Guten Abend zu REPORT aus Mainz.
Wir beginnen mit einem Thema, von dem wir finden, dass es endlich in die breite
Öffentlichkeit gehört. Worum geht es?
Zeitreise zurück in die
fünfziger, sechziger Jahre, Deutschland im Wiederaufbau. Jeder, der zupacken
kann, wird gebraucht. Also auch Heimkinder. Mehr als eine halbe Million gibt es
damals von ihnen, untergebracht sind sie in so genannten Fürsorgeheimen.
Dass es in diesen Einrichtungen
damals anders zuging als in vergleichbaren heute, versteht sich von selbst.
Aber die systematische Ausbeutung von Heimzöglingen als billige Arbeitskräfte,
sehr zur Freude übrigens von namhaften deutschen Firmen, das wurde allzu lange
verschwiegen. Thomas Dauser hat einen Mann getroffen, der den Mut hat, vor
unserer Kamera zu reden.
Bericht:
Es ist ein Weg, der Wolfgang
Focke viel Kraft kostet. Zögling 5051 war er damals, Ende der sechziger Jahre
im westfälischen Landeserziehungsheim Benninghausen.
O-Ton, Wolfgang Focke,
ehemaliges Heimkind:

»Schon wie ich in Benninghausen
ankam, in das Dorf, schlagartig die Stimmung auf null.«
Frage: Warum?
O-Ton, Wolfgang Focke,
ehemaliges Heimkind:
»Ja, weil das alles wieder hoch
kommt, was man hier uns mit uns gemacht hat an Unrecht.«
Geschlagen wurde er hier, erzählt
Wolfgang Focke. Geschlagen von Erziehern. Vergewaltigt von älteren
Jugendlichen. Sein Vater hatte ihn krankenhausreif geprügelt. Seine Mutter sich
eher für andere Männer interessiert, sagt Wolfgang Focke.
So landete er immer wieder im
Heim. Mit 16 kam er nach Benninghausen, zur Fürsorgeerziehung. Und Erziehung
hieß arbeiten. Die Erzieher eskortierten ihre Zöglinge hierher. Hier stand
früher eine Baracke, in der mussten sie containerweise Autolampen montieren.
Sechs Tage die Woche, am Fließband.
O-Ton, Wolfgang Focke,
ehemaliges Heimkind:
»Man durfte nicht sprechen,
selbst wenn ein Missgeschick passiert war und der Nachbar vielleicht noch an
die Schraube rangekommen wäre, man hat sich nicht gewagt zu sagen: Gib mir mal
die Schraube. Und dann saß einem der Erzieher sofort im Nacken, und ohne
Vorwarnung kriegte man dann ein paar auf den Kopf.«
Frage: Schläge?
O-Ton, Wolfgang Focke,
ehemaliges Heimkind:
»Ja, man hatte nicht zu sprechen.
Wir waren da, hat man uns immer wieder eingeschärft, zum Arbeiten und nicht zum
Sprechen.«
Geld, sagt Wolfgang Focke, Geld
hat er damals nicht bekommen. Keinen Pfennig. Auch Gerald Hartford war in einem
Heim, wegen Arbeitsbummelei. Er hatte seine Lehre abgebrochen. Jahrzehnte
später, als er das erste Mal seine Heimakte zu Gesicht bekam, entdeckte er
darin ein ärztliches Gutachten.
O-Ton:
»Die Augen sind in Ordnung. Die
Zähne sind in Ordnung. Wie beim Pferd, beim Pferd da gucken die auch die Zähne
an.«
Gerald Hartford, voll
arbeitsfähig. Als 16-Jähriger musste er im Heim Metallfedern in Matratzen
einschrauben, Autoscheinwerfer zusammenbauen.
O-Ton, Gerald Hartford,
Ehemaliges Heimkind:

»Wir wurden dazu gezwungen. Wenn
man da nicht in der Lampenhalle oder Matratzenbude war, dann wären wir im
Bunker gewesen, dass man zu sich selber findet.«
Er hat den Bunker gezeichnet.
Mein Leben ist am Ende, hatte ein Vorgänger eingeritzt.
Frage: Wie haben Sie sich da
gefühlt?
O-Ton, Gerald Hartford,
Ehemaliges Heimkind:
»Alleine gelassen, einsam. Habe
die Hoffnung auf Hilfe aufgegeben. Ich kann sagen, ich habe mich auch selbst
aufgegeben.«
Arbeitszwang zur Erziehung.
Hunderttausende Jugendliche waren, wie Gerald Hartford, in den fünfziger und
sechziger Jahren in Westdeutschland im Heim.
Und die Arbeitskraft der Zöglinge
war gefragt. Es können bei weitem nicht alle Angebote an Stellen mit Zöglingen
besetzt werden, heißt es in alten Heimakten. Hier schreibt ein Heim, dass der
Arbeitseinsatz von 45 Jugendlichen in der Industrie jeden Monat 5.000 Mark
bringe. Das Geld kommt direkt aufs Heimkonto. Tarif oder tarifähnlicher Lohn
wird den Jugendlichen nicht gezahlt.
Auch Anwartschaften für die Sozialversicherung, also Rentenbeiträge, werden
grundsätzlich nicht aufrecht erhalten. Niemand hatte damals ein Problem damit.
Weder die staatliche Heimaufsicht, noch die Heime selbst. Das Salvator-Kolleg
bei Paderborn. Früher gehörte es dem Orden der Salvatorianer. Pater Minas führt
in die heutige Lehrschlosserei. Hier ließ der Automobilzulieferer Hella
Jugendliche Rücklichter für den VW-Käfer montieren.
O-Ton, Pater Alfons Minas, Salvatorianer:

»Hier, in der Reihe, stand ein
Transportband. Die Lampenteile wurden zusammengebaut, und dann wieder hat die
Firma Hella sie abgeholt, wenn sie fertig waren.«
Tausende Akten von Heimkindern hängen im Archiv des Heims. Tausende dürften
gearbeitet haben für Konzerne wie Hella. Als Pater Minas 1971 Direktor des
Heims wurde, kündigte er die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen aus dem
westfälischen Lippstadt. Hella sei darüber nicht begeistert gewesen.
O-Ton, Pater Alfons Minas,
Salvatorianer:
»Ich denke, dass wir auch
finanziell Vorteile davon hatten.«
Frage: Inwiefern?
O-Ton, Pater Alfons Minas,
Salvatorianer:
»Ja, dadurch das die Arbeit im
Heim, die hier geleistet worden ist, etwas kostengünstiger war, als wenn sie
die Arbeit in Lippstadt, in eigener Regie hätten durchführen müssen.«
Frage: Bedeutet das für Sie, dass
Hella eine moralische Verpflichtung hätte, die Leute entschädigen müsste?
O-Ton, Pater Alfons Minas, Salvatorianer:
»Mit einen Beitrag zu leisten,
dass die Leute entschädigt werden können.«
Etliche Konzerne zählen ehemalige
Heimkinder im Internet auf, für die sie arbeiten mussten: große Namen aus dem
Wirtschaftswunderdeutschland. Auf Nachfrage von REPORT MAINZ lassen sie wissen,
dass es keine Unterlagen mehr aus der Zeit gäbe.
Hella gehört heute zu den größten
Automobilzulieferern weltweit. Von der Heimkinderproblematik will man hier
allerdings noch nie etwas gehört haben.
O-Ton, Ulrich Köster,
Hella-Pressesprecher:
»Diese Ergebnisse und
Erkenntnisse sind für uns neu. Deswegen können wir sie auch nicht bewerten.«
Frage: Gibt es da eine moralische
Verpflichtung jetzt zu reagieren und unter Umständen auch Entschädigungen zu
leisten?
O-Ton, Ulrich Köster,
Hella-Pressesprecher:

»Wenn wir Ergebnisse und
Erkenntnisse haben, können wir auch dazu Stellung nehmen.«
Es ist ein Spiel auf Zeit. Zeit, die die Heimkinder nicht mehr haben. Sie
wollen, dass Staat, Kirchen und Unternehmen gerade stehen für erlittenes
Unrecht.
Inzwischen sucht der
Petitionsausschuss des Bundestages nach einer Lösung. Doch noch gibt es zu
wenig lautstarke Fürsprecher wie Gitta Trauernicht. Die Jugendministerin aus
Schleswig-Holstein geißelt das Konzept kirchlicher und staatlicher Heime
damals.
O-Ton, Gitta Trauernicht, SPD,
Jugendministerin Schleswig-Holstein:

»Das hat in weiten Teilen
Menschen entwürdigt, sie ohne Grund in Heime gebracht, ungeeignete pädagogische
Mittel angewandt, Menschen gebrochen.«
Jetzt will sie wissenschaftlich
aufarbeiten lassen, wie Jugendliche damals in Erziehungsheimen ausgebeutet
wurden.
O-Ton, Gitta Trauernicht, SPD,
Jugendministerin Schleswig-Holstein:
»Es geht aber auch darum, ganz
materiell zu fragen, wie kann man wieder gutmachen. Und diese sehr
grundsätzliche Frage der Entschädigung, die muss geklärt werden.«
Entschädigung auch für Wolfgang
Focke. Er bekommt im Monat 298 Euro Rente. Ihm fehlen fünf Jahre, die er
umsonst arbeiten musste. Und ihm fehlt bis heute die Würde, die ihm genommen
wurde im Heim.
Abmoderation Fritz Frey:
Nur vereinzelt haben sich
Politiker bislang zu diesem Thema geäußert. Die Jugendministerin aus
Schleswig-Holstein, wie eben gehört, oder auch die Grünen. Aber das wird kaum
reichen, wenn es beispielsweise um die Einrichtung einer Stiftung geht, die
sich um finanzielle Hilfe kümmert.
Alle
Sendetermine:
17.09.2007, 21.45 Uhr, Report Mainz, Das Erste