Die emotionslosen Beamten
Von
Franz Josef Stangl
Buchautor: Der Bastard - Der Fürsorgezögling: http://www.emak.org/B%FCcher%20und%20Filme/Stangl%20Buch.htm

 

 

Der Staat ist kein imaginäres Wesen, er zeigt seine teilweise Fratze in Form von völlig desinteressierten und überforderten Gestalten, die hierzulande oft einen Beamtenstatus genießen, und in meiner Kindheit so etwas wie kleine Götter waren.

Jugendwohlfahrt nannte sich der Hauptbunker, kleine Soldatinnen und Soldaten, genannt Fürsorgerinnen und Fürsorger verteilten den Abfall der Nachkriegsgesellschaft. Kinder die "passiert" sind, Kinder die niemand wollte, Kinder deren Eltern, geistig selbst noch tief pubertierend, auf der Versagerstraße unterwegs waren.

Grüß Gott Herr G. Wir hätten da einen Buben, er ist sehr schlimm. aber sonst ganz lieb. Was ihm fehlt ist eine strenge männliche Erziehung. Hätten Sie interesse? Mit freundlichen Grüßen, die Bezirkshauptmannschaft. Jugendwohlfahrt. Jugendamt. Fürsorge. Staat. Nichts Imaginäres.

Aus dem Bunker heraus eilten Befehle an die Verschiebe-und Verteilerstationen - dort sind zwei, und da sind fünf, und da ist ein Kind...unterzubringen. Pflegeplätze wurden diese Stützpunkte genannt. Kinder, das waren, und sind es hoffentlich heute nicht mehr, umgangssprachlich "kleine Trottel", die musste man nicht fragen, und die wurden auch nicht gefragt. Rein in das Fürsorgeauto und ab die Kinderpost.

Wie kleine Russflankerl auf einer dünnen weißen Schneedecke verteilten sie sich über den Staat, die Bundesländer, Städte, Dörfer und Einschichthöfe. Irgendwo in diesem Bunker der in der Hauptstadt stand, musste es eine große Holzkiste mit vielen Karteikarten gegeben haben, in der rechten Registerlade die freien Pflegeplätze, parallel dazu die "freien" Kinder.

Es wurde transportiert, hingeschoben, hergeschoben, wer will noch mal, wer hat noch nicht. 400.-österreichische Schillinge gab es z.B. im Jahr 1957 monatlich für die selbstlosen Pflegeeltern. Und Schulgeld. Und der Imaginäre ließ zwei Mal im Jahr die Brut in der Stadt einkleiden, stopfte ein-zwei Mal jährlich ein beschriebenes Papier in ein blassblaues Kuvert um den Selbstlosen mitzuteilen, sie würden in dieser und jener Zeit, und an diesem und jenen Tag vorbeischauen, wie es dem Buben, dem Mädchen denn gehe. Ob alles seine Ordnung habe. Selbstverständlich.

Ja, ein bissl klein sei der Bub für sein Alter, blass, und zappelig, aber das sind Kinder sowieso. Zumindest die Fürsorgekinder, die Pflegekinder, die Bastarde. Ja dann, grüß Gott, bis zum nächsten Besuch. Irgendwann. Nächstes Jahr. Der Brief würde kommen.

Vorbereitungszeit genug die Kinder einige Tage vor den Besuchen nicht mehr zu prügeln, ihnen aus Strafe heraus nicht die Nahrung zu verweigern, gutes Essen für den hohen Besuch vorzubereiten, die Brut zu schrubben und auf Hochglanz zu polieren. Ja, und eben die neuen Sachen die ansonsten im Kasten vor sich hin schliefen den Kleinen überzuziehen.

Der Staat hütete, und der Staat wachte. Er wachte nicht auf.

Wie ein betrunkenes Uhrwerk schlug das Pendel, die Zeit trieb diese Kinder voran. Sie begriffen nichts, sie konnten nichts begriffen. Deswegen wurden sie geschlagen, sie lernten schlecht, die Erwachsenen nannten es elende Faulheit, die Kinder wurden geschlagen. Schlimm wurden diese Kinder, störrisch und verstörend, da musste der Staat, die Bezirkshauptmannschaft, die Jugendwohlfahrt, die Fürsorge wohl andere Saiten aufziehen.

Der Staat, eine schleimige Krake, nicht greifbar obwohl so viele Arme, er konnte und kann sich bis heute zusammenrollen und klein machen, aber ebenso blitzschnell kann er seine langen Fangarme aus dem grauen Schleimbündel heraus schießen und die Saugknöpfe förmlich durch die Haut rammen.

Aus diesen Kindern wurden Jugendliche, schwer oder gar nicht zu bändigen, sie wurden kriminell und gewalttätig, unfähig irgendeiner Schuldeinsicht, doch da wusste der Krake ein anderes  Gesicht zu zeigen. Für derlei hatte er Erziehunganstalten, Besserungsanstalten eingerichtet, liebevoll nannte der Krake diese Sammelzentren "Jugendheime", bis heute tut er das.

Später dann wechselte der Krake abermals sein Gesicht und zog statt dem Grau eine schwarze Richterrobe über, es galt den Verkommenen zu zeigen was "falsch ist", und was der Staat auf keinen Fall zu dulden bereit sei. „Wir werden euch schon noch katholisch machen“, hieß es hier, hieß es da.

Um die Abartigkeit und Verkommenheit dieser, vor den Richtern stehenden elenden Bastarde hervorzustreichen wurde fleißig erwähnt, und um Verständnis heischend bei jeder Verhandlung scheinheilig resignierend gestöhnt: “ Schauen sie bitte, was soll aus so etwas schon werden, der ist ja auf Pflegeplätzen und Heimen aufgewachsen. Also seien sie nicht zu nachsichtig werte Schöffen“.

Oh ja, nichts ist imaginär am Staat, er ist greifbar. Die Verantwortlichen entledigen sich wie immer in der Menschheitsgeschichte ihrer Verantwortung, sie wollen nichts wissen und auch nichts gewusst haben. Vielleicht die verkrampfte Entschuldigung:

"Damals war das halt so". Oder "Naja, umsonst wird er seine Hiebe schon nicht bekommen haben". Der Krake begleitet mich das ganze Leben lang, auf den Pflegeplätzen bei wildfremden Leuten, in den Erziehungsanstalten wo zwar Gott gepredigt wurde,aber der Teufel herrschte, in der Obdachlosigkeit, in Abbruchhäusern, in Gefängniszellen, in Notaufnahmen von Spitälern, in Alkohol und Entzugskliniken, in schlaflosen Nächten. Und sobald ich schlief, in entsetzlichen Träumen. Immer ist er da, der Krake. Mal lächelt er freundlich, mal schaut er teilnahmslos, und oft setzt er eine Unschuldsmine auf.

Der Staat könnte ja sagen:"He! Was willst du? Mir ans Bein pinkeln? Ha?" Da, da ist er plötzlich vorhanden, der Krake katapultiert sich aus seiner trägen Höhle und plustert sich auf. Die Macht, die Staatsmacht, die Staatsgewalt. Wie bitte? Sie elendes Hartz IV Würstchen? Bei uns in Österreich sagt der Krake "Sozialhilfeempfänger", und wenn es das einstige Fürsorge-Heim-und Pflegekind doch auf 35 oder 40 Beitragsjahre bei der Pensionsversicherung geschafft hat, aber nicht mehr kann, kaputt am Leib, desolat an der Seele, da macht der Krake ganz freche Männchen, nein, das ist zu wenig, 45 Jahre mindestens, müssen S' Beitragsjahre haben, und krank, mein Gott, das sind wir doch alle. Irgendwie. Sagt der Krake.

Die Toten meiner Generation und meines Herkunftmilieus haben es gut, denen kann der Krake nichts mehr verweigern, sie haben es ganz einfach nicht geschafft, nicht die Kurve gekriegt. Immerhin, jetzt haben sie Ruhe vor dem Kraken. Aber selbst da bin ich mir jetzt gar nicht mehr so sicher. Ich neide ihnen den Tod nicht, ich möchte leben. Würdig leben! Nicht von irgendwelchen, an sich selbst gescheiterten geistigen Schlusslichtern, die sich in Summe zusammen gefügt als "Staat" aufblasen, beleidigen zu lassen

 

 

                               Diesen Text widme ich Frau Sieglinde Alexander.

 

 

Herzlichen Dank, Herr Stangl, für Ihren adäquaten Text. 
Ich bin mir sicher viele ehemalige Heimkinder können sich mit Ihren Gedanken identifizieren.
Sieglinde Alexander

 

© Copyright EMaK - July 27. 2009 - all rights reserved