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Die schlimmste
Zeit meines Lebens - ehemalige Heimkinder erinnern sich
Bayern 2Radio
/ Dienstag, 9. Mai 2006, 10.03 Uhr / Notizbuch /
„Irgendwie Zärtlichkeiten, überhaupt so Umarmungen was als Kind wichtig,
das hab ich nie erfahren, das gab es net, so was gab es net. Die
Schwestern konnten mit so was nicht umgehen, mit Kindern, das
waren für die irgendwelche Lebewesen, auf die sie ein bissel aufpassen
müssen, so ähnlich war des.“
Musikakzent
O 3 (= O 1): 0’15
1/19
„Ich war die Nummer 104, in meiner Wäsche stand immer 104. Und später hab
ich sie mir umgeändert in 131, weil 104 wollte ich nicht mehr
sein, das vergiss ich auch nicht. Das war meine Nummer.“
O 4 (= O 25): 0’17
2/73
„Die Patres waren eigentlich die Züchter ohne Ende, beten und Ruhe geben,
Maul halten und ja nicht mucken. Das war damals die Zeit.“
Spr.’in:
Ja,
das war damals die Zeit. Die Zeiten waren hart, härter als heute.
Und besonders hart waren sie im Kinderheim.
O 5 (= O 27) 0:11
2/3
„Ja, wie war es dort? Wenn ich
das sachlich sagen möchte, es war eigentlich die Hölle, vom ersten
Tag an.“
Musikakzent
(„Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“)
O 6 (=O 28): 0’32
„Ich hab schon in der ersten Nacht
Schläge bekommen//. Ich bin in der Nacht aufgewacht, da war irgendjemand
neben dem bett gestanden, bin ich erschrocken
und hoch, und da jemand hat mich geprügelt, es war eine
Nonne, // die hat mich an den Haaren gepackt, rumgezerrt und hat
mich dann geschlagen und ist wieder verschwunden, warum weiß ich
nicht, wahrscheinlich weil ich irgendwie aufgestanden bin.“
Spr.’in:
Peter
Goldbrunner kam mit sechs Jahren ins Kinderheim, weil seine Mutter
in ein Sanatorium musste und der Vater, Vermessungsbeamter von
Beruf, keine Zeit für ihn hatte. Von 1950 bis 1953, drei Jahre
lang, lebte der Straubinger Bub damals unter der Obhut von Klosterschwestern.
O 7 (= O 29): 0’21
2/4
„Bis zu diesem Zeitpunkt hab ich eigentlich eine wunderschöne Kindheit
gehabt, ich war ein fürchterlicher Streuner, sehr zum Leidwesen
meiner Geschwister, ich war das gewöhnt, kam irgendwann nach Hause
oder auch nicht, haben mich meine Geschwister suchen müssen. Drinnen
waren wir eigentlich eingesperrt, da war ein Riesentor, das war
zu und dann war nur das Haus, so ein Hof, wo man ein bissel rumtollen
konnte, wir Kinder.“
Atmo
„Tür“?
O 8 (= O 30):
0:22
„Und dann gab es geregelte Zeiten,
glaub so um halb 6 mussten wir aufstehen, mussten wir in die Kirche
gehen, beten, dann zurück, frühstücken, fertig machen, schule
gehen, von der Schule zurück, beten, Mittagessen, dann Nachmittag
Hausaufgaben machen, bisschen arbeiten, beten, Abendessen und
ins Bett. Gebetet hab ich für den Rest meines Lebens.“
Musikakzent („Wo soll ich fliehen hin“)
O 9 (= O7):
0’37
1/13
„Ich wollte dieses Leben nicht führen // ich war von zu Hause gewöhnt,
meine Schuhe im März auszuziehen und im Oktober wieder anzuziehen,
über die Felder zu rennen in den Wald reinzurennen, ich war ein
wirklich freiheitsliebendes Mädchen, //
Spr.’in:
Als
Anne-Rose Omranian 7 Jahre alt war, starb ihre Mutter. Weil der
getrennt lebende, kriegsversehrte Vater sich nicht um die vier
Geschwister kümmern konnte, verteilte man sie auf unterschiedliche
Heime. Nesthäkchen Anne-Rose kam von einem Tag auf den anderen
– das Datum hat sich ihr tief eingeprägt -:
O 10 neu kopieren:
1/5
„am 15.10. 1963, 17 Uhr 10!“
Spr.’in:
... nach Feldkirchen bei München in das evangelische
Kinderheim.
O 11 (= O 7,
2. Teil):
„Und auf einmal dieser Drill, wie ein Gefängnis. Es war nichts mehr frei,
gar nichts mehr. Und man hat mir die Zeit gar nicht gegeben, mich
umzugewöhnen. Man hat verlangt, da sind die Regeln und da hältst
du dich dran, egal wie alt du bist.“
Spr.’in:
Und
Regeln gab es viele. Zum Beispiel:
O 12 (= O 5): 0’31
1/10
„Wir durften nicht auf dem Boden sitzen, da sind wir raufgezogen worden
an den kürzesten Haaren an der Schläfe, weil Mädchen sitzen nicht
auf dem Boden, // wenn man zu spät gekommen ist, dass man vielleicht
draußen war oder irgendwas nicht gemacht hat, was die Erzieher
gewollt haben, dann hast du halt eine Watsche gekriegt, dann ist
dein Kopf genauso gegen die Wand gedonnert worden, und ich hab
Beulchen gehabt. // Nicht nur ich, auch andere.“
Spr.’in:
Die
wilde Anne-Rose hat es besonders oft erwischt. Auch Ralf Pachmayr,
der als Lehrling zwei Jahre lang im katholischen Jugendheim Schloss
Birkeneck bei Freising lebte,
gehörte nicht zu den besonders braven Zöglingen, obwohl
er in der sogenannten Vorzeigegruppe untergebracht war.
O 13 neu
2/63
„Sie wurde sehr streng und straff gehalten,“
Spr.’in:
Und zwar von einem Pater, den Ralf Pachmayr heute noch,
40 Jahre später, genau vor Augen hat:
O 14 neu:
2/63
„Es war ein totaler Sadist,
er selber von der Form und Figur wie ich mir vorstelle, sonst
hab ich keine Macht, aber jetzt habe ich Macht, ansonsten hätt
ihn kein Mensch angeguckt, dann war er fast blind. // Es gab kein
reden, keine Gespräche, wenn ein Zögling dort war, er war verloren.“
Musikakzent
O
15 (= O 45):
0:43
2/64
„Du musstest nur, egal wie du alt warst, in der Kirche schwätzen, mir waren
Jugendliche 50,60,70 zusammen und es gab so viel zu reden, weil
ja immer das das wichtigste ist, wann man es nicht tun soll, aber
peng gab es eine Strafe.“
Spr.’in:
So
erinnern sich ehemalige Heimzöglinge wie Ralf Pachmayr und Anne-Rose
Omranian daran, dass Berge von Kartoffeln schälen oder das gesamte
Geschirr abwaschen mussten oder sie mussten...
O 16 neu
1/16
„z. B. Ecke stehen, und zwar im Schlafraum, wenn man geratscht hat, dann
wurde man rausgeholt und dann wurde man auch mal vergessen zum
Stehen, dass du also umgefallen bist vor lauter Müdigkeit.“
O 17 (= O 46): 0:38
2/66
// kann dir auch passieren, dass der dich Sonntag, obwohl du Freizeit hattest,
in Schlafraum geschickt hast, nicht rausgedurft hast. Dann gab
es auch // Einkaufssperre, wenn man Taschengeld hatte. // Fernsehentzug,
Filmentzug,“
O 18 (in O 8)
“Du bist der Willkür der Personen ausgeliefert gewesen, du durftest nichts
sagen, du musstest den Mund halten und wenn du ihn nicht gehalten
hast, hast du eine drauf gekriegt, das ist das, wo ich sage, das
ist ungerecht, du musstest dich absolut unterwerfen.“
Musikakzent
O 19 (= O 33):
0’59
2/14
Irgendjemand hat ein Messer gehabt und mit dem Messer hat er in die Klowand
ein loch gebohrt, da konnten wir rüberschauen zu den Mädchen.
Ich war damals 6,7 Jahre alt und hatte auch ein Messer, da hat
mich ein Onkel besucht, hat mir eins geschenkt, da war ich ganz
stolz drauf. Und eines Tages kam so eine Nonne zu mir und sagt:
du hast ein loch in die Wand gebohrt, ich war erschrocken ich
hab von einem loch gar nichts gewusst. Da muss mitgehen und hat
mirs gezeigt, das hat genau die form von deinem Messer. Dann hab
ich gesagt, erst hab ich versucht denen zu erklären, das ich es
nicht gewesen bin, ich bin es wirklich nicht gewesen, aber es
war sinnlos, die hat einem nicht geglaubt, so war das. Hab ich
wieder meine üblichen Prügel gekriegt oder ich kriegt eine Woche
lang nichts zu essen, dann hat man sich das so angewöhnt, wenn
die was behauptet haben, hat man gesagt: jawoll, ich war das,
weil es sinnlos war. Irgendwo baust du ab und sagst, was soll
das, es ist einfach so. (Pause)
Spr.’in:
Was
Peter Goldbrunner von seiner Zeit bei den Straubinger Klosterschwestern
erzählt, ist auch Ralf Pachmayr nicht fremd.
O 20 (= O 58): 0:18
2/85
„Wenn du eingesperrt bist und denen ausgeliefert und du kannst sagen, was
du willst, der Pater lügt nicht, spinnst du. Aus diesem Grund
wurde auch nie was geklärt.“
Spr.’in:
Ralf
Pachmayr zündet sich eine Zigarette an. Tabak gab es damals bei
den Patres übrigens als Belohnung, merkt der 58-jährige Frührentner
an.
O 21 neu:
2/76
„Rauchwaren als Belohnung und
ich rauch heut noch und nicht wenig.“
Spr.’in:
Ralf
Pachmayr blickt auf ein etwas unübersichtliches Leben als Transportunternehmer,
Diskothekenbetreiber und Hausmeister zurück. Das Leben im Heim
hat ihn hart und auch schwierig gemacht, meint er.
O 22 (= O 50): 0:51
2/69
„Ich hab da jegliches Gefühl verloren, ich bin zum Beispiel ein sehr misstrauischer
Mensch, ich seh auch heute noch, die ganz normal sind, das kann
nicht sein, weil so einfach das funktioniert nicht. Das hab ich
aus seiner Zeit. Trau keinem, du kannst keinem trauen. Und es
mag auch da sein, dass ich nie ein eigenes Zuhause hatte, nie
ein Zimmer, und nie eine Familie.
Spr.’in:
Sein
Vater war ein amerikanischer Besatzungssoldat, der nach dem zweiten
Weltkrieg in Landshut stationiert war. Die ledige Mutter brachte
den Sohn zunächst in Pflegefamilien und bei der Verwandtschaft
unter.
O 23 (aus O 45, Beginn)
„Ich musste mich immer anpassen,
wo ich grad abgelegt wurde.“
Spr.’in:
Mit
13 Jahren begann seine „Heimkarriere“: Ralf Pachmayr flog aus
drei verschiedenen Einrichtungen raus, bis er 1963 im Alter von
15 bei den Herz-Jesu-Missionaren in Hallbergmoos landete, wo er
sich ebenfalls nur schwer einfügen konnte:
O 24 (= O 47):
0’44:
“Mich haben furchtbar viel Strafen auf einmal getroffen und ich hab so
eine Depression gekriegt, nicht mehr gewusst, aus und ein, was
hab ich gemacht, ich bin abgehauen. Einfach weggelaufen. Es war
zwar ein geschlossenes Heim, aber es gab immer eine Möglichkeit.
Gut, dann hat dich die Polizei eingefangen, du hattest aber keine
Chance das aufzuarbeiten, du wurdest nicht gefragt, warum bist
du abgehauen, was war überhaupt los, wie kamst dazu: sondern du
wurdest einfach zurückgesteckt und hast gleich wieder Strafen
gekriegt, weil du weggelaufen bist.“
Musikakzent
O 26 (= O 2)
0’34
1/2
„Ich hab von einer eine Hose geschenkt bekommen und // bin wirklich quer
durch Feldkirchen gestolzt und wer sieht mich? Der Haustyrann.
Weil wir hatten einen Haustyrann und einen Hausdrachen, das war
das Ehepaar, Und die wurde mir abends weggenommen. Und wer hat
sie zerschnitten? Unsere // Erzieherin, die hat mir meine Lieblingshose
zerschnitten und auch meinen Lieblingsrock. Alles wurde mir genommen,
was ich geliebt hab, musste kaputt gemacht werden, zerstört werden.“
Spr.’in:
Anne-Rose
Omranian, die bis zum Jahr 1971 im evangelischen Kinderheim in
Feldkirchen lebte, entwickelte eine ganz eigene Überlebensstrategie
in dieser Welt, die sie als ....
O 27:
1/27
„Himmelschreiende Ungerechtigkeit.“
Spr.’in:
...empfand. In Tagträumereien phantasierte sie sich
in den sogenannten Papierkeller, wo die Kinder gewöhnlich aus
Zeitungen ihr Klopapier zurechtschneiden mussten, aber:
O 28 neu:
1/23
„Da kommt ein guter Mensch und
holt mich raus, das war wie ich klein war und wie ich größer war,
hab ich immer gedacht, es kommt ein schöner Prinz und holt mich
da raus.“
Spr.’in:
Sie malte sich immer wieder aus:
O 29 neu:
1/29
Er musste sich durch alles durchgraben, bis er mich erreicht, um mich da raus zu holen, ganz melodramatisch.“
Musikakzent
O 30 (= O 26): 0:40
2/23
„Da gab es so eine Art Haferschleimsuppe,
wir haben Strohsuppe dazugesagt, waren die Hülsen von dem Hafer
drin, die können Sie nicht beißen, nicht schlucken, nichts. Und
die Suppe, also wir Kinder haben das so gesehen, die bestand fast
ausschließlich nur aus diesen Hülsen, und man hat das nicht runtergebracht,
man hat das, wenn die Schwestern nicht hingeschaut haben, in die
Hand getan. Und wenn der Teller leer war, war die Hand voller
Hülsen. Wenn dann eine Schwester gemerkt hat, dass da lauter Hülsen
drin waren, das war ja fürchterlich, die gute Suppe. Und des net
essen, da musste das Kind, das ganze zeug in Mund tun und runterschlucken,
das war fürchterlich, die haben gehustet, gespuckt, dann gab es
noch Ärger und Prügel und ein paar Tage später gab es die gleiche
Suppe wieder.“
Spr.’in:
Vor allem in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg
war das Leben im Heim, auch im wahrsten Sinne des Wortes kein
Zuckerschlecken. Zum Beispiel erinnert sich Ingrid Häusler, die
1948 in ein Schülerinnenheim nach München-Pasing kam:
O 31 (= O 17):
0:30
1/85
„Da gab es nur einen grauenvollen Maisbrei mit einer Tomatensauce und dann
gab es Gänseblümchensalat, das war alles fürchterlich und Margarine,
wenn’s was drauf gab aufs Brot, aber toll wenn wir trockenes Brot
bekamen an Sonntagen und das haben wir dann nass gemacht und das
konnten wir uns dann am Ofenrohr rösten, das war immer ein tolles
Sonntagsvergnügen.“
Spr.’in:
Ingrid Häusler lacht. Im Gegensatz zu anderen Heimkindern
erinnert sich die heute 70-Jährige gerne an diese Zeit. Obwohl
sie sich zunächst sehr einsam und verlassen fühlte, erlebte sie
das Mädchenheim als eine vergleichsweise „heile Welt“.
O 32 (= O 19):
1/93
„Da hab ich meine Kindheit wieder gefunden, da bin ich wieder Kind geworden,
denn wie hinkam war ich ja so voller Wissen über den Schmutz der
Welt und über die Amoral die hier herrschte, auch mit schrecklichen
Krankheiten. Ich war total verlaust, und total verwurmt, ich hatte
Krätze, ich hatte Narben, alle Fingernägel verloren, das war total
weg, eine Wunde, die Beine rauf bis oben hin.“
Spr.’in:
Die
Zustände daheim in der Borstei in München-Moosach, wo Ingrid Häuslers
ledige Mutter und die Großeltern lebten, waren unhygienisch und
chaotisch. Die einquartierten amerikanischen Soldaten versorgten
die Einheimischen zwar mit Lebensmitteln, es kam jedoch ständig
zu Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen. Viele Frauen
prostituierten sich.
O 33 (= O 19 Ende):
“Ich
musste auch immer auf mein Schwesterchen aufpassen, da hab ich
mit ihr viel geredet in der Nacht, damit sie nicht alles hört,
es war so was von furchtbar.”
Spr.’in:
Umso schöner das Heim, in das die Familie das 12-jährige
Mädchen zu seiner eigenen Sicherheit steckte. Hier kümmerten sich
zwei Diakonissen um etwa 40 Schülerinnen. Darunter viele Flüchtlingskinder.
O 34 (= O 18): 1:01
1/89
Die Schwester Ilse kam dann schon auch immer abends und hat uns einen Gutenachtkuss
gegeben, aber die erste Zeit bekam ich das natürlich nicht. Da
war ich ja noch nicht so beliebt, aber später hatte ich mich da
schon scheinbar gut gefügt und mit Theaterspielen und Chorsingen
und mit Zeichnen dann beliebt und dann wurde ich auch auf der
Stirne geküsst. Und das war dann schon wichtig, dass die Schwester
Ilse niemanden böse ist oder gram ist, oder manchmal wusste man
gar nicht, warum sie jetzt böse schaut, was man jetzt angestellt
hat. // die war sehr sehr streng, die Schwester Ilse und die Schwester
Hedwig // man hat dann später gesagt, dass die lesbisch waren,
das weiß ich nicht, das kann schon sein. Aber es war auch so,
wenn die Geburtstag hatten, dann haben wir ihnen dann ein Flötenständchen
gebracht vor der Türe zum Aufwachen.“
Spr.’in:
Das Musizieren, die Maiandachten und die Krippenspiele,
das alles begeisterte die Gymnasiastin so sehr, dass sie eine
Zeitlang ernsthaft überlegte, es den beiden Heimleiterinnen gleichzutun
und ins Kloster einzutreten. Zumal:
O 35 (= O 20): 0:06
1/95
„Da gabs keine Männer in dieser Welt, Gott sei dank und da waren wir alle
sehr glücklich drüber.“
Musikakzent
O 36 (= O 54 + 55):
2/82
„Bei einen der war wie eine Frau und da war dieser Typ, dass anders gelagert,
man weiß halt alles mit der Zeit, dann weißt du über jeden jeden,
das war ja so schon schlimm genug, ein Bett nach dem andern. Wie
bei der Bundeswehr (Feuerzeug) und dieser Typ war brandheiß. Da
gabs einiges unter Zöglingen sowie unter Patres. der hat das gemacht,
im Verhalten wie ein Frau, des zu dem Thema, warum nicht, heutzutage
wird so was Gott sei Dank nicht mehr verschwiegen.“
Spr.’in:
Während der zwei Jahre auf Schloss Birkeneck verlor
der Schlosser-Lehrling Ralf Pachmayr seinen Glauben an den „lieben
Gott“. Er nahm den Herz-Jesu-Missionaren damals besonders übel,
O 37 (= O 57):
2/84
„dass sie versuchen dir mit Gewalt den Glauben nahe zu bringen, dasselbe
zu denken wie sie denken, wenn es nicht nur Kulisse ist. Ich hab
mir so oft überlegt, warum macht der des mit der Kutte? Vor allem
denk ich dass das auch mit Macht zu tun, sonst sind sie große
Feiglinge taugen nichts, können nicht mal einen Meter hoch springen,
Angst vor der Öffentlichkeit, Angst vorm Leben.“
Spr.’in:
Auch
bei Peter Goldbrunner führten die Jahre im katholischen Kinderheim
dazu, dass er keinen Respekt mehr vor Kirchenleuten hatte.
O 38 (= O 32):
2/11
„Zu unserm Herrgott hab ich
ein gutes Verhältnis, aber das Verhältnis zur Kirche ist nachhaltig
gestört gewesen.// dieses viele beten, das hat mich so irritiert,
ich bin der Meinung, das brauch ich nimmer.“
Spr.’in:
Dem Buben machte es damals besonders schwer
zu schaffen, dass die Oberin mit leidendem Gesicht für die Kinder
zu beten pflegte, die gerade von ihren Mitschwestern mit Schlägen
bedacht wurden. Auch den Pfarrer empfand er als bigott:
O 39 (= O 38): 0:19
2/38
Der
Pfarrer ist derjenige, der immer gekommen ist und Predigt gehalten
hat, was wir für glückliche Kinder sind, dass wir in dem Heim
sein dürfen. Des is ja wie ein Hohn, wir haben da drin fast die
Hölle erlebt und dann kommt einer daher und spricht da vom Paradies.
(Pause)
Musikakzent
O 41 (= O 31): 0’52
2/6
Ich hab in der Zeit nachts ins Bett gepinkelt und is natürlich klar, in
der Früh, wen ich aufgewacht bin, war das bett nass, hat es Prügel
gegeben, aber irgendeine von diesen Nonnen hat dann eine ganz
tolle Sache erfunden, ich musste dann mit dem nassen zeug in den
Mädchenwaschraum in der früh, wo die Mädchen sich gewaschen haben
und musste da die Sachen in einer Ecke deponieren, aber das schlimme
dabei war, die Mädchen mussten sich aufstellen und ich musste
Spießruten laufen und die durften dann mit Waschlappen und Handtüchern
auf mich eindreschen.
O 40 (= O 6): 0’20
1/11
„Was mir nie aus dem Kopf gegangen ist, ist, dass wir eine kleine Angelika
hatten und die war Bettnässerin und diese Angelika wurde regelmäßig
vom Hausvater verdroschen, war 4 Jahre alt, weil sie ins Bett
gemacht hat. Das ist eine Sache, die alles, was ich erlebt hat,
in den Schatten gestellt hat, weil mir das Mädchen so leid getan
hat.“
Spr.’in:
Damals scherte man Kinder viel mehr
über einen Kamm als heute. „Mucken und Macken“ wie Bettnässen
störten den reibungslosen Ablauf eines straff organisierten Heimalltags.
O 40a:
„Da ist viel Dummheit gemacht
worden, da schließ ich mich mit ein, als ich als Erzieher gearbeitet
hab, wurden die Bettnässer nachts geweckt, um 10, um 12, haben
abends nicht mehr zu trinken bekommen und ich weiß, dass da die
Kinder in besonderen Betten geschlafen haben, mit Torfunterlagen,
da war einfach das Verständnis nicht da.“
Spr.’in:
Willi Reimann leitete das Feldkirchner Kinderheim
in den Jahren 1967 bis 1982. Der Diakon räumt ein, dass damals
einige Fehler im Umgang mit den Buben und Mädchen gemacht wurden.
Aber:
O 40c:
„Wir waren alle permanent überfordert.
Können Sie sich vorstellen in einem Heim zu leben, mit 120 Kinder
und man musste Tag und Nacht erreichbar sein? Früher hat man nicht
auf die Uhr geschaut, man war einfach da, es gab keine 40 Stunden
Woche, man hat im Haus gewohnt. Und manche Kinder haben uns schon
herausgefordert bis an die Grenzen des Erträglichen.“
Spr.’in:
Auch
war die Ausbildung der Erzieher und Heimleiter bis in die 60er
Jahre hinein nicht besonders fundiert. Erst mit der Studentenbewegung
schärfte sich das Bewusstsein für kindliche Nöte. Willi Reimann
legt jedoch Wert auf die Feststellung:
O 40b:
„Prügel als Erziehungsmittel
gab es bei uns nicht, wobei ich nicht sagen kann, dass ein Kind
nicht eine Ohrfeige bekommen hat. Es war ja auch in der Schule
so, wenn die Kinder sich nicht so verhalten haben, wie es der
Lehrer wollte, hat es eins auf die Tatzen gegeben, das hab ich
am eigenen Leib erfahren und auch bei den Kindern gesehen. Das
war damals so. Später ist das nicht mehr gewesen.“
Spr.’in:
Leider
fand sich auf katholischer Seite keiner der damals zum Beispiel
auf Schloss Birkeneck aktiven Erzieher zu einem Gespräch bereit.
Die meisten von ihnen sind nicht mehr am Leben. Aber Bartholomäus
Brieller, Direktor der katholischen Jugendfürsorge bezieht Stellung:
O 40d:
„Auch wenn mir persönlich die
Gnade der späten Geburt zufällt, muss auch meine Generation Verantwortung
übernehmen für taten, die damals passiert sind, die man sicherlich
nicht pauschalisieren kann. Man muss aus der Situation und aus
der damaligen Zeit heraus auch beurteilen. Der Blick auf das Kind
war ein anderer als er heute ist. Und er spiegelte sich wieder
in den geringen Pflegegeldern, die man damals bekommen hat. Man
hatte damals zu wenig Geld, zu wenig Personal, zu wenig räume,
zu schlechte Ausstattung in den Räumen. Ich stell mir das vor
wie in unserer Jugend eine Kaserne ausgestattet war. Für mich
ist aber ein gravierender Unterschied, ob einer aus der Überforderung
und Verzweiflung einem Kind Unrecht angedeihen lässt oder ob es
Methode hat und absichtlich passiert ist, wobei ich glaub letzteres
weitgehend ausschließen kann. Wenn aber solche Fälle passiert
sind, dann müssen wir uns auch heute noch entschuldigen und sagen,
das war nicht im Sinne einer christlichen Erziehung und dann müssen
wir die Verantwortung übernehmen.“
Musikakzent
O 42 neu:
2/30
„Ich war richtig seelisch kaputt fast, aber meine Mutter hat schon eine
gute Hand gehabt, die hat mich wieder auf den Weg gebracht, also
ich war wirklich kaputt.“
Spr.’in:
Peter
Goldbrunner durfte zwar nach drei Jahren das katholische Kinderheim
in Straubing verlassen, weil seine Mutter wieder gesund war. Bis
er selbst aber auf die Beine kam, dauerte es viele Jahre.
Nicht
nur, dass im Heim seine schulischen Leistungen vollkommen abgesackt
waren, er hatte auch:
O 44 neu:
2/31
überhaupt kein Selbstvertrauen,
unheimlich in mich gekehrt, überhaupt kein Anschluss gesucht,
wenn erwachsene Menschen auf mich zugekommen sind, davongelaufen.
// Ich hab auch angefangen meiner Mutter Geld aus dem Geldbeutel
zu klauen, das ist natürlich schon der Hammer gewesen.“
Spr.’in:
Auch als Erwachsener wechselte der Maschinenbautechniker
noch ängstlich die Straßenseite, wenn ihm eine Nonne begegnete.
Über die traumatische Zeit im
Kinderheim hat der heute 62-Jährige jedoch bisher so gut wie mit
niemandem gesprochen.
O 45 (= O 36):
2/33
ich
will eigentlich mit meinen Problemen niemand belästigen, das klingt
jetzt vielleicht heroisch, // ich hab des net so wichtig empfunden,
das ich das jemand erzählt hätte, meiner Frau, die hätt sich vielleicht
mit den Sachen belastet, des wollte ich net, wollt auch das ganze
nicht mehr hochkochen, ich wollt des vergessen.“
Spr.’in:
Auch
Anne-Rose Omranian wagt sich erst jetzt an die schlimmen Erinnerungen
heran, obwohl sie eine zehnjährige Psychotherapie hinter sich
hat. Die erlittenen Demütigungen machten ihr lange schwer zu schaffen:
O 46 neu:
1/46
„Die Motivation war ja, aus Heimkindern wird ja sowieso nichts. // wir
durften auch nicht auf die real oder Gymnasium, das war von Anfang
nein, Du hast ja keine Perspektive gehabt, und wenn ich nicht
so viele Probleme gehabt hätte, ich wär bestimmt, ich hätte studieren
können. Aber diese Probleme in mir, dieser Überlebenskampf in
mir, dieses Selbstzerfleischung, die hat mich sehr viel gekostet.
Spr.’in:
Der Halbwaisin war jedoch auch ein schönes Heimjahr
vergönnt. Mit 14 kam sie ins Kloster Warnberg, zu den Schwestern
des heiligen Augustinus.
O 47 neu:
1/32
„Ich kam hierher und wusste hier kann ich es aushalten, vielleicht auch
die Ruhe der Schwestern. Die haben nicht so viel Probleme wie
die weltlichen da draußen, Frust, keine Probleme mit Männern.
Wenn eine Erzieherin Probleme hatte mit Freund oder so, das hat
man abgekriegt oder die andere war böse, weil sie keinen Freund
hatte und die andere hatte einen Freund, da hast es du wieder
abgekriegt als kleines Würmchen. Hier waren die Probleme weniger.“
Spr.’in:
Auch heute noch besucht sie regelmäßig die Oberin Schwester
Angelica, die sie damals in Hauswirtschaft unterrichtete. Die
Nonne hatte von Anfang an Verständnis für Anne-Roses Sorgen und
Probleme:
O 48 (= O 11):
1/58
Die Annerose, die kam von Feldkirchen und war eine Schülerin, sie war etwas
eigenwillig, // also sie hatte Aggressionen, ist schon klar,
Spr.’in:
Sie sei extrem verstört gewesen, erinnert sich Schwester
Angelica. Und zupft der stark geschminkten 50-Jährigen an den
rötlich-schwarz gefärbten Haaren.
O 49 (aus O 13):
1/60
was hast du für eine schlechte frisur. (flüstert)
Spr.’in:
Was hast du für eine schlechte Frisur, flüstert die
Nonne und meint dann:
O 50 (= O 14):
1/63
„Als Klosterschülerin würde ich sie mir solider vorstellen, das ist meine
Maske, das brauch ich, ich mag das bunte, nicht das blasse. Weil
ich sage, das leben ist nicht nur schwarz und weiß, aber ich denk
mir Annerose, wenn du zu den Kranken und den Alten gehen muss,
dass man sich da optisch, mein Dienstgewand, dann bin ich versöhnt,
meine Süße.“
Spr.’in:
Anne-Rose
Omranian arbeitet nämlich seit über 30 Jahren als Alten- und Krankenpflegerin.
Sie kann sich mittlerweile nicht mehr vorstellen, einen anderen
Beruf auszuüben. Denn:
O 51 (= O 10):
0’34
1/38
„ Menschen, die sich nicht helfen können, da schrei ich laut auf, und helfe
einfach, da kann ich kämpfen gegen Giganten, nur damit die ein
menschenwürdiges gerechtes leben haben, das ist für mich wichtig,
das ist mein ziel und das ist meine Berufung. Den soll es nicht
so gehen, wie es mir gegangen ist, das keiner da ist, der geholfen
hat, der das Weh und die Sehnsucht nicht gehört und nicht gesehen
hat. Das will ich nicht.“
Das Manuskript wurde mit Genehmigung
der Autorin Justina Schreiber und Bayern 2Radio veröffenlicht.
Alle Rechte bleiben bei Autorin Justina Schreiber.
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