Reportage

Man wollte ihr
Bestes, dafür mussten sie arbeiten, gehorchen und oft wurden sie geschlagen. Etwa
eine halbe Millionen Heimkinder kamen in den 50er- und 60er-Jahren in solche
Einrichtungen. Viele von ihnen leiden noch heute unter den Spätfolgen. Daher
wollen sie Entschädigung - finanzieller, vor allem aber moralischer Art. Der
Petitionsausschuss des Bundestages befasst sich zurzeit mit dem Thema.
An den Februar-Tag
im Jahr 1965 kann sich Eleonore Fleth noch genau erinnern: Die damals
15-Jährige war mit ihrer Mutter und den beiden jüngeren Schwestern beim
Frühstück. Plötzlich stand das Jugendamt vor der Tür und holte die drei Kinder
ab. Warum, wusste sie nicht. Eleonore und ihre Schwestern landeten im Heim für
schwer erziehbare Kinder in Ummeln bei Bielefeld - eingesperrt in Einzelzellen:
"Es war ein ganz langer Flur und es waren so ganz schmale Türen - alle so
nebeneinander. Und ich musste in die erste Tür, die wurde sofort hinter mir
geschlossen. Und dann stand ich im Zimmer - meine Schwester ist also noch
weiter gebracht worden - und da habe ich erst mit Erschrecken festgestellt, wo
ich eigentlich bin, dass ich gar nicht wieder 'raus konnte, weil die Tür gar
keine Klinke hatte. Da habe ich nur noch geschrieen. Ich kann das gar nicht
beschreiben."
Erinnern kann sie
sich nur in Ausschnitten, da sie starke Beruhigungsmittel bekam. Nach einigen
Monaten zeigte man ihr ein Schreiben, in dem stand, warum sie da war. Ein
Nachbar hatte ihre Familie beim Jugendamt gemeldet - Eleonores Eltern lebten
getrennt. Das Jugendamt fürchtete, dass die Kinder verwahrlosen könnten:
"Das ist für mich das Schlimmste, dass da jemand vor mir sitzt, mir das
vorlegt und sagt: 'Unterschreiben Sie das!' (...) Ich als Minderjährige hatte
keine Chance, irgendetwas zu verändern, etwas dagegen zu unternehmen. Ich war
eingesperrt, ich hatte kein Telefon, ich konnte nicht schreiben,
beziehungsweise war Schreiben sowieso nur zu den Eltern erlaubt. Somit war ich
hilflos."
Was in den
nächsten Jahren folgte, war für sie der reinste Horror: Arbeit in der
Großküche, beten, schlafen. Ihre unbeschwerte Jugend war vorbei. 40 Jahre
später bekam sie ihre Akte, in der die Heimschwestern alles über sie fein
säuberlich notierten. Ganz lesen kann sie sie bis heute nicht - das berührt sie
zu sehr. Aber sie fand darin eine Postkarte ihres Vaters: "Das hat mich
sehr berührt, weil ich nicht viele Andenken von meinem Vater habe. Aber ich
bedaure, dass ich das damals nicht gekriegt habe. Das ist ja immer auch ein
Zeichen, dass einen die Eltern nicht vergessen haben. (...) Mein Vater hat
geschrieben, ich soll mich mal melden. Ich weiß nicht mehr, ob ich nicht
schreiben durfte, oder ob ich geschrieben habe und meine Post nicht
'rausgegangen ist. Das kann ich heute nicht mehr nachvollziehen".
In den meisten
Heimen wurde die Post kontrolliert. Auch bei Wolfgang Rosenkötter. Das Heim
Freistatt in Niedersachsen war 1962 schon seine dritte Station. Er war immer
fortgelaufen - zu seinem Vater nach Hause. Aber das Jugendamt empfahl die
freiwillige Erziehungshilfe. In Freistatt bedeutete das Torfstechen im Moor,
sieben Tage die Woche. Erziehung und Züchtigung waren an der Tagesordnung:
"Ich habe vom ersten bis zum letzten Tag nur Angst gehabt und nie
irgendwie ein Gefühl, dass man mal aufatmen konnte und sagen konnte: 'So, jetzt
kannst du dich mal ein bisschen zurücknehmen' oder sagen konnte, 'jetzt fühlst
du dich wohl' und so etwas. Das gab es überhaupt nicht. Man war eingeschlossen
in dem Haus. Das Haus war ja ein festes, geschlossenes Haus mit Gittern vor den
Fenstern. Man kam ja nicht raus."
Angst zu
vermitteln und Macht auszuüben war ein wichtiger Bestandteil der Erziehung. Dieter
Grünenbaum war damals in Freistatt Diakon-Schüler, gerade 24. Er wurde von
einem älteren Erzieher angewiesen, wie er die Jugendlichen behandeln sollte:
"Ich werde nie vergessen, dass er mir nach einer Woche sagte: 'Wenn Sie
hier Autorität erreichen wollen, dann müssen Sie genau hingucken, welcher
Jugendliche am stärksten ist, wer von den anderen am meisten geachtet wird und
den müssen Sie sich bei nächster Gelegenheit schnappen und verprügeln. Dann
haben Sie hier Autorität'."
Ein Erlebnis wird
Grünenbaum nie vergessen. Er hatte mitbekommen, dass zwei Jungen weglaufen
wollten und meldete das pflichtbewusst. Die Strafe des Heimvaters folgte sofort
und Dieter Grünenbaum musste sie mit ansehen: "Er hatte einen Krückstock
und diesen dem Jugendlichen so um den Hals gehalten, dass der mit dem Kopf
nicht wegkam und dann hat er ihm immer rechts und links ins Gesicht geschlagen,
bis der gesagt hat: 'Ja, wir wollten abhauen!' Ich weiß, dass ich mir damals
geschworen habe, nie wieder einen Jugendlichen zu verraten. Es war so
schrecklich für mich, das mit ansehen zu müssen." Immer mehr wurde dem
Diakonschüler klar, dass das alles nichts mit Pädagogik hatte. Aber erst später
lehnte er sich dagegen auf.
Wolfgang
Rosenkötter hatte es geschafft aus Freistatt zu fliehen, trotz sperriger
Holzschuhe, die er tragen musste: "Ich bin auch weggekommen, was ganz
selten war dort. Ich habe mich durchgeschlagen, durch das Moor nach Minden und
von Minden nach Bielefeld und habe dort geschildert, was in diesem Heim abging.
Es hat mir kein Mensch geglaubt. Die haben gesagt, das kann gar nicht sein, das
ist ein christliches, evangelisches Heim, da passiert so was nicht, da musst du
durch." Drei Tage Arrest in einer dunklen Zelle, bei Brot und Wasser, das
war die Strafe. Eine Strafe, über die Wolfgang Rosenkötter noch heute entsetzt
ist.
Auch Eleonore
Fleth glaubt, dass ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn man sie nicht ins Heim
gesteckt hätte: "Deren Interesse hat darin gelegen, uns zu manipulieren. Uns
als Arbeitstiere zu manipulieren, auch für die Zukunft. Arbeiten und Beten
heißt das Leben. Also nicht, um aus uns eigenständige Menschen zu machen, die
im Leben bestehen, sondern ganz anders. Deren erklärtes Ziel war ein anderes.
Davon bin ich heute eigentlich mehr als überzeugt."
Rosenkötter meint,
er habe "gelernt, die Zähne zusammenzubeißen und sich anzueignen, bei
bestimmten Dingen nicht zu reagieren. Das heißt also, wenn man bestimmte
Strafen bekam, die hinzunehmen und einfach zu sagen: 'OK, du kannst nichts
ändern, du musst durchhalten'. Das ist das einzige, was man gelernt hat, sonst
gab es nichts zu Lernen."
Stand: 21.09.2007