Der
Mann ohne Gedächtnis
Von Kuno Kruse
Er saß eines Tages auf einer Bank in Hamburg und wusste nicht, wo er
war. Auch nicht, wer er war. Seitdem kämpft sich Jonathan Overfeld mühsam aus
den Tiefen seiner Amnesie. Gefunden hat er eine Kindheit im katholischen
Westfalen - und tiefe Wunden auf seiner vergewaltigten Seele, die nie verheilt
sind.
Er riecht Rasierwasser, streicht sich über das glatte Kinn. Sein Blick gleitet
die Knopfleiste hinunter. Weißes Hemd, blaue Krawatte, Blazer in gedecktem
Blau, dazu Jeans. Der Duft ist ihm zuwider. Warum sitzt er auf der Parkbank? Er
steht auf, geht ein paar Schritte, denkt: "Komisch, ganz fremde
Gegend." Weiße Stühle, ein Café. Er setzt sich. Es ist frisch, aber die
Sonne wärmt. "Was kann ich Ihnen bringen?" - Was soll er der
Kellnerin jetzt antworteten? Er macht eine Kopfbewegung zum Nachbartisch:
"Das da." Sie serviert etwas, das aussieht wie heiße Milch. Aber es
riecht nach Kaffee. "Ein Cappuccino", sagt sie. Er kennt weder das
Wort noch das Getränk, zeigt auf "Das da!" und bekommt ein Stück Kuchen dazu. Aber da ist dieses andere
Verlangen, das nervös macht.
Wieder ist es ein
Geruch. Er zieht herüber. Es ist: "Das da!" Das junge Paar am
Nebentisch raucht. Er bestellt Zigaretten, reißt hastig die Packung auf. Er mag
den Geschmack nicht. Aber es tut gut, den Rauch einzuziehen. Ist er Raucher? Er
zahlt, geht zum Kiosk. "Das da, bitte!" Er zeigt auf eine blaue
Packung mit einem Leuchtturm. "Papier?" "Papier, wozu?"
"Zum Drehen." "Ach ja." Routiniert rollt er eine Dosis
Schwarzer Krauser ins Blättchen.
Später wird Jonathan Overfeld die Stunden, in denen ihm die Erinnerung
abhanden kam, die Phase des "Das-da" nennen. Jene Stunden, in denen
er nicht mehr wusste, was ein Cappuccino ist, aber intuitiv, dass in der blauen
Packung seine Tabakmarke steckte. In denen er über den Parkplatz irrte und sein
Schlüssel mit dem BMW-Emblem in kein Schloss passte. In denen der Mann aus
Berlin wohl wusste, was das Kennzeichen HH bedeutet, sich aber nicht erinnern
konnte, was er hier in Hamburg wollte, wie er hierhergekommen war, ob er
vielleicht hier lebte. An diesem Tag ahnte er nicht, dass es vielleicht gute
Gründe dafür gab, dass er ein ganzes Leben vergessen hatte.
Er war sich
selbst entfallen, wie anderen eine PIN oder ein Schauspielername entfällt.
"Amnesie fühlt sich nicht an", versucht er später zu erklären,
"da ist nichts. Du bist einfach da." Das Gesicht, das ihn auf der
Herrentoilette aus dem Spiegel ansah, erstaunte ihn nicht. "Es war klar,
das war meins." Er schätzte sein Alter auf etwas über 50.
Zuerst kehren die Worte zurück. Da ist "ein Rummelplatz", über
den er an diesem Tag im April 2005 irrt, "eine Kirche", in der er
Konzentration sucht. Er will jemanden anrufen. Aber niemand fällt ihm ein.
"Was", denkt er, "läuft hier eigentlich ab?" Fragen wie
Stiche: Wie heißt du? Wie alt bist du? Welcher Beruf? Eine Frau, Kinder,
Eltern, Freunde? Wieder und wieder durchwühlt er die Taschen. Ein Ausweis, ja,
der könnte ihm auf die Sprünge helfen, diese blödsinnige Blockade lösen. Aber
da ist keiner.
"Suchen Sie
etwas?" Eine junge Frau spricht ihn an, als er vor der Bahnhofsmission auf
die Vermisstenanzeigen starrt. Er erschrickt, sagt: "Ich suche mich
selbst." Später im Krankenhaus sagt er: "Mir muss jemand etwas ins
Glas getan haben." Die Untersuchung ergibt nichts. Keine Drogen im Blut,
(später werden auch keine im Haar gefunden), kein Alkohol, Leberwerte normal,
kein Hirnschlag. Ein Fall für die Psychiatrische.
"Fugue", ausreißen. Der behandelnde Psychiater hat noch einmal in
der Fachliteratur nachgeschaut. Der französische Begriff kommt aus dem 19.
Jahrhundert. Auslöser solcher Fluchten an einen anderen Ort, manchmal über Hunderte
Kilometer und immer ins Vergessen, ist meistens Ausweglosigkeit, Angst.
"Weggelaufen. Aber wovor?" Der Mann aus dem Park hat jetzt wirklich
Angst. "Was kann so lebensbedrohlich gewesen sein?" Dunkle Gedanken
halten ihn nachts wach: Bin ich in ein Verbrechen verwickelt?" Die
Polizisten, die seine Fingerabdrücke abgenommen haben, können ihn beruhigen:
Dann wüssten wir längst, wer Sie sind."
Der Hamburger
Psychiatriearzt nimmt Kontakt auf zu Hans Markowitsch, Professor für physiologische
Psychologie an der Universität Bielefeld und einer der führenden Erforscher
jener Flucht aus einem Leben, das zur Bedrohung wurde. Professor Markowitsch
kann erklären, warum jemand lesen, schreiben, sich scheinbar normal unterhalten
kann, Politiker auf Plakaten erkennt, aber nicht weiß, wer er selbst ist: Das
Gehirn verfügt über verschiedene Langzeit-Gedächtnissysteme.
Da ist das für die Motorik: Fahrradfahren, einmal gelernt, immer gekonnt. Dann
das perzeptuelle Gedächtnis: Ob Sommersonne oder Schnee, jeder erkennt die
Landschaft wieder, ob Golf oder Lamborghini, wir ordnen es als ein Auto ein,
Kaffeeduft signalisiert Frühstück. Das semantische Gedächtnis speichert
kontextloses Weltwissen: Paris ist die Hauptstadt von
Schnittbilder der Positronen-Emissions-Tomografie (PET), einem
nuklear-medizinischen Durchleuchtungsverfahren, bei dem biochemische Vorgänge
abgebildet werden, zeigen, dass bei Jonathan Overfeld der autobiografische Teil
des Gedächtnisses deaktiviert ist.
Das Gehirn löscht nicht. Es packt Erlebnisse in "Schubladen". In
Gefahr oder seelischer Not aber kann die Anlagerung von Stresshormonen die
"Schlösser" verkleben - manchmal für immer. Die Psychologie benutzt
dafür den Begriff der Abspaltung. Traumatische Erlebnisse werden weggeschlossen
- und wehe, sie werden reaktiviert. Hier begegnen sich Freudianer und
Neurologen. Menschen mit einer Amnesie wollen sich unbewusst nicht erinnern,
sagen die Psychoanalytiker. Und sie können es auch nicht, sagen die
Hirnforscher.
Eine Frau in Berlin hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben, Beschreibung und
Alter passen. Der Name des Verschwundenen:
Es ist Sonntagmorgen,
einer dieser leeren Vormittage nach schlaflos leerer Nacht. Sonnenlicht fällt
durch die Fenster des Aufenthaltsraums der Psychiatrischen Station der Berliner
Charité. Jonathan hebt den Klavierdeckel, rückt den Schemel heran, setzt die
Hände auf die Tasten. Das "Ave Maria" aus dem Präludium C-Dur des
1. Teils des "Wohltemperierten Klaviers" von Johann Sebastian Bach,
es ist in den Händen. Er braucht keine Notenblätter. Auch die verkrüppelten
kleinen Finger gehorchen einem inneren Befehl.
Er bemerkt nicht, dass andere Patienten, angelockt, auf den Stühlen hinter
ihm Platz nehmen, auch einige der Schwestern. Als sein Publikum applaudiert, in
diesem Moment, der einer des Glücks hätte sein können, blickt der Pianist in
einen Abgrund. Bilder sind plötzlich da. Eine Halle an der Nordsee, er sieht
sich selbst am Flügel, ein Knabe, noch mit langem, blondem Lockenhaar.
Adventszeit. Erwachsene nehmen ihn nach dem Konzert mit. Ein Mann droht, ihm
den Finger abzuschneiden, wenn er nicht willig ist.
Er erinnert sich
plötzlich an mehr: Wieder zu Hause in einem Dorf bei Rheine in Westfalen,
zerriss er seinem Lehrer die Noten, beim Hochamt hämmerte er mit den Ellenbogen
auf die Orgeltasten. Er weiß es jetzt wieder: Da ist sein Baumhaus draußen im
Wald, es ist Winter. Er nimmt einen dicken Ast, legt die klammen Hände auf das
Holz, schlägt zu. Jetzt weiß er, warum die beiden zertrümmerten Finger sein
Erkennungsmerkmal sind.
Der Name Overfeld steht auf der Klingel der Wohnung in Berlin-Neukölln. Der
Schlüssel, den ihm die Freundin geschickt hat, passt. Im Wohnungsflur Kartons,
durchwühlt. Jonathan fragt: "Wie kann jemand so wohnen?" Ein
schäbiges Sofa mit einer Decke darauf, zwei alte Sessel. Eine leere Packung
Schwarzer Krauser ist die einzige Spur zu ihm selbst. Er kann nicht erklären,
warum er bei seinem ersten Restaurantbesuch nach der Entlassung aus der Charité
gerade Rosé- Wein bestellt: Als ihn ein Fußballspiel im Fernsehen in eine
Eckkneipe zieht, begrüßt ihn die fremde Wirtin wie einen alten Bekannten.
"Hallo Jonathan, wie immer?" Er nickt. Sie bringt ein Glas Rosé.
So vergehen die Tage voller Überraschungen, und es vergehen Monate, ohne
dass ihm ein Gesicht bekannt vorkommt. Die Panik bleibt. Er wechselt den
Stadtteil, der Psychologe Kai Christoph vom Sozialpsychiatrischen Dienst lotst
ihn durch Alleinsein und Krisen. Sein Zuhause? Zuerst lösen sich Marienfiguren
aus dem Nebel des Vergessens, der Gekreuzigte taucht auf, aus den Händen
blutend, Kerzen, ein Altar, eine Orgel. Statt einer elterlichen Wohnstube
erscheint in seiner Vorstellung eine Kapelle. Er sagt: "Aber ich muss doch
eine Mutter gehabt haben, einen Vater. Hat doch jeder."
Erst später
gewahrt er Tante Resi in der Kapelle, der Nebel in seinem Kopf klart auf: ein
aufgeräumtes Ziegelhaus, gleich daneben der Bauernhof ihres Bruders, dazwischen
der kleine Weiher mit der Insel darin. Nur Gänse waren dort, und er,
übergesetzt mit seinem Floß, unter einer Trauerweide. Gertrud, so hieß seine
Lieblingsgans. Als er eines Tages von der Schule kam, wurde sie gerade gerupft.
Die Erinnerung an die Kindheit, sagen Psychologen, kehre zuerst zurück.
Eigentlich erstaunlich, denn in frühen Jahren Verdrängtes legt jener Angst ein
Gleis, die später die Seele des Erwachsenen in die Fugue treibt. "Fast
alle Amnesiepatienten", sagt Gehirnforscher Markowitsch, "hatten
bedeutende negative Erlebnisse in der Kindheit. Die frühen Erfahrungen haben
diese Menschen dünnhäutig gemacht." Auch Bilder von Filax sind jetzt
wieder da. Wie der Schäferhund ihn von der Schule abholt, knurrt, wenn sich die
Dorfjungen auf ihn stürzen wollen. Er fletscht auch bei Tante Resi die Zähne,
wenn sie ihn schlagen will, und beim Bauern, wenn der mit dem Riemen kommt.
Tante Resi ist
heute eine Dame mit schlohweißer Dauerwelle, die im Rollstuhl sitzt und für
Besucher Kuchen backt. Die heute 80-jährige Heilpraktikerin wollte ihrem
Pflegekind "einfach gut sein". Der Jürgen, erinnert sie sich,
erkundete schnell das ganze Dorf: Hauenhorst bei Rheine in Westfalen, mit einem
Dom neben der Schule. Die Praxis des damals ledigen Fräuleins war immer voller
Patienten. Sie hatte Dienstmädchen.
"Als der Junge zu mir kam, hatte er schon keine Tränen mehr", sagt
sie heute. Da war er neun, und Röntgenbilder zeigten bereits elf Knochenbrüche.
Sie war seine fünfte Lebensstation. Von der jungen Mutter nie angenommen,
Säuglingsheim, Pflegefamilien, die ihn zur Feldarbeit statt zur Schule
schickten, ein Kinderheim, wo die Nonne das Kind auspeitschte, nackt und vor allen
anderen, die sich aufstellen mussten. Das alles findet sich in Akten des Heims
und in Berichten anderer wieder.
Note eins in Mathe und Musik, aber schlecht in "Betragen", ungezogen,
faul und rebellisch. Was hatte Tante Resi für Sorgen! Nicht einmal der Rektor,
der gegen so viele Rabauken erbarmungslos die Rute führte, sei dieses Jungen
Herr geworden. Immer Widerworte und mit schmutzigen Schuhen ins Haus! Zur
Strafe in die Speisekammer gesperrt, trinkt er den Saft aus den Einmachgläsern.
Nachts läuten die Kirchenglocken, weil er beim Küster die Uhr verstellt hat. Es
ist ihr, als stecke der Dämon in dem Jungen. Oft weint die junge Frau, immer
wieder nimmt sie den Stock, "zu seinem Besten".
Der Organist gibt dem Jungen Klavierunterricht. Er ist begabt. Und sehr
tierlieb. Er hängt an dem Hund. Und er hängt an Tante Resi. Stumm sitzt er da,
als sie heiratet. Sie hat ihren Mann über eine Anzeige in einem
Kirchenblättchen gefunden. Mit ihm, Onkel Willi, wurden die Gebete
inbrünstiger, ganze Nächte betete die verschworene Gemeinde, die jetzt ins Haus
kam, ins Wohnzimmer, das eine Kapelle wurde.
Tief seufzend
sagt Tante Resi heute: "Wenn mein Mann nur mitgezogen hätte. Ich hätte die
Kinder gern behalten." Dass es bei Tante Resi noch einen
Eine Teufelsaustreibung? Tante Resi dementiert das. Ein Knecht, der Kinder auf
dem Tisch festbindet? Hier fehlt auch dem Knecht heute die Erinnerung.
Die Todessucht der ersten Wochen ist lange überwunden. Er spürt jetzt: "Ich habe etwas Dringendes zu erledigen." Er ist aufgewühlt: "Ich wüsste gern was." Es treibt ihn um. Er ist nervös. Wenn ihn jemand fragt, was er mache, woher er komme, rennt er panisch davon. Er schläft nicht ein, vor dem Morgengrauen ist er wach. Nachts läuft er durch Wälder, weint und schreit in seine Einsamkeit hinein. Auch die Schlaflosigkeit ist Teil der Erkrankung. So als wehrte sich die Seele gegen Träume. Ein Spatz setzt sich auf seinen angebissenen Apfel. Endlich ein Lebewesen, vor dem Jonathan Overfeld keine Angst hat. Der Bielefelder Wissenschaftler Markowitsch kann auch das erklären. Die Farbbilder der Hirnaktivität deuteten darauf hin, dass bei Jonathan Overfeld zwar die Erinnerungen an die Ereignisse blockiert sind, aber nicht die damit verknüpften Gefühle, die er jetzt nicht mehr zuordnen kann. Also: umherirrende Emotionen, Aufregungen, Affekte ohne Anker.
Vier Jahre lebte Jonathan bei Tante Resi. Dann musste er wieder ins Heim.
Er hatte mit einem Mädchen auf dem Sofa gesessen und den Arm um sie gelegt, sie
hatten die Kissen zerdrückt, geraucht, und die Kleineren,
Jonathan hatte
lange keinerlei Erinnerung mehr an diese Verwahranstalt, in der er den Rest
seiner Kindheit absaß: Salvator Kolleg in
Haus und Garten
von Tante Resi: anfangs das einzige Idyll
Worte können Schlüssel sein. Diese Hoffnung hatten Ärzte dem
Amnesiepatienten gemacht. Nun erfüllte sie sich als Grauen. Das große, gelbe
Haus bei Paderborn mit den Werkstätten und einer Kapelle darin. An alles
erinnerte er sich jetzt wieder: Eisentür, Hocker, Pritsche. Die Priester
nannten die Zellen "Besinnungsräume". Abends schloss der Mönch, der
auch Krankenpfleger war, die Zellentür auf. Er brachte Kaba, Kaffee, Kuchen,
auch mal Overstolz. Tröstendes Streicheln, eine Tablette zur Beruhigung, mit
der die Schwindelgefühle und die Willenlosigkeit kamen. "Die Verletzungen
am After wollten gar nicht wieder heilen", sagt der Mann, der den Namen
Lupo in den Raum geworfen hat. Tränen stehen jetzt in seinen Augen. Und auch
Jonathans Augen sind feucht.
Lupo erscheint ihm aus heutiger Sicht eher als "Safer-Sex-Typ".
Er habe ihn ausgezogen und dann sich selbst befriedigt. Am Morgen sei es wie
ein böser Traum gewesen. "Es ist etwas da, aber man kann nicht
beschreiben, was da abgelaufen ist." Zehn Jahre später wurde Pater Clemens
wegen Missbrauchs verurteilt.
Mit Lupo aber gehören auch andere Geistliche zu seiner Vergangenheit. Vor allem
Pater V., der später von den Knaben zu den schweren Jungs ging,
Gefängnispfarrer in einer Großstadt wurde und dafür später das
Bundesverdienstkreuz bekam. Jonathan saß immer wieder lange in der Strafzelle
mit den Glasbausteinen. Morgens etwas Wasser, mittags eine Scheibe Brot.
"Wenn man hungrig ist, und es steht einer vor dir, mit Brot oder Kuchen,
dann denkst du nicht, dass da jetzt eine Droge drin ist." Jonathan sagt:
"V. und E., ein anderer Pater, das waren die brutal perversen Typen."
Die Schmerzen dauerten oft Tage.
Jonathan hat Pater V. jetzt aufgesucht. Der
kleine, rundliche Seelsorger riss ihm die Jacke herunter, weil er fürchtete, er
könnte ein Mikrofon bei sich tragen. Herr Overfeld habe Kontakt zur Presse, war
der Priester gewarnt worden. "Man muss auch vergessen können, das hat er
gesagt", erinnert sich Jonathan.
Im Beobachtungsbogen, der sich im Archiv des Salvator Kollegs befindet und mehr
über die Erzieher als die Zöglinge verrät, wird Jonathans "gutes
Aussehen" vermerkt. Die Arbeitsleistungen des "jungenhaften"
Neuzugangs beim Matratzenflechten seien "nicht befriedigend". Er
"übernimmt zersetzende Reden". Dennoch darf er - ein großes Privileg
- in der Tischlerwerkstatt eine Lehre beginnen.
Als Jonathan
jetzt, gut drei Jahrzehnte später, bei einem Besuch im Salvator Kolleg an
seiner alten Werkbank steht, fällt ihm auch Heinz wieder ein. Er war sein
bester Freund in dieser Zeit. Oft lagen sie gemeinsam im Bett, hielten einander
fest. Beim Herumalbern in der Werkstatt verletzte Heinz ihn mit einer
Gummischleuder am Auge. Der Freund wurde wegen Körperverletzung zu einer
dreiwöchigen Jugendstrafe verurteilt. Er musste sie in den Zellen des Kollegs
absitzen, dort, wo sich die Geistlichen nachts um die Jungen bemühten. Heinz,
glaubt Jonathan, habe sich in dieser Obhut erhängt. Andere Zöglinge erinnern
sich nur an einen Leichensack. Aber eins weiß Jonathan wieder genau: Heinz'
taubstumme Mutter kam damals ins Heim und prügelte in der Werkstatt verzweifelt
auf ihn ein. Sie gab ihm die Schuld.
Jonathan war jetzt auch bei Pater Alfons Minas. Der hatte 1971 die Leitung
des Kollegs übernommen. "Ich habe alle Türen aufgeschlossen." Nun gab
es keine Fabrikarbeit in der Matratzen- und Lampenproduktion mehr. Es gab auch
keine Schläge mehr und keine Vergewaltigungen. "Nach und nach haben
Mitbrüder anderenorts neue Aufgaben übernommen." Pater Alfons glaubt
Jonathan. Alles. Er sagt: "Wenn es überhaupt möglich ist, möchte ich mich
für meine Brüder entschuldigen." Jonathan antwortet: "Wären Sie doch
damals früher gekommen."
Auch drei Jahre
nach dem Auftreten der Amnesie erinnert sich Jonathan nur an wenige Fragmente
aus seinem Erwachsenenleben. Für seine frühere Lebensgefährtin Jutta ist ein
Gefühl da, aber kein Bild. Er hat sie neu kennengelernt. "Das Problem
ist", sagt Jonathan, "dass ich mich selbst nicht kenne." Ärzte
sagen ihm, die Amnesie sei auch Schutz. Professor Markowitsch hat ihm geraten,
sie als Chance zu begreifen und ein neues Leben anzufangen. "Das kann ich
nicht", sagt Jonathan Overfeld, "dazu muss ich erst das alte wiederfinden."
Beim ersten Schritt könnte ihm Pater V. helfen. "Wenn er es wenigstens
bereuen und sein Bundesverdienstkreuz zurückgeben würde", sagt Overfeld,
dann könnte er sich an das machen, was ihn später als Erwachsenen in die Fugue
getrieben hat. Pater Alfons hat angeboten, Pater V. und Jonathan noch einmal an
einen Tisch zu bringen.
Eine Teufelsaustreibung? Tante Resi dementiert das. Ein Knecht, der Kinder auf
dem Tisch festbindet? Hier fehlt auch dem Knecht heute die Erinnerung.
Die Todessucht der ersten Wochen ist lange überwunden. Er spürt jetzt: "Ich habe etwas Dringendes zu erledigen." Er ist aufgewühlt: "Ich wüsste gern was." Es treibt ihn um. Er ist nervös. Wenn ihn jemand fragt, was er mache, woher er komme, rennt er panisch davon. Er schläft nicht ein, vor dem Morgengrauen ist er wach. Nachts läuft er durch Wälder, weint und schreit in seine Einsamkeit hinein. Auch die Schlaflosigkeit ist Teil der Erkrankung. So als wehrte sich die Seele gegen Träume. Ein Spatz setzt sich auf seinen angebissenen Apfel. Endlich ein Lebewesen, vor dem Jonathan Overfeld keine Angst hat. Der Bielefelder Wissenschaftler Markowitsch kann auch das erklären. Die Farbbilder der Hirnaktivität deuteten darauf hin, dass bei Jonathan Overfeld zwar die Erinnerungen an die Ereignisse blockiert sind, aber nicht die damit verknüpften Gefühle, die er jetzt nicht mehr zuordnen kann. Also: umherirrende Emotionen, Aufregungen, Affekte ohne Anker.
Vier Jahre lebte Jonathan bei Tante Resi. Dann musste er wieder ins Heim.
Er hatte mit einem Mädchen auf dem Sofa gesessen und den Arm um sie gelegt, sie
hatten die Kissen zerdrückt, geraucht, und die Kleineren,
Jonathan hatte
lange keinerlei Erinnerung mehr an diese Verwahranstalt, in der er den Rest
seiner Kindheit absaß: Salvator Kolleg in
Haus und Garten
von Tante Resi: anfangs das einzige Idyll
Worte können Schlüssel sein. Diese Hoffnung hatten Ärzte dem
Amnesiepatienten gemacht. Nun erfüllte sie sich als Grauen. Das große, gelbe
Haus bei Paderborn mit den Werkstätten und einer Kapelle darin. An alles
erinnerte er sich jetzt wieder: Eisentür, Hocker, Pritsche. Die Priester
nannten die Zellen "Besinnungsräume". Abends schloss der Mönch, der
auch Krankenpfleger war, die Zellentür auf. Er brachte Kaba, Kaffee, Kuchen,
auch mal Overstolz. Tröstendes Streicheln, eine Tablette zur Beruhigung, mit
der die Schwindelgefühle und die Willenlosigkeit kamen. "Die Verletzungen
am After wollten gar nicht wieder heilen", sagt der Mann, der den Namen
Lupo in den Raum geworfen hat. Tränen stehen jetzt in seinen Augen. Und auch
Jonathans Augen sind feucht.
Lupo erscheint ihm aus heutiger Sicht eher als "Safer-Sex-Typ".
Er habe ihn ausgezogen und dann sich selbst befriedigt. Am Morgen sei es wie
ein böser Traum gewesen. "Es ist etwas da, aber man kann nicht
beschreiben, was da abgelaufen ist." Zehn Jahre später wurde Pater Clemens
wegen Missbrauchs verurteilt.
Mit Lupo aber gehören auch andere Geistliche zu seiner Vergangenheit. Vor allem
Pater V., der später von den Knaben zu den schweren Jungs ging,
Gefängnispfarrer in einer Großstadt wurde und dafür später das
Bundesverdienstkreuz bekam. Jonathan saß immer wieder lange in der Strafzelle
mit den Glasbausteinen. Morgens etwas Wasser, mittags eine Scheibe Brot.
"Wenn man hungrig ist, und es steht einer vor dir, mit Brot oder Kuchen,
dann denkst du nicht, dass da jetzt eine Droge drin ist." Jonathan sagt:
"V. und E., ein anderer Pater, das waren die brutal perversen Typen."
Die Schmerzen dauerten oft Tage.
Jonathan hat Pater V. jetzt aufgesucht. Der
kleine, rundliche Seelsorger riss ihm die Jacke herunter, weil er fürchtete, er
könnte ein Mikrofon bei sich tragen. Herr Overfeld habe Kontakt zur Presse, war
der Priester gewarnt worden. "Man muss auch vergessen können, das hat er
gesagt", erinnert sich Jonathan.
Im Beobachtungsbogen, der sich im Archiv des Salvator Kollegs befindet und mehr
über die Erzieher als die Zöglinge verrät, wird Jonathans "gutes
Aussehen" vermerkt. Die Arbeitsleistungen des "jungenhaften"
Neuzugangs beim Matratzenflechten seien "nicht befriedigend". Er
"übernimmt zersetzende Reden". Dennoch darf er - ein großes Privileg
- in der Tischlerwerkstatt eine Lehre beginnen.
Als Jonathan
jetzt, gut drei Jahrzehnte später, bei einem Besuch im Salvator Kolleg an
seiner alten Werkbank steht, fällt ihm auch Heinz wieder ein. Er war sein
bester Freund in dieser Zeit. Oft lagen sie gemeinsam im Bett, hielten einander
fest. Beim Herumalbern in der Werkstatt verletzte Heinz ihn mit einer
Gummischleuder am Auge. Der Freund wurde wegen Körperverletzung zu einer
dreiwöchigen Jugendstrafe verurteilt. Er musste sie in den Zellen des Kollegs
absitzen, dort, wo sich die Geistlichen nachts um die Jungen bemühten. Heinz,
glaubt Jonathan, habe sich in dieser Obhut erhängt. Andere Zöglinge erinnern
sich nur an einen Leichensack. Aber eins weiß Jonathan wieder genau: Heinz'
taubstumme Mutter kam damals ins Heim und prügelte in der Werkstatt verzweifelt
auf ihn ein. Sie gab ihm die Schuld.
Jonathan war jetzt auch bei Pater Alfons Minas. Der hatte 1971 die Leitung
des Kollegs übernommen. "Ich habe alle Türen aufgeschlossen." Nun gab
es keine Fabrikarbeit in der Matratzen- und Lampenproduktion mehr. Es gab auch
keine Schläge mehr und keine Vergewaltigungen. "Nach und nach haben
Mitbrüder anderenorts neue Aufgaben übernommen." Pater Alfons glaubt
Jonathan. Alles. Er sagt: "Wenn es überhaupt möglich ist, möchte ich mich
für meine Brüder entschuldigen." Jonathan antwortet: "Wären Sie doch
damals früher gekommen."
Auch drei Jahre
nach dem Auftreten der Amnesie erinnert sich Jonathan nur an wenige Fragmente
aus seinem Erwachsenenleben. Für seine frühere Lebensgefährtin Jutta ist ein
Gefühl da, aber kein Bild. Er hat sie neu kennengelernt. "Das Problem
ist", sagt Jonathan, "dass ich mich selbst nicht kenne." Ärzte
sagen ihm, die Amnesie sei auch Schutz. Professor Markowitsch hat ihm geraten,
sie als Chance zu begreifen und ein neues Leben anzufangen. "Das kann ich
nicht", sagt Jonathan Overfeld, "dazu muss ich erst das alte
wiederfinden."
Beim ersten Schritt könnte ihm Pater V. helfen. "Wenn er es wenigstens
bereuen und sein Bundesverdienstkreuz zurückgeben würde", sagt Overfeld,
dann könnte er sich an das machen, was ihn später als Erwachsenen in die Fugue
getrieben hat. Pater Alfons hat angeboten, Pater V. und Jonathan noch einmal an
einen Tisch zu bringen.