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Der Fall Paul
Brune
NS-Psychiatrie und ihre Folgen |
Filmpremiere: am 7. März
2005
Im: Programmkino Cinema, Münster
Eine späte Entschuldigung für ein zerstörtes Leben
Frankfurter Rundschau vom 15.01.2003
Von Ingrid Müller-Münch
Wie muss er sich am Dienstagnachmittag bloß vorgekommen
sein, der Paul Brune, um den sein Lebtag lang kein Huhn und kein
Hahn gekräht hat. Was ihm die Nonnen des Waisenhauses im
westfälischen Lippstadt ebenso wie die braunen Nazi-Schwestern
der "Anstalt für geisteskranke und geistesschwache Kinder"
im sauerländischen Niedermarsberg immer wieder eingebleut
haben. Damit wurde er Mein gehalten, ebenso wie mit der fast rituell
wiederholten Beschimpfung, bei ihm und seinesgleichen handele
es sich um unnütze Brotfresser, Schmarotzer, Minderwertige.
Ja, man verstieg sich sogar soweit, das Leben des Paul Brune als
"lebensunwert" zu brandmarken. Eine Beurteilung amtlicherseits,
die ihn beinahe um sein von ihm durchaus geliebtes, von anderen
aber so gering geschätztes Leben gebracht hätte.
Bei diesem Paul Brune - einem Nichts und einem Niemand - entschuldigte
sich am Dienstagnachmittag der Direktor des Landschaftsverbandes
Westfalen-Lippe, Wolfgang Schäfer, hochoffiziell in den Räumen
des Düsseldorfer Landtags. Und zwar für das dem sehr
geehrten Herrn Brune während der Nazizeit und auch danach
"widerfahrene schlimme Unrecht". Paul Brune fuhr aus
diesem Anlaß extra in das Landtagsgebäude nach Düsseldorf.
Ein kleiner Mann mit inzwischen schon leicht krummem Rücken,
einem noch immer üppigen Lockenkopf und einer schleppenden
Stimme, die daher rührt, dass Paul Brune so viele Jahres
seines Lebens keinen Mucks von sich geben durfte. Sonst setzte
es was auf den "Schwätzermund". Sonst wurden Kinder
wie er voll bekleidet in einer mit kaltem Wasser gefüllten
Badewanne untergetaucht. Solange, bis sie kaum noch Luft bekamen.
Genau hierfür entschuldigte man sich am Dienstag. Und noch
für vieles mehr. Es war eine längst überfällige
Geste, mit der Brune allerdings nicht mehr gerechnet hatte. Nach
all den lebenslangen Kämpfen, die er ausgefochten hatte,
trotz der vielen Steine, die man ihm allerorts in den Weg legte.
Dabei hatte man ihm das Widersetzen doch eigentlich ausgetrieben,
mit Hilfe von Zwangsjacken, in die man ihn steckte und die vom
verkrusteten Blut der geschlagenen, verletzten Heimkinder schon
ganz steif waren.
Die verbliebene Zähigkeit im Körper und in der Seele
des Paul Brune ist das Erstaunlichste an der Lebensgeschichte
dieses Menschen. Er, der wegen seiner Lebhaftigkeit und seines
so wenig in die Grabesstille der Anstalten passenden Redebedürfnisses
nach acht Jahren aus der "Idiotenschule" geflogen war,
hat Germanistik und Philosophie studiert. Sein Staatsexamen gemacht.
Doch wie es hierzu kam, wieso Paul Brune heute wie selbstverständlich
Brecht zitiert oder auf berühmte Philosophen verweist, ist
eine lange, eine traurige Geschichte. Und wer sie zuerst hört,
der wird sie kaum glauben.
So ging es auch Brigitte Hermann vom Petitionsausschuss des nordrhein-westfälischen
Landtags. Die Landtagsabgeordnete der Grünen las die 69 Seiten
der Eingabe Brunes, mit der er schon viermal zuvor vergebens um
eine Entschädigung gebeten hatte. Doch diesmal nahm man ihn
ernst, recherchierte und konnte irgendwann nicht umhin, seine
Schilderungen zu glauben. Was ihm die jetzige Entschuldigung und
die höchstmögliche von der Härtefallkommission
des Landes NRW zu bewilligende Entschädigung als überlebendes
Opfer der Nazi-Euthanasie einbrachte.
Er bekommt nun etwa 260 Euro monatlich für ein ganzes zerstörtes
Leben. Ein Leben, das eigentlich an dem Tag aufhörte normal
zu schlagen, als sich seine Mutter, die Paula Brune, mit ihren
drei jüngsten Kindern, darunter den noch nicht einmal einjährigen
Paul, im Dorfteich ertränken wollte. Ihr Mann hatte sie,
nachdem seine Frau von einem benachbarten Bauern schwanger war
und Paul gebar, mit Fäusten, ja mit dem Hammer zur Raison
bringen wollen. Bei ihrem Selbstmordversuch ertrank Pauls vierjähriger
Halbbruder. Eine Schwester, Paul und die Mutter wurden gerettet.
Paul kam, wie er später herausfand, "so nass und verdreckt,
wie man mich aus dem Wasser gefischt hatte", sofort ins St.-Josef-Waisenhaus
nach Lippstadt. Dort begann sein Leidensweg.
Von nun an hieß es stillsitzen, stillschweigen. Der kleine
Paul hielt das nicht aus. Wenn keiner guckte, tanzte er herum,
neckte die anderen Kinder, die stumm stundenlang auf ihren Stühlchen
hockten. In seiner "Irrenhausakte" - wie er hartnäckig
das Dokument bezeichnet, das die vielen ärztlichen Hauruckeinschätzungen
seiner Person enthält - schlug sich sein Verhalten als "gemeingefährliche
Umtriebe schon im frühkindlichen Alter" nieder. Später,
im heimeigenen Horst-Wessel-Kindergarten, besehimpfte der Rektor,
ein alter Nazi, den Jungen, der sich schon vor der Einschulung
selbst das Lesen beigebracht hatte, vor der ganzen Klasse als
"erblich
minderwertig"- 1943 lieferten ihn die Nonnen ins Irrenhaus
nach Dortmund-Aplerbeck, von wo aus er kurz darauf ins St. Johannesstift
nach Niedermarsberg verlegt wurde, einer "Anstalt für
Geisteskranke, Schwachsinnige und Epileptiker". Er mache
den Eindruck eines normal begabten Kindes, hieß es geradezu
verwundert frei seiner Aufnahme. Trotzdem lautete die Diagnose:
"gemeingefährliche Schizophrenie". Damals war das
so etwas wie ein Todesurteil, denn die in Aplerbeck und Niedermarsberg
von den Nazis eingerichteten "Kinderfachabteilungen"
sollten sogenannte "erbkranke" oder behinderte Kinder
zur Euthanasie, also zur amtlicherseits angeordneten und exekutierten
Ermordung, auswählen. Auch der kleine Paul war hierfür
vorgesehen, Anstaltspsychiater Heinrich Stolze hatte ihn als "lebensunwertes
Leben" eingestuft. Paul rettete - so glaubt er heute ein
Test, ein fehlerfreies Diktat, bestehend aus kurzen Sätzen
wie dem: "Wir rufen Heil Hitler", und ein Aufsatz, in
dem er schrieb: "Ich wohne in Deutschland. Der Führer
wohnt in Deutschland. Die Soldaten helfen ihm. Wir haben jetzt
Krieg mit den Russen und Engländern. Die schießen die
Soldaten, weil die unsere Häuser kaputt machen."
Paul blieb, während viele, viele Kinder einfach so verschwanden.
"In meiner Zeit", sagt Paul Brune, "von Anfang
September 1943 bis Anfang der 50er Jahre sind hier 500 Kinder
gestorben. Ganz zu schweigen von den Kindern, die 43/44 in die
Vernichtungsanstalten geschickt wurden." Noch heute fragt
er sich unentwegt, wie er diese Kinderhölle hat überleben
können. Denn der kleine, gerade mal achtjährige Paul
sah die Kinder seiner Station, die zu den "braunen"
Schwester mit ihren Peitschen in die "Kinderfachabteilung"
des Erdgeschosses verlegt wurden, nie wieder. Immer häufiger
musste er im Gewand des Messdieners hinter dem Anstaltspfarrer
und den Kindersärgen zum heimnahen Friedhof gehen. Jahre
später, als er all dem längst entronnen war, suchte
er die Nonnen seines Waisenhauses auf, die ihn zur Euthanasie
nach Dortmund-Aplerbeck abgeliefert hatten. Dort stieß er
aufeine Mauer des Schweigens und der Ablehnung. Der Anstaltspfarrer
hat ihn, als er auch bei ihm anklingelte, "schlicht aus seiner
Wohnung geworfen". Irgendwann erfuhr er dann, dass Psychiater
Dr. Heinrich Stolze, dem er die Einstufung als ,lebensunwertes
Leben" verdankte, 1953 wegen seiner Mitwirkung am Euthanasie-Programm
vom Landgericht Münster "wegen erwiesener Unschuld"
freigesprochen worden war Das Schwurgericht war, wie damals üblich,
einem psychologischen Gutachten gefolgt, wonach Stolze für
die Zeit seiner Taten einem "Irrtum über das Erlaubtsein
seines Handelns" erlegen war.
Für Paul Brune war mit der Rettung seines Lebens seine stumpfsinnige
Heimzeit allerdings längst nicht zu Ende. Weitere zehn Jahre
verbrachte der Junge, dem später bei psychologischen Tests
eine überdurchschnittliche Intelligenz nachgewie- sen wurde,
hinter den dicken Mauern der Niedermarsberger "Anstalt für
geisteskranke und geistesschwache Kinder". Dort blieb auch
nach 1945 alles beim Alten. Manch ein Kind, daran erinnert sich
Paul Brune genau, starb auch weiterhin an den ihm durch Pfleger
und Aufseherinnen zugefügten Verletzungen, an Tritten, Schlägen,
Knebeln, durch Eintauchen in kochendes Wasser. Die Bilder der
zerlumpten Gestalten, die all dies überlebten, bringen Paul
Brune noch heute manche Nacht um den Schlaf. Dann sieht er sie
wieder, diese Kinder mit ihren "hängenden Schultern,
gekrümmten Rücken, apathischen Gesichtern, stumpfsinnigen
Augen. Wir waren deprimierende Gestalten, denen das Interesse
an der Welt ausgetrieben wurde." In seinem Fall ist das misslungen.
Nach mehreren Fluchtversuchen, zeitweiliger Knechtsarbeit bei
einem Bauern, einem Selbstmordversuch mit E 605 kam er zwar zunächst
in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie in Münster,
in den sogenannten "Schutthaufen". Diesmal hatte man
ihm, "ruckzuck", einen Wasserkopf attestiert. Auch dort
wehrte er sich. Dagegen, dass ihm ein Mitpatient seine Rotze ins
Gesicht pustete, ein anderer ihn mit Kot beschmierte. Prompt bekam
er die Quittung: er störe den Frieden der Abteilung, zeige
keine ,Krankheitseinsicht", sei einfach paranoid. Inzwischen
war er 18 Jahre alt. Konnte Gedichte wie Goethes Erlkönig
auswendig, rezitierte in seiner verlangsamten Sprache Schillers
Zauberlehrling oder die Kraniche des Ibikus. All dies hatte er
aufgeschnappt, geklaubt aus verstohlen gelesenen Büchern.
In Münster traf er zum ersten Mal auf Menschen, die sich
nicht nur im Kasernenhofton miteinander verständigten, die
miteinander redeten, diskutierten. Ein Priester, wegen Unzucht
mit Minderjährigen dorthin eingewiesen, feilte mit ihm an
seiner Aussprache, übte mit ihm die deutsche Grammatik, setzte
sich in Briefen an das Vormundschaftsgericht für Paul ein.
Und hatte Erfolg. Eines Tages wird Paul abgeholt, ist von nun
an auf sich selbst gestellt.
Zunächst schlägt er sich bei Bauern als Hilfsarbeiter
durch. Nutzt jede Minute für seine Bildung. "Von den
Stunden der Verzweiflung bei diesem Bemühen will ich erst
gar nicht reden." Es gelingt ihm, sein Abitur nachzumachen,
Germanistik und Philosophie zu studieren. Er lernt Psychiater
kennen, die entsetzt sind über das, was in seiner Krankenakte
steht, die ihn ermuntern, für das ihm angetane Unrecht auf
Entschädigung zu drängen. 1966 reicht er seine erste
von insgesamt fünf Eingaben beim Petitionsausschuss ein.
Erst die letzte, bei der ihn die Grünen-Politikerin Brigitte
Hermann unterstützte, ist erfolgreich. Doch die unhaltbaren
Diagnosen der Naziärzte haben ihn nicht nur um seine Kindheit,
sondern auch um seinen Beruf gebracht. Als er 1978 seine Referendarzeit
an einem Gymnasium beginnen will, schaltet sich das Bochumer Gesundheitsamt
ein. "Ein ewiger Student? Eine soziale Drohne?" sinniert
ein Amtsarzt schriftlich über Paul Brune und verweist in
seinem Eifer, Brunes Referendarzeit zu verhindern, auf einen Eintrag,
1943 vom Nazirektor der Horst-Wessel-Schule vorgenommen. Danach
sei Brune "das Schulbeispiel für asoziales Verhalten
infolge Erbanlage". Und als reiche dies nicht aus, um Brune
zu diskreditieren, fügt dieser Amtsarzt im Jahre 1978 noch
hinzu: "Paul Brune stammt aus einer ehebrecherischen Beziehung
der Mutter." Brune nahm dies nicht hin, wusste sich inzwischen
zu wehren. Über das Verwaltungsgericht bekam er die Erlaubnis,
sein Referendariat abzuschließen. Doch Lehrer werden durfte
er nie. Irgendwie kann er das auch verstehen. "Man hat ja
nicht wissen können, ob nicht doch an all dem, was da in
meiner ,Irrenhausakte` stand, etwas dran gewesen ist", sagt
er traurig, aber ohne jeden Zorn.
Zu seiner Familie hat er keinen Kontakt, obwohl er sie alle aufgesucht
hat: die Halbgeschwister, seinen wirklichen Vater und seinen Stiefvater
Wie waren sie doch überrascht, ja fassungslos, dass der Meine
Paul noch lebte! Keiner war jedoch wirklich an ihm interessiert.
Als 21-Jähriger fuhr er zu seiner inzwischen auf dem Bauernhof
einer Schwester lebenden Mutter Die hat ihn sofort erkannt. "Was
willst Du hier, was willst Du hier?", empfing sie ihn in
Panik und wiederholte immer wieder: "Ich kann Dir nicht helfen.
Woher weiß Du überhaupt, dass ich hier wohne?"
Der Besuch war so deprimierend, dass Paul Brune ihn nie wiederholte.
Noch heute lebt er in einer mit philosophischen Werken, Literatur
über die NS- Zeit, Romanen und Krimis vollgestopften Studentenbude
im Bochumer Univiertel. Auf die Frage, ob er sich selbst als einen
unglücklichen Menschen bezeichnen würde, schüttelt
er heftig den Kopf. Um dann, zögernd und nachdenklich hinzuzufügen::
"Seltsamerweise nicht. Manchmal, da packt es mich allerdings
schon. Vor allem des Nachts. Dann knipse ich die Lampe an, schnappe
mir ein Buch und tauche einfach weg."
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