Der Weg zum
Selbstrespekt
Selbstrespekt? Ich kannte das Wort, aber nicht seine
Bedeutung. Wie sollte ich auch, ich wurde als Kind nie respektiert.
Ich bin eine EMaK, eine Erwachsene misshandelt als
Kind. Opfer von körperlicher, sexueller und emotionaler Gewalt in Kindheit und
Jugendzeit. Die emotionale Misshandlung durch die Eltern dauerte fort bis zu
meinem endgültigen Kontaktabbruch vor acht Jahren, ausgelöst durch eine erneut
schwere Traumatisierung durch meine Herkunftsfamilie. Um diesen Schock zu bearbeiten,
suchte ich einen Therapeuten auf. Doch anstatt meine Kindheitstraumata zu
finden und zu bearbeiten, wich dieser Therapeut dieser Thematik vollständig
aus. Er führte mich dahin, meine Eltern zu verstehen und ihnen zu verzeihen,
was mir eine Zeitlang scheinbar gelang, in Wirklichkeit meine Depression aber
nur noch verstärkte und zementierte.
Mein Leidensdruck stieg auch durch ungünstige äußere
Lebensumstände kontinuierlich an, bis vor gut einem halben Jahr in mir eine
Sprengung stattfand. Der Auslöser, die Zündschnur zu dieser Explosion, war die
Lektüre von Alice Millers Buch „Dein gerettetes Leben. Wege zur Befreiung“.
Dieses Buch – sowie in Folge alle weiteren Publikationen von A.M. - erreichte mich zur rechten
Zeit und schlug ein. Es löste einen Prozess des Erwachens aus, der mein
bisheriges Leben in seinen Grundfesten erschütterte und aufbrach. Urplötzlich,
einem Tsunami gleich, überschwemmten mich
Erkenntnisse von heftigen Gefühlen begleitet.
Gleichzeitig reagierte mein Körper mit hohem Puls und
hohem Blutdruck, Herzrhythmusstörungen und einer Verkrampfung im Bereich des
Solarplexus, die mich nicht mehr verließ und an Intensität zunahm. Es war mir
teilweise unmöglich, mich ganz aufzurichten, so heftig war der Schmerz in der
Leibesmitte.
Nachts, schlaflos, spürte ich eine bislang
unbekannte Verzweiflung und Todesangst. Ich fühlte mich entsetzlich einsam,
verlassen, verloren, isoliert von der Welt. Dieser Zustand fühlte sich
lebensbedrohlich an. Ich überlebte diese erste ungeheuerlich schmerzhafte Phase
durch den Zugang zu einem Internetforum, in dem traumatisierte Menschen über
ihre Misshandlungen in der Kindheit schreiben, sich austauschen und gegenseitig
stützen. So überstand ich mehrmals heftige Krisen, die auch von Suizidgedanken
geprägt waren. Manchmal hatte ich nur noch das Bedürfnis, diesem Leiden, diesem
schier unerträglichen Schmerz ein Ende zu bereiten.
Doch im Austausch mit gleich Betroffenen begriff
ich, dass ich den alten Schmerz meiner frühesten Kindheit erlebte, dass ich
durch die abgespaltenen und nun wiederkehrenden Gefühle ging, die ich als
Säugling erlebte. Meine Mutter hatte versucht, mich mittels Medikamente
abzutreiben. Sie lehnte mich ab von Anfang an und konnte keine Beziehung, keine
Bindung zu mir aufbauen. So blieb ich das stets ungeliebte, missverstandene und
gehasste Kind, dem es durch keine noch so große Anstrengung und Anpassung
gelang, die Liebe der depressiven und medikamentenabhängigen Mutter zu
erlangen.
Mein Vater, ein jähzorniger, unbeherrschter Despot
und selbst Opfer seines cholerischen Stiefvaters,
reagierte sich an seiner Tochter ab und rächte sich unbewusst an ihr für selbst
erlittene Qualen durch die Eltern. Er schlug mich, wenn er frustriert war,
irgendein Grund fand sich immer. Er brüllte mich nieder, verletzte und
demütigte mich auch verbal und vernichtete mein Selbstwertgefühl grundlegend
und nachhaltig. Er machte aus mir ein Objekt, raubte mir meine Würde und meinen
Selbstrespekt.
Hinzu kam eine vom Katholizismus geprägte Erziehung
im Stil der 50er und 60er Jahre. Den Kindern wurden grundlos massive
Schuldgefühle aufgebürdet. Alles war beherrscht von Schuld und Sünde; Gott war
ein strafender, alles kontrollierender Mann, dem es nicht gefiel, wenn das Kind
ausgelassen und fröhlich war. Doch es war mein Vater, der gottgleich meine
Kindheit beherrschte und zerstörte.
Der seit nun gut einem halben Jahr wiederkehrende
Schmerz mit all seinen Symptomen war und ist die mir damals noch unbekannte
klassische PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung; auch
PTSD: Post Traumatic
Stress Disorder). Ich
fing an zu schreiben - über meinen Zustand und meine neuen Erkenntnisse. Immer
klarer konnte ich das Ausmaß der Misshandlungen erinnern und spüren. Das
Gefühl, das sich dabei einstellte, war blankes Entsetzen.
Über eindeutige intensive Körpererinnerungen, Träume
und Erinnerungsfetzen deckte ich vor einigen Monaten sexuellen Missbrauch durch
den Vater auf. Die zusätzlichen zahlreichen Indizien, die auf bereits in früher
Kindheit erlittene und abgespaltene sexuelle Gewallt hinweisen, konnte ich nun
nicht länger ignorieren. Sie ergeben ein erschreckend klares Bild.
Bis zu meinem emotionalen Erwachen hatte ich in
einer Dauerdepression gelebt ohne es zu wissen. Ich hatte funktioniert. Schule,
Studium, eine Zeitlang auch Beruf. Ich hatte einige - stets unglückliche –
Beziehungen, heiratete, bekam ein Kind. Jahrzehntelang war ich unbewusst
(fehl)gesteuert von den traumatischen Erlebnissen meiner Kindheit.
Entscheidungen traf ich fern meiner wahren Bedürfnisse; dementsprechend waren
die Konsequenzen.
Nun bin ich 51 Jahre alt (2008) und überblicke
endlich das ganze Ausmaß der Folgen der Misshandlungen durch meine Eltern und
weitere Täterpersonen. Sämtliche Illusionen, die ich mir unbewusst zum Schutz
aufgebaut hatte, brechen nun in sich zusammen und geben den Blick frei auf eine
ziemlich zerstörte Existenz. Ich lebe in einer destruktiven Beziehung, bin
finanziell und existenziell abhängig von einem kontrollierenden lieblosen
Ehemann. In seinen Verhaltensweisen gleicht er meinen Eltern: Ich konnte nur
das Beziehungsmuster wiederholen, das
ich aus meiner Kindheit kannte. Ich war zu keiner gesunden Beziehung fähig.
Mich quält große Angst. Existenzangst. Angst vor
Einsamkeit. Angst, es nicht mehr rechtzeitig zu schaffen. Es ist die real
erlebte Angst meiner Kindheit, als ich den Peinigern schutzlos ausgeliefert war
und nur durch das Verleugnen meiner wahren Gefühle überleben und meine Eltern
‚lieben’ konnte.
Alles in allem eine schreckliche Bilanz. Dennoch ist
es mir gelungen, den Ausstieg aus der Opferrolle einzuleiten. Ich stand vor der
Wahl, ganz unterzugehen oder den ersten und entscheidenden Schritt aus dem
mentalen Gefängnis zu tun. Ich entschied mich für das Leben, nach dem ich mich
so sehr sehne.
Es ist vermutlich unmöglich, von erlittenem
Missbrauch und Misshandlung ganz allein, ohne jegliche Unterstützung zu heilen.
Wir ehemalige Opfer brauchen die Hilfe einer empathischen Person, die uns, wie
Alice Miller es nennt, Wissende Zeugin wird und uns unsere Geschichte, unsere Wahrheit
widerspiegelt.
Diese wertvolle Hilfe und stärkende Begleitung
erfahre ich durch eine großartige und empathische Frau, die selbst durch die
Hölle einer von Missbrauch und Misshandlung geprägten Kindheit und Jugend ging,
die sich mutig der Aufdeckung und Bearbeitung ihrer Kindheitstraumata stellte
und sich, unterstützt durch geeignete Therapien, geheilt hat. Sie zeigt mir
wichtige Zusammenhänge auf, und ich erkenne, wie alte Muster und Mechanismen
wirken. Sie hilft mir, meinen in der Kindheit verloren gegangen Selbstrespekt
wiederzufinden.
Dadurch wurde es mir möglich, mich selbst zu achten.
Das fängt damit an, dass ich mühsam lerne, nein zu sagen, dass ich es mir
selbst erlaube, allmählich meine Grenzen zu setzen. Das ist schwer, denn
ehemalige Opfer haben es schmerzhaft gelernt, sich nur in andere einzufühlen,
nur auf die Bedürfnisse und Wünsche anderer, vor allem die der Peiniger zu
achten und dabei die eigenen komplett zu ignorieren.
Nach und nach spüre ich meine eigenen Bedürfnisse.
Lange wusste ich nicht, dass ich sie habe. Nun kenne ich die Sprache meines
Körpers, ich vertraue meinem Bauchgefühl. Schritt für Schritt arbeite ich mich
aus der kaputten Ehe heraus. Diese lange Abhängigkeit, dieses alte Lebensmuster
zu durchbrechen und gleichzeitig ein neues, gesundes aufzubauen, kostet viel
Kraft und ist besonders mühsam. Es sind noch viele große Schritte nötig, um in
ein selbstbestimmtes Leben zu finden, in dem ich voller Selbstvertrauen für
mich sorgen kann.
Mein wachsender Selbstrespekt verlangte es auch,
dass ich einige giftige Beziehungen beendete. Plötzlich konnte ich
unterscheiden, welche Freunde und Bekannte mir mit Achtsamkeit und Sympathie
begegnen und welche mich respektlos
benutzt hatten.
Auf der Suche nach einer geeigneten Therapeutin
verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl. Ich nehme zwischenzeitlich wahr, wenn
ich geringschätzig behandelt werde und wieder Gefahr laufe, aus erlernter Angst
vor Autoritäten (als Elternstellvertreter) in die alte Opferrolle zu fallen.
Noch bin ich nicht am Ziel meiner Suche. Es lohnt sich, die Therapeuten sehr
genau zu prüfen, damit die Therapie erfolgreich werden kann. Es geht dabei
nicht nur darum, die richtige Therapieform zu finden. (Möglichkeiten
und Grenzen unterschiedlicher Therapieansätze: http://www.aaacworld.org/publication/art_137.htm#
)
Ebenso wichtig ist die Persönlichkeit des
Therapeuten bzw. der Therapeutin. Geht sie respektvoll, aufmerksam und
empathisch auf mich ein oder fühle ich mich klein, fremd und dominiert?
Entspanne ich mich in ihrer Gegenwart, spüre ich Sympathie? Nach dem ersten
Treffen, oftmals sogar schon im Vorgespräch am Telefon, konnte ich mir solche
Fragen beantworten.
Ich möchte anderen ehemaligen Opfern, in der
Kindheit Misshandelten und Missbrauchten, Mut machen, nicht aufzugeben, auch
wenn es, wie mir, zunächst unmöglich scheint, aus diesem bitteren Zustand der
Vernichtung und Verzweiflung auszubrechen.
Ich selbst bin mitten im Prozess der Aufdeckung und
Aufarbeitung. Ich erlebe Tage der Zuversicht und des Fortschritts und Tage des
Rückfalls in den Sumpf der Depression. Immer noch leide ich unter Symptomen der
PTBS, schlafe nach wie vor schlecht. Ich kenne den Rückschritt in den tiefen
Schmerz, aus dem zu entrinnen ich mir dann nicht mehr vorstellen kann. Die
Angst ist noch mein ständiger Begleiter und lähmt mich manches Mal. Wenig
reicht aus, um mich zu verunsichern und in alte Verhaltensweisen fallen zu
lassen. Die Imprints der Täter sind hartnäckig und
zäh, weil wir schon seit Jahren damit leben.
Aber der Heilungsprozess hat begonnen. Ich spüre die
unumkehrbare Veränderung und kämpfe immer wieder aufs Neue; ich will mit aller
mir zur Verfügung stehenden Kraft in das bunte Leben eintauchen und endlich
dabei sein.
Wir in der Kindheit Misshandelten sollten geduldig
sein mit uns und selbst kleinste Erfolge würdigen. Wir dürfen uns nicht hetzen
und unter Druck setzen. Das machten die Täter unserer Kindheit. Aus eigener
Erfahrung kann ich nun sagen: Es lohnt sich, nicht aufzugeben. Heilung ist
möglich, auch wenn die Schmerzen oft schier unerträglich sind und die dunklen
Löcher, in die wir noch lange immer wieder fallen, abgrundtief erscheinen. Wir
haben schlimmste körperliche und emotionale Grausamkeit erlitten. Unsere
Peiniger wollten uns psychisch vernichten. Geben wir ihnen nicht den letzten
Triumph. Wir haben alle physische und psychische Folter überlebt, wir waren und
sind stärker als sie.
Wir sind nicht allein. Es gibt viele in der Kindheit
Traumatisierte, die ums Überleben kämpfen, jeden Tag aufs Neue.
Wir erkennen uns „draußen“ in der Welt, wenn wir uns zufällig begegnen, nicht.
Aber wir sind da. Zum Glück gibt es dieses Forum, in dem wir uns virtuell
treffen und auf uns aufmerksam machen können. Ich wünsche uns, dass wir unser
gemeinsames Ziel erreichen: dass wir uns heilen.
S.H.B.