
Die emotionslosen Beamten
Von
Buchautor: Der Bastard - Der Fürsorgezögling: http://www.emak.org/B%FCcher%20und%20Filme/Stangl%20Buch.htm
Der Staat ist kein imaginäres
Wesen, er zeigt seine teilweise Fratze in Form von völlig desinteressierten und
überforderten Gestalten, die hierzulande oft einen Beamtenstatus genießen, und
in meiner Kindheit so etwas wie kleine Götter waren.
Jugendwohlfahrt nannte sich
der Hauptbunker, kleine Soldatinnen und Soldaten, genannt
Fürsorgerinnen und Fürsorger verteilten den Abfall der
Nachkriegsgesellschaft. Kinder die "passiert" sind, Kinder die
niemand wollte, Kinder deren Eltern, geistig selbst noch tief pubertierend, auf
der Versagerstraße unterwegs waren.
Grüß Gott
Herr G. Wir hätten da einen Buben, er ist sehr schlimm. aber
sonst ganz lieb. Was ihm fehlt ist eine strenge männliche Erziehung. Hätten Sie
interesse? Mit freundlichen
Grüßen, die Bezirkshauptmannschaft. Jugendwohlfahrt. Jugendamt. Fürsorge.
Staat. Nichts Imaginäres.
Aus dem Bunker heraus eilten
Befehle an die Verschiebe-und Verteilerstationen -
dort sind zwei, und da sind fünf, und da ist ein Kind...unterzubringen.
Pflegeplätze wurden diese Stützpunkte genannt. Kinder, das waren, und sind es
hoffentlich heute nicht mehr, umgangssprachlich "kleine Trottel", die
musste man nicht fragen, und die wurden auch nicht gefragt. Rein in das
Fürsorgeauto und ab die Kinderpost.
Wie kleine Russflankerl
auf einer dünnen weißen Schneedecke verteilten sie sich über den Staat, die
Bundesländer, Städte, Dörfer und Einschichthöfe. Irgendwo in diesem Bunker der
in der Hauptstadt stand, musste es eine große
Holzkiste mit vielen Karteikarten gegeben haben, in der rechten Registerlade
die freien Pflegeplätze, parallel dazu die "freien" Kinder.
Es wurde transportiert,
hingeschoben, hergeschoben, wer will noch mal, wer hat noch nicht. 400.-österreichische Schillinge gab es
z.B. im Jahr 1957 monatlich für die selbstlosen Pflegeeltern. Und Schulgeld.
Und der Imaginäre ließ zwei Mal im Jahr die Brut in der Stadt einkleiden,
stopfte ein-zwei Mal jährlich ein beschriebenes Papier
in ein blassblaues Kuvert um den Selbstlosen mitzuteilen, sie würden in dieser
und jener Zeit, und an diesem und jenen Tag vorbeischauen, wie es dem
Buben, dem Mädchen denn gehe. Ob alles seine Ordnung
habe. Selbstverständlich.
Ja, ein bissl
klein sei der Bub für sein Alter, blass, und zappelig,
aber das sind Kinder sowieso. Zumindest die Fürsorgekinder, die Pflegekinder,
die Bastarde. Ja dann, grüß Gott, bis zum nächsten Besuch. Irgendwann. Nächstes
Jahr. Der Brief würde kommen.
Vorbereitungszeit genug die
Kinder einige Tage vor den Besuchen nicht mehr zu prügeln, ihnen aus Strafe
heraus nicht die Nahrung zu verweigern, gutes Essen für den hohen Besuch
vorzubereiten, die Brut zu schrubben und auf Hochglanz zu polieren. Ja, und
eben die neuen Sachen die ansonsten im Kasten vor sich hin schliefen den
Kleinen überzuziehen.
Der Staat hütete, und der
Staat wachte. Er wachte nicht auf.
Wie ein betrunkenes Uhrwerk
schlug das Pendel, die Zeit trieb diese Kinder voran. Sie begriffen nichts, sie
konnten nichts begriffen. Deswegen wurden sie geschlagen, sie lernten schlecht,
die Erwachsenen nannten es elende Faulheit, die Kinder wurden geschlagen.
Schlimm wurden diese Kinder, störrisch und verstörend, da musste der Staat, die
Bezirkshauptmannschaft, die Jugendwohlfahrt, die Fürsorge wohl andere Saiten
aufziehen.
Der Staat, eine
schleimige Krake, nicht greifbar obwohl so viele Arme, er konnte und
kann sich bis heute zusammenrollen und klein machen, aber ebenso blitzschnell
kann er seine langen Fangarme aus dem grauen Schleimbündel heraus schießen und
die Saugknöpfe förmlich durch die Haut rammen.
Aus diesen Kindern wurden
Jugendliche, schwer oder gar nicht zu bändigen, sie wurden kriminell und
gewalttätig, unfähig irgendeiner Schuldeinsicht, doch da wusste der Krake ein
anderes Gesicht zu zeigen. Für derlei hatte er Erziehunganstalten,
Besserungsanstalten eingerichtet, liebevoll nannte der Krake diese
Sammelzentren "Jugendheime", bis heute tut er das.
Später dann wechselte der
Krake abermals sein Gesicht und zog statt dem Grau eine schwarze Richterrobe
über, es galt den Verkommenen zu zeigen was "falsch ist", und was der
Staat auf keinen Fall zu dulden bereit sei. „Wir werden euch schon noch
katholisch machen“, hieß es hier, hieß es da.
Um die Abartigkeit und
Verkommenheit dieser, vor den Richtern stehenden elenden Bastarde
hervorzustreichen wurde fleißig erwähnt, und um Verständnis heischend bei jeder
Verhandlung scheinheilig resignierend gestöhnt: “ Schauen sie bitte, was soll
aus so etwas schon werden, der ist ja auf Pflegeplätzen und Heimen
aufgewachsen. Also seien sie
nicht zu nachsichtig werte Schöffen“.
Oh ja, nichts ist imaginär am
Staat, er ist greifbar. Die Verantwortlichen entledigen sich wie immer in der
Menschheitsgeschichte ihrer Verantwortung, sie wollen nichts wissen und auch
nichts gewusst haben. Vielleicht die verkrampfte Entschuldigung:
"Damals war das halt
so". Oder "Naja, umsonst wird er seine
Hiebe schon nicht bekommen haben". Der Krake begleitet mich das ganze
Leben lang, auf den Pflegeplätzen bei wildfremden Leuten, in den
Erziehungsanstalten wo zwar Gott gepredigt wurde,aber der Teufel herrschte, in der Obdachlosigkeit, in
Abbruchhäusern, in Gefängniszellen, in Notaufnahmen von Spitälern, in Alkohol
und Entzugskliniken, in schlaflosen Nächten. Und sobald ich schlief, in
entsetzlichen Träumen. Immer ist er da, der Krake. Mal lächelt er freundlich,
mal schaut er teilnahmslos, und oft setzt er eine Unschuldsmine auf.
Der Staat könnte ja sagen:"He! Was willst du? Mir
ans Bein pinkeln? Ha?" Da, da ist er plötzlich vorhanden, der Krake
katapultiert sich aus seiner trägen Höhle und plustert sich auf. Die Macht, die
Staatsmacht, die Staatsgewalt. Wie bitte? Sie elendes Hartz
IV Würstchen? Bei uns in Österreich sagt der Krake
"Sozialhilfeempfänger", und wenn es das einstige Fürsorge-Heim-und
Pflegekind doch auf 35 oder 40 Beitragsjahre bei der Pensionsversicherung
geschafft hat, aber nicht mehr kann, kaputt am Leib, desolat an der Seele, da
macht der Krake ganz freche Männchen, nein, das ist zu wenig, 45 Jahre
mindestens, müssen S' Beitragsjahre haben, und krank, mein Gott, das sind wir
doch alle. Irgendwie. Sagt der Krake.
Die Toten meiner Generation
und meines Herkunftmilieus haben es gut, denen kann
der Krake nichts mehr verweigern, sie haben es ganz einfach nicht geschafft,
nicht die Kurve gekriegt. Immerhin, jetzt haben sie Ruhe vor dem Kraken. Aber
selbst da bin ich mir jetzt gar nicht mehr so sicher. Ich neide ihnen den Tod
nicht, ich möchte leben. Würdig leben! Nicht von irgendwelchen, an sich selbst
gescheiterten geistigen Schlusslichtern, die sich in Summe zusammen gefügt
als "Staat" aufblasen, beleidigen zu lassen
Diesen Text widme ich
Frau
Herzlichen Dank, Herr Stangl, für Ihren adäquaten Text.
Ich bin mir sicher viele ehemalige Heimkinder können sich mit Ihren Gedanken
identifizieren.