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Sven Freytag, Matthias Kochs, Hiltrud
Wegehaupt-Schlund und Peter Wensierski (von links) stellen sich den Fragen
von ehemaligen Heimkindern und Journalisten.
"Beispiel für pädagogische Fehler"
Kinder- und Jugendhilfe St. Johannisstift setzt sich mit Historie der
Heimerziehung auseinander
VON ANJA SPARBROD
¥Paderborn/Warburg. Sven Freytag fehlen buchstäblich die Worte. "Ich
bin noch ganz zu von den vielen geschilderten Ereignissen",
entschuldigt sich der Geschäftsführer des St. Johannisstiftes in Paderborn.
So viele ehemalige Heimkinder waren auf Einladung der Kinder- und
Jugendhilfe St. Johannisstift nach Paderborn gekommen.
Und sie alle hatten ihre Erlebnisse aus den unterschiedlichsten Heimen in
Deutschland mitgebracht und wollten sie endlich, endlich einmal loswerden.
Die Kinder- und Jugendhilfe St. Johannisstift – heutiger Träger der
Kindervilla in Scherfede – hatte zu einer
Fachtagung über die Historie der Heimerziehung eingeladen. "Ein
Auslöser war das im Februar erschienene Buch ,Schläge
im Namen des Herrn’ des Spiegel-Autors Peter Wensierski", sagte
Matthias Kochs, der lange Jahre Leiter der Einrichtung in Scherfede war. Inzwischen ist er der
Gesamteinrichtungsleiter Evangelische Kinder- und Jugendhilfe St.
Johannisstift GmbH. Seit drei Jahren versucht er, die Vergangenheit von Scherfede aufzuarbeiten. Eine Vergangenheit, in der Kinder geschlagen wurden, Zärtlichkeit ein Fremdwort
war und das Einsperren als Strafe an der Tagesordnung. "Wir sehen das
Kapitel über die Vergangenheit unserer Einrichtung in Scherfede
als grundsätzlich beispielhaft an für pädagogisches Fehlverhalten bis zum
Teil in die 70er Jahre hinein in vielen deutschenHeimen",
sagte Kochs. Zehn Thesen hatte er für die Fachtagung formuliert, die auch
noch über den gestrigen Tag hinaus wirken sollen. "Wir wollen nun,
nachdem uns die Vergangenheit der Heimerziehung in der Gegenwart eingeholt
hat, nicht die Augen und Ohren verschließen, sondern uns offen und aktiv
mit dem Thema beschäftigen; zuhören, reflektieren und agieren", lautet
ein Punkt des Thesenpapieres.
"Wir bedauern die schlimme Tatsache, dass Gewalt und Unterdrückung die
pädagogische Haltung und Methode vieler Menschen gewesen ist und nicht die
Tat von einigen wenigen Verirrten und Verwirrten", so Kochs, der sich
für den Tag der Fachtagung sich noch ein "stärkeres
Aufeinanderzugehen" gewünscht hätte.
"Man kann in Deutschland keine Wunder erwarten, was die Aufarbeitung
von Geschichte angeht", meinte Buchautor Peter Wensierski. Er sei auch
nicht enttäuscht über die Reaktion von zwei älteren Diakonissen, die
zunächst die Geschichten der Betroffenen anzweifelten. "Wenn man
konkret nachfragt: Gab es Valium für die Kinder?
– antworten sie ja", so Wensierski. Es müsse auf beiden Seiten noch
viel geschehen, noch viele Bücher geschrieben werden, viele Filme gedreht.
"Der Prozess der Aufarbeitung geht nicht so einfach", so der
Spiegel-Autor.
Die Träger wollen aus der Vergangenheit lernen. "Mit dem neuen Kinder-
und Jugendhilfegesetz hat sich ein Paradigmenwechsel in der Erziehungshilfe
vollzogen", so Hiltrud Wegehaupt-Schlund vom Fachverband für
Erziehungshilfen in Westfalen-Lippe.¦Kommentar
(FOTO REINHARD ROHLF)
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