Ein Trauma, das man sein Leben lang behält

Hunderttausende Kinder wurden nach dem Krieg in kirchlichen und staatlichen Heimen mißhandelt. Erst jetzt, viele Jahre später, wird die düstere Geschichte der deutschen Heimkinder aufgearbeitet.

Von Christian-A. Thiel

Hamburger Abendblatt. http://www.abendblatt.de/daten/2006/06/03/570011.html

Hardy trat schuldbewußt ins Dienstzimmer , und ehe er sich's versah, schlug ihn der Erzieher mit solcher Wucht links und rechts ins Gesicht, daß er regelrecht taumelte und noch lange ein Dröhnen in den Ohren verspürte. (aus "Misshandelte Zukunft")

14 Jahre hat Harry Graeber in staatlichen Heimen verbracht. In dieser Zeit wurde er von seiner Familie und den üblichen sozialen Gepflogenheiten entfremdet. Graeber, der heute als selbständiger Betreuer für kranke und behinderte Menschen arbeitet, hat seine Erfahrungen und die seiner Geschwister in Heimen wie Pfeifferhütteund Lichtenau, wie Beiserhausund Buchenbühlaufgeschrieben ("Misshandelte Zukunft"). Graeber kämpft dafür, daß sich Kirchen und staatliche Organisationen ihrer Verantwortung stellen.

JOURNAL: Wann ist Ihnen klargeworden, daß Ihre Jugend ganz anders verlief als die vieler gleichaltriger junger Menschen?

HARRY GRAEBER: Das wurde mir erst im Rahmen einer Therapie klar. Ich hatte Probleme, mich im Leben zurechtzufinden, war orientierungslos. Wir hatten in den Heimen einen sehr eng abgesteckten Rahmen, und wer den überschritt, wurde bestraft. Man durfte kein Geld besitzen, kein Radio, keine Armbanduhr. Plötzlich, mit 21, ich schon mit 18, wurde man in die freie Wildbahn gejagt - und war darauf überhaupt nicht vorbereitet. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich gemerkt habe, daß ich den Makel, den ich in mir trage, aufarbeiten muß, um überleben zu können.

JOURNAL: Sie haben es geschafft. Andere sind weniger gut mit ihrem Schicksal fertiggeworden.

GRAEBER: Auf jeden Fall. Ich habe von Suizidfällen gehört, manche wurden straffällig. Viele haben nie die Kurve gekriegt. Gerade heute habe ich mit einer Frau, die auch lange im Heim war, über ihre Lebensgeschichte gesprochen. Sie erzählte mir, daß sie ihr Erbrochenes hatte essen müssen. So etwas war wohl ganz normal.

JOURNAL: Wann wurde die Geschichte der Heime zum Thema?

GRAEBER: Mit den 68er-Studentenunruhen. Zumindest wurde in dieser Zeit eine Reform begonnen, wenn auch nur zögerlich. Zum Gesprächsthema wurden wir Heimkinder durch die späteren Terroristen Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader, die damals eine "Heimkampagne" gestartet haben und die Bewohner zur Gegenwehr aufrufen wollten. Aber die Heime wiesen jede Kritik zurück.

JOURNAL: Wie funktionieren die Heime heute?

GRAEBER: Es hat sich schon sehr viel Positives getan. Wir hatten damals eine Gruppenstärke von 28 Jungen, das ist jetzt auf kleine Gruppen reduziert worden. Man darf sich auch mal im Schlafraum aufhalten und zurückziehen. Wir wurden noch in einem Aufenthaltsraum zusammengepfercht, das war eine explosive Mischung, lauter Halbstarke zusammen.

JOURNAL: Wie stand es mit der Qualifikation des Personals?

GRAEBER: Als ich damals ins Heim kam, waren unsere Erzieher meist ungelernte Leute, die man von der Straße geholt hat, Arbeitslose. Es gab da zum Beispiel einen ehemaligen Marinesoldaten, der mit uns sehr militärisch umging.

JOURNAL: Welches Weltbild, welche pädagogische Idee stand hinter dieser Behandlung der Jugendlichen?

GRAEBER: Das war noch sehr stark von den Vorstellungen der Hitler-Jugend geprägt: Härte, keinen Schmerz zeigen, keine Gefühle.

JOURNAL: Was wollte man mit der Härte erreichen?

GRAEBER: Das war eine Hau-drauf-Pädagogik. Sicher gab es zum Teil verwahrloste Jugendliche, aber eben nicht alle. Meine Geschwister und ich zum Beispiel wurden ins Heim gesteckt, weil unsere Mutter die Scheidung beantragt hatte von ihrem Mann, der kriegsverletzt war, und mit acht Kindern überfordert war. Das Jugendamt hat keine Hilfe angeboten, sondern die Kinder einfach abgeholt.

JOURNAL: Warum wird dieses Thema erst so spät aufgearbeitet? Neben Ihrem Buch ist auch Peter Wensierskis "Schläge im Namen des Herrn" erschienen.

GRAEBER: Die Heime wollten kein großes Aufheben machen. Das wurde im Lauf meiner Recherchen deutlich. Mein Stoff ist zunächst als Hörspiel im Bayerischen Rundfunk gesendet worden, da haben sich ein paar Erzieher gemeldet und behauptet, das stimme alles gar nicht. Die Betroffenen hatten nicht die Kraft, gegenzuhalten - und immer noch Angst! Ich fürchtete bei der Veröffentlichung meines Buches und des Hörspiels, daß mir die Übermacht von Jugendamt und Staat mit Anwälten droht. Deswegen habe ich zuerst nicht einmal den Namen Nürnberg erwähnt. Jetzt stehe ich dazu, aber damals habe ich wirklich gedacht, die machen mich platt, in irgendeiner Form.

JOURNAL: Vermissen Sie eine Entschuldigung der Verantwortlichen, zum Beispiel der Kirchen?

GRAEBER: Auf jeden Fall. Was wir erlebt haben, ist ein Trauma, das man sein Leben lang behält. Das kann auch mit Therapien nicht verschwinden. Es gibt Situationen, da berührt es einen immer wieder. Die Verantwortlichen haben ja zunächst behauptet, Fälle wie die unseren seien Ausnahmen gewesen - aber es war die Regel. Wer da als Erzieher nicht reinpaßte, wer sich ernsthaft mit den Kindern beschäftigte, ging entweder freiwillig, weil er die Brutalität nicht ertragen konnte, oder er wurde weggemobbt.

JOURNAL: Was würden Sie sich noch wünschen?

GRAEBER: Auf jeden Fall möchte ich, daß die Verantwortlichen Farbe bekennen und wenigstens sagen: ,Gut, die Zeit war damals so.' Es wurde ja auch außerhalb der Heime geprügelt, sogar in Schulen. Aber man sollte sich wenigstens zu diesen seelischen Grausamkeiten bekennen, selbst wenn man sagt: ,Wir waren überfordert.' Oder das Wort ,Entschuldigung'. Vielleicht könnte man Hilfe anbieten, weil nicht jeder von uns die Kurve gekriegt hat, aber auch Therapiemöglichkeiten oder ein Schmerzensgeld in irgendeiner Form.

Wir leiden ein Leben lang. Und zwar alle, mit denen ich gesprochen habe. Als ich zu meiner Therapie ging, habe ich mich anfangs furchtbar geniert. Aber ich habe die Situation bewältigt, weil ich einfach Lebenshunger hatte. Andere haben ihre Situation nie auf die Reihe bekommen.

Harry Graeber: Misshandelte Zukunft. pg Verlag, 261 Seiten; 9,90 Euro. Internet: www.misshandelte-zukunft.de

erschienen am 3. Juni 2006