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Buchbesprechung
von Reinhold W. Rausch
Siegfried Petry Erlebnisgedächtnis
und Posttraumatische Störungen.
Begleitetes Wiedererleben als Therapie.
Pfeiffer, 1996
Irene Behrmann Zurück ins Leben.
Erfahrungen mir der ambulanten Regressionstherapie.
Leutner, 2002
Glühbirne, Telefon und Computer - große Erfindungen
haben viele Väter. Auch die Primärtherapie wurde mehr
als einmal erfunden: auf zwei Bücher möchte ich hinweisen,
die unter den Stichworten Wiedererleben und Regression über
Zusammenhänge berichten, die jedem, der mit Primel mehr als
Blumenbeet assoziiert, sehr bekannt vorkommen.
Und auf eine Art ist das Buch von Siegried Petry vielleicht sogar
ein ein Grundlagenwerk der Primärtherapie. Gegenstand seiner
Schrift ist die Darstellung des eigentlichen Bezugspunktes und
Objekts aller regressiv- therapeutischen Arbeit, das von ihm so
genannte Erlebnisgedächtnis. Mit der Genauigkeit des Naturwissenschaftlers,
der er ist, beschreibt Petry, in Abgrenzung und Unterscheidung
zum kognitiv-sprachlichen Gedächtnis, von ihm und anderen
beobachtete Eigenschaften und Merkmale einer Mensch und Tier gemeinsamen
Gedächtnisinstanz für sinnliche Informationen. Sein
Anliegen ist, eine erfahrungsgestützte Arbeitshypothese bezüglich
dessen, was Erlebnisgedächtnis ist, zu entwickeln und dem
psychotherapeutisch wirksamen Verfahren des heilenden „
... Wiedererlebens ein tragfähiges theoretisches Fundament
zu geben“ (S.119).
Sein Vorgehen ist phänomenologisch. Er beobachtet ein mit
allem Erleben untrennbar mitlaufendes ganzheitliches Erlebnislernen,
ein „Lebensprotokoll“, das zwanglos und im Prinzip
vollständig Sinneswahrnehmungen, Körperzustände,
Emotionen, Motorik und auch den jeweiligen kognitiven Zustand
aufzeichnet. Erinnerung dieser Protokolle hat die Form des Wiedererlebens.
Eine weitere von ihm beobachtete Eigenschaft seiner „Arbeitshypothese“
Erlebnisgedächtnis ist „Generalisierung ... durch Verknüpfung
ähnlicher Erfahrungen im Erlebnisgedächtnis zu einem
immer empfindlicheren und daher effizienteren Frühwarnsystem
...“ (S. 116) wodurch es zu den bekannten posttraumatischen
Überreaktionen kommen kann.
Diese Beobachtungen stützt er mit Bezugnahme auf die Ergebnisse
der klassischen Konditionierungsforschung - und diese erhellend
– ab. Er entwickelt Erlebnisgedächtnis als ein im Tierreich
ubiquitäres Phänomen, das im Menschen, kulturell gefördert,
von kognitiven Gedächtnisfunktionen nur überlagert wird.
So kann er zeigen, dass Erlebnisgedächtnis als eigenständiger
Gegenstandsbereich jeder regressiven / primären traumatherapeutischen
existiert, welche Eigenschaften es auszeichnen und wie, darauf
Bezug nehmend, heilendes systematisches Wiedererleben möglich
ist.
Seine Arbeit mit Trauma-Patienten, über die er in Fallbeispielen
berichtet, zeigt, wie Traumata im weitesten Sinne mit der ganzen,
ursprünglich vorhandenen sinnlichen Schärfe und emotionalen
Ladung wiedererlebt werden können, und dass dieses Wiedererleben
heilt. Sein besonderes Vorgehen dabei ist, ein und dasselbe traumatische
Erleben in einer Sitzung mehrfach wiedererleben zu lassen. Seiner
knapp zwanzigjährigen Erfahrung mit Trauma- Opfern zufolge
bewirkt dies, dass dadurch das Gedächtnisprotokoll im Erlebnisgedächtnis
gelöscht wird. Dadurch verschwinden zugleich die angstbesetzten
und Vermeidungsverhalten steuernden Symptome. Zurück bleibt
ein, typischer weise mit bis dahin „vergessenen“ Erinnerungsdetails
bereichertes, kognitives Erinnern, ohne aber noch die zuvor gespeicherte
emotionale Aufladung zu besitzen.
Das Buch, weit entfernt in ähnlicher Weise die Feinverästelungen
der Techniken regressiv- psychotherapeutischen Arbeitens zu entwickeln,
trifft sich doch mit dem Werk Paul Vereshacks in seinem erfahrungsgestützt
kompromisslosen Vertrauen auf die allein heilende Wirkung des
Wiedererlebens. Die von Petry beobachteten Ergebnisse von Wiedererlebensprozessen
sind den in der Primärtherapie- Literatur beschriebenen und
mir teilweise selbst geläufigen vergleichbar: Körpererinnerungen,
prä- und perinatales Wiedererleben, Erinnerung an Erleben
bei Operationen, Symptomlöschung und oft auch spirituelles
Erwachen sind ihm aus praktischer Anschauung vertraut. Dem von
der Primärtherapie herkommenden Leser illustrieren sie Petrys
tatsächlich eigenständig und unabhängig von Janov
entwickelte Vertrautheit mit dem Primärprozess. Durch Erfahrung
und Theorie diese im Kern bestätigend und an sie heranführend
wurde absichtslos so ein empfehlenswerter Klassiker der Primal-
Literatur geschrieben.
Auch Irene Behrmann hat ein für die Regressionstherapie
im deutschsprachigen Raum wichtiges Buch geschrieben. In ihrer
Schrift geht es darum, zu zeigen, wie Trauma- Opfern dabei geholfen
werden kann, durch Regression und Wiedererinnern an die Quellen
der Heilung in sich selbst anzuschließen. Weniger theoretisch
ambitioniert wie das Werk Petrys geht es ihr mehr um die Darstellung
ihres jedoch prinzipiell identischen regressiv- therapeutischen
Verfahrens und um die Heranführung von Professionellen und
Laien an diese Art therapeutischer Arbeit mit Klienten. Noch immer
löst ja die Selbst- Unmittelbarkeit der Regression bei Interessierten
Unverständnis und Ängste aus und bedarf der Erläuterung.
Dies leistet die Autorin durch eine einfühlsame und gut zu
lesende Darstellung der sozialen Einbettung allen Lebens und Lernens,
des vorausgesetzten Menschenbilds ihrer Arbeit, des therapeutischen
Verfahrens der Regression sowie nicht zuletzt durch tonbandprotokollierte
Aufzeichnungen von ihr beleiteter „Liegungen“. Wie
Siegfried Petry kommt Irene Behrmann von der Gestalttherapie her,
wobei sie in ihrer Schrift aber auf die bekannten Vorläufer
ihrer Arbeit wie Janov, Stettbacher und Hollweg ausdrücklich
Bezug nimmt.
Ihr Buch schildert wie traumatisierende Erfahrungen im Körper,
in den Emotionen und im Geist Spuren hinterlassen und wie zugleich
diese drei Ebenen Zugangswege zu verdrängten Eindrücken
in therapeutischem Wiedererleben bieten. Wenn vielleicht gelegentlich
der Symptom- Erinnerungszusammenhang allzu linear dargestellt
ist, so hat doch ihre Einführung in diese Art psychotherapeutischer
Trauma- Aufarbeitung den Vorteil größtmöglicher
Anschaulichkeit.
Gefallen hat mir insbesondere auch ihr Verstehen der immanenten
Ängstlichkeit der im weitesten Sinn Traumatisierten, sich
auf Wiedererleben einzulassen. Der Schutz- und Stützfunktion
von Abwehrhaltungen kommt in ihrer Darstellung der angemessen
breite Raum zu und sie erinnert wiederholt an die Geduld, die
der Klient ebenso wie sein Begleiter aufbringen müssen, um
einerseits Wiedererleben zu ermöglichen und andererseits
jegliche Re- Traumatisierung durch das therapeutische Wiedererleben
zu verhindern. Ihre emphatische Klientenzentrierung kommt auch
in einem eigen Kapitel „Arbeitsbeziehung zwischen Klient/in
und Therapeut/in“ zum Ausdruck.
Sie beschreibt eingehend und mit Beispielen die von ihr favorisierten
Techniken, um Patienten zu helfen mit tiefem Schmerz in Verbindung
zu treten: Körperwahrnehmung, Atemvertiefung, Worte finden
/ wiederholen sowie „austönen“ / Laute bilden.
Ausdrücklich, jedoch ohne dafür eine nähere Begründung
zu geben, lehnt Frau Behrmann aber Berührung als Zugang zu
tiefem Schmerz ab.
Frau Behrmann grundsätzlich bekundetes Vertrauen auf Wiedererleben
als dem Königsweg der Heilung wird allerdings durch die von
ihr im Anhang wiedergegeben Tonbandprotokolle dreier Regressionssitzungen
relativiert. Hier zeigt sich, wie erst teilweise ausgebildet ihr
Vertrauen in das Fühlen des tiefinnersten Schmerzes zu sein
scheint. Dies wird besonders in ihrem Umgang mit negativen Selbstkonzepten
deutlich, wo sie dann doch verbreitet zum klassischen Reframing
Zuflucht nimmt und tiefes Fühlen unterbricht.
Dies ist bedauerlich und man kann darin sogar eine Gefahr für
die gute Sache der Regressionspsychotherapie in Deutschland sehen.
Aber andererseits ist der grundsätzlich nicht zu unterschätzende
Wert des gut lesbar formulierten Buchs doch der, der sich auf
kargem Boden behauptenden Therapie Tiefen Fühlens wissensmäßige
und emphatische Nahrung zukommen zu lassen. Daher meine Empfehlung
auch für dieses Buch.
Nachtrag: Sowohl Siegfried Petry als auch Irene Behrmann bieten
aktuell Ausbildungskurse für Professionelle und Laien an.
Im Bewusstsein, dass ohne ausgeprägte Selbsterfahrung tiefentherapeutische
Prozessbegleitung nicht funktioniert, ist dabei jeweils auch eigenes
regressives Arbeiten als Klient und als Sitter vorgeschrieben.
Sympathisch ist mir zugleich beider prinzipielles Vertrauen auf
die Selbststeuerung kontinuierlich und selbstverantwortlich betriebener
Tiefenregressionsprozesse und ihrer beider tendenzielle Ermutigung
zu selbstorganisierter Regressionsarbeit nach dem Buddy- System.
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