Ihre Seele ist
schon lange tot
Nachrichten, 03.11.2008, Melanie Bergs
http://www.derwesten.de/nachrichten/2008/11/3/news-87955715/detail.html#car
Siegen.
Jahrelang hat ein Vater aus Siegen seine Tochter sexuell missbraucht. Jahrelang
ahnte die Mutter nichts von dem Verbrechen, das sich in ihrem Haus abspielte.
Heute kämpft sie jeden Tag gegen den Schmerz und gegen den Impuls, den Täter
umzubringen. Teil 11 unserer Serie "Überlebenskämpfer".
Es gibt Erfahrungen, die ein Mensch
kaum überleben kann. Erfahrungen, die schon beim bloßen Erzählen zur Qual
werden. Vielleicht haben deshalb so viele Nachbarn und auch manche Freunde sich
von Monika Koch* zurückgezogen. Sie konnten die Wahrheit nicht ertragen, diese
grausame, monströse Wahrheit. Dass sich der Abgrund manchmal dort auftut, wo
man ihn am wenigsten erwartet, in den eigenen vier Wänden, in der eigenen
Familie. Dass ein Mann beides sein kann: fürsorglicher Vater und skrupelloser
Kinderschänder. Monika Koch aus Siegen lebt seit 19 Jahren mit dieser Wahrheit.
Es geschah immer an den Abenden, an
denen ihr Ehemann seine Freunde in die hauseigene Sauna einlud. Angesehene
Männer: ein Arzt, ein Rechtsanwalt und ein Bankdirektor. Monika Koch brachte
die beiden Töchter noch ins Bett und verließ dann das Haus. „Papa ist ja da“,
dachte sie. Die Ehefrauen trafen sich in der Nähe. Während sie gemeinsam
töpferten oder kochten, geschah im Haus der Kochs das Unfassbare: Der Vater und
seine drei Freunde missbrauchten die ältere Tochter. Wie viele Jahre das Kind
das erleiden musste, weiß Monika Koch bis heute nicht genau. Ihre Tochter
sagt, dass sie noch im Kindergarten war, als es anfing.
Ein stilles,
scheues Kind
Jahrelang sei sie völlig ahnungslos
gewesen, sagt sie. Die Komplizen des Ehemannes gingen in ihrem Haus ein und
aus. Sie feierten zusammen Geburtstage und waren im selben Kegelclub. „Das
macht sich ja niemand klar“, sagt Monika Koch. „Dass das Leben so normal sein
kann und trotzdem so etwas Schlimmes passiert.“ In den Abgrund blickte sie zum
ersten Mal, als sie sich von ihrem Mann trennte. Die Tochter war damals zwölf
Jahre alt. Ein stilles, scheues Kind, nicht so forsch, nicht so selbstbewusst
wie die jüngere Schwester. „Dabei habe ich mir nie etwas gedacht“, sagt Monika
Koch. „Sie war halt mein Sensibelchen.“
Doch die Tochter wurde immer
verschlossener. Sie sackte in der Schule ab, klagte ständig über Kopfschmerzen.
Sie leidet unter der Trennung, dachte die Mutter. Sie ging mit ihr zu mehreren
Ärzten. Niemand fand etwas. Erst im Krankenhaus vertraute sich das Mädchen
schließlich einer Psychologin an. Monika Koch fühlte sich wie betäubt. „Die
Wahrheit dringt zuerst nur tröpfchenweise ins
Bewusstsein“, sagt sie, „sonst würde man verrückt werden.“ Doch irgendwann war
die Betäubung weg. Sie musste schreien oder weinen oder beides gleichzeitig.
Seitdem lebt sie mit dieser Wahrheit – und hat sie vermutlich nur
überlebt, weil ihre Kinder sie brauchten, wie sie sagt.
"Sie lebt
nicht mehr, sie existiert nur noch"
„Ich wusste nicht, wie ich mit meiner
Tochter umgehen sollte“, sagt Monika Koch. „Ich hatte Angst, sie unbewusst noch
mehr zu verletzen.“ Sie las viele Bücher über Missbrauch, zog um, beseitigte
alle äußeren Spuren der Vergangenheit: Fotos des Vaters, Möbel. Doch das
Erlebte holt die Tochter immer wieder heim, in Albträumen, bei denen sie sich
schreiend im Bett hin und her wälzt. Die Mutter kann dann nur neben ihr sitzen
und sie in den Arm nehmen.
Nach einem Selbstmordversuch schmiss
das Mädchen mit 15 die Schule. Wie viele Missbrauchs-Opfer flüchtete sie in die
Drogenszene, lebte auf der Straße. Heute, mit 31, ist sie in einem
Methadon-Programm. Doch die Sucht hat ihren Körper fast völlig zerstört. In
psychologischer Behandlung ist sie nicht mehr. „Ich habe das Gefühl, ihr seit
Jahren beim Sterben zuzusehen“, sagt Monika Koch. „Sie lebt nicht mehr, sie
existiert nur noch. Ihre Seele ist schon lange tot.“
"Verjährungsfrist
ist ein Skandal"
Die Mutter muss immer wieder weinen,
während sie erzählt. Sie ist eine kleine, zierliche Frau, mit blonden,
gelockten Haaren. „Eigentlich passte ich auch genau in sein Beuteschema“, sagt
sie bitter. Jahrelang konnte sie über das Unfassbare nicht sprechen. „Das
musste ich erst wieder lernen, damit ich für meine Tochter kämpfen konnte.“
2007 hat sie zusammen mit anderen Betroffenen den Verein „Ende des Schweigens“
gegründet. Sie wollen Missbrauchs-Opfern helfen – und aufklären. Monika Koch
erzählt ihre Geschichte jetzt in Schulen und Kindergärten. Sie will die Mütter
sensibilisieren. „Wenn ich auch nur ein Kind retten kann, hat sich die Arbeit
gelohnt“, sagt sie.
Lange Zeit hat sie die Täter nicht
angezeigt. Die Ärzte rieten ihr davon ab. Die Tochter sei nicht stabil genug.
Als diese schließlich 25 war, wagte das Mädchen den Angriff. "Doch
sie wurde nur wieder unerträglichen Demütigungen ausgesetzt", sagt Monika
Koch. Mit dem Fall sei ausgerechnet ein Staatsanwalt betraut gewesen, der
mit einem der Täter gut befreundet war. Der habe die Beweisaufnahme so lange
hinausgezögert, bis die Verjährungsfrist verstrichen sei. „Dass es für diese
Straftaten eine Verjährungsfrist gibt, ist ein Skandal“, sagt Monika Koch.
„Schließlich können gerade schwer traumatisierte Opfer erst nach Jahrzehnten
über die Tat sprechen.“
"Ich darf
niemanden richten"
Die Vorstellung, dass ihr Ex-Mann und
die anderen Täter weiter in Frieden leben können und vielleicht weitere Kinder
missbrauchen, sei für sie unerträglich. Sie sieht immer wieder diese Szene vor
sich, von der ihr die Tochter erzählt hat: Wie er das Kind an den Füßen kopfüber
aus dem Fenster hält. Wie er droht: „Ich lass’ Dich
los, wenn Du nicht mitmachst.“ Oft habe sie mit dem Gedanken gespielt, ihn
umzubringen. Sie denkt dann an den Fall Marianne Bachmeier, der Anfang der 80er
für Aufsehen sorgte. Bachmeier hat den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen
Tochter im Gerichtssaal erschossen. Auch Monika Koch hat damals
Verständnis für sie gehabt. „Doch ich weiß jetzt: Es ist viel schwieriger, es
nicht zu tun. Zu sagen: Ich darf niemanden richten.“
*Name und Wohnort von der Redaktion
geändert
>>Kontakt zum Verein "Ende
des Schweigens" über KISS -Siegen