EMaK Erwachsene Misshandelt als Kinder
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21. Juli 2011
Sehr geehrte Frau Dr. Bergmann,
wir, das EMaK Team der Organisation Erwachse
Misshandelt als Kinder, haben die Veröffentlichungen zu Ihrer Arbeit am
Runden Tisch Sexueller Missbrauch aufmerksam verfolgt. Wir möchten hierzu
aufgrund unserer Erfahrung und der uns vorliegenden wissenschaftlichen
Ergebnisse Fakten beitragen, die für Ihre weitere Arbeit an diesem Thema
nützlich sein könnten.
Es ist traurig, dass Opfer, speziell Kinder, lernen müssen, wie sie sich
schützen könnten. In Wirklichkeit gibt es aber keinen Schutz vor sexueller
Gewalt, schon gar nicht für Kleinkinder und Babys.
Der natürliche Weg wäre es, dass Erwachsene Kinder schützen, doch genau
hier beginnt das Drama mit seinen katastrophalen Folgen.
Die Täter
Sexuelle Gewalt gab es schon immer. Der Kreis der Täter und Opfer wird aber
immer größer.
Doch wird das Ausmaß der heutigen Situation wirklich erkannt und ist es noch
kontrollierbar? Wir meinen: nein. Wenn wir die jetzt existierenden Täter nicht
isolieren, ist die Kapazität, Opfer zu schützen, bald erschöpft, und wir
verlieren die Übersicht, um nachwachsende potentielle Täter zu entdecken.
Wenn wir nicht verstehen, wie aus einstmals unschuldigen Kinder Triebtäter
werden, wenn wir nicht zu den Ursachen vordringen und diese dann zu vermeiden
helfen, werden wir für immer erfolglos bleiben.
Noch gibt es für die begangenen Sexualstraftaten keine Einzelanalysen, die
wissenschaftlich beweisen könnten, dass es
für sexuelle Gewalt Heilung gibt. Weltweit wurde aber inzwischen erkannt: Je
später ein Opfer von Sexualmisshandlungen therapeutisch behandelt wird, desto
höher ist die Gefahr eines sog. Reenactments, was nichts anderes bedeutet, als dass das Opfer selbst in unbewusster
oder auch bewusster Wiederholung des erlittenen Traumas zum Täter wird.
Obwohl man die Hypothese aufgestellt hatte, es könnte eine genetische
Veranlagung geben, die einen Sexualstraftäter identifiziert, konnte sie nicht
nachgewiesen werden. Vielmehr zeigte sich, dass die sexuelle Abartigkeit eines
Täters ihren Ursprung in eigener frühkindlicher Gewalterfahrung und unerfüllter
frühkindlicher Bedürfnisse hat. Indem der Täter pervertierte sexuelle Gewalt
auslebt, verschafft er sich unbewusst eine Erfüllung der „verpassten Liebe“,
was sich in einer Freisetzung des Hormons Oxytocin, dem sog. Liebeshormon,
ausdrückt. Des Weiteren ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass durch sexuelle
und jede andere Gewalt im Opfer veränderte Genome produziert werden.
Dazu gibt es einige internationale wissenschaftliche Arbeiten, die zusammengefasst
Folgendes aussagen:
Alle Sexualstraftäter haben einen momentanen Gewinn aus dem Akt. Es geht nicht allein um sexuelle
Befriedigung, sondern vor allem um die Erfahrung von Macht, weil sie bei einem
ähnlichen Gewalterlebnis, in dem sie das Opfer waren, machtlos waren. Der
tiefere Grund warum ein Gewalttäter in seinem Opfer vor allem das Ungeschützte,
Wehrlose sucht, ist, dass er seine eigene
Hilflosigkeit zu ersticken sucht, die er / sie selbst erfahren hat. Er versucht
seine unerfüllten Bedürfnisse zu stillen und wiederholt gleichzeitig die eigene
schmerzvolle Erinnerung, um sich abzureagieren und um den eigenen Schmerz zu
lindern. Weil aber genau diese Erwartungen nicht erfüllt werden kann, müssen die
Täter die Tat endlos wiederholen.
Es ist eine mittlerweile empirisch belegte Erfahrung, dass Sexualverbrecher
nicht geheilt werden können. Die Rückfälle nach Entlassung beweisen dies augenfällig.
Wenn aber die Ursache für diese Gewalttaten nicht erkannt wird, gibt es
auch keine wirksamen präventiven Maßnahmen.
Eine wirksame Problemlösung muss also bei der Frage ansetzen, WARUM er oder sie zum
Sexualgewalttäter, zur Sexualgewalttäterin geworden ist.
Vereinfachend zusammengefasst kann man sagen, dass der Ursprung von Gewalt
in der frühen Kindheit beginnt, und meistens in den Elternhäusern. Dort wird
die Vulnerabilität erzeugt und genährt.
Nicht alle in der Kindheit sexuell
Misshandelten werden zu Tätern, doch alle Täter wurden als Kinder sexuell
misshandelt. Dieser Fakt ist für eine wirksame Gewaltprävention von größter
Bedeutung. Es reicht nicht aus, Sexualstraftäter einzusperren, um sie dann ein
paar Jahre später wieder freizulassen. Wollen wir potentielle Opfer tatsächlich
schützen, brauchen wir die ehrliche Bereitschaft der Verantwortlichen, die
Realität zu konfrontieren und daraus wirksame Schlüsse zu ziehen.
EMaK liegen zahlreiche Berichte von sexuell Misshandelten vor. Wir wollen die
Opfer dadurch unterstützen, indem wir auch eigene Erfahrungen mit sexueller
Gewalt veröffentlichen. Wir wollen aufzeigen, dass sexuelle Gewalt viel
häufiger auftritt, als man gemeinhin annimmt, in jeglicher Form und in allen
Schichten dieser Gesellschaft. Es ist höchste Zeit, das Problem grundlegend und
wegweisend anzugehen.
Ein Kind, das im Elternhaus nie die Erfahrung gemacht hat, dass sein Nein
auch ein Nein bedeutet, dass es gehört und respektiert wird, kann keinen
ausreichenden Selbstwert entwickeln und sich somit auch nicht schützen.
Wenn es einem Kind unter Androhung von Strafe und durch wiederholtes Schlagen
und Verprügeln verboten ist, etwas abzulehnen, was von seinen
Autoritätspersonen eingefordert wird – bis hin zur Preisgabe des eigenen Körpers
in sexuellen Handlungen (sehr häufig durch Eltern und / oder anderen Personen
des nahen Umfelds) -, hat es gelernt nicht zu widersprechen und keinen
Widerstand zu leisten. Diese Resignation lässt keine Ich-Bildung und keinen Selbstwert
zu.
Ein solch misshandeltes und eingeschüchtertes Kind kann auch durch einen Kurs
in Selbstverteidigung, so gut er auch durchgeführt wird, nicht profitieren; das
Trauma sitzt so viel tiefer in den Gehirnstrukturen und braucht einen ganz
anderen Zugang, soll es aufgelöst werden. Hier verweisen wir auf neueste
wissenschaftliche Erkenntnisse der Gehirn - und Traumaforschung, die wir auf
Anfrage bereitstellen können.
Die Scham, die eigentlich der Täter spüren müsste, die er aber nicht mehr
fühlt, weil er aufgrund eigenen Traumas von seinem Gefühl abgeschnitten ist,
projiziert er auf sein Opfer. Der Täter oder die Täterin ist voller psychischer
Störungen und von seinem eigenen Trauma regelrecht getrieben. Diese seine auf
das Opfer projizierte Scham erzeugt im missbrauchten Kind, im Jugendlichen Selbstbeschuldigung,
Selbsterniedrigung bis hin zu Selbsthass. Es braucht sehr gute therapeutische
Arbeit, die nicht einfach nur im Hier und Jetzt das Missbrauchsopfer coacht,
sondern es, nach gründlicher Stabilisierung, zu den Ursachen der quälenden
Folgeschäden des Traumas führt. Auch hierzu können wir auf Anfrage Material
liefern.
Sexualverbrechen im
Elternhaus
Eine bedeutende Voraussetzung für sexualisierte Gewalt im Elternhaus ist
die Schutzlosigkeit des Kindes. Kinder, die es wagten, darüber zu sprechen –
und jedem Kind fällt es extrem schwer, über die trotz allem geliebten Menschen
etwas „Schlechtes“ zu sagen – wurden und werden nach wie vor sehr häufig als
Lügner bezeichnet, und in vielen Fällen wurde und wird ihnen vorgeworfen: Du
wolltest es doch selbst!“ Also schweigen die Opfer, auch in späteren
Wiederholungen von Sexualgewalt, aus Scham und aus Angst.
Aus den Erfahrungsberichten
von AAaCWorld (Adults Abused as Children Worldwide) und EMaK (Erwachsene
Misshandelt als Kinder)
Frau Alexander betreut seit 1994 weltweit Opfer aus allen Bereichen der
Gewalt. Über 95 % der Misshandlungsfälle zeigten auch sexuelle Misshandlungen.
Diese anteilmäßig hohe Zahl von sexuell missbrauchten Kindern ist für Opfer
selbst nichts Neues. Sie kennen nicht nur ihre eigenen Erlebnisse, sondern oftmals
auch die ihrer Freunde und Schulkameraden, die ebenfalls mit keinen Erwachsenen
über die Vergehen sprechen.
Die meisten Sexualverbrechen geschahen
in den sog. guten Familien, meist aus der Mittelschicht. Auf Grund des oftmals hohen
Ansehens des Täters gab es keine Anzeige, und so konnten die sexuellen
Misshandlungen jahrelang stattfinden. Wie die Opfer berichteten, gab es in
allen Fällen aber immer mindestens einen
Mitwisser oder eine Mitwisserin, und meistens war es ein Familienmitglied, das
oftmals eine Anzeige verhinderte oder so tat, als ob sie / er nichts davon
wüsste oder das Opfer selbst beschuldigte und unter massiven Druck setzte.
In vielen der uns vorliegenden bekannten Fälle wurden Kinder von den Eltern
ganz bewusst zu Opfer gemacht. Die Gelegenheiten, in denen Kinder zu
Sexualopfern wurden, sind so vielfältig, wie es die Phantasie und die Realität
erlauben.
Come Here: A Man Overcomes the
Tragic Aftermath of Childhood Sexual Abuse by
Richard Berendzen, Ph.D
In dieser mutigen Buchveröffentlichung beschreibt
ein amerikanischer Universitätsprofessor, wie er als Kind von seiner Mutter jahrelang sexuell belästigt wurde, und wie
er selbst auf dem besten Weg war, selbst zum Täter zu werden.
Die Kindheit von Sonja
Djurovic
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dossier/1465007/
In diesem 45-minütigen Radio-Feature macht Sonja Djurovic klar, wie wenig Möglichkeiten
Nachkriegskinder hatten, sich gegen sexuelle Misshandlungen zu wehren. Frau
Djurovic war im Alter von 14 Jahren Opfer und Zeugin, doch der Richter forderte
ein Gutachten ihrer Glaubwürdigkeit – nicht aber des von der Großmutter
angezeigten Täters. Was in diesem Radio-Interview nicht erwähnt wird, sind die
in Sonja Djurovics Kindheit vorausgegangenen sexuellen Misshandlungen. Es war
wieder einmal das schon missbrauchte hilflose Kind, das erneut zum Opfer wurde.
Als Sonja versuchte ihrer Mutter auch von den sexuellen Misshandlungen als Siebenjährige
zu erzählen, die sich über Jahre hinaus dehnten, wurde sie von ihr wieder als
Lügnerin bezeichnet und dafür bestraft.
Die Kindheit von Sieglinde
Alexander
Als Kleinkind wurde sie von einem Arbeiter ihres Großvaters sexuell
belästigt. Von da an wollte sie nicht mehr mit in die Werkstatt gehen, wo es
passierte. Im Alter von 10 Jahren wurde sie von ihrem Halbbruder vergewaltigt.
Danach kam eine weitere Vergewaltigung eines Angestellten ihrer Mutter. Ihr
Vater untersuchte sie nach diesem Vorfall, ob sie noch Jungfrau sei, aber es
erfolgte keine Anzeige des Täters. Sexuelle Nötigungen durch ältere
Klassenkameraden waren für die Mädchen ihrer Heimatstadt nichts
Außergewöhnliches.
Die Mädchen sprachen untereinander auch von der sexuellen Gewalt im eigenen
Elternhaus. In dieser Kleinstadt wusste jeder, was in den „gutbürgerlichen
Häusern“ vor sich ging, doch niemand verständigte die Behörden; „es geht ja
niemanden etwas an“. Die meisten Polizisten waren zudem aus demselben Ort und
glaubten, ohne jemals nachzuforschen, den Erwachsenen, die die Kinder als
Lügner darstellten. Auch Sieglinde, die als 12-Jährige vom Zahnarzt auf dem
Zahnarztstuhl oral vergewaltigt wurde, musste diese Erfahrung machen.
Als sie mit 12 Jahren wegrannte, um Hilfe bei einem Freund der Familie zu
suchen, verlangte dieser wiederum sexuelle Gegenleistungen dafür, dass er ihr
Unterschlupf und Schutz vor den Eltern gewährte. Im Alter von 14 Jahren kamen
die sexuellen Übergriffe der Vorgesetzten, Nachbarn und Arbeitskollegen hinzu.
Ihre Mutter schickte sie mit einem „ Freund der Familie“ aufgrund finanzieller
Vorteile vier Mal ins Wochenende, und mit dem Wissen und Einverständnis der
Mutter wurde sie von diesem Mann diese Wochenenden über sexuell missbraucht.
Einmal organisierte es dieser Mann, dass Sieglinde in seiner Bauhütte von sechs
Männern hintereinander vergewaltigt wurde. Ihr Vater interessierte sich nicht
dafür, was mit seiner Tochter geschah, und ihr um ein Jahr jüngere Bruder
nannte sie eine Hure. Im Alter von vierzehneinhalb und nach bis dahin 36
sexuellen Misshandlungen bat Sieglinde das Jugendamt um Hilfe; sie wollte ins
Heim, weil sie dem Horror von zu Hause wollte. Ein Großteil ihrer Erfahrungen
in Kindheit und Jugend ist bei www.boxbook.com
auf Englisch zu lesen.
Nach Veröffentlichung ihres Manuskripts 1994 wurde Frau Alexander nicht nur
von den Bürgern ihrer Heimatstadt angegriffen, sondern auch von ihrer Familie.
Der markanteste Angriff kam aber von einer Tante, eine der vielen Schwestern
ihres Vaters. Sie bezichtigte Frau Alexander der Lüge und der Beschmutzung des
guten Namens der Familie. 1998 jedoch bekam Frau Alexander eine Ansichtskarte
dieser Tante mit der Bitte, sie anzurufen. Frau Alexander erfuhr die ganze
Wahrheit innerhalb von zwei Stunden, und alles, was sie schon als Kind vermutet
hatte, bestätigte sich. Der Vater der Tante, Großvater von Frau Alexander,
schlug seine Kinder nicht nur, er belästigte auch alle seine Mädchen sexuell.
Sie erzählte, wie die Brüder ihrem Vater zusehen mussten, damit sie, wie er
sagte, „ lernen, wie es richtig gemacht wird“. Später belästigten zwei ihrer
Brüder die jüngeren Mädchen, wozu auch sie gehörte. Einer dieser Brüder war
Sieglinde Alexanders Vater.
Der zweite Bruder ihres Vaters wurde von seiner alternden Mutter zum
regelmäßigen Geschlechtsverkehr dadurch erpresst, indem sie ihm das ganze Erbe
versprach. Die meisten Familienmitglieder verleugnen bis heute diese Tatsachen.
Die Kleinstadt wusste, was in dem „angesehenen Haus“ geschah, aber niemand
sagte etwas, erzählte die Tante zum Schluss, und sie fügte hinzu: „Sie sagten
deshalb nichts, weil es in ihren
Familien genauso zuging“.
Die Opfer
Die Dunkelzahl von sexueller Gewalt ist weit höher als angenommen. Opfer von Gewalt verschweigen die sexuellen
Handlungen am längsten, weil diese am schmerzhaftesten sind. Hinzu kommt, dass
Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexueller Gewalt wurden, immer auch unter
Beschuldigungen und Drohungen zu leiden hatten
- und immer noch darunter leiden. Diese Schuldzuweisung bedeutet
Täterschonung; hier muss sich als Erstes etwas ändern.
Wenn Expertisen in Auftrag gegeben werden, um nur Daten zu sammeln, um
festzustellen, wo es zur sexuellen Gewalt kam, können zwar Statistiken erstellt
und Schuldige genannt werden, aber es gibt keine Problemlösung. Gesetze sind
hilfreich, doch sie haben bis heute
nicht viel erreicht. Der Beweis dafür liegt in der großen und wachsenden Zahl
jener, die trotz der Gesetze zu Tätern wurden.
Ergo: Wir müssen mit Präventionen dort ansetzen, wo der Imprint von Gewalt
verursacht wird: in den meisten Fällen im Elternhaus, bei Ersatzeltern und in Heimen
und im näheren Umfeld des Opfers. Dort liegt die Ursache, dass Gewalt in jeder
Form existieren kann.
Warum aber schützen Eltern und andere ihre ihnen anvertrauten Kinder nicht?
Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass solche Eltern, und vor allem die Mütter,
selber als Kind Gewalterfahrungen gemacht haben. Sie mussten diese verdrängen,
weil ihnen keine Hilfe und kein Verständnis angeboten wurde, und so konnte ihr
Trauma unaufgelöst weiter existieren. In der Konsequenz verschließen sie die
Augen oder sind hilflos und überfordert, wenn sich die Gewalt bei ihren Kindern
wiederholt.
Präventive Maßnahmen
Will die Regierung Kinder tatsächlich schützen, müssen klare, zielführende
Maßstäbe zur Reduzierung des Problems genannt werden. Dabei darf es keine
Ausnahmen geben. So dürfen zum Beispiel Täter aus Ämtern, Kirche und
Institutionen keinen Zugang mehr zu Kindern haben. Im Privatbereich muss dem
Täter ebenfalls die Möglichkeit genommen werden, neue Opfer zu schaffen, das
heißt: Isolation für immer. Die psychologischen Gutachten, die oftmals von
einer Ungefährlichkeit der Täter ausgehen, erweisen sich zu häufig als falsch.
Es ist viel gewonnen, wenn sich ein Kind nach einem Gewaltakt meldet. Doch
was wissen wir wirklich von den Opfern, die ihre sexuellen Misshandlungen seit
Jahren verschweigen und mit sich tragen müssen? Sie wurden von denen, die sie
schützen sollten, nicht wahrgenommen und haben deshalb weitere Gewalttaten
erfahren. Ein Kind muss gehört und beschützt werden, damit es den Mut
entwickeln kann, sich wenigstens verbal zu wehren.
Wir müssen die Symptome erkennen und therapeutisch behandeln, anstatt die
Opfer auch noch zu verurteilen und zu bestrafen. Hier sind Kinderärzte, Erzieherinnen
und alle Berufsgruppen besonders gefordert, die viel mit Kindern zu tun haben.
Grundsätzlich aber muss sich insgesamt endlich das Wissen ausbreiten, dass ein Kind,
das Tiere quält oder andere Kinder sexuell misshandelt, einen tiefliegenden
Schmerz ausagiert – letztendlich nicht
anders als der Sexualstraftäter. Genau hier zeigt sich die Gewalt, die später
nicht mehr gestoppt werden kann.
Wenn aber ein misshandeltes Kind oder Jugendlicher erfolgreiche
Trauma-Auflösung erhält, und hier muss die Therapie über eine reine kognitive
Therapie oder über alleiniges Coaching auf jeden Fall hinausgehen. Wenn das
Kind der oder die Jugendliche seinen b.z.w. ihren eigenen Schmerz endlich fühlen
und dadurch auflösen darf, wird es später die Augen nicht verschließen oder
seine eigenen gewaltsamen sexuellen Erfahrungen im erneuten Machtmissbrauch
ausleben. Wenn Sie weitere Information zu Thema Trauma-Therapie benötigen,
können wir Ihnen Forschungsergebnisse vorlegen.
Täter erkennen, wer sich als Opfer eignet. Opfer wiederum erkennen im
Verhalten des Täters das alte, eingelernte Muster des Unterwerfens und
wiederholen es zwangsläufig - unbewusst. Kein Opfer will erneut misshandelt
werden, aber es hat verlernt, auf sich und seine Gefühle zu hören. Die
Wiederholung der bekannten Situation ist unvermeidbar, weil die natürliche Abwehr
manipuliert wurde. Das Opfer zeigt Symptome von Wehrlosigkeit, und der
potentielle Täter reagiert.
Sexuelle Gewalt, wenn sie mehrere Male und über lange Zeit geschieht,
zerstört das Gefühl von Selbstwert langsam aber sicher. Die Opfer beginnen die
sexuelle Gewalt hinzunehmen, weil sie nichts daran ändern können, seien es
sexuelle Misshandlungen durch Eltern und Verwandte, Lehrer, Priester oder
andere, die mit Kindern beruflich zu tun haben. Es entsteht eine manipulierte
Situation, in der das Kind lernt, nur die Bedürfnisse der Täter zu befriedigen.
Für die meisten Kinder bedeutet dies, so zu überleben. Wir nennen es eine Mischung vom sog. Stockholm-Symptom und
einer Parentifizierung des Kindes.
Mit Trauma-Auflösung kann die
durch sexuelle Gewalt zerstörte Identität wieder hergestellt werden. Die
vormals hohe Vulnerabilität, das Merkmal aller Opfer, ändert sich und wird
durch Auflösung des Traumas zu
natürlicher Selbstsicherheit.
Ob Kind oder Erwachsener - wer über
seinen Schmerz sprechen und verteidigen darf, ihn fühlen darf, hat das Wichtigste wieder gewonnen: das Gefühl des
Selbstwert, das durch die Gewalt regelrecht vereist wurde.
Wenn aber das Gefühl weiter unterdrückt wird oder nur kognitiv angesprochen wird,
besteht die Gefahr, dass aus einem Opfer ein neuer Täter wird. Die Bedeutung des
Fühlens in der Therapie ist neurowissenschaftlich belegt. Der Trauma-Schmerz
ist in der rechten Gehirnhälfte (Gefühl) verankert und kann deshalb nicht mit
Kognition, also der linken Gehirnhälfte (Logik – das darüber Sprechen), Heilung
oder Auflösung finden. Infolgedessen sind Gesprächstherapien als Einstieg
wichtig, aber für die Wiederherstellung der
natürlichen Identität nicht ausreichend.
Auch fehlendes Oxytocin (wenn ein Baby nicht gestillt wird oder durch frühe
Isolation / Hospitalismus) beim Neugeboren oder
im Kleinkind kann der Grund für sexuelles Ausagieren, gerade bei Männern, sein
- der erste Schritt zur Vergewaltigung. Und so setzt sich die Spirale von sexueller Gewalt fort, und das einstmals verletzbare
Kind und Opfer wird zum verletzenden Täter.
Es reicht leider nicht aus, die Sexualstraftäter einzusperren, um sie dann
ein paar Jahre später wieder freizulassen ohne ihr Trauma tatsächlich behandelt
zu haben. (Es gibt leider auch Fälle, in denen aufgrund von psychischer Gewalt
so schwerwiegende Gehirnveränderungen vorliegen, dass keine Trauma-Therapie
mehr möglich ist.) Wollen wir
potentielle Opfer tatsächlich schützen, brauchen wir die ehrliche Bereitschaft
der Verantwortlichen, die Realität zu konfrontieren, daraus wirksame und endgültige Schlüsse
zu ziehen.
In vielen Fällen von Gewalterfahrung bleiben nicht nur psychische Folgeschäden
[1]. Es wird wissenschaftlich belegt, dass auch organische Schäden nachweisbar
auf sexuelle Gewalt zurückzuführen sind. http://www.gjpsy.uni-goettingen.de/gjp-article-otte.pdf
Sehr geehrte Frau Dr. Bergmann, wir hoffen, unsere Ausführungen können zu
einer Vertiefung der Thematik beitragen. Für weitere Informationen stehen wir
gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
EMaK Team
Sieglinde W. Alexander – Gründerin:
Adresse wie oben
E-mail: admin@emak.org
Sabine Becker – Lektorin
und Therapeutin für Psychotherapie (HPG) in München
http://www.traumatherapie-sabine-becker.de/ueber_mich.html
EMaK-Email: admin@emak.org
Sonja Djurovic – PR für Heimopfer
Mitglied des Runden Tisches Heimerziehung
Feb. 2009 – Dez. 2010
Nonnenhof
61194 Niddatal
E-Mail: s.djurovic@t-online.de
oder EMaK-Email: admin@emak.org
[1] Genveränderungen
und Folgeschäden:
http://www.nature.com/tp/journal/v1/n12/full/tp201160a.html
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