Ehemalige Heimkinder und der Runde Tisch

Von Sieglinde Alexander 1. 7. 2009


Werden die Nachkriegsgequälten Menschlichkeit erfahren?

 

Seit Monaten verdrehen sich alle Verantwortlichen der kirchlichen Trägerorganisationen die Zungen, dreschen in den Medien leere Phrasen von Bedauern, entschuldigen sich bei den ehemaligen Heimkindern, versprechen Ungenaues für die Zukunft, doch faktisch geschieht nichts.  

 

Noch immer arbeitet der Runde Tisch mit den Fragmenten einer barbarischen Vergangenheit. Hierbei werden die verantwortlichen Kirchen um Aufklärung gebeten, die diese im Endeffekt selbst nicht zu leisten vermögen. Die Kirchen profitieren von ihrer Anwesenheit am Runden Tisch, da sie Informationen erhalten, die sie als Basis für eine Abwehrstrategie nutzen können, um eine Schadensminderung für Diakonie und Caritas zu erarbeiten.

 

Es stellen sich folgende grundsätzlichen Fragen:

 

Ist in der Zusammenstellung des Runden Tisches eine Fehlbesetzung zu erkennen?
Wie sind Menschenrechtsverletzungen zu erkennen, wenn die Menschenrechtskommission keinen permanenten Sitz am Runden Tisch hat?
Welche Rechtswissenschaftler untersuchen, ob die erlebten Misshandlungen der Heimkinder in die Kategorie der Menschenrechtsverletzungen gehören?
Welche Psychologen analysieren die traumatischen Erinnerungen und Erlebnisse der Heimkinder?

Wird am Runden Tisch dieser wichtigste Punkte überhaupt angeschnitten?

 

Für die Misshandelten kann es keine zufriedenstellende Aufarbeitung geben, wenn sie wieder in eine machtlose Position gedrängt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten kirchlichen Dachorganisationen angeblich keine Akten mehr haben oder die Anfragen der Heimopfer mit Hinhaltetaktik ausbremsen.
Ein eindeutiges Beispiel sind die Rummelsberger Anstalten. Die schwankenden Aussagen von Herrn Kottnik, Präsident des Diakonischen Werks, decken die ergebnislosen Nachforschungen durch den Rektor der Rummelberger Anstalten, Herrn Dr. Bub, der angeblich keine Akten findet.
Gilt hier die These: Wo keine Akten sind gibt es keine Beweise? Sicher kann diese Aussage als Spekulation bewertet werden, doch welche andere Schlussfolgerung bleibt, wenn der Runde Tisch geheimnisvoll hinter verschlossener Tür tagt und die, um die es in Wirklichkeit geht, im Dunkeln lässt? Der Runde Tisch könnte veranlassen, dass aus der Empfehlung des Petitionsausschusses, die Akten herauszugeben, eine Anordnung wird.
Solange dies nicht geschieht, werden sich die Länder Bayern und Baden-Württemberg nicht angesprochen fühlen und es nicht für nötig erachten, eine Anlaufstelle für die Heimmisshandelten einzurichten oder auch eine Untersuchung der Heimgeschehnisse anzustrengen.

 

Die Vergangenheit in jahrelanger Verzögerung aufzuarbeiten ist eine Sache, die Realität der bis heute unter dem Trauma Leidenden eine andere.

 

Von den jetzt Verantwortlichen wurde bislang weder verstanden noch zugegeben, dass die traumatisierten ehemaligen Heimkinder bis heute unter den Folgeschäden von Kindheitsmisshandlungen leiden! Hier scheint ungenügendes Wissen über Trauma der Grund dafür zu sein, dass die Vergangenheit lediglich politisch aufgearbeitet wird. Die Heimkinder aber sollen sich weiterhin bis zum „Ergebnis“ des Runden Tisches in der Agonie ihres Traumas wälzen. Wer von den Verantwortlichen erkennt die heutige Notsituation der Opfer, die zweifelsohne in der vor 50 Jahren implizierten Gewalt liegt? Wiederholt sich heute das alte Muster der menschlichen Wertlosigkeit? Wie lange noch müssen die Heimopfer auf Hilfe und Menschlichkeit warten? Greift hier schon wieder die unterschwellige Angst, dass die Betroffenen eventuell mehr erhalten könnten als ihnen zusteht?

Viele der Heimopfer leiden heute nicht nur unter dem Trauma der Vergangenheit. Die meisten zeigen auch körperliche Schäden, die bislang aufgrund von Ignoranz oder Gleichgültigkeit unbeachtet blieben. Wer fragt zum Beispiel, wie viele der Betroffenen mit einem geschwächten Immunsystem leben, aber nie eine Diagnose von zu hohen oder zu niedrigen Cortiolwerten erhielten? Die meisten Ärzte haben trotz der wissenschaftlichen Veröffentlichung * nicht das Wissen, dass Kindheitsmisshandlung zu Immunschwäche führen kann.

Wer fragt, wie viele dieser Heimopfer heute krank sind aufgrund einer Veränderung im Gehirn? Werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse* und MRTs (Magnet-Resonanz-Tomografie) benutzt um festzustellen, ob sich das Gehirn durch Trauma verändert hat?

 

Schlaflosigkeit oder Albträume, das Gefühl von Wertlosigkeit, Suizidgedanken und Hilflosigkeit begleiten das tägliche 24-stündige aktive Trauma der Heimopfer. Um den Dauerstress unter Kontrolle zu halten greifen viele zu Alkohol oder Drogen. Viele Ärzte wissen nichts über Folgeschäden von Kindheitsmisshandlung und stehen den Bedürfnissen der Patienten hilflos gegenüber. Wenn die Ausweglosigkeit der Traumatisierten aber dann zu defensiven aggressiven Ausartungen führt, weil die Kindheitsopfer den jahrelang aufgestauten Schmerz nicht mehr unterdrücken können, werden sie erneut negativ kategorisiert, anstatt ihnen Empathie und Hilfe anzubieten.

Wie viele dieser Traumatisierten erhalten echte psychologische Traumaauflösung statt wirkungsloser Anleitung zur Unterdrückung des Traumas? Die meisten Opfer und auch Psychologen kennen nicht einmal den Unterschied zwischen „pain management“ und Traumaauflösung. Was die Opfer bekommen, wenn sie nicht mehr arbeiten können, ist Hartz IV anstelle einer angemessenen Frührente. So wird das Schicksal der sozialen Erniedrigung fortgesetzt.

 

Wäre es nicht einer der ersten und vorrangigen Schritte des Runden Tisches, die Tatsachen anzuerkennen und den Betroffenen aus ihrer würdelosen Situation zu helfen?

Es ist unverständlich, warum die Verantwortlichen die Priorität ihrer Aufgabe lediglich darin sehen festzustellen, ob (nur eines von vielen Beispielen) das damalige Erziehungspersonal eine professionelle Ausbildung hatte oder nicht. Für Traumatisierte macht es keinen Unterschied, ob ein professionell ausgebildeter Pädagoge(in) oder ein Laie das Trauma implizierte. Es waren emotionslose Menschen, in vielen Fällen ehemalige Nazi-Indoktrinierte, die Kinder als wertlose, nutzlose Fresser und Bälger sahen.

 

Immer noch stehen keine genauen Zahlen der Misshandelten fest! Weder der Petitionsausschuss noch der Runde Tisch hat bis jetzt einen bundesweiten Medienaufruf gestartet oder bundesweite Anlaufstellen angeboten, wo ehemalige Heimkinder ihre Erinnerungen und Erlebnisse einbringen können. Es gibt vereinzelte Anlaufstellen, die vom Runden Tisch aber nicht genutzt werden, um die bereits vorhandenen Erinnerungen der Heimkinder zur Sicherung von Fakten aufzunehmen.

Zweifel, ob Personen im Heim waren, können auch ohne Akten aufgelöst werden. Krankenkassen liefern Mitgliederbescheinigungen, die die Aufenthaltszeiten der Jugendlichen im Heim beweisen, vor allem wenn diese dort gearbeitet haben. Auch Einwohnermeldeämter können zu dieser Bestätigung beitragen. Warum werden diese Möglichkeiten nicht genutzt, um die fehlenden Rentenzeiten zu belegen?

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, um den Betreffenden zu helfen?

 

Dass bereits ein Jahr ohne effektive Hilfe vergangen ist, kann nur als Verschleierungs- und Verzögerungstaktik gewertet werden. Welche Absicht verfolgen die Verantwortlichen? Sollen durch die historische Aufarbeitung nur Schuld und Verantwortung reduziert werden, während die bis heute mehrfach kranken ehemaligen Heimkinder weiterhin im Trauma verharren?

Es bedarf keiner Experten zu erkennen, dass bei vielen das Trauma nach wie vor akut ist und körperliche Symptome sowie psychische Belastungsstörungen hervorruft. Aber es bedarf dringend bewusster Experten, die helfen können, diese in der Vergangenheit implizierten Traumata zu heilen.

Die Misshandelten brauchen heute medizinische und psychologische Hilfe sowie angemessene Anerkennung. Bis heute wird ihnen das Recht auf Würde verweigert, ihr Leiden angezweifelt. So stehen die Opfer in demütigender Wartehaltung immer noch am Rande der Gesellschaft.

 

Ich hoffe niemand erhebt Zweifel daran, dass in den Nachkriegsjahren eine ganze Generation durch Misshandlungen und die Folgeschäden von Trauma zerstört wurde.

Es wäre weise, die Würde des Menschen nicht noch einmal dadurch zu verletzen, dass die Heimopfer weiterhin im Leiden, das ihnen unter dem wachsamen Auge des Gesetzes zugefügt wurde, verharren müssen, bis der gebührende Respekt sie endlich erreicht.

***

Die Diakonie sagt: „Menschlichkeit braucht Unterstützung“
... so lautet das Motto der neuen Diakonie-Kampagne 2009/2010.
http://www.diakonie.de/index.htm

Der Diakonie-Präsident Kottnik: „Jeder soll seinen Platz in der Gesellschaft haben“
http://www.diakonie.de/pressemitteilung-dw-ekd-1330-5394.htm

EMaK fragt die Diakonie: Welche Menschlichkeit und Unterstützung erhalten die ehemaligen Heimkinder die in Heimen der Diakonischen waren?

 

EMaK fragt Herrn Kottnik: Wo haben die ehemaligen Heimkinder ihren Platz in der Gesellschaft?

 

Kommentar von Franz Josef Stangl:
"Der Runde Tisch könnte veranlassen, dass aus der Empfehlung des Petitionsausschusses, die Akten herauszugeben, eine Anordnung wird".
Liebe Frau Sieglinde Alexander, diesen Satz kann man nur mehrfach unterstreichen!
"Wie viele dieser Traumatisierten erhalten echte psychologische Traumaauflösung statt wirkungsloser Anleitung zur Unterdrückung des Traumas? Die meisten Opfer und auch Psychologen kennen nicht einmal den Unterschied zwischen „pain management“ und Traumaauflösung. Was die Opfer bekommen, wenn sie nicht mehr arbeiten können, ist Hartz IV anstelle einer angemessenen Frührente. So wird das Schicksal der sozialen Erniedrigung fortgesetzt."
Mein rein persönliches Gefühl, nach zwei Untersuchungen im Rahmen von arbeits-und sozialrichtlich angeordneten Untersuchungen im Falle meiner angesuchten Frühpensionierung stellt sich, sorry, als "Verarschung im Quadrat" dar.
Fakt: Jede gerichtsärztliche Fachuntersuchung dauerte in etwa schwache 20 Minuten. In diesen etwa 20 Minuten entschied der Facharzt, Neurologe/Psychiater über die Zukunft eines Menschen.
Fragen wie, "Wie viel ist acht mal sieben?", und "Gibt es einen Unterschied zwischen Kindern und Zwergen?", rundet die peinliche Heiterkeit ab. EEG und CT wird erst in hundertfünfzig Jahren erfunden werden, so bleibt das modernste an der Geräteausstattung das berühmte Reflexhämmerchen. Trauma? Bitte was ist das ?
restless legs? Dann gehen sie spazieren, wird schon wieder besser werden. Dies nicht bei meinen letzten Untersuchungen für das Arbeits-Sozialgericht, sondern einen Psychiater/Neurologen der Gebietskrankenkassa.
Derartige "Untersuchungen" sind eine unglaubliche Verhöhnung des Kranken, Hilfe suchenden.
Ich erzählte kurz, wie es die 20 Minuten erforderten, über meine Kindheit, Pflegeplätze, Erziehungsanstalten und Knast, obwohl dies Jahrzehnte zurück liegt, meine letzte gerichtliche Verurteilung vor 33! Jahren stattfand, (18 Monate), schrieb der Typ in das Gutachten ich wäre "persönlichkeitsgestört" und wäre empathie-unfähig. Genauen Text kann ich -so sie möchten in einigen Tagen nachliefern.
So jagt eine staatliche Frechheit die andere. Lebenslang, heißt das Urteil, einmal unterster Dreck, immer unterster Dreck. Dies stand im Gutachten 2007, ich habe es mir damals, da ohnehin keinen Einfluss darauf habe was der Kerl quackt, nicht durchgelesen, vor meiner zweiten Untersuchung 2009 im Frühjahr tat ich dies jedoch und entdeckte eben die oben beschriebenen Diskrimierungen. Als ich fragte weshalb er so einen Schwachsinn verzapfe, wo ich doch sehr viel ehrenamtlich bei AI, und in der Flüchtlingsarbeit tätig war, meinte er: "Na, sie sind doch ein Heinkind". Ich weiß, klingt unglaublich. Das habe ich energisch zurecht gerückt, diesmal steht derartiger Schwachsinn nicht im Papier, eine fallweise weitere Untersuchung zur Pension werde ich in diesem medizinischen Bereich ablehnen.

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