Werden Heimkinder frühzeitig in Pflegefamilien vermittelt, lassen sich
Entwicklungsdefizite ausgleichen. Das ergab eine Feldstudie amerikanischer
Forscher in Rumänien
Aus: Gehirn&Geist, 1-2/2010
Frühkindliche Erfahrungen prägen uns ein Leben lang. Deshalb kann die
Vernachlässigung von Säuglingen und Kleinkindern langfristige Schäden
verursachen – etwa wenn ihnen sprachliche und geistige Anregung sowie Kontakt
zu engen Bezugspersonen verwehrt bleiben. Das Magazin Gehirn&Geist
(Heft 1-2/2010) berichtet in seiner neuen Ausgabe über ein Feldexperiment in
Rumänien, das die frühkindliche Entwicklung im Heim mit der in Pflegefamilien
verglich. Fazit: Typische Defizite von Heimkindern lassen sich in der Obhut von
Adoptiveltern teilweise ausgleichen. Je jünger das Kind bei der Vermittlung
ist, desto besser.
Ein Team um Charles A. Nelson von der Harvard Medical
School in Boston (USA) hatte 136 Kinder aus Bukarester Kinderheimen in zwei
Gruppen aufgeteilt: Die eine Hälfte wurde im Alter von 6 bis 31 Monaten in
Pflegefamilien vermittelt, während die andere zunächst im jeweiligen Heim
verblieb. Als weitere Vergleichsgruppe dienten 72 gleichaltrige Kinder, die bei
Ihren leiblichen Eltern aufwuchsen.
Die Heimkinder lagen anfangs in ihrer Entwicklung deutlich zurück: Ihre
Intelligenz und Sprachfähigkeiten waren vermindert und sie zeigten eher
unsicheres Bindungsverhalten gegenüber den Betreuungspersonen. Doch ihr
weiteres Schicksal war damit keineswegs besiegelt. In fast jedem der
untersuchten Bereiche holten die in Pflegefamilien
vermittelten Kinder im Laufe der folgenden Jahre den
Entwicklungsvorsprung ihrer Altersgenossen zumindest teilweise auf.
Der Zeitpunkt der Vermittlung spielte dabei eine wichtige Rolle: So stieg die
Intelligenz von Kindern, die mit höchstens zwei Jahren zu Pflegeeltern gekommen
waren, stärker als die der später vermittelten Kinder.
Ähnliches galt für die Entwicklung der
Sprachkompetenz. Im Alter von zweieinhalb und dreieinhalb Jahren war der Spracherwerb bei Heimkindern
sowie solchen, die erst kurze Zeit bei Pflegeeltern lebten, erheblich
verzögert. Wer dagegen mindestens ein Jahr in einer Pflegefamilie gelebt hatte,
hinkte dem normalen Altersdurchschnitt nur im Grammatiktest noch leicht
hinterher.
Inwieweit sich ein Mangel an Zuwendung und Anregung ausgleichen
lässt, hängt offenbar entscheidend davon ab, in welchem Alter die betreffenden
Kinder Erfahrungen nachholen können.
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