Herrn Präsident
Dr. h.c. Jürgen Gohde
Diakonisches Werk (EKD) e. V.
Reichensteiner Weg 24
14195 Berlin
Sehr geehrter Herr Präsident,
vor knapp einem Monat habe ich mich in der Heimkinder-Sache an
Sie gewendet. Ein Zufallsfund gibt mir Anlaß, Ihnen noch
einmal zu schreiben.
Der epd meldete, Sie wollten, daß die Mißstände
in den Nachkriegs-Heimen umfassend aufgearbeitet werden.
Dazu gehört auch eine Neubewertung des Wirkens von Johann
Hinrich Wichern, der ohnehin schon in dieser Diskussion
mit Äußerungen zitiert wurde, die nicht zum Bild paßten,
das man in seinem Theologiestudium (vom Religionsunterricht abgesehen)
von ihm bekommen hat. In meinem Zufallsfund geht es zwar nicht
um Heime, sondern um das Gefängnis in Moabit. RGG und TRE
schreiben, daß Wichern mit seinen Gefängnis-Reformvorstellungen
gescheitert sei. Über die Gründe erfährt man dort
nichts. Wenn der Verfasser meiner Fundstelle recht hat, hielten
die Abgeordneten des Preußischen Landtages, denen man wohl
keine „Humanitätsduselei“ gegenüber Strafgefangenen
unterstellen darf, die Maßnahmen Wicherns und seiner „Brüder“
für unmenschlich.
Dies wirft Fragen nach den Konzepten des Rauhen Hauses auch für
die Heimerziehung auf, die der Aufarbeitung ebenso bedürfen,
wie die Frage, ob der Rettungshausgedanke nicht letztlich eine
Spielart von Fundamentalismus ist, der die persönlichen Belange
der zu Rettenden eher vernachlässigt oder ihnen gar brutal
(aus „höherer“ Sicht) zuwiderhandelt. Gewiß
war Wichern ein Kind seiner Zeit und wie wir, die Kinder unserer
Zeit, einmal beurteilt werden, steht noch dahin. Doch durch die
aufgekommene Diskussion, die – nach meinem Eindruck in den
Medien – nur sehr widerwillig aufgenommen wurde, steht das
Ansehen der Kirche (Kirche als „Dachmarke“ für
beide Großkirchen und deren Institutionen) auf dem Spiel.
Es gibt Beispiele aus frischer Vergangenheit, wie angemessen oder
schädigend manche Firmen mit geschichtlicher Schuld oder
aktuellen „Pannen“ umgehen. Nachdem Herr Wensierski
die Öffentlichkeit mit seinem Buch gefunden und alarmiert
hat, werden die Kirchen angemessene Formen finden müssen,
um ihre Vergangenheit – die in den Heimkindern weiterlebt
– und ihre davon abgehobene Praxis in der Gegenwart der
Öffentlichkeit glaubwürdig zu kommunizieren. Die Behandlung
der Probleme auf lokaler Ebene ist zwar essentiell für die
Betroffenen, reicht aber nicht aus, um den „Image-Schaden“
der Kirchen zu beheben.
Als meinen Beitrag zur Aufarbeitung schicke ich dem Ratsvorsitzenden
der EKD eine Kopie meines Schreibens und seiner Anlage und stelle
beides auch dem Verein ehemaliger Heimkinder e. V. zur Verfügung.
Mit freundlichem Gruß
Dierk Schäfer
Evangelische Akademie ? Akademieweg 11 ? D-73087 Bad Boll
dierk.schaefer@ev-akademie-boll.de
Auszug: CARL-PETER STEINMANN, Von wegen letzte Ruhe!, Berlin
2001, S. 58f im Kapitel Drei Häuser, eine Mauer und ein Friedhof,
Aus der Geschichte einer preußischen Anstalt
Es geht um das unter Friedrich Wilhelm IV im Rahmen seiner Gefängnisreform
1844-1849 gebaute preußische „Mustergefängnis“
in Moabit und sein „Resozialisierungsprogramm“.
Hier der Auszug über die Zeit von JOHANN HINRICH WICHERN
als Direktor dieser Anstalt.
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