«Gefühle wurden abgetötet»

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Wie die Schweiz den Fall «Kinder der Landstrasse» hatte, in dem Fahrenden von Amtes wegen ihre Kinder weggenommen wurden, so geschah dies in Kanada mit den Indianern. Den Kindern sollte der Indianer in ihnen ausgetrieben werden. Nun hat sich die Regierung für dieses Unrecht entschuldigt.

Der 11. Juni 2008 wird als historisches Datum in die Annalen der in Kanada lebenden Indianer eingehen. Es ist ein Tag, auf den die Indianer seit vielen Jahren gewartet haben, es ist der Tag der offiziellen Entschuldigung der kanadischen Regierung für ein böses Unrecht, das an ihnen begangen wurde. In diesem Fall geht es um die Umerziehungs-Internate, in denen indianische Kinder früher emotionalem, physischem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Diese sogenannten «Residential Schools», die während vielen Generationen von mehreren Kirchen geführt und vom Staat bezahlt wurden, sind eines der schlimmsten Kapitel in Kanadas jüngerer Geschichte. Von den 33 Millionen Kanadiern werden heute noch rund 1,3 Millionen den Ureinwohnern zugerechnet.

«Sie nannten uns Wilde»

«Kanada bewältigt jetzt seine dunkle Vergangenheit, die lange vor den eigenen Bürgern vertuscht und versteckt wurde», erklärte Phil Fontaine, der Vorsitzende der kanadischen Häuptlinge, der auch die «Assembly of First Nations», eine Dachorganisation der kanadischen Ureinwohner, leitet. Fontaine hatte selbst mutig bekannt, dass er einst in einer der Umerziehungs-Internate sexuell missbraucht worden war. In diesen Schulen wollte man Indianerkinder, fern von Heimatdorf und Eltern, zu «nützlichen» Mitgliedern der von christlichen weissen Siedlern dominierten Gesellschaft Kanadas machen. «Sie haben versucht, den Indianer im Kind zu töten und alles Indianische in Kanada auszurotten», sagt Fontaine. «Sie erinnerten uns regelmässig daran, dass wir von einem Volk abstammen, das den Weissen unterlegen ist. Mindestens einmal am Tag nannten sie uns Wilde. Damals prallten zwei Kulturen aufeinander – eine dominante, die der anderen ihren Willen aufzwang, und eine, die litt. Wir litten.»

Viele überlebten nicht

Wie Phil Fontaine ist auch der 71jährige Alvin Dixon, Angehöriger des Heiltsuk-Indianerstammes, nach Ottawa gereist, um im Parlament dabei zu sein, wenn sich die Regierung entschuldigt. Dixon war zehn Jahre alt, als man ihn seinen Eltern wegnahm und für acht Jahre in ein Umerziehungs-Internat brachte. Dort wurde er geschlagen, sexuell belästigt und durfte nie seine Muttersprache sprechen. «Ich weinte viele Tage lang», erzählt er. Dann versiegten seine Tränen für immer. «Meine Gefühle wurden abgetötet, seither kann ich nicht mehr weinen.» Dixon war eines der rund 150 000 indianischen Kinder, von denen viele für ihr Leben traumatisiert wurden.

Noch immer wissen viele Kanadier nicht, was in diesen Umerziehungs-Internaten wirklich geschah. Sie wurden ab 1874 nach und nach eingeführt. Im Jahr 1931 gab es rund 80 in ganz Kanada, die letzte Schule wurde erst 1995 geschlossen.

Ein Schiff brachte den kleinen Alvin Dixon 1947 nach Port Alberni auf Vancouver Island, damals vier Reisetage von seinem Heimatdorf Bella Bella im Norden von British Columbia entfernt. Kaum angekommen, erhielt er seine erste Tracht Prügel, weil er in der Sprache seines Stammes redete, die einzige Sprache, die er kannte. Den Kindern war nur erlaubt, Englisch zu sprechen. Morgens mussten sie harte Arbeit leisten, nachmittags gingen sie zur Schule. Alvin Dixon melkte Kühe, «aber wir erhielten nie frische Milch und auch kein Fleisch».

Er durfte im Sommer seine Eltern besuchen, aber viele andere Kinder mussten Jahr für Jahr in der Schule bleiben, ohne Kontakt zu ihren Familien. In diesen übervölkerten und schlecht ausgerüsteten Institutionen brachen oft tödliche Seuchen aus. Experten schätzen die Sterblichkeitsrate unter den indianischen Schülern Anfang des 20. Jahrhunderts auf bis zu 50 Prozent.

Sexualstraftäter verurteilt

Sexueller Missbrauch war in den von Nonnen und Priestern geführten Schulen an der Tagesordnung. Im Internat von Port Alberni verbreitete ein später verurteilter Sexualtäter namens Arthur Henry Plint als Aufseher Angst und Schrecken in den Schlafräumen. Plint wollte auch Alvin Dixon zu oralem Sex zwingen. «Ich war damals aber bereits zwölf Jahre alt und wehrte mich.» Kleinere Kinder – manche wurden schon im Alter von vier Jahren den Eltern weggenommen – konnten sich gegenüber solchen Kriminellen nicht wehren.

Erst vor wenigen Jahren wagten Mitglieder der «First Nations», der «Ersten Nationen», die Schulen und ihre Betreiber einzuklagen. Elf Sexualtäter wurden bislang überführt. Schliesslich einigten sich die kanadische Regierung, die Kirchen und die «First Nations» im Jahr 2006 auf eine Abfindung von umgerechnet zwei Milliarden Franken an rund 90 000 ehemalige Schüler. Teil dieses Abkommens ist auch die Einsetzung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Vorbild Südafrikas. Sie wird während fünf Jahren den Opfern und allen Betroffenen ein Forum bieten, damit sie ihre Leidensgeschichten erzählen können.

Viele Folgeprobleme verursacht

«Die kanadische Öffentlichkeit muss wissen, was ihre Vorfahren uns angetan haben», sagt Alvin Dixon, der sein Leben lang unter den Folgen der Zwangsumerziehung gelitten hat: «Ich dachte, meine Eltern hätten mich verlassen und wollten mich nicht mehr.» Beruflich war er zwar erfolgreich, studierte an der Universität und wurde Lehrer. Er konnte aber keine Liebe weitergeben, fühlte nur Wut. «Ich war ein emotionaler Terrorist gegenüber Frau und Kindern», sagt der zweimal Geschiedene.

Viele Probleme der Indianer haben ihren Ursprung laut Experten in diesen Erlebnissen, aus diesen Traumata: Sucht, Kriminalität, Verwahrlosung, Depression, Angst, Selbstmordgefahr und psychische Krankheiten. Kriminalitäts- und Selbstmordraten übersteigen jedenfalls die der weissen Kanadier. Alvin Dixon hofft, dass die Entschuldigung der Regierung der erste Schritt ist, vergangenes Unrecht gutzumachen. «Sie bestätigt, dass die Schulen falsch waren und nicht meine Eltern», sagt er. Bernadette Calonego,

Vancouver

Kanadas Regierung entschuldigt sich

Später Versuch der Wiedergutmachung

für Unrecht, das an Indianern begangen wurde

In einer historischen Erklärung hat sich die kanadische Regierung am Mittwoch bei den Ureinwohnern des Landes für bis in die 70er-Jahre zugefügtes Leid und Unrecht entschuldigt. Ministerpräsident Stephen Harper nannte die vom 19. bis weit ins vergangene Jahrhundert praktizierte zwangsweise Trennung von Kindern und ihren Eltern ein trauriges Kapitel in der Geschichte Kanadas. Mehr als 150 000 Kinder von Ureinwohnern wurden in dem Zeitraum zwangsweise in staatliche christliche Internate eingewiesen. Dort waren viele von ihnen körperlicher und sexueller Misshandlung ausgesetzt.

«Grosses Leid verursacht»

«Heute erkennen wir, dass diese Politik der Assimilierung falsch war, grosses Leid verursacht und keinen Platz in unserem Land hat», sagte Harper vor dem Parlament in Ottawa in Anwesenheit von Indianern, die das Umerziehungsprogramm noch erlebt haben. «Im Namen der kanadischen Regierung und aller Kanadier stehe ich vor Euch (...), um mich für die Rolle der kanadischen Regierung in dem Indianer-Internats-System zu entschuldigen», sagte Harper. «Viel zu oft» hätten die Internate auch «zu Missbrauch und Verwahrlosung geführt.»

Heute sehe man, dass man durch die zwangsweise Trennung von den Eltern auch die Fähigkeit vieler Internatskinder, selbst einmal die Elternrolle zu übernehmen, beeinträchtigt habe. Damit habe man auch nachfolgenden Generationen geschadet.

Dies erfordere eine Wiedergutmachung. Die Regierung zahlt Betroffenen, die aus ihrer Familie gerissen worden waren, als Teil einer aussergerichtlichen Einigung eine Entschädigung in Milliardenhöhe.

«Dieser Tag wird uns helfen»

Mehr als 200 ehemalige Internatsschüler waren zu der Feierstunde ins Parlament eingeladen, viele weitere hatten sich vor dem Gebäude versammelt und ein zeremonielles Feuer entfacht.

Phil Fontaine, Chef der Versammlung der «Ersten Nationen», in der sich die kanadischen Ureinwohner organisiert haben, und selbst Opfer der Umerziehung, trat in vollem indianischen Kopfschmuck vor die Abgeordneten: «Tapfere Überlebende, die ihre leidvollen Geschichten erzählt haben, haben der weissen Vormacht ihre Autorität und Legitimation entrissen», sagte er. «Manchmal schneiden die Erinnerungen an die Internate wie gnadenlose Messer in unsere Seelen. Dieser Tag wird uns helfen, den Schmerz hinter uns zu lassen.»

Die Entfernung von Kindern aus ihren Familien sollte seinerzeit offiziell dazu dienen, die Indianer besser in die kanadische Gesellschaft zu integrieren. Gegen 90 000 der Betroffenen leben noch. Vor zehn Jahren hatte die Regierung bereits eingestanden, dass Misshandlungen in den Internaten weit verbreitet waren. «Das war kultureller Völkermord», sagte kürzlich Ted Quewezance, ein ehemaliger Internatsschüler und Direktor der Nationalen Organisation der Internatsüberlebenden.

Eine Versöhnungskommission

Bis 1960 durften Ureinwohner in Kanada nicht wählen. 1998 äusserte die damalige Ministerin für indianische Angelegenheiten, Jane Stewart, «tiefes Bedauern» über die Einrichtung der umstrittenen Internate, doch betrachteten die Indianer diese Erklärung als nicht ausreichend. Über die formelle Entschuldigung vom Mittwoch hinaus soll nun eine Wahrheits- und Versöhnungskommission die damalige Regierungspolitik untersuchen und Aussagen Überlebender anhören. Der Kommission stehen für ihre Arbeit umgerechnet rund 60 Millionen Franken zur Verfügung.

Noch vor der Zeremonie im Parlament hatte Phil Fontaine erklärt, wenn die Entschuldigung ernsthaft und vollständig sei, könne sie viel dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Ureinwohnern und dem Rest der kanadischen Gesellschaft zu verbessern. «Es geht nicht nur um Überlebende, es geht darum, dass Kanada seine Vergangenheit bewältigt und als Nation reift.»

Ureinwohner machen Druck

Der Druck der Ureinwohner verschiedener Kontinente und Regionen auf die jeweiligen Regierung, begangenes Unrecht aufzuarbeiten, hat in diesem Jahr schon einmal zu einer Entschuldigung geführt: Im Februar entschuldigte sich der australische Premierminister Kevin Rudd bei der sogenannten «gestohlenen Generation» der dortigen Aborigines, also bei rund 55 000 Menschen, die als Kinder ihren Eltern weggenommen worden waren.

Rob Gillies, Ottawa (ap)/red.