14-Jan-2007
Marie Luise von Halem
Landesgeschäftsführerin
Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg
Jägerstraße 18
14467 Potsdam
Sehr geehrte Frau von Halem!
Suzanne hat mir Ihre Antwort weiter geleitet und ich erlaube
mir, Sie daraufhin direkt anzuschreiben.
Als erstes möchte ich mich für den Satz "Wir Grünen
unterstützen die Petition im Ausschuss" bedanken und
mich gleichzeitig mit meinen wohl fundamentierten Bedenken an
Sie wenden.
Die Anzeichen, dass die Angelegenheit misshandelter Heimkinder
einem quick-fix zum Opfer fallen wird, werden immer deutlicher.
Wie in meinem offenen Brief an Frau Rupprecht erwähnt,
war die Anhörung am 11. Dezember 2006 manipuliert. http://www.emak.org/Briefe/Sehr%20geehrte%20Frau%20Naumann.htm
Als Beauftragte, die Petition ehemaliger Heimkinder zu untersuchen,
hat Frau Rupprecht nur die 9 ehemaligen Heimkinder eingeladen,
die Herr Schiltsky vom VeH (Verein ehemaliger Heimkinder) vorgeschlagen
hat. Trotz Anfragen wurden Betroffene, die trotz ihrer Traumata
die Fakten der Vergehen ins volle Licht hätten rücken
können, ausgeschlossen. Selbst der Anwalt, der die Interessen
misshandelter Heimkinder vertritt, durfte trotz vorliegender Vollmacht
nicht am 11. Dezember anwesend sein. Auch wurden fachkompetente
Leute wie Herr Dierk Schaefer, http://www.emak.org/Briefe/Schaefer%20an%20Gohde.htm,
Frau Dr. Spranger, die sich durch ihre psychologische Arbeit mit
Kriegskindern auszeichnete, nicht aufgefordert, für die Heimkinder
zu sprechen. Selbst Herrn Lehning vom LWV Hessen, der viele Ermittlungen
in dieser Angelegenheit führte, konnte seine Erkenntnisse
nicht offen legen.
Nun sollen die verschiedenen Ministerien und die Mitglieder des
Petitionsausschusses nach dem Auftritt von nur neun erzählten
Geschichten über die restlichen
500 000 Misshandelten eine objektive Stellungnahme vorlegen. Die
Frage liegt auf der Hand: Sind die Beauftragten wirklich über
das volle Ausmaß dieser Menschenrechtsverletzungen informiert?
Für mich ist es unvorstellbar, dass es aus den 9 vorgetragenen
Geschichten zu einem Ergebnis kommen kann, das die Bedürfnisse
der restlichen 500 000 Misshandelten berücksichtigt. Ein
weiterer wichtiger Punkt ist, dass die meisten Bundesländer
an dem Thema misshandelter Heimkinder überhaupt nicht interessiert
sind. Vor allem schweigt verkrampft das Land Bayern in der Hoffung,
dass das Thema sich in Luft auflöst oder die Betroffenen
es müde werden, sich zu wehren.
Meine Ermittlungen ergaben berechtigte Zweifel an der Erfüllung
der Bedürfnisse von Betroffenen, da immer wieder das Irland
- Modell als Leitlinie oder sogar als Lösung angepriesen
wird. Tatsächlich jedoch ist dieses Modell, das "Irland's
Redress Board", geprägt von rechtswidrigen Taktiken
wie beispielsweise der Verpflichtung der Misshandelten, Schweigeverträge
zu unterschreiben. Dies ist seit zwei Jahren bekannt, setzte neue
Protestwellen in Irland in Gang und lässt es als ein auf
Deutschland übertragbares Aufklärungsmodell in einem
sehr fragwürdigen Licht erscheinen.
Frau Rupprecht verhinderte durch ihre selektierte Wahl, welche
Gründe auch immer sie dafür hatte, nicht nur die rechtliche
Auslegung der begangenen Menschenrechtsverletzungen, indem sie
Rechtsanwalt Wilmans keine Chance gab, für die restlichen
Kindheitsopfer zu sprechen, sie verhinderte auch, dass die Ministerein
über die psychischen Langzeiteffekte von Misshandlungen erfuhren.
Frau Dr. Spranger, nur als Beispiel, hätte dies unmissverständlich
und unparteiisch dokumentieren können.
Nach dem jetzigen Stand der Dinge frage ich mich, war der Petitionsausschuss
wirklich an den Schicksalen dieser Misshandelten interessiert,
oder hebt die Politik den Deckel dieses Schandtopfes nur ein wenig,
um etwas Luft abzulassen um die Antragsteller zu beruhigen?
Ich darf Ihnen versichern, dass die Aussagen der neun Eingeladenen
keine Repräsentation für jene sind, die heute unter
PTBS leiden, die am Rande der Gesellschaft und von weniger als
dem Existenzminimum leben müssen. Es ist nicht möglich,
das volle Ausmaß sozialer Zerstörung und die daraus
folgenden Konsequenzen in ein paar Stunden zu erfassen oder darzustellen,
hierzu bräuchten sogar Psycho- und Sozialhistoriker Jahre.
Diese Tatsache erhebt noch einmal die Frage: Was wissen die Ministerien
wirklich von den Bedürfnissen der Betroffenen? Wo liegen
deren Kompetenzen, solche Fälle zu beurteilen? Kennen sie
das volle Ausmaß der begangenen Misshandlungen samt aller
lebenslänglichen Konsequenzen?
Wurden dem Ausschuss die eingesandten Geschichten vorgelegt?
Beispiel: Mein Leben! von Emil K. http://www.emak.org/geschichten/emil-k.htm,
oder weitere Geschichten, die bei EMaK publiziert sind.
http://www.emak.org/geschichten/geschichten.htm
Dass diese Anhörung überhaupt stattgefunden hat erscheint
für Nicht- Involvierte erst mal als Forschritt.
Was aber aus den Reihen der SPD Fraktion kommt deutet auf eine
"Fall-Beerdigung" hin und bestätigt u. a. meinen
Verdacht.
Hier ein paar Emailausschnitte von einem sehr Bemühten aus
der SPD, dem die Anwesenheit bei der Anhörung nicht genehmigt
wurde und Folgendes auf meine Frage "Wen interessiert das
Thema misshandelte Heimkinder wirklich?" antwortete:
Vom 12/11/
Mit Frau Rupprecht habe ich einmal telefoniert. Sie machte einen
recht engagierten Eindruck. Allerdings, dass sie mir die Teilnahme
an der Anhörung nicht ermöglichen kann (will?), sehe
ich als schlechtes Zeichen...
Ansonsten, wie Sie sagen, ich sprach auch einen ev. Pfarrer aus
der SPD-Fraktion an. Kein Interesse... usw.
Vom 12/13
Der Einzige, den ich kenne und der wirklich interessiert und
engagiert ist, ist Dierk Schäfer,... (Ev. Akademie Bad Boll)
Den zuständigen Oberkirchenrat hier in Berlin habe ich das
Buch geschenkt und um Mithilfe gebeten. Seitdem geht er mir aus
dem Wege...
An den zuständigen Generalsuperintendenten des Bereiches
Potsdam habe ich das Anliegen heran getragen. Er hat es "zuständigkeitshalber"
an die Vors. der Diakonie weiter gereicht. Keine Reaktion...
Dem genannten Pfarrer aus Potsdam im Bundestag habe ich das Anliegen
vorgetragen. Er hat nur an Frau Ruprecht verwiesen...
In der Regionalpresse hier war mein Beitrag. Keine einzige Reaktion...
Usw.
Ich bin da auch nicht sehr hoffnungsvoll. Natürlich möchten
die Kirchen weder zahlen, noch sich mit ihrem Versagen auseinandersetzen.
Das ist ja nichts Neues...
Meines Erachtens sind folgende Schritte, die zu einer ALLEN Betroffenen
gerechtwerdenden Aufklärungsarbeit führen, vonnöten
- Die Bildung einer neutralen Untersuchungskommission, welche
die Geschichten der Betroffenen und der daraus resultierenden
Menschenrechtsverletzungen in Heimen untersucht.
- Die Formierung eines Ausschusses unabhängiger Psychologen,
Sozial- Historikern und auf Menschenrechtsverletzungen spezialisierter
Rechtsanwälte, welche die Arbeit der Untersuchungskommission
begleitet und prüft
- Das Einrichten einer Webseite, um Betroffenen die Möglichkeit
zu geben, sich über Fortschritte zu informieren und gegebenenfalls
auch ein Mitspracherecht einzuräumen.
Es ist vielleicht unvorstellbar, aber viele Betroffenen warten
seit über 40 Jahren auf politische und rechtliche Unterstützung
in dieser Angelegenheit, zu viele Versuche verliefen schon im
Sande. Vom Erdboden verschwundene Heimakten sind nur ein Beispiel
vieler enigmatischer Vorfälle, die ehemaligen Heimkindern
vielfach und vielerorts widerfahren. Aus diesem Grund ist unerlässlich,
sie mit größtmöglichster Transparenz in die Untersuchungen
mit einzubeziehen, anstatt sie wie bisher mit halbherzigen Versprechen
und Bemühungen abzuspeisen. Demokratie und Aufklärung
sind anstrengend, aber das Leben vieler Betroffener seit Jahrzehnten
unzumutbar. Unser Entschluss, diesen Weg auch über alle Instanzen
zu Ende zu gehen, steht fest.
Ich freue mich, dass Suzanne, die Sie sehr schätzt, Ihnen
von unserem Anliegen erzählt hat und bedauere zugleich, mit
Ihnen nicht aus einem erfreulicheren Anlass in Kontakt treten
zu können.
Ich würde mich sehr freuen, mit Unterstützung möglichst
vieler Menschen, Licht in dieses dunkle Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte
bringen zu können, um den Betroffenen zu einer längst
überfälligen Anerkennung und Entschädigung zu verhelfen.
Ich bedanke mich im Namen vieler Misshandelter für Ihre
eventuelle Unterstützung.
Mit freundlichem Gruß,
Sieglinde Alexander
P.O. Box 3058
Moriarty NM 87035 USA
PhoneXXXXXXXXX
Adults Abused as Children Worldwide
www.aaacworld.org
Erwachsene Misshandelt als Kinder
www.emak.org
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Sehr geehrte Frau Alexander!
Haben Sie vielen Dank für Ihre umfangreichen Informationen.
Meine Möglichkeiten der direkten Einflussnahme sind beschränkt,
es geht hier um eine Befassung auf Bundesebene, wobei der Landesverband
Brandenburg keine Rolle spielt. Deshalb möchte ich Sie bitten,
Ihre Sacheinwände an unsere Bundestagsabgeordnete Cornelia
Behm zu richten (unter cornelia.behm@bundestag.de). Mit ihrem
Mitarbeiter habe ich bereits gesprochen.
Erlauben Sie mir doch noch eine Bemerkung: Wie Sie selbst schreiben,
bräuchten selbst Experten Jahre, um das volle Ausmaß
des Leides zu erfassen, das den Betroffenen angetan wurde. Es
liegt mir fern, das in Abrede stellen zu wollen. Allerdings weiß
ich aus meiner eigenen Kenntnis politischer Abläufe, dass
Befassungen strukturiert werden müssen und Aussagen gebündelt,
wenn sie überhaupt eine Chance in der Fülle der zu behandelnden
Themen haben sollen. Zu schließen, dass eine Anhörung,
an der 'nur' neun Betroffene gehört wurden, deshalb 'manipuliert'
sei, halte ich für gewagt. Ich habe Anhörungen erlebt,
an denen überhaupt keine Betroffenen auftraten, sondern nur
VertreterInnen. Über die Frage, auf welche Art und Weise
diese Bündelung im konkreten Fall statt findet, lässt
sich sicher immer trefflich streiten. Sie allerdings grundsätzlich
zu kritisieren, hilft der Sache nicht weiter.
Ich denke, das Thema ist bei Cornelia Behm gut aufgehoben.
Ihnen und dem Anliegen alles Gute und viel Erfolg!
Marie Luise von Halem
Landesgeschäftsführerin
Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg
Jägerstraße 18
14467 Potsdam
t 0331/97931-11, f -19
lv.brandenburg@gruene.de
www.gruene-brandenburg.de
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18.1.07
Marie Luise von Halem
Landesgeschäftsführerin
Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg
Jägerstraße 18
14467 Potsdam
Sehr geehrte Frau von Halem
Ich bedanke mich für Ihre Empfehlung an Frau Cornelia Behm,
die ich gerne wahrnehme.
Ihrer Bemerkung entnehme ich, dass Sie dem bürokratischen
Ablauf im Bundestag mehr Bedeutung beimessen als den Verstößen
gegen die Menschenrechte in den letzen 55 Jahren.
Mein Einwand dazu ist: hätte die Exekutive des Deutschen
Staates diese Vergehen indirekt, durch bewusste und vorsätzliche
Blindheit nicht unterstützt, gäbe es keine Kindheitsopfer,
die sich nach Jahren erlauben, ihr Recht einzufordern.
Hätte es keine Abwertung oder Klassifizierung der Menschen/Kinder
gegeben, sondern hätte der Satz „Die Würde des
Menschen ist unantastbar“ für alle gegolten, wäre
dieses Thema nie in einem Petitionsausschuss gelandet.
Es ist bedauerlich, dass Sie mit Zurückhaltung auf der Seite
der 500 000 Misshandelten stehen, deren Leben durch Kindheitstraumata
für immer zerstört ist.
Zum Schluss möchte ich Ihnen diese Frage stellen: Wie würden
Sie reagieren, wenn Sie körperlich, sexuell, und psychisch
in Ihrer Kindheit misshandelt worden wären, keine Chance
zu einer Ausbildung erhielten und obendrein noch als Kindersklave
in kirchlichen Heimen für Jahre hätten unentgeltlich
arbeiten müssen?
Mit freundlichen Grüßen
Sieglinde Alexander
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