„Schlimmste Zeit meines Lebens"

Ehemaliges Heimkind wirft dem Wittekindshof Misshandlungen in der Nachkriegszeit vor

VON WIEBKE JOHANNING

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Spärliche Aufzeichnungen (FOTO WIEBKE JOHANNING)

+Spärliche Aufzeichnungen (FOTO WIEBKE JOHANNING)

Bad Oeynhausen. Klaus Linnenbrügger ist ein freundlicher älterer Herr. Wenn er erzählt, lächelt er seinem Gegenüber zu. Dabei ist die Geschichte, die er erzählt, alles andere als fröhlich: "Von meinem vierten bis zu meinem 22. Lebensjahr habe ich im Wittekindshof in Bad Oeynhausen gelebt. In dieser Zeit bin ich dort geschlagen, getreten und psychisch fertig gemacht worden. Ich war keine zwei Stunden im Wittekindshof, da wurde ich von einem Diakon vergewaltigt. Dies geschah, bis ich 13 Jahre alt war."

Das alles ist mehr als 40 Jahre her. Doch für Klaus Linnenbrügger immer noch gegenwärtig. Seit 35 Jahren ist der 62-Jährige in Therapie, um mit den Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Wittekindshof, zurecht zu kommen.




Klaus Linnenbrügger, 1943 als uneheliches Kind in Bielefeld geboren, wurde von seiner Mutter als Kleinkind ins Heim gegeben. Von dort wird er 1948 in den Wittekindshof geschickt, weil er, laut Krankenakte, "keine Intelligenzzeichen" zeigt und "störrisch" und "lebhaft" ist. Die Psychiater im Wittekindshof stellen die Diagnose "Schwachsinn". Er wird im Haus Morgenstern aufgenommen und besucht, bis er 16 ist, die Anstaltsschule. Danach arbeitet er in der Malerwerkstatt. 1966, mit 22, gelingt es ihm mit Hilfe eines befreundeten Sozialpädagogen, aus der Einrichtung entlassen zu werden. Er zieht ins Ruhrgebiet und nimmt sein Leben selbst in die Hand. Er holt seine Maler-Ausbildung nach, arbeitet als Grafiker, und gründet eine Familie.

"Dreimal täglich Psychopharmaka"


Seine dünne Krankenakte aus der Zeit im Wittekindshof verzeichnet bis auf Kinderkrankheiten keine besonderen Vorkommnisse. An all das, was nicht in der Akte steht, erinnert sich Klaus Linnenbrügger umso besser: "In unserer Gruppe teilten die Brüder dreimal täglich Psychopharmaka aus. Oft sah ich Kinder danach zusammenklappen. Entweder wurden sie dann ins Bett verfrachtet oder einfach auf dem Boden liegen gelassen."

Auch die Bestrafungsmethoden im Wittekindshof haben sich Klaus Linnenbrügger eingebrannt: "Wer im Unterricht etwas nicht konnte, wurde geschlagen oder ins Kreuz getreten. Wer nicht essen wollte, wurde mit dem Gesicht ins Essen gestoßen. Wer die Nachtruhe störte, musste in Unterwäsche oder nackt im Flur stehen - so lange, bis er nicht mehr konnte und umkippte."

Nicht nur er, auch andere Kinder seien damals sexuell missbraucht worden, erzählt Klaus Linnenbrügger: "Nachts, wenn es dunkel war, kamen die Erwachsenen in unseren Schlafraum. Wir wussten es alle, aber wir haben nicht darüber gesprochen, weil wir uns geschämt haben." Sexueller Missbrauch, Schläge, Misshandlungen - die Erlebnisse von denen Klaus Linnenbrügger berichtet, waren in vielen Jugendheimen der BRD in den 50er und 60er Jahren bittere Realität.

Der Spiegel-Reporter Peter Wensierski hat die Geschichten ehemaliger Heimkinder in seinem Buch "Schläge im Namen des Herrn" aufgeschrieben und die unseligen Erziehungsmethoden der damaligen Zeit recherchiert. Träger der meisten Kinder- und Jugendheime waren die katholische oder die evangelische Kirche.

 

Das Haus Morgenstern heute (FOTO PETER STEINERT)

+Das Haus Morgenstern heute (FOTO PETER STEINERT)

Angestoßen durch Wensierskis Buch hat sich Klaus Linnenbrügger nun mit seiner Geschichte an die Neue Westfälische gewandt. "Mir geht es nicht darum, den Wittekindshof zu verklagen. Mir geht es um meine Rente." Sechs Jahre lang hat Linnenbrügger neun Stunden täglich als Maler in der Werkstatt des Wittekindshofes gearbeitet. Für ein Taschengeld. Rentenbeiträge wurden für die "arbeitstherapeutische Beschäftigung" nicht bezahlt.

Die Jahre fehlen Klaus Linnenbrügger nun auf seinem Rentenkonto. Um sie geltend machen zu können, bräuchte er eine Bescheinigung des Wittekindshofes, dass es sich damals um ein versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis gehandelt hat. Bereits Mitte der 90er hatte Linnenbrügger sich in dieser Sache an den Wittekindshof gewandt - ohne Erfolg. Die Einrichtung beließ es bei der Auskunft, man könne nichts für ihn tun.

"Die Leute sollen wissen, was passiert ist"


Neben der Rente treibt Klaus Linnenbrügger ein weiterer Grund an: "Die Leute sollen wissen, was damals im Wittekindshof passiert ist. Und die Einrichtung soll sich damit auseinander setzen."

Schon vor mehr als einem Jahr hatte ein Mitarbeiter des Ruhrlandmuseums in Essen, der die Geschichte Linnenbrüggers für das Archiv gesammelt hat, den Vorstandssprecher des Wittekindshofes Pastor Horst Ritter um eine Stellungnahme gebeten. Der antwortete: "Die Schilderungen von Herrn Klaus Linnenbrügger können nur seiner Fantasie entspringen." Mit der Wirklichkeit hätten sie nichts zu tun.

Mittlerweile reagiert Pastor Ritter sensibler. Zwar gebe es "keine Belege für die Vorwürfe". Aber nachdem kürzlich die evangelische Kirchenführung Missstände in evangelischen Heimen eingestanden und Aufklärung versprochen hat, soll nun ein Historiker die Lebensumstände im Wittekindshof der Nachkriegszeit untersuchen. Außerdem hat Pfarrer Ritter Klaus Linnenbrügger zu einem Gespräch eingeladen, bei der auch die Rentenfrage erörtert werden soll.

Klaus Linnenbrügger freut sich, dass die Einrichtung endlich reagiert. Auch zu einem Gespräch ist er bereit. Allerdings nicht im Wittekindshof. "Dort habe ich die schlimmste Zeit meines Lebens verbracht. Auf das Gelände setze ich keinen Fuß mehr."

Heimkinder in der Nachkriegszeit


Ihr Schicksal war lange Zeit kaum bekannt: Mehr als eine halbe Millionen Kinder wuchsen in den 50er und 60er Jahren in kirchlichen und staatlichen Heimen Westdeutschlands auf.

Viele von ihnen wurden dort seelisch und körperlich schwer mißhandelt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Zu diesem Ergebnis kommt der Spiegel-Redakteur Peter Wensierski, der für sein Buch "Schläge im Namen des Herrn" mit ehemaliger Heimkindern gesprochen und Archive durchforstet hat.

Nach einem beträchtlichen Medienecho haben auch die Kirchen, die viele der damaligen Heime betrieben haben, zu den Vorwürfen geäußert.

Die evangelische Kirche Deutschlands, Diakonie und Caritas haben sich für das geschehene Unrecht entschuldigt, und zugesichert, diesen Teil ihrer Geschichte aufarbeiten zu wollen.

Lebensgeschichte ernst nehmen


Angestoßen durch die Recherche der Neuen Westfälischen hat sich der Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, Pfarrer Horst Ritter, wie folgt zu den Vorwürfen geäußert. "Die von Klaus Linnenbrügger aus Essen vorgelegte Darstellung über sein Leben in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in den Jahren 1948 bis 1966 ist erschreckend. Das, was Klaus Linnenbrügger beschreibt, stellt in verschiedenen Facetten eindeutig eine Verletzung der Menschenwürde dar und ist unvereinbar mit dem christlichen Menschenbild. Trotzdem: Es gibt keine Belege für die Vorwürfe [. . .] Nach allem was wir heute wissen, hätten inbesondere Vergewaltigung und Schläge auch damals eine Kündigung nach sich gezogen, wenn sie bekannt geworden wären. Die Diakonische Stiftung Wittekindshof hat einen Historiker beauftragt, eine Untersuchung zu den Lebensumständen in der Nachkriegszeit zu erarbeiten. In der Arbeit sollen die Erinnerungen von Klaus Linnenbrügger ebenso einfließen, wie die Erinnerungen anderer Frauen und Männer, die damals in Wittekindshofer Häusern gelebt und gearbeitet haben. Ich habe Herrn Klaus Linnenbrügger in die Diakonische Stiftung Wittekindshof eingeladen, um in einem persönlichem Gespräch offene Fragen zu besprechen. Die Gesprächsbereitschaft soll dazu beitragen, die Lebensgeschichte von Herrn Klaus Linnenbrügger in ihrer Ganzheit ernst zu nehmen.
[. . .]"