Als
wäre der Teufel in mir
von Christoph Lumme
http://www.westdeutschezeitung.de/index.php?redid=269703
16. Juli 2008 -
00:10 Uhr
In
der Nachkriegszeit wurden zehntausende
Kinder für schwachsinnig erklärt und in kirchlichen Heimen sadistisch gequält.
Eins von ihnen war Monika Stey.
Täter
Priester und Nonnen misshandelten in
den 50er und 60er Jahren Zehntausende Jugendliche: 1960 gab es
3000konfessionelle Heime mit 200000 Betten. In vielen Einrichtungen wurde die
grausame Pädagogik der Nazi-Zeit ungebrochen fortgesetzt. Erst nach der
Studentenrevolte kam es zu Reformen.
Aufarbeitung
Angestoßen durch den Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ des Regisseurs Peter Mullan (2002) über die Qualen in einem katholischen Heim
Irlands, begann in Deutschland die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels. Doch
noch heute stoßen Opfer und Opferanwälte bei den meisten Tätern auf eine Mauer
des Schweigens.
Opfer
Zahlreiche ehemalige
Heiminsassen leiden noch heute unter schweren Traumata. Jedes frühere Heimkind
stirbt statistisch vor dem 40. Lebensjahr, häufig durch Drogenmissbrauch und
Freitod.
Engelskirchen. Gerade war ihr
Kopf durch den Geburtskanal gerutscht und im gelben Licht einer Glühbirne zum
Vorschein gekommen, da bollerte der Hausmeister mit den Fäusten an die
Eisentür. „Hier darf nicht entbunden werden“, brüllte er, und das Donnern
überschlug sich im Innern des Bunkers. Die Gebärende zuckte zusammen, dann
setzten ihre Wehen aus, und das Kind blieb zwischen Bauch und Welt stecken. Als
die Geburt nach Ewigkeiten zu Ende ging, war die Mutter fast verblutet.
Monika Stey
glaubt, dass das Drama ihres Lebens am 1. März 1953 begann, in diesem
fensterlosen Verlies des alten Kriegsbunkers, der als Notunterkunft der Armen
im ausgebombten Köln diente. Vielleicht war der Sauerstoffmangel während der
Geburt Schuld am Horror ihrer Kindheit.
Aber ganz sicher hatte es auch mit dem Vater
zu tun und dem Krieg, der in seinem Kopf kein Ende fand. Vater brauchte
Schnaps, um sich die Bilder von zerfetzten Körpern aus dem Gehirn zu spülen; im
Delirium drosch er dann auf seine Kinder ein. Vor allem auf die zappelige
Monika, die Kinderpsychologen heute wohl als hyperaktiv bezeichnen würden.
Da gibt es dieses Foto von Heiligabend
1956, das aussieht, als seien sie damals eine große, glückliche Familie
gewesen. Der Vater hat seine Arme um Monika gelegt und lächelt stolz, wie Väter
das so tun, bevor der Verschluss klickt. Monika Stey
streicht zärtlich über die Aufnahme, obwohl sie nur die Illusion einer
glücklichen Kindheit ist. Dann klappt sie das Album zu.
Mehr als ein halbes Jahrhundert ist das nun
her. Monika Stey hat die Tür zum Balkon geöffnet;
eine Sommerbrise bläht die Vorhänge auf, Kater Tiger huscht hinein, die
behäbige Gina schnurrt auf dem Sofa. „Gina ist immer nur misshandelt worden und
war total verängstigt, aber jetzt geht es ihr gut“, sagt sie und streicht der
Katze über den Kopf. Sie sagt, dass sie sich in Gina manchmal selbst erkennt.
Vor ein paar Jahren ist sie nach
Engelskirchen im Oberbergischen gezogen, weit weg von der Hektik Kölns, weit
weg von ihrer eigenen Vergangenheit. Und eigentlich geht es ihr jetzt, mit 55,
besser als jemals zuvor. Da ist diese Dankbarkeit: Ihr sind ein paar gute
Menschen über den Weg gelaufen, Menschen, die einfach irgendwann da waren und
ihr beim Kampf gegen die Dämonen ihrer Kindheit halfen: der George, der Karli, der Theo und die Rebecca, um einige zu nennen.
Sie alle haben ihren Anteil daran, dass
Monika Stey jetzt als Fußpflegerin arbeitet kann,
einen Teilzeitjob als Krankenpflegehelferin hat, dass sie einen alten Opel
Astra besitzt und einen Computer, mit dem sie im Internet surft.
Fast könnte man sagen, dass sie ihren
Seelenfrieden gefunden hat, wären da nicht die Nächte, in denen sie in der
Gewissheit aufwacht, gewürgt worden zu sein. Wären da nicht die letzten Dämonen
aus einer Hölle, die ihre Kindheit war.
Sie fingert ein vergilbtes Amtsblatt aus
einer Plastikhülle. Am 14. September 1961 verfasste Obermedizinalrat Dr.
Den Misshandlungen in der Familie folgten
die Prügeljahre im Heim der „Armen Dienstmägde Jesu-Christi“
in Kerpen. Sie sagt: „Die Nonnen haben draufgehauen,
als wäre der Teufel in mir.“ Manchmal stülpten sie ihr einen Leinensack über
den Kopf und tauchten sie in eiskaltes Wasser, während sie ihr mit einem
Schöpflöffel den Kopf blutig schlugen. Manchmal würgten sie sie mit einer
Kordel oder mit den bloßen Händen, bis sie ihr Bewusstsein verlor. Und weil
Monika ins Laken nässte, musste sie zur Strafe immer wieder unter ihrem
Eisenbett die Nacht verbringen, auch im Winter ohne Decke.
Die Stunden im Heim haben sich in ihr
Gehirn gebrannt, die vielen bösen wie die wenigen guten. Da war die blinde
Schwester Maria, die Monika ein kariertes Hängerchen nähte, weil
ihr das verstörte Mädchen leid tat. Aber Schwester Maria starb.
Nach drei Jahren war das bisschen Würde,
das sie sich als letzte Habseligkeit bewahrt hatte, durch einen einzigen
Wutanfall verloren. An einem Morgen, sie war 13 Jahre alt, musste sie wie so
oft niederknien; dann raste der Rohrstock auf ihren Rücken nieder. Da klammerte
sie sich an die Wade der Nonne, und ihr ganzer Hass entlud sich durch einen
gewaltigen Biss.
Am nächsten Tag fand sich Monika Stey in der geschlossenen Psychiatrie des
Landeskrankenhauses Langenfeld wieder, vollgestopft mit Medikamenten, in eine
Zwangsjacke gesteckt, Arme ausgestreckt ans Bett gebunden. Sie sagt: „Wie
gekreuzigt.“
Der Horror der Psychiatrie überdauerte ihre
Jugend. Es war eine Zeit voller Elektroschocks und Zwangsfixierungen. Erst mit
18 begann ihr Kampf gegen die amtlich verbriefte Diagnose der
Schwachsinnigkeit. Er dauerte Jahrzehnte, es war eine Rebellion gegen Albträume
und Depressionen, eine Rebellion gegen Vorurteile und Behördenwillkür, vor
allem aber eine Rebellion gegen die Dämonen ihrer Kindheit.
Psychotherapien folgten, Jahre in einer
Übungswohnung, die sie auf die Welt da draußen vorbereiteten, schließlich der
Hauptschulabschluss, die Prüfung zur staatlich anerkannten
Krankenpflegehelferin.
Monika Stey
blättert weiter in den Dokumenten. Dann bleibt ihr Blick an einem Gutachten von
1989 hängen, eine medizinische Untersuchung des Arbeitsamtes Köln. „Ich betone
ausdrücklich“, schrieb der Amtsarzt, „dass Frau Monika Stey
nicht schwachsinnig ist. Anderslautende Diagnosen sind falsch.“ Es war das
wichtigste Gutachten ihres Lebens.