Rede in der Friedrichsstadtkirche
in Berlin am 11.September 2011
Sehr geehrter Herr
Ratsvorsitzender,
sehr geehrter Herr
Präsident Stockmeier,
liebe ehemalige
Heimkinder,
sehr geehrte Damen
und Herren,
der Anlass dieses Treffens in der Kirche der EKD, ist ein besonderer Tag, für
die EKD und Diakonie, sowie auch für viele der ehemaligen Heimkinder.
Ich bedanke mich, dass ich zu dem gegebenen Anlass als Betroffene der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre,
eingeladen wurde um einige Worte dazu sagen zu dürfen.
Ich war von 1964 bis
1968 in einem Mädchenerziehungsheim in Bayern unter der Trägerschaft des Diakonissen Mutterhauses Hensoltshöhe
in Gunzenhausen, (Bayern).
Diese schlimme Zeit
hat sich bei mir für immer eingeprägt, wie
sonst nichts in meinem Leben.
Eine enorm große Zahl von Kindern und Jugendlichen wurden Diakonen und
Diakonissen, auch weltlichen Erzieherinnen und Erziehern in den ev. Heimen zur
Erziehung überlassen, doch es war niemandem bewusst, dass viele dieser Kinder
schon traumatisiert waren bevor sie in die Heime
kamen.
Dort erwartete sie das nächste Trauma: die
„Heim - Gewalt“.
Anstelle von
Zuneigung und Unterstützung wurden Kinder und Jugendliche systematisch durch
Prügel, Erniedrigungen und sexuellen Misshandlungen zerstört.
Dabei ging es nicht um Einzelfälle, eine ganze Generation war davon betroffen.
Die sozialen und finanziellen Umstände der damaligen Zeit können nicht
allein Schuld daran gewesen sein, dass Kinder oft so schlimm behandelt wurden.
Wie konnte es
überhaupt zu so einem Unrecht in der damaligen Heimerziehung kommen?
Es gab ein Grundgesetz, das für alle Menschen gleich galt, nur für die
Kinder und Jugendlichen, die in den Heimen untergebracht waren, nicht.
Sie waren Wert- und rechtlos, es waren ja nur „Unterschichtskinder“.
Die täglichen Demütigungen, rigide Strafmaßnahmen, keine oder kaum eine
Schulbildung verhinderten, dass viele nach ihrer Entlassung aus dem Heim im
Leben draußen Fuß fassen konnten.
Vielleicht waren es
die zerstörten Erwachsenen, die emotional blind die Zerstörung der nächsten
Generation einleiteten.
Wenn wir in Zukunft
systematische, gewaltvolle Zerstörungen an Kindern verhindern wollen, müssen
wir zuerst erkennen, wie es zu dieser Gewalt kam.
Es wird keine
Verbesserung für die Zukunft geben, wenn wir nicht aus der Vergangenheit
lernen.
Wie konnten wir ein
Selbstwertgefühl aufbauen, wo uns im Heim täglich das Gefühl von,
Wertlosigkeit, und Verdorbenheit vermittelt wurde.
Kein Kind ist von
Geburt an verdorben und „verwahrlost“, oft war es die Umgebung, in der sie
hineingeboren wurden, oder auch die Eltern selbst, die diese Umstände
erzeugten. Einem Kind die Schuld da für zu geben ist
unmenschlich.
Der Auftrag der Heimerziehung war, für die Kinder zu sorgen, ihnen
Schutz zu geben und ihnen die bestmöglichen Chancen für ein normales Leben zu
ermöglichen. Doch diese Chancen haben sie nie bekommen.
Bei den ersten
Gehversuchen in Freiheit, nach der Entlassung aus den Heimen, bekamen wir weder
eine Unterstützung noch eine Begleitung, um im Leben draußen zurecht zukommen.
Als Kinder wurden
wir in die Heime gesteckt, als wir entlassen wurden waren wir Erwachsene.
Dazwischen lagen
Jahre des Schreckens und oft die totale Isolation. von
der Gesellschaft.
Wie konnten wir „sogenannte
ordentliche Mitglieder dieser Gesellschaft“ werden, wenn wir nichts
, überhaupt nichts mit auf den Weg bekamen. Werte wurden uns nicht
vermittelt, die uns draußen geholfen hätten zurecht zukommen.
Es gibt nur wenige
unter den Betroffenen, die nach ihrer Entlassung eine weiterbildende Schule
besuchten, eventuell auch studierten. Aber das waren weniger als 1% von
mehreren Hundertausenden.
„Kultur“ war verboten, selbst klassische Literatur oder Musik.
Beat Musik war
„dämonisch“, Sündhaft, schmutzig, Zeitungen und Nachrichten gab es nicht.
Das turbulente
Zeitgeschehen, der Wirtschaftsaufschwung der 60er ging an uns vorüber, ohne dass wir einbezogen wurden, wir
leisteten aber unseren Beitrag dazu in der Abgeschiedenheit der Heime
Wir wurden ganz bewusst isoliert vom realen Leben draußen.
Bücher, von Tolstoi und Dostojewski, die ich von meinem Vater zu meinen
Geburtstagen geschickt bekam, hat man mir vorenthalten. Ich bekam sie auch bei
meiner Entlassung nicht ausgehändigt.
Ein
postfaschistisches Denken war bis gegen Ende der 60er Jahre in den Heimen Gang und Gebe,
das bekamen wir täglich durch „Zucht und Ordnung“ zu spüren. Auf der anderen
Seite waren „Beten und Arbeiten“ an der Tagesordnung.
Wir hatten keine Rückzugsmöglichkeiten, keine Selbstbestimmung, keinen
Raum für uns selbst. Wir mussten blind gehorchen.
Wir wurden
gezwungen, genauso spartanisch und enthaltsam zu leben, wie unsere
konfessionellen Erzieherinnen und Erzieher, die uns letztendlich ihr eigene Lebensform
aufzwingen wollten. Zwangsmissionierung sollte uns auf
den rechten Weg bringen, dabei zerstörten diese Missionare unsere Identität.
Die Kollekte für den
Klingelbeutel beim sonntäglichen Kirchgang wurde uns, ohne unseres Wissens, von
unserem wenigen Taschengeld abgezogen.
Mein Großvater, ein selbstständiger Handwerker, war nebenberuflich
Prediger. Er vermittelte mir, Jesus ist die Liebe und die Güte, aber auch
Versöhnung und Verzeihung. Das sind alles Werte, auf die diese Gesellschaft
aufgebaut sein sollte.
Das habe ich auch geglaubt, wie auch viele andere Ehemalige, bis ich in
das Heim kam. Hier galten dies Werte nicht, sie hatten keine Bedeutung.
In den evangelischen
Heimen waren die Themen „Aufklärung“ und „Sexualität“ tabuisiert. Selbst
Gedanken dieser Art waren uns nicht erlaubt.
Das hinderte einige
der Erzieher nicht daran, Kindern sexuelle Gewalt anzutun.
Zu viele Betroffene können auch heute noch nicht über ihre schlimmen
Erfahrungen sprechen, das Trauma sitzt noch sehr tief.
Das Stigma, ein Heimkind zu sein, begleitete mich mein ganzes Leben,
wie viele andere auch.
es
ist auch heute noch für viele ein großer Makel, ein „ehem. Heimkind“ zu sein.
Verschiedene Studien
belegen, dass die Heimerziehung sich sehr traumatisierend auf die ehem. Heim
Opfer ausgewirkt hat.
Doch Einzelheiten
der langfristigen Folgeschäden, das Resultat
des implizierten Traumas werden nicht präzise genannt.
das erlebte Trauma ist heute noch als Flashback
lebendig.
(Angstzustände,
Posttraumatische Belastungsstörung und Minderwertigkeitsgefühle und auch eine
fehlende Ich-Bildung).
Der Ratsvorsitzende der EKD, Herr Schneider und der Präsident der
Diakonie, Herr Stockmeier, möchten heute in diesem festlichen Rahmen bei allen
Betroffenen, die in den 50er und 60er Jahren unter der rigiden, Menschen- bzw.
Kinder verachtenden Heimerziehung unter evangelischer
Trägerschaft gelitten haben, um Verzeihung bitten.
„Verzeihung“ muss wachsen, das geschieht nicht
von heute auf morgen, zumal die Menschen, die sich heute bei uns für dieses
Unrecht entschuldigen möchten, nicht die Täter waren.
Als die Missstände
in der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre in der Öffentlichkeit bekannt
wurden, wusste noch keiner von dem tatsächlichen Ausmaß der Entwürdigungen
.
Ein Bewusstsein für dieses große Unrecht musste den heutigen
Trägerorganisationen der damaligen Heimerziehung erst einmal begreiflich
gemacht werden, es war für viele nicht nachvollziehbar, dass
Menschenrechtsverletzungen überhaupt geschehen konnte.
Die evangelische Kirche und die Diakonie haben ein schweres Erbe übernommen.
Sie stehen heute in
der Verantwortung für das damals geschehene Unrecht und haben dieses Unrecht auch erkannt.
Ich sehe Sie alle in einer
moralischen und bedingt damit auch in einer rechtlichen Verantwortlichkeit. Sie
haben als Träger der Heime ein Erbe mit zu schultern und zu verarbeiten, wo wir
Ehemaligen Sie mit unseren Schicksalen konfrontieren und unsere Forderungen
daraus ableiten. Bitte haben Sie dafür Verständnis und weiterhin ein offenes
Ohr. Denn an unseren Schicksalen tragen wir heute noch alleine oft zu schwer.
Ich möchte die
damalige Heimerziehung mit meinen Worten aber angelehnt an eine Rede, die Prof.
Dr. Thiersch im Jahr 2009 zur Betrachtung der
Heimerziehung der 50er und 60er Jahre gehalten hat, schildern:
Es gab in den Heimen
Todsünden der Pädagogik, nämlich das Zusammenwirken bestimmter Haltungen und
Umgangsformen mit uns, in denen wir nicht anerkannt wurden, in denen wir nicht
lernen konnten uns selbst zu achten und zu mögen, in denen wir von anderen
gedemütigt, in eine bestimmte Ecke, als schwierig, oft als verwahrlost, dumm,
frech und dreist gesteckt wurden, und in dem strafend signalisiert wurde, das
es kein Glück war, das wir auf der Welt waren, das wir uns zurechtbiegen
mussten, damit man uns aushalten konnte.
Das war eine Welt, die uns eigentlich nicht brauchte und auch
nicht wollte und vor der wir daher ausgeschlossen wurden, isoliert,
abgeschottet, meist am Rand der Orte gelegen und wo wir zudem oft weggesperrt
und verwahrt waren, die Jugendlichen waren in totalen Einrichtungen
untergebracht, die manchmal schlimmer waren als zu dieser Zeit die Zuchthäuser.
Wir lebten nicht
in einem Zusammenspiel von Anerkennung, von Entwicklungsmöglichkeiten und auf
die Zukunft hin ausgerichteten Zielrichtungen in denen es sich lohnte zu leben.
Schulische und außerschulische Bildung waren klein geschrieben, Schulbesuch
außerhalb der Heime war meist untersagt, berufliche Ausbildung, wenn sie
angeboten wurde, dann oft in Berufen, die kaum Zukunftschancen eröffneten. Uns wurde eine gute schulische, außerschulische und berufliche
Bildung vorenthalten und oft verweigert. Die meisten von uns besuchten die Heim internen Schulen.
Anstalten zur
Diakonieausbildung (miss)brauchten uns in den Heimen
als Übungsfeld für ihre Diakonieschüler. Ohne pädagogische Ausbildung waren die Jungdiakone als Anwärter Hilfserzieher. Sie waren
oft allein in den Heimgruppen für 1 Jahr eingesetzt und sollten sich dort
bewähren. Da sie außer einem kleinen Taschengeld keine Ausbildungsvergütung
bekamen, und oft rund um die Uhr und
ohne Lohn ihren Dienst taten, wurde unser unentgeltlicher Arbeitseinsatz in und
für das Heim als Selbstverständlichkeit angesehen.
Unsere Arbeit, ob
als Kinder oder Jugendliche hat zu einer erheblichen Kostensenkung der Heime geführt,
da sie dafür kein extra Personal einstellen mussten. Zudem arbeiteten
Jugendliche für verschiedene Betriebe, nähten, bügelten, wuschen für
Wäschereien, stachen Torf oder arbeiteten für Landwirte in ihren Ställen und
Feldern.
Und da wo sie dafür
keine Entlohnung erhielten, kann man sich fragen, ob die Einrichtungen daran
verdienten. Wie man oft hört, haben die Einrichtungen auch gute Profite gemacht
mit der Arbeit von Kindern und Jugendlichen.
Das alles geschah im
Rahmen von christlich konservativer, prüder, enger Disziplin, mit überforderten
und unausgebildetem und oft autoritärem Personal, wo wir zum Beten, zu
Andachten und Kirchgängen gezwungen wurden, wo die Erziehung mit Schlagen,
Gruppenstrafen, erbrochenes wieder essen müssen, Sexualfeindlichkeit und
Isolation für viele von uns zum Trauma wurde und wo eine liebevolle Erziehung
leider kaum und wenn überhaupt, doch oft nur ein
kurzer Schimmer im grauen Alltag war.
Warum glaubte man,
mit uns so umgehen zu können oder gar zu müssen? Es wurde unter anderem damit
begründet, so Prof. Thiersch, dass wir aus
verdorbenen Verhältnissen stammen würden, in denen schlechte Anlagen vererbt
oder erworben worden waren mit einer Schwer- oder sogar Unerziehbarkeit.
Prof. Thiersch meint dazu: „Das ist ein schreckliches und
trauriges Kapitel der schwarzen Pädagogik!“
Er fragte sich:
„Welches System, welche Organisation von Erziehung stand hinter einer solchen
Ausgrenzung und Nichtanerkennung in der Erziehung?
Er meinte, „es gab eine Ideologie die das gestützt hat.“ Er bezeichnete
sie „als Ehe zwischen staatlicher und kirchlicher Disziplinierung“ wo das Bibelwort galt: „Wen Gott liebt, den züchtigt er.“
„Das war der Freibrief für alle Untaten in der Erziehung.“
So verführte seiner
Meinung nach „die Erziehung schwieriger und als mühsam geltender Kinder, die
Erzieher dazu, Macht und Ordnung zu demonstrieren.
Diese Erziehung fand
mit Zustimmung und unter den Augen und dem Wissen der Anstalts- und
Heimleitungen, der Kirchen, der Behörden, Gerichte und Ministerien statt. Und
dass mit viel zu geringen Pflegesätzen, mit viel zu großen Gruppen, mit viel zu
wenigen Erziehern und bei mieser Bezahlung.
Das war systematisches Unrecht!
Einige der
Betroffenen könne eine Bitte um Verzeihung nicht annehmen.
Sie sind der
Meinung, dass die ev. Kirche und Diakonie diese Bitte als politischen und
finanziellen Schachzug meint, ihnen fehlt der Glaube an der Wahrhaftigkeit der
Veranstaltung.
Sie fordern für die Menschenrechtsverletzungen, Zwangsarbeit, also der
Zwang zur unentgeltlichen Arbeit, Kinderarbeit, die auch damals verboten war,
die schwarze Pädagogik, und auch die sexuelle, bzw. sexualisierte, körperliche
und seelische Gewalt heute eine angemessene Entschädigung.
„ Wie würden Sie reagieren, wenn ihnen all dies geschehen wäre? – wenn
Sie heute noch unter diesen Folgen der Heimerziehung leiden müssten.“
Wie schon erwähnt,
bekamen die Jugendlichen einen sehr geringen Lohn, nur geringes Taschengeld , das aber gleich wieder an die Heimleitungen
zurück geflossen ist, durch den monatlichen Einkauf von den wichtigsten Dingen,
die die Jugendlichen benötigten. Diese mussten intern käuflich erworben werden,
womit auch die 3,- bis 6,- DM Taschengeld an die
Einrichtungen zurück gingen und letztendlich wirklich überhaupt nichts übrig
blieb.
Die Ausbeutung der
Kinder und Jugendlichen hatte vielerlei
Gesichter.
Die Heimopfer wollen,
dass diese Misshandlungen offiziell als Unrecht von der Diakonie und EDK
anerkannt werden.
Doch ohne Reue und ohne
Bitte um Verzeihung durch die Einrichtungen, die Erzieher und Kirchenoberen
sehe ich keine Chance, dass sich damit der Frieden bei uns einstellen kann.
Vielleicht ist dies
ein erster Schritt, zwischen der evangelischen Kirche und Diakonie und den
ehemaligen Heimkindern.
Der erste Schritt
zur Befreiung eines Lebens langen Stigmas.
Einige ehem. Heimkinder
und ihre Heime, auch wenn es bisher nur wenige waren, haben sich in kleinen
Schritten aufeinander zugewagt. Einige, aber leider viel zu wenige ehemalige
Erzieher und Heimleiter bekennen sich zu dem, was damals geschah.
Manche Betroffene
stoßen, wenn sie sich an ihre früheren diakonischen Einrichtungen wenden, auf
Unverständnis, und oftmals wird ihnen nicht geglaubt. Sie werden ohne Empathie
an den RTH verwiesen. Das muss geändert werden. Eine
Sensibilisierung aller Mitarbeiter die mit den Betroffenen Kontakt haben, muss jetzt einsetzen.
Es darf nicht noch
einmal ein hierarchisches Gefälle geben bei dem sich ehemalige Heimkinder erneut erniedrigt
fühlen.
Die Voraussetzung
wäre: dass die Kirchenoberen mit gutem Beispiel vorangehen und die in der Vergangenheit begangenen Menschenrechtsverletzungen
öffentlich bekennen.
Wie sonst können wir
Selbstwert erlangen, wenn Sie, als die Verantwortungsträger nicht zu dem
stehen, was uns durch evangelisch geführte Heime damals angetan wurde.
Wie können wir verzeihen, wenn nicht aus Ihrem Munde, Herr
Ratsvorsitzender von systematischem Unrecht und Menschenrechtsverletzungen im
Rahmen einer schwarzen Pädagogik mit sexueller bzw. sexualisierter,
körperlicher und seelischer Gewalt an Kindern und Jugendlichen in ev. Heimen
bei unentgeltlich erzwungener Arbeit, die nach dem Grundgesetz als
unverhältnismäßige Zwangsarbeit galt, die Rede sein wird ?
Es hat gedauert, bis auch die Kirche zu dem steht, was damals geschah.
Aber wie ich schon vorher sagte, es muss ein Bewusstsein in der Gesellschaft
für dieses Unrecht wachsen, damit wir, die Belasteten unseren verloren Wert wieder finden können. Besser heute, als morgen.
Manches von dem, was
in der Petition gefordert wurde, ist in Umsetzung.
Viele von uns sind aber weiterhin enttäuscht, weil das, was materiell
vom R.T.H. empfohlen und vom Bundestag beschlossen wurde, uns nicht weit genug
geht.
Unsere Vorschläge zur materiellen Anerkennung am R.T.H., die im
Abschlussbericht des abgedruckt wurden und von den Linken im
Bundestag am 7.Juli 11 als Antrag eingebracht und von der Mehrheit des
Bundestages abgelehnt wurden, fand unsere volle Zustimmung.
Ich sehe es daher auch als ein Ausdruck der Ohnmacht,
Wut und Verzweiflung, dass jetzt das Bundesverfassungsgericht von Betroffenen
angerufen wurde, um im Rahmen eines
Normenkontrollverfahrenes die Ablehnung des Antrages
der Links Fraktion überprüfen zu lassen.
Betroffene werden
ihr Verzeihen daher nicht nur an Ihre Bitte um Verzeihung, Herr
Ratsvorsitzender, sondern auch an dem, was die Kirche konkret nach dem
Beschluss zur Umsetzung der Empfehlungen des R.T.H. in den Leitlinien mit den
Ländern, dem Bund und Betroffenen vereinbaren wird, messen.
Und zwar an der tatsächlichen Niedrigschwelligkeit
der Antragsmöglichkeiten, Geld aus dem Fonds oder den Stiftungsgeldern zu
erhalten und dem, welche Unterstützung sie in neutralen Stützpunkten in ihren
Bundesländern erfahren werden und schließlich an dem, wie die Träger der Heime
und auch ehemalige Erzieher auf Sie zukommen und das Gespräch mit Ihnen suchen.
Wollen die ehem.
Heimkinder die Hand, die ihnen heute gereicht wird, auch annehmen?
Viele möchten ganz
sicher ihren Frieden finden um ihren Lebensabend in Frieden verbringen.
Für sie ist die
„Bitte um Verzeihung“ möglicherweise ein Zeichen der Versöhnung.
Nun fragen manche der Betroffenen, warum es denn keine materielle
Unterstützung geben wird. Viele die Kindheitsgeschädigten lebt heute am
Existenzminimum und sind deshalb auf den Staat angewiesen, weil sie in ihrer
Jugend keine Chancen erhielten.
Das mag verschiedene Gründe haben, aber eines ist ganz sicher, der Weg
fürs Leben wurde in den Heimen prädestiniert.
Es war eine einfache Lösung für alle Beteiligten, die Kinder wurden
weggeschlossen in die Abgeschiedenheit der Heime, die Schlüssel wurden oft
weggeworfen und die Kinder vergessen. Sie galten als Schandfleck in der
damaligen Gesellschaft.
Es waren die Jugendämter, hinter diesen die Gesellschaft, die Länder,
und der Staat standen, die die Kinder damals in
Säuglings- Kinder- und Erziehungsheime verbannten. Heute noch tragen diese
damals unschuldigen Kinder immer das Brandzeichen der Wertlosigkeit.
Bevor ich in ein ev.
Mädchenheim kam, sammelte ich jedes Jahr mit großem Eifer mit einer
Blechbüchse, Geld für die „Innere Mission“. Ich war sehr ehrgeizig
, wollte möglichst viel Geld zusammen bekommen, es war ja für einen
guten Zweck gedacht.
Ich ging Jahrelang zur Jungschar, dort machten wir Spiele,
sangen oder gingen zu Freizeiten
Das war mein Bild
von der Kirche, bevor ich in das Heim kam, ein anderes kannte ich nicht. Ich
war ein Teil der Gemeinde, ich fühlte mich wohl dort, die Mitarbeiter der
Kirche waren immer freundlich und nett.
Dann lernte ich das
Heim kennen. Ein Albtraum. Da waren auch Jugendliche und Kinder, aber das
Verhalten der Erzieherinnen uns gegenüber war ein völlig anderes.
Von menschlichen
Regungen und Gefühlen, von Liebe und Güte war da nichts zu spüren.
Das hatte mich sehr
getroffen., ich konnte es
auch nicht verstehen.
Plötzlich war ich
ein Nichts und ein Niemand. Gestern ging ich noch zur Jungschar, am nächsten
Tag war ich ein Heimzögling ohne Wert.
Bis heute wurden wir
nicht „entstigmatisiert“ oder „rehabilitiert“, weder
vom RTH, noch vom Bundestag, auch nicht von den Kirchen.
Wann wird das
geschehen?
Die EKD und Diakonie
gehen heute auf uns zu, bitten uns um Verzeihung.
Viele von uns mögen davon halten, was sie wollen,
ich finde trotz allem, es ist ein großer Schritt, der sicher nicht einfach ist,
zumal Herr Schneider, der Ratsvorsitzende der EKD, sowie auch Herr Stockmeier
und die anwesenden Kirchenräte und Vorstandsmitglieder, nicht die Täter von
damals sind.
Durch die Petition
wurde viel bewegt. Dafür möchte ich mich bei den ehemaligen Heimkindern, die
diese auf den Weg gebracht haben, bedanken.
Wer hätte vor 40
oder 50 oder auch vor 5 Jahren gedacht, dass sich irgendwann, in der Zukunft,
also hier und heute, die ev. Kirche und Diakonie bei uns, den ehem. Heimkindern , für das, was sie uns antaten, um Verzeihung
bitten würden? .
Wir haben schon viel erreicht, auch wenn wir bis jetzt nicht das
bekommen haben, was wir für unser Leiden gefordert haben.
Dieser Akt heute ist mit der Hoffnung verbunden, dass dies kein Ende,
sondern ein Anfang im gemeinsamen Dialog ist.
Jetzt am Schluss möchte ich allen denjenigen gedenken, die in
evangelischen Heimen ihr Leben verloren haben, weil sie das Leben dort aus
welchen Gründen auch immer nicht ertragen konnten.
Ich möchte auch diejenigen bedenken, die in der Zeit
nach ihrer Heimentlassung nicht mehr zurechtkamen und an den Folgen der
Heimerziehung gestorben sind.
Darf ich deshalb alle Anwesende bitten sich zu erheben
und die Verstorbenen durch eine Schweigeminute zu ehren.
S. Djurovic. Sonntag,
11.09.2011
Friedrichstadtkirche
im Französischen Dom in Berlin
Gendarmenmarkt 5