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Mit seinem klapprigen Motor-Dreirad fährt der etwa 40-jährige Omrane regelmäßig von Tunis in den Süden des Landes. Wenn das Gefährt in sein Heimatdorf einrollt, wird es von den Kindern als sensationelles Lebenszeichen der Moderne umringt. Omrane verdient sich seinen Unterhalt als Profiteur des Wohlstandsgefälles: Er vermittelt Kinder aus den bettelarmen Gegenden nach Tunis, wo sie sich als Haushaltshilfen bei neureichen Familien verdingen. Als Kurier bringt er das erarbeitete Geld zu den Eltern aufs Land und transportiert auf dem Rückweg neue Kandidaten in die Großstadt. Mit zwei Mädchen auf der Ladefläche und dem dringenden Auftrag, nach einer verschwundenen jungen Frau zu suchen, macht er sich diesmal auf den Weg. Als sein Gefährt ins Weichbild der boomenden Metropole einrollt, wirkt es wie hoffnungslos veralteter Schrott auf Rädern, was es tatsächlich auch ist. Omrane tritt in seiner verarmten Heimat als König auf, steht in der Hierarchie der Großstadt aber nur knapp über den Bettlern - ein gebrochener Mann, der einen Großteil seines Verdienstes in billigen Spelunken vertrinkt und von immer wieder aufbrechenden Traumata gepeinigt wird. Einst selbst als Haushaltshilfe in die Großstadt verschachert, weiß er aus persönlichen Erfahrungen um die Abgründe dieser harmlos erscheinenden Tätigkeit: neben skrupelloser Ausbeutung der Kinder geht die Nötigung der Schutzlosen allzu oft bis hin zu sexuellen Übergriffen. Die im Chaos von Tunis verschwundene Rebeh - jenes Mädchen, das er im Auftrag von dessen Mutter ausfindig machen soll - ist aus ähnlichen Gründen geflohen. Als er sie ausfindig macht und provisorisch bei sich unterbringt, offenbart sich ihre Schwangerschaft. Erschwerend hinzu kommt, dass die erst neunjährige Feddha ihren Arbeitgebern davon läuft und ebenfalls bei Omrane Zuflucht sucht. Plötzlich sieht sich der mit allen Wassern gewaschene Mann mit einer jungen Frau und einem Mädchen konfrontiert, die durch ihre Notlage seine Positionierung herausfordern.
Regisseur Nouri Bouzid widersteht der Versuchung, ein tiefgreifendes Umdenken seines zwiespältigen Helden Omrane auszuspielen und in symbolische Taten zu transformieren. Gerade in diesem moralischen Understatement besteht die Stärke seines Films: Die Erschütterung Omranes durch die Konfrontation mit den Schicksalen der Mädchen wirkt dadurch viel authentischer. Seine inneren Zweifel am eigenen Tun erfahren durch Blicke und Gesten ihren Ausdruck, nicht durch Worte oder Handlungen. Auch indem er das Ende des Films offen lässt, sichert Bouzid den Figuren ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und bietet so auch dem Zuschauer die Möglichkeit, sich die Situation selbst zu erschließen. "Puppen aus Ton" erweist sich als überaus ökonomisch erzählter Film. Sein Titel bezieht sich auf das Herkunftsdorf Omranes, das für seine naiven Tonpuppen bekannt ist. Feddha führt als einziges Reisegepäck ein Stück Ton mit sich, aus dem sie in den Stunden ihrer Einsamkeit und Verzweiflung in einer Art zornigem Heimweh solche Tonpuppen formt, sie aber, kaum dass sie fertig gestellt sind, wieder zerstört und in den Klumpen Tonmasse zurückknetet; was mehr über die Entwurzelung des Kindes aussagt, als dies ausführliche Rückblenden schaffen könnten. Eine zweite Ebene, mit der Bouzid meisterhaft umgeht, besteht in der dokumentarischen Einbeziehung der Drehorte. Im Markttreiben und Nachtleben von Tunis findet er stets Schauplätze, in denen sich die Seelenzustände seiner drei gezeichneten Helden wirkungsvoll brechen. Bouzid verbrachte sechs Jahre (1973-79) als politischer Häftling im Gefängnis, ohne dass diese Erfahrung seine Integrität hätte schmälern können. Seine Filmsprache ist politisch hoch aufgeladen; er fokussiert mit Alkoholismus, Prostitution und Missbrauch Themen gesellschaftlicher Realität, die in der offiziellen tunesischen Selbstdarstellung ausgeblendet bleiben. Wie schon "Bezness" (fd 30 379) vom selben Regisseur oder "Roter Satin" (fd 35 399) von Raja Amari eröffnet "Puppen aus Ton" ungewohnte und überraschende Perspektiven auf eine Region, die allzu oft einer vereinfachenden Wahrnehmung unterliegt. Der arabische Raum erlebt damit eine wichtige Differenzierung. Das Evangelische Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF) hat den Film in seiner Entstehung unterstützt und tritt nun als Verleiher auf - wirkungsvoller könnte filmische Entwicklungsarbeit kaum sein.
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