| |
aus: CARL-PETER STEINMANN, Von wegen letzte Ruhe!,
Berlin 2001, S. 58f im Kapitel Drei Häuser, eine Mauer und
ein Friedhof, Aus der Geschichte einer preußischen Anstalt
Es geht um das unter Friedrich Wilhelm IV im Rahmen seiner Gefängnisreform
1844-1849 gebaute preußische „Mustergefängnis“
in Moabit und sein „Resozialisierungsprogramm“.
Hier der Auszug über die Zeit von JOHANN HINRICH WICHERN
als Direktor dieser Anstalt.
...architektonisch zu verhindern. Mit Kabinettsorder von: 26.
März 18.42 an den Minister des Inneren ordnete der König,
wie von Busse empfohlen, den Bau an. Darin heißt es: Was
nun die einzelnen in Vorschlag gebrachten Bauten betrifft, so
will ich, da sine Strafanstalt hier in Berlin ganz übereinstimmend
mit den Einrichtungen des Mustergefängnisses in London, midhin
auch rück— sichtlich der Zellengröße, des
Ventilationssystems, der Wasserleitung, der Water closets, Spazierhofe,
der Kapelle und der Korridore erbaut und solche auf 520 Köpfe
eingerichtet werde ... Als Standort für das so errichtende
Mustergefängnis bestimmte Friedrich Wilhelm, nach Gesprächen
mit Peter Josef Lenné und Friedrich Schinkel, das Gelände
der ehemaligen Königlichen Pulverfabrik, die 1839 nach Spandau
verlegt worden war da es zuvor in Moabit mehrfach zu Unfällen
kam. Die Bauarbeiten in der heutigen Lehrter Strasse, nah der
Kreuzung mit de Invalidenstrasse, begannen 1844 und erstreckten
sich über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Dr. Julios hatte inzwischen s Anstaltskonzept für die Besserung
von Straftätern entwickelt. Anfangs hatte er sich am sogenannten
“Scheidesystems, wie es im amerikanischen Zuchthaus von
Auburn bei New York praktiziert wurde, orientiert. Dort lebten
alle Gefangenen in Einzelhaft, arbeiteten tagsüber aber gemeinsam
bei strengein Sprechverbot, was die Entwicklung von sozialen Beziehungen
zwischen den Gefangenen verhindern sollte. Bei einer längeren
Studienreise in die USA stellte Julius aber lest, dass die Idee
in der Praxis nicht durchführbar war. Er besuchte daraufhin
noch einen weiteren Gefängnisneubau in Philadelphia, wo man
die totale Isolation der Gefängnisse praktizierte. Dort durften
die Gefangenen über die Einzelhaft hinaus untereinander,
auch bei der Arbeit, keinerlei Gesprächs— oder Blickkontakt
haben. Wieder zurück in Europa, setzte Julius dieses Prinzip
der Isolation praktisch um. Die Gefangenen in Einzelzellen unterzubringen,
war das geringste Problem. Schwieriger wurde es aber dadurch,
dass den Gefangene während den Halt selbstverständlich
hart arbeiten sollte und außerdem eine allmorgendliche Andacht,
an den Sonntagen Gottesdienst und für alle Straftäter
auch regelmassiger Schulbesuch vorgesehen war. Per Moabiter Gefangene
musste wenn er seine Einzelzelle verließ, eine maskenähnliche
Mütze tragen. Die Mütze war mit einem langen und breiten
Schirm versehen, der heruntergeklappt das Gesichtsfeld des Träger
verdeckte, der nun weder nach vorn noch zur Seite blicken konnte.
Das einzige, was er noch sah, war ein kleines Stück des Bodens
von seinen Füssen. So konnte er sich bewegen und auch Treppen
begehen, ohne sich dabei de Gefahr des Stolperns auszusetzen.
Für die Kirche und die Schulräume waren nach den Vorstellungen
von Dr. Julius spezielle Kabinenstühle gebaut worden. Diese
waren an den Seiten oben und hinten mit Holz verkleinert. Wie
in einer nach vorne offenen Holzkiste blicken. Die Reihen der
einzelnen Kabinenstühle waren hintereinander aufsteigend,
wie in einem Amphitheater angeordnet. Hatte der Gefangene Platz
genommen, durfte er die Mütze vom Kopf nehmen.
Drei der zwischen die sternförmig angeordneten Zellenbauten
liegenden Höfe wurden zum Hofgang der Insassen genutzt. Um
au dabei die Isolation zu gewährleisten, wurden in der Anfangszeit
die Gefangenen, die auch hier ihre Mützen tragen mussten,
aneinandergekettet. Immer rechtes Bein an rechtes Bein, dazwischen
eine drei Meter lange Kette. Im Gleichschritt mussten so die dreieckige
Hoffläche abgeschritten werden, wobei die Kette straff zu
halten war und nie den Boden berühren durfte. Passierte da
dennoch, waren unangenehme Strafen die Folge. Aus dieser Zeit
hat sich ein Begriff in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen,
von den kaum einer weiß, woher er stammt. Hatten wir einen
hektischen, konfliktreichen Arbeitstag, so erzahlen wir viel vielleicht
am Abend: „Was bin ich heute wieder im Dreieck gesprungen,
ein Bild, das sich von diesen Hofgang ableitet.
Da es trotz starker Überwachung dennoch immer wieder an
geflüsterten Gesprächen kam, wurden nach einigen Jahren
‘Einzelspazierhöfe angelegt. Das waren kreisrunde,
von einer Mauer umgebene Hofflächen, die wie eine Torte in
20 Stücke unterteilt waren. Jedes dieser einzelne war Stückchen
war durch Mauern abgetrennt. In der Mitte des Kreises stand ein
kleiner Turm, von dem aus die Wärter die Kreissegmente übersehen
konnte. Der Aufenthalt der Gefangenen in diesem winzigen Höfen
betrug 15 Minuten am Tag.
Als 1856 eine Zunahme der Falle von Selbstmord und Wahnsinn
zu verzeichnen waren, übergab man das Direktorium Johann
Hinrich Wichern (18o8—1881), einem Schüler von Nikolaus
Heinrich Julius. Dieser hatte his dahin das Rauhe Haus in Hamburg,
eine Erziehungsanstalt für Arbeitskinder, geleitet. Das gesamte
bisherige Personal wurde nun ausgetauscht und durch Angehörige
seiner Bruderschaft ersetzt. Die Isolationshaft der Gefangenen
wurde noch konsequenter alt zuvor durchgeführt. Jegliche
Kommunikation war nun verboten, >>‘es sei denn mit
gesitteten Menschen<<”. Nach sechs Jahren unterbitterlicher
Härte durch die >‘rauhen Brüder” regte
ich Widerstand bei der Mehrheit der Abgeordneten des Preußischen
Landtages, die diese Haftbedingungen als unmenschlich ansahen
und eine weitere Ausbildung von Brüdern des Rauhen Hauses
ablehnten und somit Wicherns Reformversuch als gescheitert betrachteten.
Einer der Gefangenen aus dieser Zeit, der die beschriebenen
Haftbedingungen in diesem preußischen Mustergefängnis
erlebte, war Wilhelm Voigt, der spätere <<Hauptmann
von Köpenick>>. Er war alt Siebzigjähriger wegen
Fälschung von Postanweisungen zu zwölf Jahren Gefängnis
verurteilt worden. Ab 1866 verbüßte er die ersten drei
Jahre seiner Strafe in Moabiter Einzelhaft,..........
Für Kommentare bitte benutzen sie dieses
Link: admin@emak.org
|
|