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ERZIEHUNG / In einem Buch schildern Heimkinder aus den 50er
und 60er Jahren ihr Leiden von damals |
Die
dunkle Seite der Barmherzigkeit
Zwangsarbeit und drastische Strafen waren weit verbreitet
- Kirchliche Träger sind bereit zur Aufarbeitung
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Laute Musik, kesse Kleidung oder die Lust am Tanz
- manch Jugendlichen brachte das ins Heim. Unter dem Deckmantel
der Barmherzigkeit wurden junge Menschen malträtiert, bis
in die 70er Jahre. Ehemalige Heimkinder brechen jetzt das Schweigen.
Ein Buch erzählt davon.
Die Umerziehung begann mit einer Lüge im Namen des Herrn.
Eine Frau versprach Gisela Nurthen einen Ausflug - und die 15-Jährige
glaubte ihr. Der Abstecher dauerte fünf Jahre lang. Das Trauma
dieser Zeit hat die heute 61-Jährige nicht überwunden.
Denn Gisela landete in einem Haus mit tristen Räumen, schweren
Gittern, Fenstern ohne Griff. Willkommen bei den "Barmherzigen
Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul", einem Heim für
"gefallene Mädchen". Gisela, die Tochter einer
Alleinerziehenden, kam ins Heim, weil sie einem Nachbarjungen
einen Liebesbrief schrieb, zur Schule lieber mit Mopeds fuhr als
zu Fuß zu gehen, weil sie enge Hosen trug und Musik hörte,
bevorzugt Elvis Presley, und das für den Geschmack der Nachbarin
immer zu laut - und letztlich, weil sie ein einziges Mal von der
Polizei aufgegriffen wurde. Richter und Jugendamt fackelten nicht
lange. 24 Stunden nach dem Kontakt mit der Polizei saß Gisela
Nurthen im Heim und sie erfuhr schmerzhaft, was die Ordensfrauen
unter Barmherzigkeit verstanden. "Ihr seid nichts wert, ihr
seid nicht rein, aus euch kann ohne uns nichts werden." Der
Satz prangt wie ein Motto über Gisela Nurthens Leben. Die
Schwestern lassen sie büßen dafür, dass sie nicht
aus "geordneten Familienverhältnissen" kam. Die
15-Jährige musste wie ihre Leidensgenossinnen bügeln,
nähen, waschenund stopfenim Akkord. Sprechen während
der Arbeit war verboten, für einen Elvis-Song gab es einen
Tag "Klabause". Das bedeutete, in einem dunklen Raum
bei Wasser und Brot eingesperrt zu sein. So wie Gisela Nurthen
ging es in der Bundesrepublik bis in die 70er Jahre hinein hundertausenden
Kindern und Jugendlichen. Sie landeten in einem der rund 3000
Erziehungsheime, die sich meist in kirchlicher Trägerschaft
befanden. Gründe für die Einweisung waren schnell zur
Hand. "Arbeitsbummelei" stand in den Papieren von Gerald
Hartford. Andere Leidensgenossen wurde Bettnässen oder Stottern
zum Verhängnis, wieder anderen Aufbegehren gegen die Erwachsenen.
Sicher gab es auch schwer zu bändigende Kinder und Jugendliche,
derer man nur mit Drill Herr zu werden glaubte. Doch es gab auch
andere Motive. Mancher Jugendliche wurde in ein Heim abgeschoben,
weil der Vater im Krieg gefallen und die Witwe überlastet,
weil die Familie zerrüttet oder die Wohnung zu klein war,
oder die Eltern sich im beginnenden Wirtschaftwunder mit Berufstätigkeit
und Erziehung überfordert fühlten. Dem Streben nach
Wohlstand stand mancher Sprössling im Weg. Das wird in verklärenden
Rückblenden auf die 50er und wilden 60er Jahr gern vergessen.
Die Zustände in manchen Heimen waren katastrophal. "Die
um die Jahrhundertwende ausgeklügelte und vom NS-Regime menschenverachtend
fortentwickelte Straf- und Besserungspädagogik" galt
oft noch bis in die 70er Jahre, schreibt Peter Wensierski. In
seinem Buch "Schläge im Namen des Herrn" hat der
Journalist Erinnerungen ehemaliger Heimkinder gesammelt. Das Buch
spiegelt die Perspektive der Opfer. Eine Aufarbeitung der Geschichte
der Erziehungsheime ist es nicht, will es auch nicht sein. Auch
eine Betrachtung der Zeit, in der Schläge und Strenge auch
außerhalb der Heime "anerkannte Erziehungsmethoden"
waren, bleibt außen vor. Diese könnte die Zustände
in Heimen auch nicht rechtfertigen. Krankenhaus als Chance Beispielsweise
die Schinderei auf dem Moorhof der Diakonie Freistatt in Norddeutschland.
Norbert Mehler hat sie erlebt. "Ich schluckte Glassplitter,
um meinen Blinddarm kaputt zu kriegen und so über das Krankenhaus
Diepholz eine bessere Fluchtchance zu bekommen als inmitten des
Sumpfes." Die Arbeit im Torf war in seinen Augen Zwangsarbeit.
Noch 1970 sicherten 300 Jugendliche dem Moorhof diese Einnahmequelle.
Auch andere Einrichtungen bedienten sich der Arbeitskraft der
Zöglinge. Mädchen mussten bügeln, die Mangel bedienen.
Für die 48-Stunden-Woche gab es 2 bis 4 Mark Lohn. Sozialversichert
waren die Jugendlichen nicht. Das ist für die Betroffenen
im Bezug auf ihre Rente heute ein Debakel. Ein reguläres
Arbeitsleben ist für Marion Zagermann kaum mehr zu bewältigen.
Die 48-Jährige leidet noch immer unter ihrer Heimvergangenheit.
Warum sie 1957 in das evangelische Kinderheim Schwerfede gesteckt
wurde, weiß sie nicht. Lag es daran, dass sie unehelich
geboren wurde, oder war sie dem neuen Partner der Mutter im Weg?
Marion Zagermann hat keine Erklärung. Auch nicht dafür,
weshalb sie als Kind Erbrochenes aus ihrem Teller löffeln
musste, in der Badewanne immer wieder in kaltem Wasser untergetaucht
wurde und ihr von klein auf Valium eingeflößt wurde.
Mit 13 ist sie tablettensüchtig. Noch heute schluckt sie
Truxalettensaft, der ihr schon in ihrer Kindheit zur Beruhigung
verabreicht worden war. Wie sie haben viele ihre Kindheitserlebnisse
nie verwunden. Aus Scham, als Heimkind gebrandmarkt zu werden,
schwiegen viele, bis Depressionen und anderes Leid sie zur Konfrontation
mit ihrer Vergangenheit zwangen. Gisela Nurthen brach das Schweigen
- nach 30 Jahren. Wie andere sucht sie nach Spuren ihrer Vergangenheit.
Die Aufklärung ist schwer. Dokumente sind verschwunden, andere
werden von den Heimen beziehungsweise den Nachfolgeeinrichtungen
unter Verschluss gehalten. Und die inzwischen betagten Erzieher
hüllen sich in Schweigen. Bei den kirchlichen Trägern
stoßen die ehemaligen Heimkinder mit ihrem Anliegen inzwischen
jedoch auf Gehör. Caritas und Diakonie haben Hilfe bei der
Aufarbeitung der Heimgeschichte angekündigt. Die Diakonie
will auf einer Fachtagung den Forschungsstand dokumentieren und
Studien in Auftrag geben. Das Expertentreffen wird gerade vorbereitet.
Auch einzelne Heime stellen eigene Untersuchungen an. Der Austausch
mit den früheren Heimkindern sei willkommen, heißt
es bei der Diakonie. Zumindest die ideelle Anerkennung ihres Leids
rückt für die Betroffenen damit näher. Auch der
Frage, wie die Ausfallzeiten bei der Rentenversicherung ausgeglichen
werden können, gehen inzwischen Juristen nach. Eine schnelle
finanzielle Anerkennung ist nicht in Sicht. Zuerst müssen
Heime Licht in ein dunkles Kapitel ihrer Geschichte bringen. ·
Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn, Deutsche Verlags-Anstalt,
München, 240 S., 19,90 Euro. INFO Ehemalige Heimkinder haben
sich zusammengeschlossen im Verein ehemaliger Heimkinder e.V.,
E-Mail-Adresse: Anlaufstelle@vehev.org
ELISABETH ZOLL
HZ-Online Rubrik 'Brennpunkt' -
SWP - 07.04.2006
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