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"Wir waren ja keine Menschen mehr" |
Presseauszug:
Rhein Main Presse
vom 14.Oktober 2004
Idsteiner Zeitung Seite 9
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Orginalauszug vom 14.Oktober 2004
"Wir waren ja keine Menschen mehr"
Ehemalige Heimkinder gründen einen Verein,
um Opfern von Misshandlung zu helfen
Idstein Um Menschen, die in Erziehungsanstalten misshandelt wurden,
zu helfen, ist gestern der "Verein ehemaliger Heimkinder"
gegründet worden. Gleichzeitig sprachen rund ein halbes Dutzend
Betroffene im Kalmenhof mit der heutigen Heimleitung über
ihre Erlebnisse.
Von unserem Redaktionsmitglied Kathrin Klöpfer
Wenn er an seine Zeit im Kalmenhof zurückdenkt, stößt
Werner Meyer* die Worte hektisch aus. Die Arme gestikulieren wild,
seine Stimme wird lauter. Denn über die Ereignisse, die er
zwischen 1963 und 1968 in der Idsteiner Einrichtung erlebt hat,
lässt sich kaum mit normaler Stimme sprechen.
Mayer erzählt von Vergewaltigung, zu denen er als Zuschauer
geholt wurde. " Die Erzieher sagten: Schau dir das an.Wenn
du Unsinn machst, geht es dir genauso." (Es gab zu der Zeit
keine Ausgebildeten Erzieher, sondern nur Angestellte, die zum
teil aus der Waffen-SS. kamen) Und er erzählt von den Schreien,
die aus dem Mädchenhaus kamen, wenn Bewohnerinnen auf einen
Sockel gestellt wurden, eine Schlinge um den Kopf gebunden. "Ich
bin rübergegangen und habe die Mädchen abgehangen",
sagt der Mann. Zur Strafe bin ich auf ein Bett gefesselt und mit
einem Gummischlauch geschlagen worden."
Während Meyer die alten Bilder wieder vor sich erscheinen
lässt, wandern seine Augen nervös durch den Raum. Als
müsse er sich vergewissern, dass nirgendwo ein Aufpasser
steht, der ihn für seine Aussagen bestraft. Leicht fällt
es ihm nicht, wieder das Gelände zu betreten, auf dem er
früher wie ein "Häftling im Knast" lebte.
Meyer ist das erste Mal seit 1968 im Kalmenhof.
Schicksale aufarbeiten
Die Biografiearbeit ist eines der Ziele des Vereins ehemaliger
Heimkinder. Denn verarbeitet haben viele die Zeit in der Anstalt
nicht. "Ich hab versucht, mein Leben auf die Füße
zu stellen, aber es klappt einfach nicht", sagt Meyer und
Verzweifelung schwingt in seiner Stimme mit.
Sein Leben wieder auf die Füße gestellt hat Heinz Peter
Junge. Aber gelungen ist es ihm erst nach Jahren. "Wir waren
ja keine Menschen mehr, als wir aus dem Heim kamen", erklärt
er. "Hätte uns ein Erzieher gesagt, schlage dir mit
der Axt auf den Kopf - wir hätten es getan".
Klaus Lehning kennt die Zustände, die in den Jahrzehnten
nach dem Krieg in den Heimen geherrscht haben. Der Pädagoge
vom hessischen Landeswohlfahrtsverband weiß, dass früher
in den Gebäuden des Kalmenhofs bis zu 1200 Kinder untergebracht
waren, in denen heute 200 leben. Dennoch ist auch er von den Berichten
der ehemaligen Bewohner geschockt. "Was ich heute gehört
habe, hat mich emotional erschüttert. Von vielen Details
wusste´ich nichts."
Die vielen Grausamkeiten machen es den Bewohnern schwer, ein normales
Leben zu Führen. "In uns steckt eine Bombe, die immer
wieder explodieren kann", erklärt Junge. "Wenn
ich zum Beispiel eine Ungerechtigkeit erlebe, kann ich zum Tier
werden."
Dennoch geht es dem Verein nicht nur darum, traumatisierten Opfern
Halt zu bieten, er setzt auch auf Versöhnung, wie Junge betont.
"Wir wollen, dass der Kalmenhof von dem Makel der Verwahrungsanstalt
befreit wird und wieder einen anständigen Namen hat."
*Name von der Redaktion geändert.
Meldund von (dba)
Der LWV der in Hessen Träger etlicher Kinderheime ist. Pressesprecher
Jörg Daniel sagte folgendes in Kassel, "Es wurde erzieherisch
gearbeitet, wie es heute nicht mehr vorstellbar ist." Vereinzelt
auch mit Gewalt. "Es herrschte autoritäre Nachkriegsstimmung."
Über die Bestimmungen speziell in Idstein habe der LWV später
eine große Untersuchung anstellen lassen. (Dazu sind ehemalige
Insassen nie gehört worden.) Die strenge Heimerziehung wurde
Ende der 60er Jahre zur Zielscheibe der Studentenbewegung, die
mit der so genannten Heimkampagne Umdenken und Verbesserung der
Zustände in Gang setzte.
Aktionen linker Gruppen, die zur außerparlamentarischen
Opposition zählten, gab es in vielen Heimen in zahlrechen
Bundesländern. "Durch die großen Gruppen abseits
der großen Städte entstanden... problematische Bedingungen",
sagt der Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für
erzieherische Hilfen, Krause. "Nach den Sechzigern hat sich
eine ganze Menge verbessert." Die Ausbildung der Erzieher
habe sich geändert, viele Großeinrichtungen seien aufgelöst
und die Kontrolle der Heime durch die Jugendämter verbessert
worden.
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