http://www.diakonie-pbhx.de/info/aktuell/20060529.html
PADERBORN - "In den endlosen Stunden in der kalten und dämmrigen
Dachkammer hatte ich zum ersten Mal Selbstmordgedanken", berichtet Marion Zagermann. Marion war von 1965 bis 1970 im Kinderheim der
Diakonissen vom Zionsberg, der heutigen
"Kindervilla Scherfede". Dem
Spiegel-Redakteur Peter Wensierski erzählte sie ihre Leidensgeschichte,
berichtete von körperlicher Gewalt, Ruhigstellung mit Valium,
Baden zwischen Blutegeln in der Diemel und tagelangem
Zellenarrest im Dunkeln. Nachzulesen sind ihre Erinnerungen im kürzlich
erschienenen Buch "Schläge im Namen des Herrn".
Aufgerüttelt durch das Buch, lud das Evangelische St. Johannisstift - seit 1981
Träger der Kindervilla Scherfede - jetzt zu einer
Fachtagung "Historie der Heimerziehung". Fachleute, Zeitzeugen,
Betroffene, Mitarbeiter des St. Johannisstiftes und Vertreter der
Jugendhilfeeinrichtungen aus Stadt und Kreis Paderborn diskutierten gemeinsam
mit Buchautor Peter Wensierski über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der
Heimerziehung.
"Hier geht es um unsere Identität", kommentierte
Vorstand Sven Freytag. Der Vergangenheit der Kindervilla Scherfede
wolle das St. Johannisstift mit Transparenz und Offenheit begegnen. Das
Archivmaterial sei vollständig erhalten und stehe für die Recherchen
Betroffener oder wissenschaftliche Aufarbeitung zur Verfügung.
Wensierski ergänzte: "Das Bedürfnis der ehemaligen Heimkinder, sich Gehör
zu verschaffen, ist groß." Für sein Buch interviewte der Spiegel-Redakteur
Betroffene aus Kinderheimen in ganz Deutschland, forschte in Archiven, bemühte
sich um Begegnungen mit damaligen Heimleitern und Erziehern und befragte auch
Personen aus dem Umfeld der Kinderheime: Ärzte, Lehrerinnen, Lieferanten und
Mitarbeiter - zum Thema Kindervilla fand er beispielsweise Aufzeichnungen der
damaligen Köchin.
Marion Zagermann saß auf dem Podium der Fachtagung
erstmals seit ihrem Abschied aus dem Heim Vertreterinnen der Diakonissen-Kommuinität vom Scherfeder Zionsberg
gegenüber. Sie zitierte aus ihrer Akte, in der ihr u. a. ein
IQ unter dem Wert von eins attestiert wurde. "Sobald ich in meine Akte
schaue, geht es mir furchtbar schlecht," kommentierte Marion Zagermann. Mit ihr diskutierte ihre Leidensgenossin Gundula
Hoffrogge, die aufgrund ihrer unehelichen Abstammung
jahrelang als "Bastard" und "Teufelsbrut" stigmatisiert wurde.
Die Diakonissen Schwester Ursula Metz und Schwester
Marlies Betlehem, die sich der öffentlichen
Diskussion im Forum stellten, traten erst nach dem fraglichen Zeitraum der
Kommunität bei. "Wenn dies alles tatsächlich wahr wäre, so bitte ich die
Betroffenen um Vergebung", sagte Schwester Ursula, und fügte hinzu:
"Wenn nur ein Drittel der Erinnerungen und Recherchen stimmt, ist es eine
Schande." Sie verurteilte auch die regelmäßige Verabreichung von Valium ohne vorhergehende ärztliche Untersuchung.
"Ich finde es sehr tapfer, dass zwei Schwestern vom Zionsberg
hier sind", kommentierte Gundula Hoffrogge. Matthias
Kochs, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe St. Johannisstift und Initiator der
Veranstaltung, sagte: "Ich bin sehr froh, dass es zu einer Begegnung
gekommen ist." Die Fachtagung war gerade in den Reihen ehemaliger
Heimkinder auf große Beteiligung gestoßen: Entrüstung, aufbrechende Wunden,
Fassungslosigkeit und der Wunsch, sich und seinen Erinnerungen Gehör zu
verschaffen, war auch bei vielen Besuchern - Menschen, die in Paderborn und
anderswo in Heimen gelebt hatten - spürbar.
Wensierski erläuterte: "Für die Beteiligten ist es oft sehr schwierig,
eine gemeinsame Sprache zu finden. Es bedarf noch vieler solcher
Veranstaltungen, noch vieler Bücher und Filme." Auch der katholischen
Kirche empfahl er die Aufnahme eines Dialogs mit ehemaligen Heimkindern - etwa
aus dem Salvatorkolleg im Kreis Paderborn - und eine
öffentliche Thematisierung. Die viele Jahrzehnte
fehlende Auseinandersetzung der Kirchen mit Themen wie diesen trage eine
Mitschuld an deren Glaubwürdigkeits- und Bedeutungsverlust.