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Lesebericht
von Reinhold W. Rausch

A General Theory of Love
von Th. Lewis, F. Amini und R. Lannon

Die drei akademischen Westküsten-Psychiater haben in 2000 dieses (nicht übersetzte) Buch publiziert, in dem es darum geht, wie die Gehirnstruktur Emotionen und Therapie voreinstellt.

Sehr anschaulich wird zunächst die Dreigliedrigkeit des Gehirns aus seiner evolutionären Abstammung geschildert. Der mittlere Teil des Gehirns, auch Limbisches System genannt, ist nur den Säugetieren eigen und fehlt bei den
Reptilien. Es ist für Entstehung und Regulation von Prägung, sozialer Bindung und Emotionen verantwortlich. Mit diesem Teil des Gehirns und insbesondere seiner
Wirkung auf unser emotionales Leben beschäftigt sich das Buch hauptsächlich.

Es wird gezeigt, wie wir aufgrund dieser spezifischen Gehirnstruktur emotional intuitiv austauschfähig mit anderen Säugetieren sind, nicht aber mit Fischen
oder Reptilien, etwa wenn wir denen ins Auge sehen.

Auf Basis dieser Struktur des Gehirns ist eine vorsprachliche Kommunikation möglich, die nicht nur Herrchen mit Hund sondern auch Mama mit Baby und uns alle untereinander verbindet. Und zwar vom ersten Moment an. Sofort reagiert und kommuniziert das Neugeborene aus seiner Kontaktorientierung heraus und auf einen emotionalen Kontakt hin mit Mutter / "Bezugsperson". Diese Orientiertheit ist angeboren und ist, wenigstens am Anfang, total offen für und verlangt nach Resonanz und Prägung. Später schließt sich unser System - graduell.

Hier setzt nach den Autoren nämlich ein "implizites" Lernen ein, das Regeln und Muster übernimmt ohne jedes Bewusstsein davon. Später werden Bindungen aufgrund der da angelegten, automatisch gelernten Muster eingegangen und inszeniert. Wie eine Sprache, deren Grammatik wir beherrschen ohne sie je explizit gelernt zu haben.

Tief beeindruckt hat mich die zusammenfassende Bezugnahme der Autoren auf vorausgegangene Bindungsstudien an Primaten und Menschen ( Bowlby, Spitz , Harbor). Die Auswirkungen früher Bindungsstörung oder von Verlassenheit sind diesem Material zufolge wissenschaftlich erwiesener Maßen ganz einfach
katastrophal.

Katastrophal einerseits subjektiv, gefühlt: Der frühkindliche Trennungsschmerz übertreffe jeden anderen Schmerz, schreiben die Autoren unter Bezugnahme auf die bekannten Phasen von Aufruhr, Verzweiflung und Abschalten (Tod).

Katastrophal aber auch gemessen an der Überlebensrate, sozialen Integration, Affektregulation, Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung. Und eben auch gemessen an der Gehirnentwicklung. Aufgrund der Frühgeburt des Menschen ist fehlende emotionales Nähren ein fataler körperlicher Eingriff ins Gehirn des Säuglings wie etwa Nahrungsverweigerung bezogen auf den übrigen Körper.

Nach und nach sterben nämlich die Zellen im Gehirn ab, die keine Anschlüsse finden und treten eventuell gespeicherte negative Erfahrungen an die Stelle der Möglichkeit, positive andere Erfahrungen überhaupt zu machen. Wenn dafür keine Antennen (=neuronale Verbindungen) in den ersten Jahren ausgebildet wurden oder wenn eben negative Imprints die Struktur bestimmen, dann ist halt leider Schluss mit lustig, vor allem eben auch dann, wenn "sich der Himmel öffnen und der Wunsch- und Traumpartner daraus direkt uns vor die Füße fallen würde". Er wäre, für den bindungsverletzten Menschen so fremd wie Chinesisch für uns, die wir auf Deutsch geprägt sind.

Damit schließen die Autoren jedoch ein reparierendes Lernen nicht aus. Graduell und mit viel Geduld können andere Bindungsmuster gelernt werden, die Plastizität des Gehirns bleibt graduell erhalten, aber Geduld und Empathie sind erforderlich.
Nur aufgrund "limbischer Resonanz" könne auf der emotional entscheidenden Ebene etwas vom Therapeuten zum Klienten fließen, neue Erfahrung neuronal eingeprägt werden.

Erkenntnisse, sagen sie Autoren, ist in Therapie so etwa wie das Popkorn zum Film. Und entsprechend helfen Selbsthilfebücher so wenig ins bessere Leben wie das Lesen der Reparaturanleitung das Auto flott macht.

Für Primal eine insgesamt wichtige sowohl Bestätigung wie Herausforderung, dieses Buch. Und es ist allein über den Zusammenhang von Gehirnstruktur und Emotionalität wesentlich besser zu lesen als Janovs Biologie der Liebe, die im Vergleich dazu vor allem mit viel Fachwörtern und Strukturdetails wissenschaftlichen Eindruck schinden will. Das Englisch ist nicht ganz einfach aber, mit Wörterbuch, bereichernd.

Es liefert, völlig ohne PT- Bezug, eine eindrückliche Bestätigung des Imprint-Konzepts, völlig klar. Aber es ist auch eine saftige Absage an alle "quick fixes" und auch an therapeutenfreie Therapiekonzepte. Veränderung von
Beziehungsmustern (zu sich oder zu Anderen) erfolgt nur in Beziehung. Emotional unscharfe Eltern haben Kinder, die keine Ahnung haben, was in ihrem Innern vor sich geht. Ebenso brauchen es Klienten, gesehen rückgemeldet und "gehalten" zu werden. Das geht nicht ohne und nicht mit neutralen Therapeuten.

Weil was hier von einem Seibranz- Therapeuten gesagt worden war: Nie möchte ich, wurde mir beim Lesen dieses Buchs klar, einen rauchenden und biertrinkenden Therapeuten an mich lassen - was soll ich lernen, etwa zu rauchen und Bier zu trinken? Denn die entscheidenden Botschaften lernen wir *implizit* - in Kontakten in denen wir uns öffnen und in denen wir vertrauen. Ganz wie ein Baby. Diese Öffnung ist im Primal der Fall und Primals sind nur dort möglich, wo Vertrauen besteht.

Daher erscheinen mir Therapeuten, die das Primal- Problem ganz beim Klienten ansiedeln und die schnell bei der Hand sind, Abwehr zu unterstellen, auf dem
Holzweg - weil sie das Muster verkennen. Das Muster ist nicht Abwehr sondern fatal eingeprägtes Misstrauen. Ein PT- Therapeut, der nicht zuerst und immer wieder die therapeutische Beziehung thematisiert ist ein aschenspieler der mit faulen Tricks arbeiten und sich raushalten möchte.

Wie sagt PV so schön: "Das Klientenvertrauen ist proportional der Nähe des Therapeuten zu seinem Prozess". Aber das ist dann fast schon ein anderes Thema.

Sehr anschaulich geschrieben, mit einer abschließenden Brandrede zu den Folgen der gesellschaftlichen Ignoranz gegenüber diesen Erkenntnissen und ureigensten
menschlich-limbischen Bedürfnissen.

Sehr empfehlenswertes Buch!

 



 
  Geschichten
aus der
Kindheit


Erwachsene erzählen
heute, was damals
niemand hören wollte.

  .....über die Erfahrungen
einer misshandelten Kindheit zu sprechen ist oftmals der erste Schritt
auf einem langen Weg
die unsichtbaren Wunden
zu heilen.

   
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