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Brief an Sieglinde Alexander



Liebe Sieglinde,

am 20. Juni habe ich zufällig im Fernsehen einen Dokumentarfilm aus der Schweiz gesehen. Es ging um das grausame Schicksal von Arthur Honegger, der als Kind sehr hart arbeiten mußte und schwer mißhandelt wurde. (Du weißt ja, worum es in diesem Dokumentarfilm geht. Ich habe gestern gesehen, daß auf Deiner Homepage ein Bericht über die “Verdingkinder” in der Schweiz ist.)

Die wenigen ehemaligen “Verdingkinder”, die heute noch am Leben sind, fordern nun eine historische Aufarbeitung und eine Opferentschädigung. Das brachte mich auf die Idee, einen Brief an Arthur Honegger zu schreiben und ihn um einen Rat zu bitten. Arthur Honegger war ja früher Journalist und Chefredakteur einer Zeitung. Vielleicht kann er mir einen Tipp geben, wie ich erreichen kann, daß eine deutsche Zeitung oder ein Fernsehsender über die Mißhandlungen in meiner Kindheit und die schlimmen Folgen für mein ganzes Leben berichtet.

Ich habe vor ungefähr zwei Jahren eine Opferentschädigung beim Versorgungsamt beantragt. Dies wu rde vor eineinhalb Jahren mit der Begründung abgelehnt, daß es keine Zeugen gab, die gesehen haben, wie ich mißhandelt wurde. Drei ehe-malige Nachbarinnen hatten jedoch schriftlich bestätigt, daß sie mich oft weinen und schreien hörten und daß es so klang, als ob ich verprügelt würde. Doch diese Aussagen reichten dem Versorgungsamt als Beweis nicht aus.

Vor eineinhalb Jahren habe ich einen Widerspruch geschrieben und dem Versorgungsamt vorgeschlagen, mich zu einem Gutachter zu schicken, der meine Glaubwürdigkeit feststellen könnte. Seitdem habe ich nichts mehr vom Versorgungsamt gehört. Manchmal bin ich sehr wütend darüber, und manchmal bin ich sehr traurig und fühle mich total im Stich gelassen.

Vor kurzem las ich auf der Homepage von Alice Miller, daß Wissenschaftler mit Hilfe einer Computertomographie feststellen können, ob ein Mensch in der Kindheit mißhandelt wurde. Ein bestimmter Bereich im Gehirn wird durch die Mißhandlung verändert. Es gäbe also zwei Möglichkeiten, um zu beweisen, daß ich als Kind mißhandelt wurde. Doch ich kann weder ein Gutachten noch eine Computertomographie bezahlen. Und das Versorgungsamt wird es wahrscheinlich ablehnen, mich zu einem Gutachter zu schicken. Dann muß ich gegen diese Entscheidung beim Sozialgericht klagen. Das kann mehrere Jahre dauern. Wenn eine Zeitung oder das Fernsehen darüber berichten würde, könnte mir das vielleicht helfen, weil das Versor-gungsamt unter Druck gerät. Dann würde vielleicht alles schneller gehen.

Ich lebe von einer sehr niedrigen Erwerbsunfähigkeitsrente. Dieses Geld reicht nur zum Überleben bzw. zum Dahinvegetieren. Es reicht nicht einmal für eine gesunde Ernährung. Obst kann ich nur selten kaufen. Deshalb werde ich immer schwächer. Ich habe Angst, daß ich Krebs bekomme, wenn das noch ein paar Jahre so weitergeht, denn ich habe gehört, daß Obst und Gemüse vor Krebs schützen.

Mein Leben ist eine Qual wegen meiner Depressionen und der ständigen Angst. Ohne Psychopharmaka könnte ich gar nicht mehr leben, denn dann hätte ich nicht nur Angst, sondern eine Todesangst und furchtbare Panikattacken. Leider machen diese Medikamente mich wahnsinnig müde und verursachen Benommenheit und Sehstörungen. Ich kann nur mit Mühe und Not meine Hausarbeit erledigen.

Auch meine Einsamkeit und die ständigen körperlichen Schmerzen sind die Folge der Mißhandlungen in meiner Kindheit. Eigentlich ist das schon kaum auszuhalten. Und dann kommen noch die finanziellen Schwierigkeiten hinzu. Manchmal habe ich eine so große Wut, daß ich fast platzen könnte! Es ist ja schließlich nicht meine Schuld, daß ich seelisch krank geworden bin. Trotzdem tut der Staat überhaupt nichts, um mir irgendwie zu helfen. Mein Gerechtigkeitsgefühl sagt mir, daß ich einen Anspruch auf eine Opferentschädigung habe, doch der zuständige Sachbearbeiter beim Versorgungsamt sieht das völlig anders. Vor zwei Jahren sagte er mir am Telefon, es sei doch “völlig normal”, daß Kinder zur Strafe “mal geschlagen” werden. Ich fragte ihn, ob es auch “normal” sei, wenn eine Mutter ihr Kind an den Haaren durch das Wohnzimmer schleift und ihm dabei ganze Haarbüschel ausreißt oder wenn sie ihr Kind nach 22 Uhr abends aus der Wohnung rausschmeißt.

In Deutschland wird Kindesmißhandlung immer noch nicht als Verbrechen angesehen. Da hilft auch das Züchtigungsverbot nicht sehr viel. Wenn ein Erwachsener auf der Straße von einem Fremden verletzt + wird und bleibende Schäden davonträgt, hat er das Recht auf eine Opferentschädigung. Doch ein wehrloses Kind, das von seinen Eltern verprügelt wird, ist kein Verbrechensopfer und hat kein Recht auf eine Entschädigung, wenn es später seelisch krank wird. Das kann ich einfach nicht begreifen, und es macht mich wahnsinnig wütend!

Vor etwa drei Jahren sah ich im Fernsehen ein Interview mit Günther Lambrecht, einem ziemlich bekannten deutschen Schauspieler. Günter Lambrecht erzählte in diesem Interview, daß er auf der Straße von einem 16jährigen Amokschützen angeschossen worden war, der aus größerer Entfernung mit einem Gewehr auf alle Passanten schoß. Günther Lambrecht konnte sich unter einem Auto verstecken, wo er dann eine halbe Stunde lang eine Todesangst hatte, bis die Polizei kam und der Amokschütze Selbstmord beging. In Günter Lambrechts Schulter steckte eine Kugel, und während er unter dem Auto lag, hatte er Angst zu verbluten. Er mußte jedoch unter diesem Auto liegenbleiben, denn sonst wäre er möglicherweise noch einmal von einer Kugel getroffen worden.

Günter Lambrecht konnte gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht werden. Er überlebte, doch seit diesem Tag leidet er unter Ängsten, Schlafstörungen und Alpträumen. Das sind die typischen Symptome einer posttraumatischen Be-lastungsstörung. Unter den gleichen Symptomen leide ich auch, doch Günther Lambrecht bekommt eine Opferentschädi-gung und ich nicht.

Natürlich ist es furchtbar, was Günther Lambrecht erlebt hat. Er hatte eine halbe Stunde lang eine Todesangst. Aber was ich erlebt habe, ist auch schlimm. Ich hatte nicht nur eine halbe Stunde lang eine Todesangst vor meiner Mutter, sondern viele Jahre.

Günther Lambrecht sagte, daß er eine Opferentschädigung von monatlich 500 Mark bekäme. Das sind 250 Euro. Wenn ich monatlich 250 Euro zusätzlich zu meiner Rente bekäme, ginge es mir wesentlich besser.

Meine Betreuerin (eine Sozialpädagogin) war von Anfang an dagegen, daß ich diese Opferentschädigung beantragt habe. “Wenn jeder, der als Kind geschlagen wurde, eine Opferentschädigung beantragen würde, dann müßte das Versorgungsamt ja Milliarden von Euro an Millionen von Menschen bezahlen!” sagte meine Betreuerin. Ich habe geantwortet, daß es sehr gut wäre, wenn das Versorgungsamt so viel Geld an Millionen von Menschen bezahlen müßte, denn dadurch würde die Gesell-schaft endlich “wachgerüttelt”, und es würde klar werden, daß Kinder, die mißhandelt werden, den Staat später sehr viel kosten, weil sie seelisch krank, drogenabhängig, alkoholsüchtig oder kriminell werden. So könnten die Menschen endlich dazu gebracht werden, wirklich etwas gegen Kindesmißhandlung zu tun. Nachbarn würden die Schreie von Kindern nicht mehr überhören, und Lehrer bekämen eine bessere Ausbildung, damit sie dazu in der Lage sind, zu erkennen, daß ein Kind, das sich merkwürdig verhält, nicht “böse” ist und bestraft werden muß, sondern leidet und Hilfe braucht.

Vorgestern sagte meine Betreuerin, daß ich ihrer Meinung nach keine Chance habe, diese Opferentschädigung zu bekom-men und daß es besser gewesen wäre, sie gar nicht erst zu beantragen. Ich fand es merkwürdig, daß meine Betreuerin dies bei einer anderen Klientin, die auch eine Opferentschädigung beantragt hatte, völlig anders beurteilte. In diesem Fall fand sie es richtig, eine Opferentschädigung zu beantragen. Ich fragte nach dem Grund, und meine Betreuerin antwortete, ihre andere Klientin sei nicht nur mißhandelt, sondern auch sexuell mißbraucht worden, und das wäre ja “viel schlimmer”... Solche Aus-sagen machen mich wütend, denn jede Art von Gewalt zerstört die Seele eines Kindes - nicht nur sexueller Mißbrauch. Man kann ja auch nicht sagen, es sei viel schlimmer, in einem vier Meter tiefen Gewässer zu ertrinken als in einem zwei Meter tiefen. Zwei Meter reichen völlig aus, um zu ertrinken. Und das Ergebnis ist genau das gleiche, egal ob man in zwei oder vier Meter tiefem Wasser ertrinkt. Hinterher ist man auf jeden Fall tot.

Mir ist schon oft aufgefallen, daß Menschen empört sind, wenn es um sexuellen Mißbrauch von Kindern geht, aber daß sie kaum mit der Wimper zucken, wenn jemand sagt, er sei als Kind mißhandelt worden. Das ist kein Grund zur Empörung.

Ich habe in psychosomatischen Kliniken schon sehr viele seelisch kranke Menschen kennengelernt, die in der Kindheit mißhandelt wurden und als Erwachsene in Armut leben mußten. Diese Menschen hätten meiner Meinung nach alle einen Anspruch auf eine Opferentschädigung. In Deutschland muß zwar niemand verhungern, aber von Sozialhilfe oder von einer niedrigen Erwerbsunfähigkeitsrente kann man auch nicht wirklich leben, sondern nur dahinvegetieren.

Meine Klassenkameraden, die in der achten Klasse des Gymnasiums schlechtere Noten hatten als ich, besitzen heute alle ein Haus oder eine Eigentumswohnung und ein Auto. Es ist nicht meine Schuld, daß ich im Alter von 14 Jahren seelisch krank wurde und nicht mehr zur Schule gehen konnte. Trotzdem bekomme ich keine Entschädigung für das, was mir angetan wur-de. Ich will gar kein Haus, eine Eigentumswohnung oder ein Auto. Ich will einfach nur ein halbwegs normales Leben führen und mich gesund ernähren können. Ich möchte nicht mehr nur alle fünf Monate einmal zu einem billigen Friseur gehen, son-dern alle zwei Monate zu einem guten Friseur. Wenn ich monatelang nicht zum Friseur gehen kann, sehe ich unmöglich aus und fühle mich schlecht, weil alle anderen Leute, die ich kenne, viel häufiger zum Friseur gehen und gepflegter aussehen. Genauso ist es mit der Kleidung. Ich bin nicht eitel und brauche nicht viele und auch keine teuren Kleider, aber so viele, daß ich immer ordentlich aussehe.

Wenn ich telefoniere, muß ich immer in die Küche gehen, denn mein Wohnzimmer und mein kleines Schlafzimmer sind so leer, daß es hallt, wenn ich mit jemandem am Telefon spreche. (Einmal sagte eine Bekannte, mit der ich telefonierte, es klänge so, als käme meine Stimme aus einer Gruft...) Ich habe nur ein Bett, einen Sessel, einen Stuhl und zwei Tische. Einen Kleiderschrank habe ich nicht. Meine Kleider muß ich im Küchenschrank aufbewahren. In meiner Wohnung ist kein Teppichboden, sondern nur ein dreißig Jahre alter, sehr häßlicher, grauer Boden aus PVC. Ich wohne jetzt acht Jahre in dieser Wohnung. Im Moment sehen die Wände noch ganz gut aus, aber wenn ich sie in ein paar Jahren mal streichen lassen muß, weiß ich nicht, wie ich das bezahlen soll. Katastrophal wäre es auch, wenn z.B. meine Waschmaschine oder mein Kühlschrank kaputtgingen.

Hast Du eine Idee, was ich tun könnte, um die Medien darauf aufmerksam zu machen, wie ungerecht es ist, daß mißhandelte Kinder später keine Opferentschädigung bekommen, wenn sie erwachsen und seelisch krank geworden sind?

Tschüs, bis Sonntag!

Liebe Grüße!!!

Sylvie

Mehr über Sylvie: Sylvie`s Erfahrung mit Psychologie


 
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aus der
Kindheit


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heute, was damals
niemand hören wollte.

  .....über die Erfahrungen
einer misshandelten Kindheit zu sprechen ist oftmals der erste Schritt
auf einem langen Weg
die unsichtbaren Wunden
zu heilen.
   
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