag es; sag, dass es dir gefällt!« - »Nein, nein!« (Er schlägt sie immer wieder und wiederholt seinen Befehl, bis sie schließlich aufgibt.) »Ja ... ja ... (unter Schmerzen und mit größter Überwindung) es ...es gefällt mir, es gefällt mir!«

 

Ich will nur, dass er aufhört, ich würd' alles tun, damit er aufhört ... ich kann doch gar nichts dafür, dass er so wütend ist, warum tut er mir nur so weh? Ich hab' doch wirklich nichts getan.(Eva weint lange darüber, dass sie schließlich doch gesagt hat, es gefalle ihr.) - Warum lässt er seine Wut immer an mir aus? (Ich frage sie, ob sie weiß, über wen er eigentlich wütend ist. Sie nickt und weint noch stärker.) Immer, wenn er über meine Mutter wütend ist, holt er mich. Mit mir kann er machen, was er will. Ich kann doch gar nichts dafür!

 

»Ich wusste es doch! Ihr seid doch alle gleich!« - Ich weiß nicht, was er damit meint: alle gleich ...

Dann steht er auf und setzt sich in den Sessel und lässt mich einfach liegen. Ich hab' so Schmerzen. (Eva wimmert und stöhnt.) Wenn er mich doch wenigstens losbinden würde. - »Warum hast du das gemacht? Ich hab' doch gar nichts getan?« - »Halt den Mund! Ich mach' mit dir, was ich will!« - Er macht mit mir, was er will ... Da geh' ich weit weg, ganz weit weg, immer weiter, immer weiter (Eva liegt jetzt still und apathisch da, ihre Stimme ist fast unhörbar).

Er bindet mich los und sagt, ich soll mich anziehen, wir fahren nach Hause. Es ist alles so weit weg. Ich geh' in mein Zimmer und leg' mich auf mein Bett ... alles ist so weit weg. .. ich muss da wieder rauskommen ... ich will nicht, aber ich muss ... irgendwas in meinem Innern sagt, ich darf da nicht bleiben, es ist gefährlich ... aber es ist so schwer, hier zu bleiben ... ich will immer wieder weg, es ist wie ein Traum, aus dem ich nie ganz aufwache ... es wird immer schwerer, zurückzukommen ... irgendwann komm' ich nicht mehr zurück ... (Eva schläft schließlich ein. Als sie später erwacht, kreuzt sie frierend die Arme über der Brust.)

Es ist kalt ... mein Kopf tut so weh ... (sie legt die Hände an die Schläfen, scheint angestrengt nachzudenken). Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ... (wird immer unruhiger) ich weiß nicht, was geschehen ist! Ich weiß nicht, was da war! Sie haben gestritten ... immer lauter ... ich bin ... ich bin weggelaufen ... und dann? (Sie schlägt sich verzweifelt mit den Fäusten an die Schläfen.) Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin, ich weiß nicht, was geschehen ist! Ich weiß, da fehlt was. Das macht mir so Angst. Das ist doch nicht normal, dass ich mich nicht erinnern kann. Ich weiß nicht, was ... was mit mir los ist ... (beginnt zu weinen) ich kann doch mit niemandem darüber reden ... ich muss mich zusammenreißen ... ich muss mich zusammenreißen, es darf nicht mehr passieren (beißt die Lippen energisch zusammen und ballt die Fäuste) ... es ist so anstrengend ... ich hab' immer Angst ... ich fühl' mich einfach nie sicher ... nur wenn ich weggeh', dann hab' ich mal keine Angst ... Warum hilft mir denn niemand? Warum hilft mir denn keiner? (Ich frage sie schließlich: »Wer könnte dir helfen?« Da weint Eva lange Zeit herzzerreißend, dann wird sie trotzig.) Sie ... sie ... sie hilft mir bestimmt nicht ... manchmal glaub' ich, sie merkt gar nicht, dass ich da bin ... vielleicht ... vielleicht bin ich gar nicht da? ... Sie hilft mir bestimmt nicht. Warum tut sie das ... warum tut sie, als ob ich gar nicht da wäre? - Manchmal denk' ich, vielleicht bin ich wirklich nicht da. Vielleicht gibt's mich gar nicht? - Manchmal möcht’ ich schreien, dass ich auch noch da bin ... ich tu's nicht ... ich geh' dann fort und bin traurig. Ich weiß nicht, was hab' ich denn getan? Was hab' ich ihr denn getan? Ich kann doch nichts dafür ... ich kann doch nichts dafür, dass ich da bin ... Sie tut, als ob ich gar nicht da bin ... sie kümmert sich um meine Brüder, und ich muss immer zuschauen, wie sie ... es tut so weh, es tut so weh! Ich gehör' einfach nicht dazu, ich darf nur zuschauen ... es tut so weh, es tut so weh ... Ich hab' versucht, mir einzureden, dass ich niemand brauch' ... es tut so weh ... immer nur daneben zu stehen ... Nein, nein, ich will nicht mehr weiter ... nicht mehr weiter ... leben ...

 

Ein Wochenende zu zweit (12. Lebensjahr)

Ich wach' auf ... da liegt mein Vater auf mir ... er tut mir weh ... ich erschreck' so, ich hab' ihn gar nicht kommen gehöret; ich erschreck' so, dass ich schrei' ... da hält er mir den Mund zu, und ich schlag' nach ihm (Eva schlägt mit beiden Händen heftig auf ihn ein). Er geht weg ... er hat Angst, er hat Angst! (Eva ist sehr erstaunt:) Irgendwie versteh' ich das nicht, er hat Angst.(Dieser Gedanke beschäftigt Eva, bis sie wieder einschläft.)

Am Morgen (es ist Freitag) bringen wir meine Mutter zum Bahnhof; sie fährt fort, übers Wochenende, zu meinem Onkel. (Eva wird traurig, schluckt tapfer die Tränen hinunter, flüchtet sich in Trotz.) Ich will nicht traurig sein ... sie soll ruhig wegfahren, ich will gar nicht mit. (»Glaubst du dir das?"«- Da wird sie wieder traurig und beginnt zu weinen.) Warum nimmt sie mich nicht mit? Jetzt lässt sie mich wieder mit ihm allein! Warum hat sie mich nicht mitgenommen? (Als sie sich etwas beruhigt hat, frage ich sie nach ihren Brüdern.) Die sind mit der Schule weggefahren ... ich bin ganz allein mit ihm, ich hab' so Angst ...

Wir fahren nach Hause ... (plötzlich erschrickt Eva), er fährt nicht nach Hause, er fährt nicht nach Hause! Ich frage ihn, wohin er fährt. »Was glaubst du wohl? - Denk mal an heute Nacht!« - (Eva denkt nach. Dann fällt ihr offenbar ein, was geschehen ist:) »Ich wollte doch gar nicht böse sein, ich bin doch nur so erschrocken ... Ich hab' doch nur geschrieen, weil ich so erschrocken bin ...«

Er fährt zu dem Haus, ich hab' so Angst, da reinzugehen ... »Ich geh' da nicht rein, ich geh' da nicht rein!« Er packt mich im Nacken, da muss ich einfach mitgehen ... Ich soll mich ausziehen ... »Mach schon! Oder soll ich nachhelfen?« - »Nein, nicht, nein, nicht! Ich beeil' mich schon.« Er steht da und hat die Peitsche in der Hand! »Ich werd' dir beibringen, stillzuhalten!« Ich muss mich an die Wand stellen (Eva hebt die Hände hoch, legt die Handflächen an die Wand), und er schlägt mich. Es tut so weh, es tut so weh! - »Das war für das Theater heut' Nacht! - Steh auf und leg dich aufs Bett!« Er bindet meine Arme und Beine fest. Dann legt er sich auf mich. »Jetzt kannst du schreien!« Er tut mir weh und sagt immer wieder, ich soll schreien. Es tut so weh, aber ich will nicht schreien. Da schlägt er mir ins Gesicht und ich schrei'. »Lauter, lauter!« Er tut mir immer mehr weh, und ich schrei' und schrei', bis ich nicht mehr kann (Eva wirkt völlig erschöpft). Er setzt sich in den Sessel ... »Bitte, mach mich los!« - Er lacht. »Wieso? Gefällt es dir nicht? Warte nur, ich mach' gleich weiter.« - Er kommt wieder und legt sich auf mich ... .»Nein, nein, au, au!« - »Schrei, schrei, schrei!« Ich schrei' so laut ich kann ... Ich kann schon nicht mehr ... aber wenn ich aufhör' zu schreien, tut er mir wieder so weh ... Ich hör' mich nur noch schreien. »Noch lauter, noch lauter!« Ich hör' nur noch: »Schrei, schrei! Lauter, noch lauter!«

(Endlich ist es vorbei. Eva liegt wie tot da. Nach einiger Zeit beginnt sie zu zittern, immer heftiger.) Mir ist so kalt ... meine Arme tun so weh. Er sitzt da ... »Bitte, bitte, mach mich los...« (Sie bittet immer wieder, ganz leise und schwach). »Wir haben viel Zeit.« Mir ist so kalt, und ich hab' so Schmerzen. »Bitte, bitte ...« Er steht auf und kommt zu mir ... ich denk', er macht mich los und wir fahren nach Hause. »Noch nicht!« - »Nur mal kurz aufstehen, bitte!« Er lacht nur und fängt an, mich zu streicheln. Er fragt, ob es weh tut (Eva nickt). »Dann schrei doch!« - »Ich kann nicht mehr.« - »Heute Nacht konntest du doch auch schreien! Und sonst willst du doch auch immer schreien! Jetzt werd' ich dich mal richtig zum Schreien bringen! Du willst doch sonst immer schreien -jetzt kannst du mal richtig schreien!« Er legt sich wieder auf mich. Es tut so weh! (Eva schreit längere Zeit unter furchtbaren Schmerzen, wird dann immer leiser.) Ich kann nicht mal mehr schreien, so weh ... er tut mir so weh. Immer wieder sagt er: »Schrei doch, schrei doch!« (Eva liegt eine Weile starr mit erhobenem Kopf da, wie eine Sterbende, dann lässt sie den Kopf sinken, stöhnt leise und liegt dann wie tot da. Erst nach längerer Zeit öffnet sie wieder die Augen.) Ich halt' das nicht mehr aus, wenn ich doch endlich tot wär' ... ich halt' das nicht mehr aus.

Er sitzt da im Sessel und lacht ... er lässt mich einfach so da liegen ... »Bitte, bitte! (ganz leise, flehentlich) ... es tut doch so weh!« 

Er geht weg ... ich höre das Auto wegfahren ... (Die folgenden Stunden verbringt Eva meist in einem Dämmerzustand. Manchmal stöhnt sie, wimmert, bäumt sich auf, liegt dann wieder reglos.) Es dauert so lang, so furchtbar lang ... ich kann gar nichts tun ... ich hab' so Schmerzen ... es ist dunkel und kalt (die Fensterläden sind geschlossen, und der Vater hat das Licht ausgemacht). Es ist ganz still, ganz still ... nur die Uhr tickt ... (sie schaut wieder lange ins Leere). Ich hör' immer nur diese Uhr und ich will nur noch sterben ... die Uhr schlägt ... sieben Uhr ... wie lange dauert es, bis man tot ist?

(Plötzlich zuckt Eva heftig zusammen:) Er ist da! Er steht plötzlich da! Ich hab' ihn gar nicht kommen gehört! Er sagt, wir wollen es jetzt noch mal machen. »Nicht mehr schreien, nicht mehr schreien, bitte!« Er sagt, diesmal soll ich ganz ruhig sein und stillhalten. Er legt sich noch mal auf mich und tut mir weh (Eva wimmert nur ganz leise). Es tut so weh, so weh ... die Uhr tickt so laut ... Er fragt, ob ich noch mal schreien will (Eva schüttelt den Kopf), ob ich in Zukunft stillhalten will, ob ich genug geschrieen hab', ob ich tun werd', was er will (Eva nickt nach jeder dieser Fragen), und ob ich (Eva stockt und wendet den Kopf ab) ... ob ich ihn lieb hab' (nickt). Ich soll es sagen ... (Mit großer Überwindung:) »Ich hab' dich lieb!« Dann bindet er mich los. (Eva kann die Arme kaum bewegen und nimmt sie nur ganz langsam und mühsam herab. Dann zieht sie die Beine an. In der folgenden Zeit stammelt sie leise vor sich hin:) »Nicht mehr schreien ... lieb haben ... nicht mehr schreien ... ganz still halten ... lieb haben ...« - Er zieht mich an und wir fahren nach Hause. »Nicht mehr schreien ... stillhalten ... lieb haben ...«

Er legt mich ins Bett und gibt mir was zu trinken ... ich soll es ganz austrinken und dann schlafen ... und nicht vergessen, was ich ihm versprochen hab'. (Eva stöhnt im Schlaf immer wieder und rollt den Kopf hin und her, wimmert leise:) Au ... au ...

Er gibt mir immer wieder Saft und sagt, ich soll weiterschlafen ... immer wieder ...

Ich will nicht mehr schlafen, ich will aufstehen, es ist schon hell. Er sagt, ich soll weiterschlafen ... er lässt mich nicht aufstehen ... gibt mir Saft und Tabletten (Eva wehrt sich energisch und hält sich den Mund zu). Er packt mich im Nacken, und da muss ich es nehmen ... Er hält mich fest, bis ich sie genommen hab'. Immer, wenn ich aufwach', gibt er mir was und sagt, ich soll nicht vergessen, was ich ihm versprochen hab'.

(Am Sonntagmorgen wird Eva nur sehr mühsam wach; sie ist benommen, schaut verwirrt, kommt ganz langsam zu sich. Sie fasst sich an den Kopf.) Au, au, mein Kopf tut so weh ... alles tut mir weh ... (erschrickt plötzlich). Es ist Sonntag ... ich hab' den ganzen Samstag geschlafen! Immer ... immer, wenn ich aufgewacht bin, hat er mir Tabletten gegeben ... Und sie kommt erst morgen Abend! (Panisch:) Ich bin noch bis morgen Abend mit ihm allein! Es ist noch so lang bis morgen Abend. Es kann noch so viel geschehen ... Alles tut mir weh ... mir ist so schlecht ... Da kommt er ... er tut so, als wär' gar nichts ... Ich soll lieb zu ihm sein ... mich vor ihn knien ... (sie macht rhythmische Bewegungen mit den Händen). Ich muss ihn streicheln. Dann ... nein, nein! ... soll ich ihn in den Mund nehmen (Eva wehrt sich energisch, wendet sich ab, will weg). »Nein, nein!« - Da lacht er ... er lacht, und mir tut alles so weh! - »Ich weiß ja, dass du das gar nicht magst, aber du tust, was ich will! Mach den Mund auf!» Und er packt meinen Kopf - au, au! - er hält mich so fest ... drückt mir auf den Hals ... so fest, au, au ... da kann ich mich nicht mehr wehren ... er steckt ihn mir in den Mund (Eva würgt, ächzt und stöhnt. Als es endlich vorbei ist, schluckt sie widerwillig. Dann beginnt sie immer heftiger zu zittern. Sie atmet schnell und flach, ihre Arme und ihr Unterkiefer schlottern, sie kann nur mit großer Mühe sprechen, stotternd und abgehackt:) Ka ... ka ... kalt ... warum ist es plötzlich so furchtbar kalt? Was ist mit mir los, dass es so kalt ist? - Auf einmal ist alles so weit weg ... ich fall' ... ich fall' ... ich fall' in ein schwarzes Loch ... immer tiefer, immer tiefer ... (Eva liegt längere Zeit reglos.) - Ich wach' auf ... ich lieg' am Boden ... mein Kopf tut so weh ... ich ' geh' in mein Bett, es ist immer noch so kalt ... alles tut mir weh ... warum hilft mir denn keiner?

Er weckt mich auf ... sagt, dass ich mitkommen soll ... bei ihm schlafen ... in sein Bett legen ... Er streichelt mich ... überall sind seine Hände ... ich mag das nicht ... au, au (Schmerzzeichen im Gesicht), er fragt ob es noch weh tut. (Eva nickt.) Ich muss die Beine auseinander machen, er will das anschauen. Es tut weh ... so weh. Er fragt, ob ich weiß, warum er mir weh tun musste? (Sie nickt und weint.) »Weil ich geschrieen hab'.« Ich weiß, ich darf nicht schreien, sonst muss er mich bestrafen, weil er mich lieb hat. Wenn ich böse bin, muss er mich doch bestrafen! Er fragt, ob ich noch mal schreien will? »Nein, nein, ich bin ganz still, ich bin ganz still!« (Weiterhin Schmerzzeichen.) Ob ich ihn noch lieb hab'? (Nickt. - Wieder Schmerzzeichen.) Ich soll's sagen, ich soll's sagen ... (Während er sie weiter quält und ihr immer größere Schmerzen zufügt, bringt Eva mit verzerrtem Gesicht mühsam hervor:) »Ich hab' dich lieb, ich hab' dich lieb - au, au - ich hab' dich lieb!« (Sie muss es etwa ein Dutzend Mal wiederholen, ehe er endlich von ihr ablässt.) »Weißt du noch, was du mir versprochen hast? -»Ja, ja, nicht mehr schreien, ganz still halten, ganz still halten.«

(In der Nacht wacht sie unter Schmerzen auf, stöhnt und wimmert, bis sie merkt, wo sie ist. Sie schaut entsetzt und wird sofort ruhig.) Ich hab' so furchtbar Angst, dass er aufwacht ... ich darf ihn nicht aufwecken ... ich bin ganz still ... es tut alles so weh (sie beißt sich auf die Lippen, drückt sich die Fingernagel in die Handflächen), ich hab' furchtbare Schmerzen (dies zeigt sich auch deutlich in ihrem Gesicht), ich halt' das nicht mehr aus ... es ist so schrecklich ... aber ich muss ganz still sein (sie spricht fast unhörbar leise), ich darf ihn nicht aufwecken ... ich trau' mich nicht mal, mich zu bewegen ... lieg' ganz still ... es tut so schrecklich weh ... ich schaff' es nicht mehr ... ich halt' es nicht mehr aus ... da ... da geh' ich weg ... weit weg ... immer weiter (da ist wieder dieses unheimliche, etwas irre Lächeln auf ihrem Gesicht, das langsam stärker und erschreckender wird) ... mir ist wieder eingefallen, wie ich da hinkomme, ich weiß es jetzt wieder ... da kann mir keiner weh tun ...

Ich hör' den Wecker schellen ... ich muss aufstehen, ich muss in die Schule gehen. Ich hab' so Angst und gleichzeitig ist mir alles so gleichgültig ... es ist alles so weit weg. Ich kann einfach nicht aufpassen. Die Lehrerin schimpft, ich soll aufpassen, soll nicht immer träumen ... Ich will ja aufpassen, aber es ist so anstrengend. Ich schaff' es einfach nicht ... dann ist wieder alles so weit weg ... es ist so furchtbar anstrengend ... dass niemand was merkt ... Irgendwie hab' ich das Gefühl, ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ... es ist alles so ... ich muss mich immer so zusammennehmen, es darf niemand was merken ... und ich bin so müde, so müde, so müde ... er sagt immer wieder, ich muss mich zusammenreißen, es darf keiner was merken. Und es ist manchmal so schwer ... so tun, als wär' alles in Ordnung ... ich will nicht mehr. - Ich soll lachen, und dabei bin ich oft so traurig ... ich darf nicht traurig sein, sobald jemand dabei ist ... nur, wenn ich allein bin ... ich spiel' allen was vor ... ich möcht' so weit weg, wo gar nichts mehr ist. Manchmal denk' ich, es muss schön sein, tot zu sein ... ich hab' nur Angst davor, dass es so dunkel ist ... Manchmal weiß ich gar nicht mehr, was wirklich ist ... er tut mir weh, und dann muss ich lachen und fröhlich sein ... dann möcht' ich weggehen und allein sein ... ich muss mich immer so zusammenreißen, manchmal hab' ich das Gefühl, das bin ich gar nicht ... ich bin .gar nicht da ...

Endlich ist die Schule aus, und wir können nach Hause. Ich hab' so Angst davor, nach Hause zu gehen, aber ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Ich bin so furchtbar müde, so schrecklich müde ... es war so anstrengend in der Schule ... ich leg' mich in mein Bett und geh' einfach ganz weit weg. (Eva schaut lange Zeit bewegungslos ins Leere. - Plötzlich schrickt sie auf:) Er kommt! (Eva zittert, ihr Atem geht flach und schnell.) Ich soll mit ihm kommen ... bevor wir zum Bahnhof fahren, soll ich noch mal mit ihm ins Bett gehen (sie schlottert vor Angst) ... er legt sich auf mich ... es tut schrecklich weh (Eva leidet wieder entsetzlich, gibt aber kaum einen Laut von sich, sie bäumt sich auf, beißt sich auf die Lippen, krallt die Finger ins Kissen) ... ich darf nicht schreien, ich darf nicht schreien (ganz leise), ich muss ganz still halten ... er tut mir so furchtbar weh ... Ich soll aufstehen, mich beeilen, wir müssen zum Bahnhof. Ich muss mich zusammenreißen ... ich hab' doch noch so Schmerzen ... Er sagt, ich darf mir nichts anmerken lassen ... - Warum hat sie mich nicht mitgenommen? Komisch, irgendwie bin ich wütend auf sie, sie hätte mich doch mitnehmen können. (»Weißt du, warum sie dich nicht mitgenommen hat?«) Sie mochte mich nicht dabei haben (traurig, dann trotzig). Ich soll bei meinem Vater bleiben, hat sie gesagt. Sie schickt mich doch immer zu ihm, ich störe sie immer. - Und trotzdem steh' ich da am Bahnhof und warte auf sie. Ich stell' mir vor, dass sie kommt und dass dann alles gut ist ... (Eva wird traurig). Sie beachtet mich gar nicht (Eva wendet sich ab und beißt die Lippen zusammen), als wär' ich gar nicht da ... ich hätt' gar nicht mitzukommen brauchen. Es wäre besser, wenn ich nicht da wäre. Ich hab' das so oft von ihr gehört ... manchmal denk' ich, dass sie Recht hat, es wäre besser... !

Ich lauf' hinter ihnen her. Da sind so viele Menschen, ich muss ... aufpassen, dass ich sie nicht verliere, und da denk' ich plötzlich, ob sie es merken würden, wenn ich nicht mit nach Hause fahre? Ob sie es überhaupt merken würden? Wenn ich einfach weg wäre? Ich glaube, es würde gar niemand merken. Höchstens mein Vater, er hätte dann niemand mehr, dem er weh tun könnte, er wäre der Einzige, der mich vermissen würde. Ich weiß gar nicht, warum ich hinter ihnen herlaufe, warum ich es eigentlich tu' ... Was wäre, wenn ich nicht mit nach Hause ginge? Es kümmert sich ja doch keiner um mich ... es tut so weh ... was hab' ich denn getan? Das hab' ich mich schon so oft gefragt. Wenn mir wenigstens jemand sagen würde, was ich getan hab'. Ich muss doch irgendwas Schreckliches getan haben ... manchmal denk' ich, das Schreckliche, was ich getan hab', ist, dass ich überhaupt lebe ... ich dürfte nicht leben. Ich hab' es so oft gehört, dass sie mich nicht wollte, wie unglücklich sie darüber war, dass ich gekommen bin, ohne mich wär' alles viel einfacher. Es wär' besser, wenn ich gar nicht leben würde ... manchmal denk' ich, wenn ich tot wäre, wären alle glücklich ... Hier am Bahnhof waren so viele Züge ... ich müsst' mich nur fallen lassen ... sie würden mich gar nicht vermissen ... alle wären froh ...

Eva, jetzt 11 3/4.Jahre alt, entdeckt erstaunt dass auch ihr Vater Angst hat. Ihr kindlich-naiver Verstand war jahrelang nicht in der Lage, aus den Drohungen und den Vorsichtsmaßnahmen des Vaters auf seine Angst zu schließen; doch ohne den Umweg über den Verstand erkennt Eva nun die Wahrheit intuitiv aus der Körpersprache des Vaters. Aber noch bleibt diese Entdeckung folgenlos.

Wovor aber hat der Vater Angst, wenn die Mutter, wie wir inzwischen als sicher annehmen können, schon so vieles weiß? Und warum lässt sie ihre Tochter für ein ganzes Wochenende mit dem Vater allein? Hier sind wir auf Vermutungen angewiesen, die sich lediglich auf unsere Kenntnisse der Familiensituation stützen können. Die Leiden Evas sind der Mutter in ihrem vollem Ausmaß wohl nicht bekannt und im Übrigen recht gleichgültig. In den ehelichen Machtkämpfen benutzt sie ihr Wissen, um ihren Mann unter Druck zu setzen oder zu erpressen, und daher hat dieser Angst vor jeder neuen Entdeckung. Wenn es der Mutter aber gerade einmal in den Kram passt, überlässt sie die ungeliebte oder gar verhasste Tochter ihrem Mann schon einmal für ein Wochenende, zumal sie weiß, dass dieser sich dadurch noch tiefer in Schuld - und damit in Abhängigkeit - verstrickt.

 

... ins finsterste Loch

Ich lieg' im Bett und kann nicht einschlafen. (Eva wälzt unruhig den Kopf hin und her, lange Zeit.) Es ist dunkel ... sie haben das Licht ausgemacht ... und ich hab' so Angst ... dabei weiß ich gar nicht, wovor. Ich hab' immer noch so Angst, wenn's dunkel ist ... sie sagen, ich bin so groß und brauch' kein Licht ... Ich bräuchte nur das Licht anzumachen ... ich könnte es ja einfach anmachen ... aber ich trau' mich nicht.

Die anderen schlafen alle schon ... ich kann nicht schlafen ... ich hab' so Angst. - (Es müssen schließlich einige Stunden vergangen sein, seit Eva zu Bett ging.)

Ich hör' ihn kommen ... er versucht, leise zu sein, aber ich hör' ihn ... »Bitte, bitte, tu mir nicht weh, tu mir nicht weh« (Eva fleht ihren Vater an, aber es kümmert ihn nicht. Ich sehe, dass Eva heftige Schmerzen leidet, die sie mit großer Anstrengung zu verbeißen sucht. Sie krümmt und windet sich, ächzt und stöhnt, öffnet immer wieder einmal den Mund zum Schreien und beißt sich dann wieder auf die Unterlippe oder presst die Faust vor den Mund und beißt sich in die Fingerknöchel. - Endlich ist es vorbei, und sie ist wieder allein.)

Es hört nie auf ... es geht immer weiter (Evas Stimme ist leise, apathisch, hoffnungslos). Es hört nie auf ... ich weiß nicht, wie lange ich es noch aushalte ... ich hab' Angst, dass ich das Schreien anfange, dass ich es nicht mehr aushalte und schreie. Ich hab' so Angst, dass ich es nicht mehr schaffe, still zu sein ... wenn es doch so weh tut ... es darf doch ... es darf doch niemand was merken! (» Was würde dann geschehen?«) Dann sind alle böse auf mich und sagen, dass ich schuld bin. Sie glauben mir nicht, dass ich es nicht wollte ... keiner wird mir glauben ... und dann ... und dann ... (Eva bringt vor Entsetzen das Folgende kaum hervor) dann schicken sie mich ins Heim! (Als ich sie frage, was der Vater ihr über das Heim gesagt hat, bricht sie in Panik aus.) Er ... er hat gesagt, dort stecken sie mich ins finsterste Loch, und da komm' ich nie mehr heraus! (Eva liegt einen Augenblick ganz starr, die Augen entsetzt aufgerissen. Dann werden ihr Gesicht und ihre Stimme plötzlich ganz kindlich, und in herzerweichendem Ton fleht sie:)

»Nicht einsperren, bitte, bitte, nicht einsperren ... bitte, bitte, nicht einsperren!« - Er hat mich in den Schrank gesperrt! (Eva zittert am ganzen Leib, versucht noch ein paar Mal, den Vater zu erweichen:) »Bitte, bitte, lass mich heraus, lass mich heraus!« (Dann verfällt sie in Starre. Die Fäuste an die Schläfen gepresst, starrt sie ausdruckslos vor sich hin. Als sie endlich befreit wird, bleibt sie noch lange in einem Schockzustand. Mit leiser und tonloser Stimme spricht sie minutenlang vor sich hin:) »Bin ganz lieb ... bin ganz lieb ... nicht mehr einsperren ... bin ganz lieb, bin ganz lieb ...«

(Im Laufe der Arbeit wird deutlich, dass Eva - jetzt etwa 12 Jahre alt - an dieser Stelle zu einem Protokoll aus ihrem vierten Lebensjahr zurückkehrt, in dem eine traumatische Erfahrung mit dem Einsperren aufgezeichnet ist. Nachdem sie das Protokoll durchlaufen und den Schockzustand an dessen Ende einigermaßen überwunden hat, weiß sie zunächst nicht, wo sie ist. Ganz langsam kehrt sie in die Realität [der schlaflosen Nacht] zurück. Und da ist auch wieder der Gedanke, der das alles ausgelöst hat:) Dann schicken sie mich ins Heim, und da sperren sie mich ins finsterste Loch ...

(Wieder gerät sie in Panik, und wieder befindet sie sich plötzlich in einer früheren Situation:) »Nicht einsperren, nicht einsperren!" ... Er hat mich in den Keller gesperrt! (In ihrem panischen Entsetzen ist Eva unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen. Sie kauert offensichtlich in einer Ecke, die Knie angezogen, den Kopf auf der Brust, die Fäuste an die Schläfen gepresst. Aus dieser Situation stammt das Protokoll »Im Keller". Aus dem Entsetzen dieser Erfahrungen wird die panische Angst vor dem Heim und vor dem Eingesperrtwerden, das sie vermeintlich dort erwartet, gespeist, und darauf gründet sich auch die Wirkung der väterlichen Drohungen. Als Eva das Protokoll der Nacht im Keller durchlaufen hat, weiß sie zunächst wiederum nicht, wo sie ist. Dann taucht langsam die Erinnerung an den Auslöser dieses Horrortrips auf:)

Dann komm' ich ins Heim ... dort sperren sie mich ins finsterste Loch ... (diesmal ist ihre Panik womöglich noch stärker. Offenbar sieht Eva nur noch eine Rettung:) Weit weg ... weit weg ... ich geh' ganz weit weg ... immer weiter ... immer weiter ... Plötzlich ist da die Angst, ich komm' nicht mehr zurück! Es wird ganz dunkel! Ich falle, ich falle, ich falle ... (Plötzlich schreit sie auf und presst mit den Händen den Kopf.) Ich schrei', ich schrei', ich hör' mich schreien, ich will gar nicht schreien ... mein Kopf tut so furchtbar weh ... es ist, als ob er zerspringt ... ich hör' sie rufen ... weit weg ... (Dann wird sie offenbar bewusstlos. Der folgende Schlaf wird immer wieder durch unruhiges Herumwälzen unterbrochen, wobei sie leise stöhnt und immer wieder sagt:) Ich bin so müde, so furchtbar müde ... mein Kopf tut so weh ... es ist so schrecklich kalt ... (Später macht sie mit den Händen abwehrende Bewegungen und sagt:) »Weg ... weg ... ich will keine ... will keine mehr ... keine Tabletten mehr!« (Sie hebt, sichtlicht unter Zwang, den Kopf, öffnet den Mund, schluckt mehrfach, schläft schließlich wieder ein. Später kommt sie ganz langsam und nur mühsam zu sich.) Ich ... ich weiß gar nicht ... weiß gar nicht, was passiert ist. (Nach einer Weile, mit zunehmendem Entsetzen:) Ich hab' geschrieen ... ich hab' geschrieen! Ich wollte es gar nicht ... es ist einfach passiert! Es darf doch niemand was merken! Es ist einfach passiert, ich hab' geschrieen! Ich hab' ... ich hab' ... (panisch) ich hab' die Kontrolle verloren! Ich hab' geschrieen und wollte es doch gar nicht! Wenn das einmal passiert, wenn er bei mir ist! Dann komm' ich ins Heim! ... Es darf nicht mehr passieren, es darf nicht passieren! Ich muss noch mehr aufpassen ... ich muss mich noch mehr zusammenreißen ... ich hab' so Angst, dass ich Dinge tu', die ich gar nicht will ... ich hab' so Angst, dass ich es nicht schaffe ... dass ich schreie ... es darf doch keiner was merken! ... Es ist so anstrengend ... so furchtbar anstrengend ... (Ihr Gesicht verzerrt sich immer wieder vor Pein, sie beißt sich auf die Fingerknöchel oder auf die Unterlippe und gräbt ihre Nagel tief in die Handflächen.)

 

Ich hab' sie umgebracht! (14. Lebensjahr)

Er ist wieder mit mir zu dem Haus gefahren. Er hat gesagt, dass wir den ganzen Nachmittag Zeit haben. Ich hab' so Angst ... ich weiß, er wird mir wieder weh tun ... den ganzen Nachmittag ... Ich nehm' mir vor, nicht zu weinen ... ich will mich zusammennehmen. Aber ich hab' so Angst ... Er schließt die Tür ab und sagt, ich soll mich ausziehen. Ich zieh' mich aus und will mich aufs Bett legen, da sagt er: »Nein, komm her zum Tisch, wir wollen heute mal was Neues ausprobieren!« (Eva beginnt vor Angst zu zittern.)  

Er sagt, ich soll mich über den Tisch beugen. Er steht hinter mir. »Stell dich nicht so an! Du brauchst keine Angst haben, es tut nur am Anfang ein bisschen weh.« (Evas Angst steigt noch weiter, sie weiß ja längst, was sie von solchen Beschwichtigungen zu halten hat. - Auf einmal schreit sie auf; sie weiß nicht, was ihr geschieht, spürt nur einen fürchterlichen Schmerz, »anders als sonst«. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt, sie krümmt und windet sich.)  

Ich versuch' wegzukommen, aber er drückt mich auf den Tisch und sagt, ich soll stillhalten und mich nicht dagegen wehren. (Eva schreit weiter und fleht ihn immer wieder an:) »Hör auf, bitte, hör auf« (Endlich lässt er von ihr ab und sagt ihr, sie solle sich aufs Bett legen. Eva wimmert und stöhnt noch lange, atmet schnell und flach.) Er sagt, ich soll mich nicht so anstellen, es ist doch gar nichts passiert. »Wehr dich nicht so dagegen! Vielleicht probieren wir's nachher noch mal.« (Panische Angstreaktion von Eva, sie wirft entsetzt den Kopf hin und her.) 

»Nein, nein, nicht, nicht!« - »Du stellst dich an wie ein kleines Kind!« (Dieser Satz löst bei Eva eine tiefe Veränderung aus: Sie erstarrt für einen Augenblick und sagt dann:) Ich fühl' mich auf einmal auch wie ein kleines Kind! So hilflos wie ein kleines Kind! Ich will das nicht, ich will das nicht! Ich bin nicht so hilflos! (Evas Erregung steigert sich immer mehr, sie fuchtelt mit den Armen in der Luft herum und wirft den Kopf wild hin und her. Plötzlich wird sie ruhig, ihr Gesicht nimmt einen seltsam irren Ausdruck an.) Sie stellt sich immer so an, dieses verdammte Kind! Sie benimmt sich wie ein kleines Kind! Er liegt auf ihr und tut ihr weh. Sie weint ... sie soll sich doch zusammennehmen! Sie macht ihn doch nur wütend! Sie soll aufhören, sie soll doch endlich aufhören! Er schlägt sie und schreit sie an, sie soll still sein, sie soll endlich still sein, er schlägt sie sonst tot! Aber sie hört nicht auf zu weinen! (Eva wird wütend, ballt die Fäuste und redet weiter auf »das Kind« ein. Plötzlich liegt sie ganz still, entspannt sich, wirkt wie ohnmächtig. Nach einer Weile beginnt sie leise zu sprechen:) Ich hab' sie umgebracht, ich hab' sie umgebracht. Jetzt ist alles gut. Jetzt kann er mir nicht mehr weh tun. Jetzt kann er mit mir machen, was er will ... endlich kann er mit mir machen, was er will. - Ich habe sie so gehasst! (Jetzt wird Eva lebhafter und ballt die Fäuste.) Ich habe sie so gehasst! Sie hat sich immer so angestellt und hat immer Angst gehabt. Immer hat sie geweint und geschrieen. Sie war viel zu schwach und zu weich. Ihr konnte man weh tun, sie hat immer geweint. Sie wollte nie tun, was er sagt ... ich hab' sie so gehasst ... sie war an allem schuld. Dieses verdammte Kind (sehr heftig), dieses verdammte kleine Kind! Ich hab' ihr schon so oft gesagt, sie soll sich nicht so anstellen. - Jetzt hab' ich sie umgebracht ... jetzt ist alles gut (da ist wieder dieses irre Lächeln), jetzt ist alles gut ... Wenn sie nicht mehr da ist, dann kann mir keiner mehr weh tun ... jetzt kann er mit mir machen, was er will.

(Im Anschluss an die Bearbeitung dieses Protokolls untersuchen wir Evas Befinden während der nächsten Tage: Ganz langsam verändert sich ihre Stimmung; sie spricht leise, langsam und völlig apathisch:) Ich weiß nicht ... mir ist alles so gleichgültig, alles so egal. Es ist alles so leer ... so leer ... (Dann wird sie traurig.) Sie fehlt mir ... sie fehlt mir so! Sie gehört doch zu mir! (Eva weint heftig und lange.) Ich muss zu ihr, sie wartet ... Es ist alles so leer ... so sinnlos. Ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr leben. Ich will endlich tot sein.

(In den folgenden Wochen schwanken Evas Gefühle zwischen völliger Lethargie und den Empfindungen der Leere, der Sinnlosigkeit und der Todessehnsucht hin und her, bis zu jenem bedeutungsvollen Tag im März 1967.)

 

So einfach!

Es ist März, etwa eine Woche vor Evas 14. Geburtstag. Eva ist in einem Zustand tiefer Apathie, die sich auch jetzt in ihrer Miene und dem Tonfall ihrer Stimme zeigt.

Ich komme gerade von der Schule nach Hause. Da ruft mich mein Vater, ich soll kommen, ins Schlafzimmer. Ich weiß schon, was er will. Irgendwie ist mir alles so egal ... so gleichgültig ... ich denk' mir nur, es geht immer so weiter ... immer weiter ...

Ich geh' ins Schlafzimmer. Er sagt, dass ich mich ausziehen soll. Und ... plötzlich ... plötzlich ist da nur noch: Ich will nicht mehr, ich will nicht mehr! Ganz egal, was er mit mir macht! (Eva schüttelt energisch den Kopf) »Nein, nein!« Er fragt, was mit mir los ist. »Ich will nicht mehr! Ich will nicht mehr! Rühr mich nicht an, rühr mich nie mehr an! (Eva ballt die Fäuste und fletscht die Zähne.) Ich hab' keine Angst mehr vor dir! Lass mich in Ruhe! Lass mich in Ruhe, sonst ... Ich hab' keine Angst mehr ... du hast ja selber Angst!« - Ich spür', er hat mehr Angst als ich! - »Und ich komm' auch nicht ins Heim!«

Ich lass' ihn einfach stehen ... und er tut mir gar nichts! Er tut mir überhaupt nichts!

Plötzlich weiß ich, dass alles vorbei ist. Ich weiß, dass es vorbei ist! (Evas Spannung löst sich in Freudentränen.) Ich bin so froh, ich bin so froh! Jetzt ist es vorbei! - Ich weiß gar nicht, warum ich wein' ... jetzt wird alles gut ... alles gut. (Eva zittert am ganzen Körper und wiederholt immer und immer wieder:) Alles gut ... alles gut ... alles gut ... (Nach langer Zeit, als sie sich etwas beruhigt hat, geht plötzlich ein Staunen über ihr Gesicht:) Es ... es war so einfach! Es war so einfach! - Er kann mir nichts mehr tun, er kann mir nichts mehr tun ... ich hab' keine Angst mehr!

 

Zu spät! (15. Lebensjahr)

Evas überströmende Freude über ihre Befreiung währt nur wenige Tage. Dann legt sich wie Mehltau Schwermut auf ihre Seele.

Ich hab' immer gedacht, wenn es mal aufhört, wär' alles gut ... dann wär' alles gut. Ich hab' mich endlich gewehrt, und jetzt lässt er mich in Ruhe' ... und trotzdem ... (Eva sucht eine Weile nach Worten) trotzdem bin ich nicht froh. Irgendwie hab' ich das Gefühl, es ist zu spät ... es ist zu spät ... es ist schon so viel kaputt ... (Irgendwann einmal frage ich behutsam nach, woran sie das merke, oder was ihr denn fehle, aber natürlich vermag Eva das nicht genauer auszudrücken. Sie wiederholt immer nur:) Es ist so viel kaputt ... (dann beginnt sie zu weinen).

In den folgenden Wochen entwickelt Evas Organismus seine letzte Überlebensstrategie: Eva beginnt zu vergessen, was sie in mehr als zwölf Jahren an Schmerz und Leid erlitten hat. Nur ihr Körper scheint sich noch zu erinnern und schützt sich auf seine Weise: Eva nimmt bald übermäßig zu und wird kurzsichtig.

Aber auch das Vergessen bringt ihr die Lebensfreude nicht zurück; immer wieder taucht der Gedanke auf: »Ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr leben. Es soll nur schnell gehen und nicht weh tun.«

(Eines Tages sitzt sie mit einem Messer in der Hand da, mit dem sie wie zur Probe Schnittbewegungen macht, während sie die Pulsader am linken Handgelenk betrachtet.) Es soll nicht weh tun ... nicht weh tun ... keine Schmerzen mehr ... ich will keine Schmerzen mehr haben. (Sie beginnt zu weinen, immer heftiger.) Ich will nicht mehr ... ich will nicht mehr ... aber ich trau' mich nicht ... ich hab' so Angst, dass es weh tut ... (Sie schwankt lange Zeit zwischen dem Wunsch zu sterben und der Angst vor Schmerzen hin und her, bis sie schließlich resigniert und tieftraurig das Messer weglegt.)

(In den folgenden Monaten geht Eva immer wieder einmal zur Burg hinauf und steht auf einer der hohen, fast senkrechten Festungsmauern. Nur der Gedanke, dass »es dann ewig dunkel ist«, hindert sie daran, sich hinabzustürzen. Eines Nachmittags steht sie wieder dort, hart am Rand, und schaut hinab.)

Es geht ganz schnell ... es geht ganz schnell, dann ist alles vorbei ... es ist so tief ... einfach fallen lassen, einfach fallen lassen, es geht ganz schnell. (Eva spricht sich längere Zeit diese Sätze wie in Trance vor, auf ihrem Gesicht spielt wieder jenes irre Lächeln, das ich in der letzten Zeit so oft an ihr gesehen habe. Sie hebt die Arme, beugt erst den Kopf, dann auch den Oberkörper nach vorn: In der nächsten Sekunde wird sie hinabstürzen. Da zuckt sie zusammen, reißt die Augen auf, ist plötzlich wieder hellwach, legt den rechten Arm wie schützend über den Kopf.) Auf einmal ist da ein Mann ... ich erschreck' so ... er packt mich am Arm und reißt mich zurück. Er schimpft mit mir, und ich denk', er will mich schlagen. Ich reiß' mich los und lauf' davon ... (Eva gerät außer Atem, dann beginnt sie heftig zu weinen.) Jetzt wäre alles schon vorbei ... warum hat er mich nicht springen lassen? Jetzt wäre alles schon vorbei ... Ich geh' nach Hause ... keiner hat was gemerkt. Irgendwann tu' ich es doch ... ich schwör' es, irgendwann tu' ich's ... ich will nicht mehr leben ... ich hab' es ihr (dem anderen Kind) versprochen, irgendwann tu' ich's, irgendwann tu ich's ...

(In der folgenden Zeit kommt Eva in der Therapie mit vielen Situationen ihres späteren Lebens in Kontakt, in denen sie immer wieder die Gefühle der Gleichgültigkeit und Leere erlebt, in denen sich der Todeswunsch manchmal zur Selbstmordabsicht und einige Male sogar zum Suizidversuch verdichtet. Mit 22 Jahren, als sie für einige Tage allein im Haus ist, nimmt sie eine größere Dosis Schlaftabletten ein und legt sich ins Bett. Bald darauf wird ihr entsetzlich schlecht, der Schweiß bricht ihr aus, und sie ringt nach Luft.) Ich dachte, es wär' so einfach ... ich dachte, ich schlaf' einfach ein ... (Nach einiger Zeit lässt ihre Unruhe ganz rasch nach, und sie schläft ein. Zwei Tage darauf wacht sie mühsam auf, kann sich nach einiger Zeit orientieren und an das Geschehene erinnern. Sie wird sehr traurig, weil sie immer noch da ist.)

Irgendwann schaff' ich's doch ... ich tu's doch ... ich hab' gedacht, es wär' so einfach ... es geht ganz schnell ...

(Doch der Wunsch zu leben ist in ihr nicht ganz erloschen. Immer wieder einmal lodert er auf und trifft auf einen merkwürdigen Widerspruch:) Ich hab' Angst vor diesem Gefühl, sterben zu wollen ... ich will doch leben! - Ich weiß gar nicht, was das ist ... (Eva will dieses Gefühl nicht spüren, sie will »leben wollen«. Sie schlägt sich mit den Fäusten an die Stirn, will sich das Gefühl »aus dem Kopf schlagen«.) - Irgendwo ist das Gefühl, ich will weggehen ... als würd' mich jemand rufen, dem ich es versprochen habe, zu kommen. - Ich hab' Angst ... ich möcht' leben ... aber ... ich darf nicht leben - Ich will leben ... lass mich doch! Es ist, als würd' ich drauf warten, dass es mir jemand erlaubt. - Ich möcht' so gern leben, ich darf nicht ... sie hat es mir nicht erlaubt ... ich hab' das Gefühl, ich tu' was Verbotenes. Ich weiß gar nicht, warum. Irgendwas sagt mir, ich darf nicht ...

Eva war 31 Jahre alt und studierte Psychologie, als sie mich im Herbst 1984 wegen Lernschwierigkeiten aufsuchte ......

( Ende )

Email Siegfried Petry

Top