Sehr geehrter Oberbürgermeister von München, Herr Ude,
 
mit großem Entsetzen habe ich in den Medien verfolgt (u.a. auch im Bayern TV
am 21.09.11 in Kontrovers), was Sie den Heimkindern von Oberammergau antun.
 
Es ist eine Schande und skandalös, wie Sie heute, im Jahre 2011 diese
Heimkinder ausbeuten. 
 
Wir, ich spreche von ca. 800 000 Kindern und Jugendlichen, wurden in den
50er und 60er Jahren auch ausgebeutet.
Nun, so viele Jahre später, ich dachte, die Zeiten haben sich geändert,
beuten Sie die Oberammergauer Heimkinder aus.
 
Ich selbst bin heute 62 Jahre alt, bin ein ehemaliges Heimkind aus Bayern.
 
Ich war zwei Jahre Mitglied des "Runden Tisches Heimerziehung 50er und 60er
Jahre" unter dem Vorsitz von Frau Dr. Antje Vollmer und Mitgliedern von
Bund, Ländern und den Kirchen, sowie auch Wissenschaftler und
Sozialpädagogen.
 
Es ging dabei um die Aufarbeitung der rigiden und unmenschlichen
Heimerziehung der damaligen Zeit.
Der RTH wurde vom Deutschen Bundestag eingesetzt. 
Herrn Prof. Lammert, dem Bundestagspräsidenten persönlich, wurde von Frau
Dr. Vollmer der Abschlussbericht am 20.01.2011 überreicht.
 
Wir, die ehemaligen Heimkinder,  mussten auch arbeiten und bekamen nichts
dafür, keinen Lohn, kaum Taschengeld, es wurden für die von uns geleistete
Arbeit nicht einmal Rentenversicherungsbeiträge eingezahlt.
Wir wurden mit Nichts als 18 bis 21 Jährige entlassen.
(Ich sende Ihnen einen Link zum Abschlussbericht des RTH zu, damit Sie sich
über die schreckliche Heimerziehung der damaligen Zeit informieren können).
 
Ich, als ein ehemaliges Heimkind, weiß wie es ist, in einem Heim
untergebracht zu sein.
Natürlich hat sich seit der damaligen Zeit vieles geändert.
Aber Sie sind gerade dabei, einen gravierenden Fehler zu begehen.
 
Was Sie den elf Heimkindern aus Oberammergau heute antun ist nicht tragbar,
weder politisch noch menschlich.
 
Für uns galt damals kein Grundgesetz, auch wir waren den Behörden
(Jugendämtern), dem Staat und den Trägerorganisationen hilflos ausgeliefert.
 
Ich war guter Hoffnung, dass sich die damaligen Zustände nicht wiederholen
würden.
 
Was ist das für ein paradoxes Gesetz, dass Heimkinder 75% von ihren
Einkünften von der Stadt München abgezogen werden?
Profitieren Sie davon, macht das München reicher?
 
Sie haben durch diese Ungerechtigkeit den Heimkindern gegenüber sehr an
Ansehen verloren, nicht nur in München, sondern in der gesamten BRD.
 
Den § 92 (Sozialgesetzbuch) würde ich aber ganz schnell ändern!
Das ist wieder diese Ausbeutung von Heimkindern wie in der Nachkriegszeit in
Deutschland.
 
Jedes Gesetz ist "flexibel"oder rückgängig zu machen.  
Den Kindern müssen nicht 75 % ihres schwer verdienten Geldes abgezogen
werden. Mit etwas gutem Willen geht alles! 
 
In diesem Monat ging es durch sämtliche Medien in der BRD, dass Sie, Herr
Ude, den von der Gesellschaft und dem Leben sowieso benachteiligten
Heimkindern nicht einmal ihren Lohn für ein Jahr Arbeit gönnen.
 
Mit diesem Geld hätten die Jugendlichen wenigstens eine kleine Starthilfe
für das Leben draußen, nach ihrer Entlassung aus dem Heim. 
Sie könnten ihren Führerschein machen, sich einen PC kaufen, was für einen
Neuanfang im Leben draußen sehr wichtig ist.
 
Warum sind Sie so kaltherzig den Kindern gegenüber, die keine Eltern haben
oder diese nicht für ihre Kinder sorgen  können, oder warum auch immer sie
in diesem Heim in Oberammergau untergebracht sind.
 
Warum gönnen Sie den armen, in jeder Hinsicht benachteiligten Kinder, nicht
einmal diese Gage, für die sie oft bis spät in die Nacht hinein auf der
Bühne standen. 
Die Oberammergauer Passionsspiele zeigen die letzten Stationen im Leben Jesu
Christi, der dort immer wieder seine große Liebe zu den Menschen unter
Beweis stellt.
Sicher war es für die Kinder ein besonderes Erlebnis und sie haben sicher
sehr gerne dort mitgespielt.  Endlich einmal raus, aus dem Alltag des
Heimes, das ist etwas tolles.
Dann kommt der Oberbürgermeister aus München und nimmt den Kindern ihr Geld
weg.
Liebe, Mitgefühl, Verständnis ? Nein, das kennt der Mann aus München nicht.
Statt einer positiven Zuwendung, werden sie vor den Kopf gestoßen.
 
Die Kinder sind gestraft genug, in dem sie in einem Heim aufwachsen müssen,
ohne Familie und Geschwister.
Was wissen Sie denn schon davon, Sie sitzen auf Ihrem hohen Ross und nehmen
die ärmsten der Armen aus und das sind die Kinder in den Heimen, die
niemanden haben, der sich für sie einsetzt.
Aber da gibt es noch die ehemaligen Heimkinder, so wie ich eines bin, die so
ein Unrecht nicht zulassen.
 
Wollen Sie, dass es in ca. 20 Jahren einen neuen "Runden Tisch
Heimerziehung" gibt, weil die nächste Generation ein erneutes Unrecht
aufzuarbeiten hat?
 
Nun haben die Kinder Pläne geschmiedet, was sie mit dem Geld alles anfangen
könnten und da kommen Sie daher und machen ihnen diese Freude streitig,
wobei sich die Kinder dieses Geld auch redlich verdient haben.
 
Bei allem Respekt, Sie haben keine Empathie für die vom Leben
benachteiligten Kinder.
 
Ich möchte an Sie appellieren, den elf Kindern die volle Summe zu zugestehen
und ihnen diese sofort auszuzahlen, bzw. auf ein Konto zu überweisen, damit
ihnen baldmöglichst dieses Geld zu Gute kommt.
 
Sie sind aber nicht der, der Sie gerne sein möchten. Sie mögen keine Kinder,
sonst könnten Sie sich in die Kinderseelen hineinversetzen.
 
Wir, die ehemaligen Heimkinder kämpfen heute für unsere Rechte, in
West-sowie in Ostdeutschland. 
Und Sie betreiben heute genau das, was man früher mit uns gemacht hatte, Sie
beuten diese Kinder aus Oberammergau aus und das im 21. Jahrhundert.
 
Was machen Sie mit dem Geld? Das reicht gerade mal auf dem Oktoberfest für
eine nette Einladung im Käfer Zelt.
Oder es versickert irgendwo in Ihrem Haushaltsbudget, ohne, dass irgend
jemand einen wirklichen Nutzen davon hat.
 
Für Sie ist die Summe, die Sie von den Kindern einbehalten, "Peanuts".
Für die elf Kinder aber ist es ein Vermögen, das ihnen für einen Start für
das Leben draußen, in der Gesellschaft, sehr geholfen hätte.
Sie schaffen Kinder 2. ter Klasse. Die Kinder aus Oberammergau, die die
Schulbank drücken mit den Kindern aus dem Heim, bekommen ihre volle Gage,
die anderen werden um 75% ihrer Gage von einem egoistischen Bürgermeister
gebracht.
 
Es ist schlichtweg gemein, den Heimkindern das anzutun, was Sie gerade
machen.
 
Wollen Sie, dass diese Kinder, weil sie keinen Führerschein besitzen und mit
so zusagen "nichts" auf der Straße stehen nach ihrer Entlassung aus dem
Heim, wieder in die Mangel des Staates kommen, als Sozialhilfeempfänger
o.ä., damit sie der totalen Kontrolle des Staates weiterhin unterliegen? 
Dieses Geld könnte der Start für ein Selbstbestimmtes Leben für die elf
"Heimkinder" sein. Sie sind sowieso vom Leben benachteiligt, weil sie in
einem Heim aufwachsen müssen, ohne die elterliche Liebe und Fürsorge, sie
sind auf die Fürsorge des Staates angewiesen. 
Und Sie haben immer noch kein Mitgefühl???
 
Ich bitte Sie, Ihren Beschluss Rückgängig zu machen, heute noch. Sie können
auch dieses dubiose Gesetz kippen, Sie haben viel Macht.
 
Laden Sie diese elf  Heimkinder an einem sonnigen Herbstwochenende zu sich
nach Hause, in Ihren großen parkähnlichen Garten, zu einem Grillfest ein.
Damit würden Sie etwas Gutes tun und ein Zeichen setzen.
 
Zuerst aber bitte das Geld an die elf Kinder überweisen, bis auf den letzten
Cent.
 
Meinem Schreiben an Sie schließen sich viele der ehemaligen Heimkinder an,
die heute für ihre Rechte, Rehabilitierung, Entstigmatisierung und einen
Ausgleich für die damals geleistete (Zwangs-) Arbeit einstehen.
 
Ich kann nur hoffen, dass Sie Ihre sehr merkwürdige Gesinnung ändern werden,
gegenüber den elf "Heimkindern" aus Oberammergau.
 
Sie würden als ein "guter Mensch" aus der Situation herausgehen.
 
Geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß und lassen Sie den Kinder das Geld, das
ihnen zusteht.
 
Ich bin eine Bürgerin dieses Landes, dazu auch noch ein ehemaliges Heimkind.
Ich bin engagiert und hasse Ungerechtigkeiten gegen Kinder, die sich nicht
wehren können.
 
 
Über eine positive Nachricht von Ihnen würde ich mich auf jeden Fall freuen.
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Sonja Djurovic
Ehemaliges Heimkind und Mitglied des RTH (Runder Tisch Heimerziehung der
50er und 60er Jahre)
 
 
Telefon 06034/8759
Nonnenhof
61194 Niddatal
 
 
<http://www.rundertisch-heimerziehung.de/documents/RTH_Abschlussbericht.pdf>
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