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| Richard C.
Schwartz: Systemische Therapie mit der inneren Familie |
Buchbesprechung
von Reinhold W. Rausch
„Erkenne Dich selbst“, “werde, der Du bist“,
„sei real“ – wer wollte das nicht?
Wie aber ist dieses Real-Sein zu verstehen? Wo beginnt es? Immer
komme ich, wenn ich mich in Primals unvermittelt wahrnehme und
unbeschränkt zulasse, zu dem Ergebnis, eben gerade nicht
real (gewesen) zu sein, sondern durchdrungen zu sein von Prägungen
über Prägungen, die meine Gefühle und meine Wahrnehmung
weit mehr bestimmen alles andere.
Ist Selbstwerdung demnach ein Prozess ständiger Häutung,
auf einen vorgestellten Kern hin, der sich dann doch immer wieder
als nur eine Vorstufe meines wahren Wesens erweist? Ich muss zugeben,
das Zwiebelschalen- Modell hat mich nie wirklich befriedigt und
mir vor allem nie das Gefühl gegeben, jemals wissen zu können
was, in mir, wirklich oben und unten ist.
Was mir hier fehlte, war ein allgemeines Persönlichkeitskonzept,
das mir Kategorien der Selbstwahrnehmung bietet, die sich stimmig
anfühlen und das mir hilft, zwischen Trübung und (relativer)
Klarheit zu unterscheiden. Bin ich real, wenn ich etwa a) unzufrieden
bin mit meinem Therapeuten oder bin ich real wenn ich b) diese
Unzufriedenheit als Abwehr deute? Bin ich „eigentlich“
a) oder bin ich „eigentlich“ b)?
What is really real?
Falsche Frage, würde Richard C. Schwartz darauf antworten,
und bedeuten, dass es vielmehr auf den Dialog und auf das mehr
oder weniger gute Auskommen der beiden „Teile“ in
mir ankommt und darauf, welches Verhältnis ich, Reinhold,
zu diesem Dialog der Teile in mir einnehme.
Sein allgemeines Persönlichkeitsmodell, wie er es in seinem
2003 auf Deutsch erschienenen Buch „Systemische Therapie
mit der inneren Familie“ vorstellt, kennen zu lernen, war
für mich eine absehbar unhintergehbare Erfahrung. Eine Erfahrung,
die auch nach wiederholter Lektüre das Gefühl von Ankunft
und Erleichterung zurücklässt - wie endlich einen Platz
erreicht zu haben, der intuitiv schon lange gesucht wurde.
Schwartz versteht, was in uns vorgeht, als eine grundsätzlich
natürliche innere Ökologie von durch ihn so genannten
„Teilen“, als ein mehr oder weniger integriertes System
von Aspekten, Charakteren, Gefühlen. Er begreift und behandelt
diese Teile als je eigene Persönlichkeiten, als autonome
Denksysteme, als eigene Arten, zu sein und für uns da zu
sein.
Für uns? Ja, für uns, denn diesen Teilen gegenüber
identifiziert Schwartz ein bewusstes „Selbst“, das
unabhängig von den Teilen in uns angelegt, von Anfang an
vorhanden und intuitiv weise ist. Unter seiner Führung entfalten,
für uns, die sonst blinden Teile ihre wertvolle und tragende
Kraft.
Für uns? Ja, für uns, denn das uneingeschränkt
akzeptierende Bild der Teile geht von der Grundüberzeugung
ihres ursprünglichen Wohlwollens für uns aus und rekonstruiert,
wo diese uns quälen und einschränken, dies als übernommene
Last, als traumatische Erstarrung und insbesondere als funktionale
Polarisierung innerhalb einer dysfunktionalen Struktur.
Schwartz singt also, als systemischer Familientherapeut, der
er war, bevor er die Prinzipien dieses Ansatzes individualpsychologisch
fruchtbar zu machen begann, das auch mit Verweisen auf seine fachlichen
Vorläufer wie etwa Assagioli („Psychosynthese“),
Jung („Archetypen“) und Rowan („Subpersonalities“)
, wohlbegründete Lied von der natürlichen Multiplizität
der menschlichen Psyche.
Welche Entlastung! Denn also, um zum obigen Beispiel zurückzukehren,
nicht „ich“ bin unzufrieden oder in Abwehr, sondern
ein gutmeinender Teil in mir ist völlig zu Recht unzufrieden
mit der Passung des Therapeuten und ein anderer, ebenso gutmeinender
Teil in mir ist ebenso völlig zu Recht im Zweifel, ob ich
mir nicht doch etwas vormache. Allgemeiner: nicht „ich“
bin wie auch immer gestört sondern ein „Teil“
in mir und auch der nur im Rahmen einer übermäßig
polaren Gesamtorganisation.
Denn die extrem gewordenen Teile kämpfen, anstatt gemeinsam
für mich da zu sein, für sich selbst um ungeteilte Aufmerksamkeit
und Verwirklichung. Das Problem dabei ist, dass ein separates,
verstehendes und moderierendes Selbst abwesend ist, das die Teile
aus ihren gegenseitig bedingten und so auch zementierten Polarität
befreien könnte.
Schwartz zitiert Watzlawick’s Bild zweier Matrosen, „...die
sich über die beiden Seiten des Segelboots hinauslehnen,
um es zu stabilisieren: je mehr sich der eine über Bord lehnt,
desto mehr muss der andere die Instabilität kompensieren,
die der erste durch seine Bemühungen, das Boot zu stabilisieren,
schafft, während das Boot allein, ohne ihre akrobatischen
Bemühungen, es zu stabilisieren, ziemlich stabil wäre.“
Welche von Vertrauen getragene Ressourcenorientierung! Denn es
ist das in uns von Anfang an vorhandene und vollständig für
seine übergeordnete Aufgabe ausgerüstete Selbst, das
in jedem von uns grundsätzlich in der Lage ist, die Führung
der Teile zu unserem Besten zu übernehmen. Als Sitz des Bewusstseins
ist dieses Selbst dazu auch aufgrund seiner angeborenen Eigenschaften
wie etwa Mitgefühl, Überblick, Neugier, Akzeptanz und
Vertrauen befähigt.
Entsprechend ist nach Schwartz oberstes Therapieziel nur dieses
Selbst, das in frühen und Trauma- induzierten Notfallreaktionen
von bestimmten, extrem gewordenen Teilen besetzt und durch sie
ersetzt wurde, abzutrennen und wieder in seine natürliche
Führungsrolle zu bringen. In dieser Rolle moderiert das Selbst
und nicht der Therapeut die polarisierten Bemühungen der
Teile in uns, das Boot auf Kurs zu halten: indem es sich ihnen
gleichmäßig interessiert, verstehend und wertschätzend
zuwendet und das Gute in ihnen erlöst. Entscheidungsfindung
wird damit notwendig zu einem internen Gruppenprozess, der nur
funktioniert, wenn alle innerlich Beteiligten zu ihrem relativen
Recht und in jedem Fall zu ihrer angemessenen Würdigung kommen
– wofür zu sorgen uns eben ein Selbst gegeben ist.
Dieses, das Selbst dazu zu bringen, sich den oft genug früh
festgefrorenen und innerlich verbannten Teilen zuzuwenden und
sie ihre Geschichte erzählen zu lassen und ihnen zuhelfen,
auferlegte bzw. übernommene Lasten zurückzulassen und
ihr erschüttertes Vertrauen in die Führung des Selbst
wieder wachsen zu lassen, beschreibt Schwartz als einen gemischt
kognitiven und emphatischen Prozess.
Dabei spielen gezielt imaginative, symbolische und aus der Gestaltarbeit
abgeleitete Interventionen eine Rolle, die das Buch an einem Fallbeispiel
ausführlich und anschaulich beschreibt.
Schwartz weiß wohl, dass, die Teile ihre Geschichte erzählen
zu lassen ein kathartischer Prozess ist, ohne jedoch, als systemischer
Therapeut, der er immer noch ist, diesen Weg mit annähernd
der gleichen Konsequenz zu gehen, wie regressionstherapeutische
Ansätze das tun. Er gibt sich immerhin offen gegenüber
den „... zahlreichen Möglichkeiten, um Zugang zum inneren
System einer Person zu finden und damit zu arbeiten.“
Ganz sicher aber kann sein Modell von Psyche regressionstherapeutische
Ansätze inspirieren, all die vielen verschiedenen Stimmen
in uns willkommen zu heißen, sie uneingeschränkt zum
Ausdruck kommen zu lassen und sie zu verstehen - um sie zugleich
der Verantwortung und Fürsorge des mündigen und fähigen
Selbst des Klienten anzuvertrauen.
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