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LUTZ NITZSCHE KORNEL:
GEDANKEN ZU TINO HEMMANNS Erzählung
„DER UNWERTE SCHATZ"
ENGELSDORFER VERLAG, LEIPZIG, SEPTEMBER 2005, 438 Seiten, 16.-Euro,
Paperback,
ISBN 3 -938 288-41-8
„DIE WOLLEN KEINE KINDER, DIE ANDERS SIND",
so nachzulesen auf Seite 161 des Romans von TINO HEMMANN, Engelsdorfer
Verlag, Leipzig, September 2005, der bezeichnenderweise, als Mahnung
gedacht, am Weltfriedenstag erschien, denn Frieden ist nicht nur,
wenn keine Waffen wüten, sondern auch als sozialer Begriff
möglicher Harmonie und Toleranz begreifbar.
Es ist neben der Erinnerung an die unselige Zeit, der von der
Mehrheit des deutschen Volkes herbeigewählten Terrorherrschaft
der Nationalsozialisten 1933 bis Anfang Mai 1945, die in diesem
mitreißend und mitleiden lassend gestalteten Buch geweckt
wird, auch das möglicherweise Nachdenken, wodurch es zu solch
nicht mehr als Auswüchse bezeichenbaren Vorgängen kommen
konnte, wovon keiner gewusst haben wollte, viele es wahrhaftig
rochen, es jedoch verdrängten, wie die EUTHANASIE, die Tötung,
meist Vergasung und Verbrennung, inmitten von Ortschaften wie
Pirna, von unwert bezeichnetem menschlichen Leben. Da war es unerheblich
in der Setzung entsprechender Kommandokreuze in den entsprechenden
Arztzimmern, ob die Betroffenen an Epilepsie, Depressionen, Antihitlerismus
oder Klumpfuß litten (nur der Oberpropagandist Goebbels
vergaß dabei sein Denken in die Praxis umzusetzen, sich
zu vergasen, konstatierte bekanntlich ja auch: Wer Jude ist, bestimme
ich!)
Und es waren eben nicht nur die „andersartigen Kinder",
denen der Messbügel zur Rassebestimmung, und das recht willkürlich,
angelegt wurde, denen ein „Ahnenpasss", der Ariernachweis
nur Weiterleben bedeutete. (Immer wieder stellte ich mir die Frage,
ob ein gewöhnlicher Iraner, von den ja etymologisch Aryan
kam, einen solchen erhalten hätte?)
Von der Ariosophie, einer etwas obskuren Lehre des neunzehnten
Jahrhunderts, herkommend, sollte die Zugehörigkeit zu einer
der mehr oder weniger herrschaftswürdigen Rassetypen festgelegt
werden: nordische und fälische, westische und mittelländische
und so weiter. (Blond wie Hitler, war wohl als Ideal vorgesehen.)
Die diesbezüglichen Parameter, auf der, der Humangenetik
zugehörigen EUGENIK aufbauend, die an sich, wie ein scharfes
Messer nicht über ihren Anwender entscheiden kann, heute
noch, auch in der Bundesrepublik angewandt wird, wurden aber von
den Füßen auf den Kopf gestellt: Nasenlänge, Ohren-
und Stirnform, Augen- und Haarfarbe standen vor Beginn der Forschungen
fest, was mich sehr an manche Methodologie in der ehemaligen DDR
erinnert.
Dass dabei Japan und die Türkei an Deutschlands Seite kämpften,
änderte die rassebezogenen Gewichte schnell. Auch Tibeter
des Bön-Kultes seien in der Berliner Reichskanzelei gesichtet
wurden.
Doch in diesem Roman wird die Menagerie auf das Leben und Erleben
des arisch ausschauenden Musterknaben Hugo Hassel, (blond, blauäugig,
hochintelligent) Kind des Leipziger Nordens und einer vom nationalsozialistisch
geprägten und geprügelten Arbeiterfamilie, wobei die
physischen Schläge den Jungen Hugo treffen, da der Vater
wiederum ein Mädchen sich erwünschte. Hugo aber erschafft
sich seinen, wie man später erfährt, während der
Schwangerschaft „abgegangenen" Zwillingsbruder Fritz,
der ab sofort zuständig ist, wenn mit dem eisernen Schürhaken
geschlagen wird. Eine nachvollziehbare Schutzhandlung, würden
wir überlegen.
Hugo aber, mit einer als genial zu bezeichnenden Innenwelt versehen,
sieht nur im Lernen seine Erfüllung inmitten der alltäglichen
Ödnis. Gleichzeitig wird Fritz körperlich kräftiger,
weshalb später, während der Schulzeit, beide ihre Persönlichkeit
austauschen.
Persönlichkeitstausch, auch wenn dadurch Reserven freigesetzt
werden könnten, liegt aber nicht im Toleranzbereich der meisten
Staaten, die, auch zum Zwecke der Beherrschung des Individuums,
der Erziehung oder Steuererhebung, wie der Ausstellung von Dokumenten
oder Strafverhängungen unbedingt auf die Einpersönlichkeitsperson
fixiert sind.
Da hilft es nichts, dass Hugo während des Prozedere der Einschulungsfähigkeitsuntersuchungen
die Primzahlen bis in den zehntausender Bereich beherrscht.
Bekanntlich erweckt zuviel Schläue Verdacht.
Zwar wollten die Nazis Eliten, doch keine selbständig denkenden
kleinen oder gar großen Genies.
Im Schulalltag macht sich Hugo, wie man sagt, gemeinhin gut bis
besser, hat er doch eine ausgeprägte, hochtönige Stimme,
darf selbst als Solist bei den obligaten Fahnenappellen brillieren.
Im Freiherr von Mengen, seinen Klassenlehrer findet er eine Vaterfigur,
einen Freund, der Hugo, trotz des immer wieder Auftauchens von
Fritz, zu verstehen versucht, seine positive Außerordentlichkeit
begreift, ihn fördert, aber auch warnt, „den Fritz
zuhause zu lassen".
Was aber weiß ein etwa neunjähriger Junge von notwendiger
Anpassung, woran wir meisten Erwachsenen wieder und wieder scheitern,
in die allerortens bereitstehenden Fettnäpfchen treten.
Hugo wird zur Zwangsuntersuchungen in die Leipziger Psychiatrie
gezwungen, findet auch dort, besonders wegen seiner Solidarität
gegenüber schwerkranken Mitpatienten Verständnis und
Anerkennung in einem Professor Walter, den, hier sei der Handlung
vorweggegriffen, sein Gegenspieler, der karrieresüchtige
Professor Ludwig von Rasch an der Ostfront „entsorgt".
Hugos Mutter wird durch Zwangseinberufung zum fünfzehnstündigen
Dienst in einer der Waffenfabriken - der Vater ist an einer der
Fronten - unter Druck gesetzt, die Einlieferung Hugos in eine
der berüchtigten Anstalten zu unterschreiben, da Rasch ihm
das Gehirn zu Forschungszwecken entnehmen will, besonders, um
auf dem neuen Wissenschaftsgebiet der neurologischen Forschungen
Achtung zu erheischen.
Hugo aber hat prophetische Gaben, sieht seine schreckliche Zukunft
und versucht doch ihr durch Fluchten zu entgehen.
Dass es im 3. Reich nicht nur Mitläufer, Mörder und
Karrieristen gab, zeigen Begebenheiten auf diesem Weg: der Pfleger
Paul, die Bäuerin Trudchen und der Bauer Karl, denen 1940
bereits Hugo die Invasion in der Normandie im Juni 1944 und den
gemeinsamen Tod ihrer drei Söhne voraussagen könnte,
was er unterlässt, die katholische Schwester Klara und und
und.
Sicher nimmt Hugo das vorausgesehene Ende in der berüchtigten
Tötungsanstalt Pirna „Sonnenstein" im Vollzug
der Aktion T 4 (nach Tiergartenstraße 4, Berlin, wo sich
die Zentrale der Vernichtungsaktion befand), wird getötet,
wie nachweislich 13.720 Menschen allein in „Sonnenstein",
doch bleibt, dass den krankhaft manischen Menschenvernichtern
doch Widerstand vieler Art geleistet wurde und sei es durch den
sogenannten „Zivilen Ungehorsam".
Es bleibt mir noch die Frage: Ist heutzutage jeder, an welcher
Stelle der Gesellschaft und des Staates auch immer, sich bewusst,
wie weit die Wirkung seines Handelns reichen könnte?
Mehr über „DER UNWERTE SCHATZ"
beim ENGELSDORFER VERLAG, LEIPZIG
http://www.tino-hemmann.de/
zur Pressemitteilung
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