Der Bastard
Der Fürsorgezögling
Roman ISBN 978-3-85252-909-7
Ich habe das Manuskript »Der Bastard« von Franz Josef Stangl mit Anteilnahme gelesen. Eine Expedition hinter die Kulissen der Gesellschaft in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In kompromissloser Erzählweise und atemlosen Erzählton gelingt es Stangl für den Leser ein Stück verborgener Wirklichkeit sichtbar und greifbar zu machen. Ich halte das Buch notwendig für die österreichische Literatur und das Verständnis einer ganzen Generation. Gerhard Roth
Rezension von Ulrike M. Dierkes
Kindheit ist kein Kinderspiel. Diese Erfahrung macht auch Franzi, dessen Mutter noch Elisabeth von einem Anderen und Hildegard von einem Anderen hat und mitsamt der drei Kinder als „Eierdiebin“ vom Ellertbauern rausgeschmissen wird. Solches Gesindel will der Bauer auf einem Hofe nicht. Sie ziehen in das ländliche Häuschen ihres Opas nahe Graz. Seine Mutter sucht nun Arbeit und Franzi stellt fest, dass er keiner von hier ist, ein „Bastard“. Daran ändern auch dicke Wollsocken, Gummistiefel und bis zu den Knöcheln reichende viel zu weite Lederhosen nichts. Er erntet nur Gelächter seiner Schulkameraden, bis er sich wehrt und einen verprügelt, Milchzähne splittern und Blut spritzt. Die Freundesbande des Geprügelten lauert ihm auf. Wieder zuhause, erwartet Franzi nicht nur der Dorfgendarm, sondern auch noch eine Tracht Prügel mit dem Lederriemen. In seinem Erstlingswerk beschreibt der 1952 in Graz geborene Franz Josef Stangl, wie er als unehelich geborenes Kind im erzkonservativen, amts- und titeldemütigen Österreich als Kind der Schande weder Rechte, etwa auf eine kindgerechte Behandlung, Lebensqualität oder gar Menschenrechte hat. Von Zieheltern zu Zieheltern weitergereicht, derer „Erziehung“ in negativ gemeinter Bedeutung ausgeliefert, ohne Bezugsperson, Fürsorge, Liebe oder gar seelische Zuwendung, kommt er mit elf Jahren in eine Erziehungsanstalt. Dort lernt er die Gesetze von Gewalt und Gegengewalt kennen. Immer wieder reißt er aus, gilt mit 18 Jahren schließlich als unerziehbar. Gefängnisse bleiben ihm nicht fremd. Die Gratwanderung vom Bastard, Fürsorgezögling bis zum Kriminellen führt in eine Spirale ohne Schul– oder Lehrabschluss, schließlich Flucht in eine Scheinwelt aus Drogen, Alkohol und Medikamente. Aufmachung und Einband des Buches zeugen von hoher Aufmerksamkeit, Ernsthaftigkeit, ja respektvollem Umgang mit dem bedrohlich unbequemen Thema, als zolle der Verlag seinem Autor auf diese Art seinen Beitrag menschlicher Rehabilitierung. Der Roman selbst, obwohl Roman, bietet dagegen keine Unterhaltung im Sinne des Genres, etwa glückliche, hoffnungsfrohe oder gar lichte Momente oder ein erleichterndes Ende. Aber das war sicherlich auch nie Absicht des Autors. Er bleibt von der ersten bis zur letzten Seite beklemmend. Eine Analyse, eine bedrückende Studie, eine Erklärung auch gesellschaftlicher Ursache und Wirkung, ja ein Zeugnis von Ausgeliefertsein und Ausweglosigkeit der ersten und prägendsten Lebensjahre, Kindheit genannt. Wer sich aber unter einer schlechten Kindheit etwas vorstellen kann und Österreich, vor allem seine Strukturen inwendig kennt, der wird sich nicht wundern, dass der Autor bis heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen, um eine finanzielle Rehabilitation für einen gewaltfreien Lebensabend und Lebensqualität kämpft.