Email an EMaK
Liebe Frau Alexander,
ich danke Ihnen für Ihre sofortige Antwort, das mich beflügelt dabei zu
bleiben, auch wenn es mich viel Überwindung kostet, jede zurückgeholte
Erinnerung schmerzt kolosal, deshalb meinte ich, es
bleiben zu lassen so wie es ist. Ich bin ein sehr sozial veranlagter Mensch,
wenn ich einen Menschen in Not sehe helfe ich, wenn ich kann und sei es nur
zuzuhören. Sie fragen mich nach dem Heim, wo ich war? Ich kam mit 9 Jahren,
nach Leutkirch im Allg. das Kinderheim hieß erst Annapflege, später St. Anna,
meine Mutter hat mich dorthin gebracht. Meine ältere Schwester war schon 1 Jahr
vor mir dort, später kam noch mein kleiner Bruder hinzu, er war von Geburt an
im Heim. Ich verbrachte dort 6 Jahre meines Lebens, vieles deckt sich mit den
Leidensgeschichten, die ich bis jetzt gelesen habe. Ich kam dann mit 15 Jahren
von dort weg und zur Arbeit in einem Säuglingsheim, bei anderen Nonnen. Ich war
dort tot unglücklich, so begann für mich eine noch größere Leidenszeit, es war
eine Odyssee, von einem Heim ins andere für schwererziehbare Mädchen, denn je
dicker die Mauern wurden, um so rebellischer wurde ich, ich wurde zur Ausreißerin, auf der Straße und kein Dach über dem Kopf und
immer wieder weggesperrt, bis man mich mit dem 21^. Lebensjahr gehen und in
Ruhe ließ. So habe ich im Grunde genommen, auch keine Jugend gehabt, schlimm
genug wenn die Kindheit zerstört war. Ein Jahr später
mit 22 Jahren stellten sich bei mir Schmerzen im Rücken ein und nach vielen
Jahren von Arzt zu Arzt, wurde ein schweres Rheumaleiden diagnostiziert, das
mich mein weiteres Leben begleitete- Heute bin ich mir
sicher: Dieses Leiden stammt von den Heimen! Ich habe ab dem Eintritt ins
Kinderheim, immer schwere körperliche Feldarbeit verrichten müssen, im Regen
und in der Kälte und keine warme Kleidung. Ich war ein kleines zartes Mädchen,
wie konnte ich unbeschadet daraus hervorgehen? Zu gerne haben die Ärzte immer
darauf hingewiesen, ob meine Eltern an Rheuma leiden? Ich mußte
verneinen, mein Vater ist im Krieg vermißt, da haben
sie es ihm angelastet, daß ich es wohl von ihm hätte!
Ein Arzt in der Rheumaklinik, den ich mal auf meine Vermutungen hin ansprach,
er meinte, daß es eine unglückliche Verkettung meines
Lebens sei und ich niemand dafür verantwortlich machen könnte. Auch bei
späteren Anfragen der Rentenanstalten, es wurde für meine Arbeiten im Heim,
keine Beiträge bezahlt! Ich habe es dann aufgegeben, darin herumzustochern, ich
war nur sehr wütend, als ich nach meinem 21. Geburtstag aufs Jugendamt kommen mußte und ein Sparbuch ausgehändigt bekam, darauf waren
noch ein paar 100 DM, ich sah daß
ich Waisenrente wegen meinem vermißten Vater erhalten
hatte, das Geld und auch meine Mutter mußte für mich
bezahlen, floß alles in die Heime. Kein Wunder, ich
war eine melkende Kuh, ich arbeitete und sie erhielten noch Gelder für mich,
deshalb wurde ich auch immer länger weggesperrt wie die anderen Mädchen, die
nach kurzer Zeit wieder herauskamen und als Dienstmädchen vermittelt wurden. Parierten
sie dort nicht, kamen sie wieder zurück ins Heim, oder sie sind aus diesen
Stellungen auch weggelaufen. Mit 38 Jahren, wollte man mich dann in die
Erwerbsunfähigkeitsrente schicken, so krank war ich. Ich hatte aber einen Sohn
zu versorgen und ich wehrte mich dagegen mit Hände und Füßen, ich wollte selbst
entscheiden, ob ich noch oder nicht mehr arbeiten kann! Ich rappelte mich
wieder hoch, der Chefarzt der Rheumaklinik, in Wiesbaden, veranlaßte,
daß ich eine Umschulung zur Bürokauffrau für 2 Jahre
bekam, der Ausweis als Schwerbehinderter paßte mir garnicht, aber nur so, hatte
ich Anspruch auf eine Umschulung. Mit 40 Jahren begann ich eigentlich ein
normales Leben, ich hatte Glück und bekam eine Stelle als Bürokraft in der
Universität, wo ich mich einigemale
beworben hatte, ich gab nicht auf. Heute lebe ich in Spanien, mit 56
Jahren, habe ich mich dann entschlossen mit der Arbeit aufzuhören, ich habe
mich zu sehr gequält. Nun bin ich froh, daß ich
diesen Schritt gewagt habe, ich habe immer Sehnsucht nach Sonne gehabt, da es
mir in der warmen Jahreszeit gesundheitlich besser ging. Das ist nur ein
kleiner Ausschnitt meines früheren Lebens, dahinter stehen die Not, die
Ängste und Schmerzen an Leib und Seele. Ich muß
jetzt wieder aufhören zu schreiben, das geht nicht lange gut, wenn ich in die
Vergangenheit eintauche. Beinahe hätte ich es vergessen: ich bin Jahrgang 1942,
für mich und andere Kinder die älter sind wie ich, wird es wohl zu spät sein
und trotzdem empfinde ich es als eine Erlösung, mal darüber sprechen zu können.
Das habe ich auch nie, man schämte sich seiner Herkunft und man hat sich etwas
zurechtgelegt, das man anderen Menschen erzählte, daß
es paßte und man akzeptiert wurde.
Auszug aus Email 2.
Nachdem ich etwas Abstand gewonnen habe, kann ich mich heute wieder
beschäftigen, das dauert immer eine Weile, wenn ich die Vergangenheit
heraufbeschwöre.
Ich habe gerade Ihre Geschichte gelesen, das wieder Tränen fließen läßt. Etwas Ähnlichkeit mit mir, ist Ihre Art, wie Sie sich
dagegen wehrten. Je mehr man mich nach dem Kinderheim einsperrte, je dicker die
Mauern wurden, umso mehr habe ich mich dagegen gewehrt und bin dauernd
ausgerissen. Was einem dort in der Welt erwartet, das konnte ich nicht ahnen! Sie
haben das umherirren ohne ein Zuhause auch miterlebt, ich muß
im Nachhinein daran denken, daß
ich ein riesengroßes Glück hatte, ich traf auf Menschen die mir geholfen haben.
Sie gaben mir zu Essen und einen warmen Platz zum schlafen. Ich
würde heute allen so gerne danken und sie in meine Arme schließen. Da
ich nicht mehr gläubig bin, an keine göttliche Fügung oder Schutzengel glaube,
so denke ich auf meine Weise, daß mein Vater der im
Krieg geblieben ist, mich auf meinem Lebensweg beschützt hat. Nicht nur die
vielen Jahre im Heim, auch wenn es Zeiten gab, in denen ich nicht mehr Aus noch
Ein wußte, meinte das Leben
geht nicht mehr weiter, ich packe es nicht mehr. Auf einmal tat sich eine Türe
auf, zeigte mir den weiteren Weg und ich griff danach, wie nach einem Strauch,
wenn man über dem Abgrund schwebt. Mit Kraft und Anstrengung schafft man sich
daran hochzuziehen und geht seinen Weg weiter, mit neuem Mut und neuem
Elan.
Selbstverständlich, können Sie meinen Beitrag weitergeben, es bleibt zu hoffen,
daß ich immer mehr Menschen melden werden, denen
Unrecht getan wurde in der Kindheit und Jugend.
Ich habe am Sonntag drei Stunden mit einem ehemaligen Heimkind telefoniert.
Durch Zufall erhielt ich ihre Adresse, so halten wir ab und zu Kontakt
zueinander. Sie hat auch einen mühseligen, steinigen Lebensweg hinter sich
gebracht. Ich verstehe sie nur sehr schlecht, sie hat einen Sprachfehler und
zudem spricht sie einen urschwäbischen Dialekt, den ich auch mal sprechen
konnte, aber heute verstehe ich ihn kaum noch. So habe ich sehr viel Mühe mit
ihr zu sprechen, doch ich erfahre von ihr wieder so vieles aus unserer
Kindheit, alle Episoden kann man sich ja nicht merken. Es sind Dinge zum
Vorschein gekommen zum Heulen aber auch zum Lachen, was wir trotz Strafe, so
alles angestellt hatten. Auf jedenfall ist dieses
arme Menschenkind schwerbehindert und konnte so in Frührente gehen, sie
hat auch ein schweres rheumatisches Leiden, das mich widerum
in meiner Annahme bestärkt, daß wir uns die
Grunderkrankung im Heim zugezogen haben.
Ich sagte zu ihr, ich hätte sie so gerne für einige Wochen hier bei mir,
würde sie umsorgen und ihr die Welt zeigen, wie schön sie ist. Leider wird sie
es wohl nicht mehr schaffen, so kaputt ist sie. Sowie sie, wie ich, sind wir
eben schon in einem Alter, wo wir auf eine Renten- oder Ausgleichszahlung nicht
mehr hoffen können. Doch es lohnt sich für die Jüngeren einzustehen und publik
zu machen, was da so alles passiert ist. Als lebende Beispiele, habe ich noch
meine Geschwister. Leider habe ich zu ihnen keinen Kontakt, jeder hat für sich
sein Leben gelebt, wir waren zu lange auseinander gerissen als Kinder, als
Erwachsene, ging jeder seinen eigenen Weg, wie alle Kinder, die zur selben
Zeit mit uns im Heim waren. Man verlor sie aus den Augen. Schlimm ist es, wenn
man die eigenen Geschwister verliert, sie gehören doch zur Familie, wo es aber
nie eine Familie gab. Meine Schwester, lebt in ihrer Welt, sie will von
niemanden aus der Familie etwas wissen, mit unserer Mutter hatte sie vor mehr
wie 20 Jahre keinen Kontakt, das war ihre Rache an unserer Mutter. Danach kamen
die Geschwister, Kontakt von ihr, zu uns wurde abgebrochen. Wie es meinem
Bruder auf seinem Lebensweg erging, erfuhr ich immer aus Telefonaten, von
einer lebenslangen Freundin meines Bruders, sie war seine einzige
Vertrauensperson und Halt in seinem Leben, sie hat ihn immer begleitet als
Mutterersatz!
Es hat bei mir Jahre gedauert, bis ich endlich akzeptieren konnte, daß ich eigentlich gar keine Geschwister habe. Jetzt
gehören wir schon zu den Alten, meine Schwester will überhaupt nicht an die
Vergangenheit erinnert werden, deshalb wohl der große Bruch in ihrem Leben und
mein Bruder, wenn ich ihn mal am Telefon habe, wettert immer noch über die
Heimzeit. Es wurde ihm mal in einem Gutachten bestätigt, er würde an einem
"Frühkindlichen Trauma und Schaden" leiden, auch er ist
Frührentner und konnte ohnehin nie lange und mit Ausdauer eine
Arbeit verrichten. Sie sehen, nur in einer Familie, sind alle Kinder
geschädigt, was für ein Unglück für jeden Betroffenen, doch vielmehr war für
mich das Unverständnis, warum sich keiner um den anderen kümmerte, das tat weh
und ich versuchte es immer wieder, ein Treffen zusammen, es ist mir nicht
gelungen.
Nicht, daß Sie jetzt den Eindruck haben von mir, daß ich nur traurig durchs Leben laufe, im Gegenteil, ich
bin ein lustiger lebensfroher Mensch.
Jetzt mache ich Schluß, habe gerade einen Anruf
erhalten, wir gehen ins Restaurant zum Chinesen Mittagessen.
Bis auf bald!
Ich grüße Sie recht herzlich
Gudrun Vinzens
Frau Vinzens kann über EMaK erreicht werden