Bürokratie und menschliches Unverständnis des Jugendamts

Wohnung statt Therapie

VON UTA BÖKER, 13.07.06, 07:13h

Frechen - Die Regale in dem Zimmer sind leer. Das Kind ist weg. „Ich kann das nicht verstehen“, sagt Karin F. (alle Namen geändert). Ihre Pflegetochter Marion ist ausgezogen, in eine eigene Wohnung. „Dabei ist sie doch erst 16 Jahre alt und kann noch gar nicht für sich selbst sorgen“, sagt Karin F. Dem Jugendamt in Frechen wirft sie vor, das junge Mädchen in sein Unglück rennen zu lassen. Sie selbst fühlt sich vom Jugendamt „mit Füßen getreten“. „Die Entscheidung, dass Marion weggeht, hat mir von der Stadt bisher keiner persönlich mitgeteilt.“ Die Nachricht erfuhr sie vor ein paar Tagen von Marion. Das Zimmer ist schon leergeräumt.

Ins Koma gefallen

Im Jahr 1999 zog die damals Neunjährige bei Karin F. und ihrer Familie ein. Über das bisherige Leben des Mädchens wusste die Frechenerin damals nur Bruchstücke. Denn Karin F. arbeitete als Sprechstundenhilfe bei dem Hausarzt von Marions Mutter. So bekam die 40-Jährige mit, dass die Mutter von Marion nach einem alkoholischen Exzess ins Koma gefallen war. Karin F. erklärte sich spontan bereit, das neunjährige Mädchen mit zu sich nach Hause zu nehmen. „Es wusste damals keiner, wohin jetzt mit Marion“, erinnert sich Karin F.

Ein paar Tage später starb die Mutter, und Marion blieb bei Karin F.: „Mir tat das Kind leid. Seine erwachsenen Geschwister wollten es nicht haben. Marion hätte in ein Heim gemusst.“ Ihr Ehemann und die damals 13-jährige Tochter stellten sich ebenfalls der Aufgabe, ein Kind aus belasteten Verhältnissen aufzunehmen. Das Jugendamt war damals froh, so unmittelbar für Marion ein neues Zuhause gefunden zu haben, bestätigt Dr. Markus Wüst, Leiter des Frechener Jugendamtes. Sieben Jahre später verabschiedet sich Marion wieder aus dem Leben der Familie F., die verständnislos zurückbleibt.

„Ich bin enttäuscht darüber, wie die Leute vom Jugendamt mit mir umgehen“, sagt die Pflegemutter. Sie kann nicht fassen, dass niemand ihre Bedenken ernst nimmt, Marion ohne Therapie alleine wohne zu lassen. Doch die Entscheidung des Jugendamtes steht fest: Die HiIfeplankonferenz - bestehend aus der zuständigen Sachbearbeiterin und der Leiterin des Sozialen Dienstes der Stadt sowie einem Mitarbeiter der Sozialpädagogischen Familienhilfe - habe bestimmt, dass Marion auszieht und in einer eigenen Wohnung betreut wird. Eine Fachklinik habe zuvor bescheinigt, dass die Jugendliche keine Therapie benötige, sagt Dr. Markus Wüst, Leiter des Jugendamtes.

Ganz anders die Einschätzung des Hausarztes: „Marion zeigt sich zunehmend auffällig, im Sinne von Stehlen, Lügen, Schuleschwänzen, Selbstverstümmelung (Ritzen) und aggressivem Verhalten.“ Er empfiehlt „schnellstmöglich“ eine stationäre Therapie in einer Klinik. Auch eine Psychologin, die Marion ambulant behandelte, hält in einem Attest „eine stationäre Psychotherapie für sinnvoll. Weil dies auch der Pflegemutter sinnvoll erscheint, wandte sie sich Ende letzten Jahres Hilfe suchend an das Jugendamt: „Doch man hörte mir gar nicht zu.“ Das Jugendamt habe den Standpunkt vertreten, man könne das Mädchen nicht aufhalten.

Vor einem Jahr, als die Pflegetochter in die Pubertät kam, häuften sich bei Familie F. die Unstimmigkeiten. „Marion entzieht sich jeglicher Konsequenz, kommt zu spät oder gar nicht nach Hause, schwänzt die Schule, um bei ihrem Freund zu sein, und stiehlt Geld“, erzählt die Pflegemutter. Einmal hat sie sich mit einem Messer die Arme blutig geritzt. Alle Bemühungen, dieses befremdliche Verhalten abzufangen, scheiterten.

Dabei hatte sich Marion in den ersten Jahren so gut entwickelt, schaffte es sogar auf die Realschule. Obwohl Marion als Kind, wie Karin F. „mit Entsetzen“ erfuhr, in der Zeit bei der Mutter „schlimmste Traumata“ erlebt hatte: „Die Mutter kam regelmäßig betrunken nach Hause. Häufig musste sie mitansehen, wie ihre Mutter von fremden Männern verprügelt wurde.“ Karin F. schaffte es, einen der wenigen Plätze für eine stationäre psychologische Therapie zu bekommen. Marion habe nach einem Vorstellungstermin in der Klinik eingewilligt. „Doch als das Jugendamt ihr eine eigene Wohnung in Aussicht stellte, wollte sie davon nichts mehr wissen“, sagt Karin F. Die ältere Schwester stellte daraufhin in ihrer Funktion als Vormund den Antrag auf „betreutes Wohnen“.

Die Ängste der Pflegemutter hält der Leiter des Jugendamtes für unbegründet. Marion sei in der Wohnung nicht auf sich alleine gestellt. Sozialpädagogen würden sie besuchen und so zum Beispiel sicherstellen, dass die Jugendliche in die Schule gehe und die Wohnung nicht verwahrlose. Wie viele Stunden in der Woche die Betreuung umfasse, sei noch nicht festgelegt worden, sagt Wüst. Die Kosten, die durch die Miete für die Wohnung auf die Stadt zukämen, seien im Vergleich zu einem Aufenthalt in einem Heim (bis zu 5000 Euro im Monat) gering. „Bei unserer Entscheidung stand das Wohl des Mädchens im Vordergrund“, betont Wüst.

„Es handelt sich hier um ein psychisch geschädigtes Kind. Ohne eine entsprechende Therapie wird mein Pflegekind kein geregeltes Leben führen können“, glaubt hingegen Karin F. Das Handeln des Jugendamtes komme „einer unterlassenen Hilfeleistung“ gleich: „Mein Vertrauen ist zerstört.“ Karin F. fühlt sich „gedemütigt“ und „benutzt“. Sie will trotzdem weiter kämpfen. Aber sie sieht müde aus.