Sexuelle
Gewalt
von
(1991)
Dokumentation einer Folge sexueller Gewalttaten im Deutschland der 50er Jahre
Vorwort
Dies ist die Geschichte der kleinen Eva, die in den ersten 13 Jahren ihres Lebens extreme sexuelle Gewalt erlitten hat. Eva und ich haben diese Geschichte Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch "Begleitetes Systematisches Wiedererleben" aufgedeckt und bearbeitet, sodass Eva mit der Erinnerung daran leben kann.
Die Geschichte dieser sexuellen Gewalterfahrung und ihrer Therapie habe ich 1991 im Beltz Verlag veröffentlicht. 1993 ist das Buch in zweiter Auflage erschienen; zur Zeit ist es vergriffen, jedoch beim Verfasser noch erhältlich. Ich veröffentliche die Geschichte nun an dieser Stelle, damit sie nicht ganz vergessen wird.
Als ich seinerzeit mit Eva zusammen an der Aufdeckung ihrer Biographie arbeitete, tat sich vor mir ein Abgrund menschlicher Grausamkeit, Erbarmungslosigkeit und Perfidie auf, den ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Inzwischen weiß ich, dass Evas Geschichte kein Einzelfall ist.
Ich weiß, dass es in unserem Land Hunderttausende von Mädchen und Jungen gibt, die Ähnliches erlebt haben. Ich weiß, dass es Gruppierungen von Gewalttätern gab und wohl noch immer gibt, die sexuelle Gewaltausübung geradezu professionell betreiben und denen in die Hände zu fallen für ein Kind das Grausamste bedeutet, was es erleben kann. Ich weiß, dass es in einsamen Häusern in großen Gärten und hinter hohen Mauern professionell betriebene Unternehmen gab, die zugleich Kinderbordell und Filmstudio waren, in denen Kinder bis aufs Blut und bis in den Wahnsinn gepeinigt wurden.
Ich weiß von einem katholischen Kinderheim, in dem einerseits kleine Kinder von Nonnen selbstlos und aufopferungsvoll betreut und herangebildet wurden, in dem Kindern, die von ihren Eltern missbraucht und verwahrlost worden waren, das Leben gerettet wurde. Und andererseits war diese Einrichtung auch ein Kinderbordell unter der Leitung einer Ordensfrau, unter Betreuung eines Heimarztes, der in die Vorgänge eingeweiht war, ein Haus, in dem hohe geistliche Würdenträge»verkehrten« und in dem dieselben Nonnen, die Kindern das Leben gerettet hatten, aus menschlicher Erbärmlichkeit und Feigheit und vielleicht sogar wegen ihres Ordensgelübdes des Gehorsams zu allem schwiegen, was dort vorging.
Ich war gleichsam dabei, als Eva einem hoch gebildeten, kultivierten Herrn in seiner edlen Villa begegnete, mit einer großen Bibliothek, hinter der – gut getarnt – ein »Behandlungsraum« zur Ausübung der perversen Leidenschaft des Hausherrn lag.
Aber es geht im Grunde nicht allein um sexuelle Gewalt an Kindern. Es geht um viel umfassendere Aspekte der conditio humana, der Bedingungen, unter denen die Menschen leben und die sie selbst hervorbringen. Es geht um eine »alternative Anthropologie«, um eine erweiterte Wissenschaft vom Menschen, seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Es geht um die überall auf der Welt verbreitete Bereitschaft der Menschen zur Gewalt, zur Grausamkeit, zum Töten. "Hitlers willige Vollstrecker" gab es nicht nur in Deutschland und nicht nur in Europa, Gräueltaten gab und gibt es fast überall, wo Soldaten Krieg führen und gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Auch Regierungen zivilisierter Länder verhalten sich immer wieder einmal wie kriminelle Vereinigungen oder wie Räuberbanden. Überall auf der Welt werden Kinder tagtäglich von ihren Eltern misshandelt. Männer aus ganz Westeuropa fliegen nach Südostasien und fügen Kindern Leid zu. Immer wieder geschehen in Afrika und sonst wo Völkermorde. Und dann gibt es immer wieder – da und dort – jene alten Männer, welche die Jugend – und neuerdings sogar die Kinder – ihres Volkes in den Tod jagen (Soldatensprache: »verheizen«), angeblich um irgendwelcher »Ideale« willen.
Es geht zunächst darum, diese Tatsachen »wahr zu nehmen«, zur Kenntnis zu nehmen, anzuerkennen, dass Menschen so sind oder jedenfalls so sein können, dass die Welt so ist und nicht anders. Erst in Kenntnis der vollen Wahrheit, erst im illusionslosen Wissen um die Realität, sind Veränderungen möglich.
Eva
Eva war einunddreißig Jahre alt und studierte Psychologie, als sie mich im Herbst 1984 wegen Lernschwierigkeiten aufsuchte. Als diese leidlich behoben waren, bat sie mich um eine weitergehende psychotherapeutische Behandlung. Die Symptome, die sie dazu veranlassten, waren vor allem eine fast ständig vorhandene diffuse Angst, es könne irgend etwas Schreckliches passieren (»Die Decke fällt herab«), sowie panische Angst vor dem Einschlafen, weshalb sie stets sehr spät und auch dann nur höchst ungern zu Bett ging.
Äußerlich fielen ihr starkes Übergewicht auf, das sich besonders im Beckenbereich zeigte, und ihre stockende Sprechweise. Kaum jemals sprach sie einen Satz zu Ende, ohne sich zu unterbrechen; häufig vollendete sie ihre Sätze gar nicht, und oft begannen diese mit »Ich weiß nicht...« Bei unangenehmen oder angstbesetzten Themen legte sie regelmäßig eine Hand in den Nacken. »Um mich zu schützen« war ihre immer gleiche Antwort auf meine Fragen, wofür das gut sei.
Kontakte mit anderen hielt sie bewusst oberflächlich und unverbindlich und ließ niemanden an sich heran: »Ich kann sozusagen aus mir heraustreten und dem Anderen eine munter plappernde und kichernde, aber leere Hülle darbieten.« Dabei konnte sie Gefühle »wie mit einem Schalter« abstellen.
Sie ließ sich leicht ausnützen und bekam sofort ein schlechtes Gewissen, wenn sie jemandem - ausnahmsweise - einmal eine Bitte abschlug. Hingegen war es ihr so gut wie unmöglich, Andere um etwas zu bitten. Fast ebenso schwer fiel ihr das Bedanken; wenn es unumgänglich schien, tat sie es schriftlich. Hinter diesem Verhalten standen ihre Grundsätze: »Ich brauche niemanden, ich brauche euch alle nicht, ihr könnt mir gestohlen bleiben!« Als ich sie einmal bat, darüber etwas tiefer nachzusinnen, gestand sie: »Es fällt mir unheimlich schwer, mich darauf einzulassen, dass mir jemand wichtig ist.«
Eva ließ sich stundenlang als Klagemauer missbrauchen und zog dies dem Alleinsein vor. Von ihren eigenen Ängsten und Nöten erfuhr natürlich niemand etwas. Einer der Gründe dafür war ihre Maxime: »Ich traue niemandem und glaube nichts!« (Den tiefsten und wohl eigentlichen Grund haben wir erst später erfahren.) Andere ihrer Lebensregeln lauteten: »Freude ist verboten. Für jeden Spaß muss ich einmal bezahlen!« – »Weinen ist verboten. Ich darf nicht weinen. Es darf niemand merken, wenn ich traurig bin.« (Eva hat seit ihrer Kindheit kaum jemals eine Träne geweint. - »Da ist so eine innere Stimme: ,Stell dich nicht so an!'«)
Die Beschäftigung mit den dunklen, ihr bislang verborgenen Geschehnissen ihrer Vergangenheit während der Therapie machte ihr ein schlechtes Gewissen: »Ich darf das nicht wissen!« Sie war überzeugt, eine glückliche Kindheit erlebt zu haben.
Ihren Gefühlen traute Eva nicht: »Ich muss alles achtmal überprüfen.«
Stark ausgeprägt war ihre Spinnenphobie. Sie, die buchstäblich keiner Fliege etwas zuleide tat, verfolgte Spinnen in ihrer Wohnung erbarmungslos. Die Vorstellung, dass eine ihr nachts über den Körper laufen könnte, war »der absolute Horror«.
Dunkelheit ertrug sie - auch beim Schlafen - nicht; ein nur von einer Kerze beleuchteter Raum war ihr unheimlich: »Da rast' ich aus!« Nachtwanderungen waren ihr selbst in einer Gruppe unmöglich. In einen Keller traute sie sich nur, wenn er hell beleuchtet und sauber (spinnenfrei) war.
Eva konnte nicht auf einer langen Treppe stehen bleiben und war früher sehr oft Treppen hinuntergefallen. Überhaupt war sie als Kind oft hingefallen; ihre Knie und Hände waren fast immer lädiert, und die Wunden konnten nur langsam heilen, weil sie den Grind immer wieder abkratzte.
Den Winter, und überhaupt Kälte, Schnee und Berge, hasste sie; sie fuhr nur im Sommer in Urlaub und nur in warme, südliche Länder.
Vor Hautcreme, Sonnenmilch und ähnlich schmierigen Substanzen empfand sie einen starken, unüberwindlichen Ekel.
Schon als Kind hatte sie Angst vor dem Einschlafen; sie wachte oft nachts auf und »tappte in der Wohnung herum«. Häufig stand sie frierend lange Zeit vor dem Bett ihrer Mutter, traute sich jedoch nicht, sie zu wecken oder auch nur zu ihr ins Bett zu schlüpfen.
Nur gezwungenermaßen ging sie in den Kindergarten (»Ich hasste ihn!«), kam stets zu spät und stand dann meist in einer Ecke herum. Ihre Schulzeugnisse trugen immer Vermerke wie: »Eva ist zu still.«
Sehr empfindlich reagierte sie auf laute Stimmen oder gar Schreien: »Ich gehe sofort in die Defensive oder ziehe mich zurück, sobald jemand laut wird.« Ganz unerträglich war es ihr, wenn jemand versuchte, sie an den Handgelenken oder an den Unterarmen festzuhalten.
Evas Tage waren hinsichtlich ihrer Stimmungslage hermetisch gegeneinander abgeschottet: »Ich kann mich morgens nie erinnern, wie es mir tags zuvor gegangen ist; ich habe keinerlei Sinn dafür.«
Sie litt nicht selten unter Migräne und Kreislaufstörungen und hatte alle paar Monate einen Gastritis-Anfall.
Mit etwa 22 Jahren unternahm sie, als sie einige Tage allein im Haus war, einen Suizidversuch mit Tabletten. Nach zweitägigem Schlaf erwachte sie und suchte bald darauf einen Arzt auf, der ihr ein Beruhigungsmittel verschrieb. Etliche Jahre später faszinierte sie längere Zeit der Gedanke, mit ihrem Auto bei hoher Geschwindigkeit an einen Baum zu fahren. Aus dieser Zeit etwa stammen auch ihre psychotherapeutischen Erfahrungen, die sie in 80 Stunden Einzeltherapie und einigen »Intensivgruppen« gemacht hat. Die eigentliche Ursache von Evas Symptomen war dabei unentdeckt geblieben.
Eva lebt mit ihrer Mutter heute noch im selben Haus in einer fränkischen Großstadt - und beziehungslos neben ihr her. Über Evas Verhältnis zu ihrer Mutter, insbesondere während ihrer Kindheit, erfuhren wir beide Genaueres erst im Laufe der Therapie und durch diese. Eva wusste zu Beginn unserer Arbeit nur, dass sie für ihre Mutter ein nicht gewünschtes Kind war, was diese ihr später immer wieder einmal gesagt hat.
Die Welt ihrer beiden um zweieinhalb bzw. fünf Jahre älteren Brüder blieb Eva meist verschlossen; die beiden standen ihr herablassend gleichgültig, oft auch feindselig gegenüber. Eva selbst nannte ihr Verhältnis »mies«.
Zu ihrem Vater, einem in seinen Kreisen sehr angesehenen, wohlhabenden Versicherungsvertreter, hatte sie ein weit besseres Verhältnis. Sie war sein Lieblingskind und wurde von ihm den Brüdern vorgezogen (was deren Beziehung zu Eva nicht gerade verbesserte). »Ich hab' unheimlich viel von ihm bekommen. Irgendwelche Wünsche, die ich hatte - er hat sie mir erfüllt. Ich konnte sie nie äußern, aber er kannte sie irgendwie.« — »Überhaupt war mein Vater nach außen der absolute Super-Ehemann und -Familienvater. Er war unwahrscheinlich beliebt.«
Er starb mit 62 Jahren an Magenkrebs; Eva war damals dreißig. »Merkwürdigerweise hatte ich kurz vor seinem Tod immer die Erwartung, er müsse mir doch noch irgend etwas sagen, ohne dass ich gewusst hätte, was. Ich dachte immer, er kann sich doch nicht einfach so davonmachen.«
Ein Brief
Nach etwa einem Jahr Therapie (ca. 40 Sitzungen) war unabweisbar deutlich geworden, dass Eva als Kind von ihrem Vater jahrelang sexuell missbraucht worden war. Sie hatte dies, und erst recht natürlich alle Einzelheiten, vollständig »vergessen« und reagierte auf die Entdeckung mit Entsetzen, Trauer, Wut und Schuldgefühlen.
(Das Auftreten von Schuldgefühlen bei Kindern, die über längere Zeit sexuell missbraucht wurden, ist ebenso merkwürdig wie charakteristisch. Die klassische »Erklärung« dieser Schuldgefühle ist die Macho-Legende von der unbewusst handelnden kleinen Verführerin. Die vorliegenden Therapieprotokolle zeigen einerseits die Unsinnigkeit dieser Hypothese, andererseits auch die wahren Ursachen der Schuldgefühle.)
Nach weiteren eineinhalb Jahren etwa begann der therapeutische Prozess langsamer zu werden und schließlich zu stocken. Immer wieder fragte Eva sich und mich: »Und was fange ich jetzt mit diesem Wissen an? Wie kann ich damit weiterleben?« Dabei kannten wir damals weder den Umfang noch die scheußlichen Details dessen, was der Vater ihr angetan hatte.
Im Juli 1988 erhielt ich von Eva folgenden Brief:
Lieber Siegfried,
Du wirst Dich sicher wundern, dass Du einen Brief von mir erhältst. Ich wundere mich eigentlich auch, dass ich ihn schreibe, aber mir gehen seit heute Nachmittag so viele Dinge durch den Kopf. Ich weiß einfach nicht mehr, wie es weitergehen soll. Ich habe das Gefühl, egal wo ich anfange, ich lande immer wieder bei meinem Vater und bei dem, was er mir angetan hat, und damit immer wieder bei entsetzlich viel Schmerz und Trauer. Bei Schmerz und Trauer, die nicht nachlassen, sondern eher stärker werden. Ich versuche mir einzureden, dass alles lange vorbei ist, dass ich inzwischen erwachsen bin und es sich nie mehr wiederholen kann, aber es nützt nichts, ich fühle mich immer noch wie dieses kleine missbrauchte Kind, das Angst hat vor der nächsten Verletzung, das weiß, dass es immer wieder missbraucht werden wird. Sobald ich mich auf meine Gefühle einlasse, stoße ich auf diese entsetzlichen Jahre meines Lebens und verliere jedes Selbstbewusstsein und alle Sicherheit. Auch heute Nachmittag und auch im Augenblick fühle ich Angst und Schmerz in mir. Ich möchte davonlaufen, suche einen sicheren Ort und finde keinen. Es macht mir Angst, dass mir immer nur der Tod als Sicherheit einfällt. Oft denke ich mir, es wäre besser gewesen, er hätte mich umgebracht.
Ich spüre immer mehr, wie sehr mich mein Vater verletzt hat. Er hat mir eigentlich alles genommen, was ich hatte. Ich erinnere mich noch an dieses kleine Kind, voll Stärke und Sicherheit und Vertrauen, eigenwillig und sich als Mittelpunkt seiner kleinen Welt fühlend. Er hat nichts davon übrig gelassen. Er hat meinen Willen gebrochen, hat mich zu einem Objekt gemacht, zu einem Gegenstand, den man benutzt und wieder in die Ecke stellt. Er hat mir gezeigt, was ich wert bin: nichts, absolut nichts. Ich gehörte nicht mehr mir, ich gehörte ihm, ich war sein Eigentum. Ich habe aufgehört, als Person zu existieren. Heute lebt er nicht mehr, doch was ist mit mir, lebe ich eigentlich noch? Was ist von mir geblieben, was hat überlebt? Ein total verunsichertes Wesen voller Angst. Das Einzige, was er nicht zerstören konnte, war mein Verstand, und an den klammere ich mich heute. Meine Gedanken, die gehörten nur mir, an die kam niemand heran. Vielleicht ist deshalb Verwirrung für mich so schrecklich, die Angst, auch noch meinen Verstand zu verlieren.
Ich weiß eigentlich nicht, warum ich Dir dies schreibe. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, ob Du es verstehst. Ich habe Angst davor, dass Du Dich von mir und meinen Problemen belästigt fühlst. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich Deine Hilfe in Anspruch nehme, um meine Probleme zu lösen und Angst davor, dass es Dir zu viel wird. Bitte entziehe mir Deine Hilfe nicht und hab' Dank für alles, was Du bisher für mich getan hast.
Herzlichst, Eva
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