Brief an Sieglinde
Ein Emailaustausch zwischen Barbara
Rogers Autor von „Screams from Childhood“ http://www.screamsfromchildhood.com
und Sieglinde Alexander
Liebe Sieglinde,
wie furchtbar. Ganz furchtbar. So viel Grund zum Weinen, Schreien,
Toben!!
Es wundert mich leider nicht, daß Du immer grausamere
Geschichten mißhandelter Menschen bekommst.
Wenigstens melden sie sich endlich und wagen es den Mund aufzumachen
und klar zu sehen, was ihnen angetan wurde.
Die böse Saat der Nazis wächst im Verborgenen--und
doch eben sehr sichtbar--auf das Schrecklichste weiter.
Je länger ich Therapie machte, desto überzeugter war
ich, daß die
Unmenschlichkeit, die Hitler und die Nazi Ideologie in den Köpfen
der Menschen gesät hatte, ganz und gar nicht mit dem Kriegsende
und "Verschwinden" von Hitler und den Nazis aufhörte.
Sondern sie setzte ihre zerstörerischen Kräfte mit dem
"Erziehen" von Kindern GEGEN die wehrlose, hiflose,
machtlose nächste Generation fort.
Man hatte keine Juden mehr--doch man hatte die Kinder.
Ich denke an meinen "scream", "the Jew in the
family": http://www.screamsfromchildhood.com/screams/Jew_in_family.htm
Kinder wurden die wehrlosen Opfer, gegen die sich nun das so
makaber Erlernte wenden und austoben konnte.
Meine Mutter war ein BDM Mädchen, geboren 1925, also 10
Jahre alt
1935, 15 Jahre alt 1940.
Hitlers Propaganda hat ihre Ideen bei der "Kindererziehung"
beherrscht.
„Die Kurzfassung: Die Eltern, aus vielerlei Gründen
überfordert, schleppen ihre damals 6jährige Tochter
zu einem Psychater. Der stellt seine Diagnose: "Das Kind
ist äußerst lebhaft, geschwätzig, ständig
abgelenkt, zudringlich, macht allerlei Faxen."
Allein dieser Satz, den unzählige Schüler in ihren
Zeugnissen hatten, als es noch Kopfnoten gab, genügte, um
die kleine Brigitte kurz darauf wegzusperren. "Das
Kind bedarf wegen seiner krankhaften Lebendigkeit der Anstaltsversorgung."
Punkt. Eingewiesen ins Heim, und damit war ein Schicksal besiegelt.
Damit begannen quälend lange 39 Jahre ausgefüllt nur
mit Putzen, ernten, Kartoffeln schälen - 14 Stunden täglich.“
"Äußerst lebhaft, geschwätzig, ständig
abgelenkt, zudringlich, macht allerlei Faxen". . . (Gedanken
Am Sonntag)
Barbara: Oh, wie ich jede dieser schrecklichen,
perversen
Bezeichnungen und Verurteilungen nur allzu gut kenne. Daß
das genügt um einen Menschen für immer in ein Heim zu
sperren ist ungeheuerlich und schreit gen Himmel!
Verbrechen an Kindern werden nur entschuldigt, übersehen,
verstanden, "belittled", ignoriert, totgeschwiegen--eben
überhaupt nicht als Verbrechen angesehen--denn es sind JA
NUR KINDER--die ihren Eltern alles vergeben müssen. . .
Sieglinde: Die Kinder der Nachkriegsgeneration
wurden ihrer Seele, ihres Lebens und ihrer Menschlichkeit beraubet
und heute werden sie verurteilt, ausgelacht und angespuckt.
Barbara: Ich weiß, daß Du recht
hast und daß das stimmt.
Sieglinde: Es ist so schrecklich und ich muss
diesen Menschen in den Arm nehmen und ihnen Liebe und Achtung
geben
Aus der zweiten email:
"Der Kalmenhof wollte meinen willen brechen und mich
gefügsam machen."
" Ja ich war frei, aber was trage ich heute noch von Kalmenhof,
in mir tief in meiner Sehle. Ängste zu versagen in den was
ich mache. Die Erinnerung an das was ich in Kalmenhof erleben
mußte sind immer in mir."
Barbara: So fürchterlich wahr--der ganze
Bericht von Heinz
Schreyer ist erschütternd--und auch der von Brigitte
Neumaier. . . und alle anderen.
Alles Liebe und viel Kraft von Barbara
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