Diakonisches Werk

der Evangelisch-Lutherischen

Kirche in Bayern e.V.

www.diakonie-bayern.de

 

Stellungnahme der bayerischen Diakonie zu

Veröffentlichungen zur Heimerziehung in den

fünfziger und sechziger Jahren

Dienstag, 21. Februar 2006

 

 

1.) In verschiedenen Veröffentlichungen ist in den vergangenen Jahren

über Missstände in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe im

Raum von Kirche und Diakonie während der fünfziger und sechziger

Jahre, berichtet worden. Auch die Diakonie in Bayern setzt sich seit

längerem mit diesen Vorgängen auseinander, die wir weder

verharmlosen noch schwarz-weiß malen wollen oder dürfen.

 

2.) Die damaligen gesellschaftspolitischen und sozialen Verhältnisse

unterscheiden sich gravierend von der heutigen Situation in den

Mitgliedseinrichtungen. Die heutige Ausstattung der diakonischen

Erziehungshilfe mit ausgebildeten Fachkräften und deren umfassenden

Begleitung durch Supervision und Fachdienste garantiert qualifizierte

Arbeit nach heutigen pädagogischen Standards.

 

3.) Obwohl derartige Vorgänge sowohl durch damals gängige

pädagogische Praxis als auch zum Teil durch einen entsprechenden

rechtlichen Rahmen gedeckt und damit selbst staatlich abgesichert

waren, müssen wir heute die Verhaltensweisen, die ihnen zugrunde

liegen, als großes Unrecht bezeichnen, da sie den Grundsätzen eines

christlichen Menschenverständnisses nicht entsprechen.

 

4.) Auch wenn es sich dabei nicht um „systematisches“ Vorgehen

handelt, das für alle Einrichtungen der evangelischen Jugendfürsorge

angenommen werden muss, handelt es sich doch auch um Ausdruck

einer pädagogischen Haltung, die leider auch in Einrichtungen der

Diakonie zu finden war. Diese Vorfälle können auch nicht alleine durch

einen Hinweis auf „damalige Verhältnisse“, Überlastung und

Überforderung der Mitarbeitenden oder ein anderes Verständnis von

Pädagogik relativiert werden.

 

5.) Für die Betroffenen bedeuten diese Erfahrungen eine Last, die ihr

Leben zum Teil bis zum heutigen Tag schmerzvoll prägt.

 

6.) Die bayerische Diakonie weiß zwar, dass das Eingeständnis von

Versagen und die Bitte um Verzeihung die Leiden, die jene Menschen

erdulden mussten, nicht ungeschehen machen können. Aus der

jahrzehntelangen Arbeit mit und im Sinne der Menschen wissen wir

aber auch, dass das Zugeben eigener Schuld für beide Seiten eine

Entlastung bedeuten kann. Es tut uns Leid, was den betroffenen

Kindern und Jugendlichen angetan wurde, und wir sprechen ihnen

unser Bedauern aus.

 

7.) Wir haben die Chance, nun den Prozess der Aufarbeitung der

Fürsorgeerziehung aktiv anzugehen, weil sowohl diejenigen, die als

Erzieher oder Mitarbeiter in diesem Feld tätig waren aber auch die

Menschen, die Traumata davongetragen haben, noch miteinander ins

Gespräch kommen können.

 

8.) Die Diakonie in Bayern wünscht sich diese aktive

Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte - im Interesse der

Betroffenen und auch im eigenen Interesse. Neben der fachlichen

Auseinandersetzung auf der Ebene des Verbandes – so mit einem

Fachtag auf Ebene des Diakonischen Werkes der EKD - bieten wir den

Leidtragenden jener Jahre unsere Unterstützung bei der Recherche

ihrer eigenen und unserer Geschichte an, um gemeinsam mit den

Trägern und den Einrichtungen eine Aufarbeitung der Vergangenheit

zu ermöglichen.