Die Hölle von Glückstadt, so
nannten die Heimkinder ihre geschlossene Anstalt. Ehemals ein Zuchthaus, in der
Nazi-Zeit ein Konzentrations- und Arbeitslager. Bis 1974 sperrte man hier so
genannte schwererziehbare Jugendliche aus ganz Deutschland weg.

Otto Behnck
Otto Behnck
kam als 18-Jähriger nach Glückstadt. Er hatte die Lehre abgebrochen, Zoff mit
den Eltern und war in eine Wohngemeinschaft gezogen. Gründe genug für das
Jugendamt Bad Oldesloe, ihn 1970 ins Heim einzuweisen. Wir sollten hier
umerzogen werden, sagt er heute und fügt hinzu: "Also, ich denke da an
einige Jungs, die gut waren. Und ich glaube, die sind hier kaputt gemacht
worden." Etwa 140 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 21 Jahren wurden in
dem Heim gedrillt und waren der Willkür ihrer Erzieher ausgeliefert.
Zur
gleichen Zeit wie Otto Behnck war auch

Karteikarte von
Zu dieser Menschenverachtung
gehörte auch, dass die Jugendlichen gezwungen wurden, die alte
Häftlingskleidung aus Nazibeständen aufzutragen: mit einem Winkel versehen,
gebrandmarkt wie ein Schwerverbrecher. Obwohl man kaum irgendwas verbrochen
habe, nie vor einem Richter gestanden habe, sei man dort einfach eingepfercht
worden, so Leesemann. Es herrschte ein straffer
Tages-Ablauf: In aller Frühe zum Netze stricken im Akkord, acht Stunden lang.
Der Lohn für 1000 Knoten war eine Zigarette. Was blieb, waren vereiterte und
kaputte Hände. Aber das interessierte
niemanden.

Foto des
ehemaligen Landesfürsorgeheims
Wer nicht spurte, wurde isoliert
in einer Einzelzelle, von den Jugendlichen "Bunker" oder
"Box" genannt. Nur eine Pritsche und ein Eimer für die Notdurft, mehr
gab es nicht. Tagelang, wochenlang. "Ich habe dort Asthma gekriegt, die
Zelle war feucht und es wurde auch verdunkelt", erklärt Leesemann. Obwohl solche drakonische Strafen drohten,
versuchten die Jugendlichen immer wieder zu fliehen, aber vergeblich, denn ein
Entkommen gab es nicht.
"Hansi Baier ist in diese Anstalt
gekommen, weil er Schulschwänzer war. Er hat keine Lust gehabt, in die Schule
zu gehen, und da hat man ihn in dieses 'Kinder-KZ'
gesteckt", so der Zeitzeuge. "Den Bengel haben die auf dem Gewissen.
Der hat sich im Bunker unten erhängt. Er hat das nicht mehr ausgehalten und hat
sich das Leben genommen." Auch andere Jugendliche brachten sich dort um.
Ein Landtagsausschuss stellte schon im August 1969 fest: "Es müsse
bezweifelt werden, ob die in Glückstadt praktizierte Erziehung überhaupt noch
verantwortet werden kann." Aber erst fünf Jahre später wurde das Heim
geschlossen, die damals Verantwortlichen sind bis heute nicht zur Rechenschaft
gezogen worden.

Gitta Trauernicht
Jetzt, fast 40 Jahre später, soll
diese dunkle Seite deutscher Heimerziehung endlich aufgearbeitet werden. Gitta Trauernicht, Sozial- und Jugendministerin in
Schleswig-Holstein, macht Hoffnung: "Wie ist es mit der psychischen Verfassung,
wie ist es mit der Möglichkeit aufarbeiten zu können, wie ist es mit dem
berechtigten Interesse nach Entschuldigung und nach Transparenz dessen, was da
damals geschehen ist? Da kann auch ich, als Landesministerin, einiges
machen."
Es waren Kinder und Jugendliche, deren Leben hier in Glückstadt, in der Obhut des Staates, nachhaltig zerstört wurde. Das hat unglaubliche Folgewirkungen für die Entwicklung gehabt, das hat Schädigungen an der Entwicklung dieser Menschen verursacht, für die wir uns heute schämen müssen. An der Stelle des Heims steht heute eine neu errichtete Wohnanlage. Es gibt eine Gedenktafel, jedoch nur für die Opfer der Nazi-Zeit. An das Leid der Jugendlichen erinnert nur ein Blumengebinde.