
Heimerziehung in den fünfziger
und sechziger Jahren
Kinder haben Rechte –
Erinnerung und Ausblick
Vortrag von Prof. Dr.
Manfred Kappeler/Berlin
„Ich konnte nicht länger
schweigen – aber wer wird mir glauben?“ –
Über die
Traumatisierungen ehemaliger Heimkinder
Nachtrag
Leider war die Zeit für meinen Vortrag auf der Karlshöhe zu kurz bemessen,
so dass
ich nicht mehr auf traumatisierende Erfahrungen
von Erzieherinnen und Erziehern in
der Heim- und Fürsorgeerziehung der
vierziger bis siebziger Jahre eingehen konnte.
Ich kann hier dieses wichtige Thema nur kurz anreißen. Es würde eigentlich
den
zeitlichen Rahmen einer weiteren Tagung
erfordern.
Für Erzieherinnen und Erzieher ist es sehr schwer, heute offen und
selbstkritisch
über ihre Sichtweisen und Handlungen im
Berufsalltag jener Jahre zu reden. Wie
vielen ehemaligen Heimkindern schließt auch ihnen die Scham den Mund und
möglicherweise sogar die
Erinnerung. Aber die Scham der Erziehenden ist eine
andere als die der „Zöglinge“. Während die
der „Zöglinge“ aus verinnerlichten
Schuldzuschreibungen und gesellschaftlichen Unwert-Urteilen resultiert, hat
die
Scham der Erziehenden ihre Wurzeln im „pädagogischen Gewissen“ und im
Erschrecken vor dem Leiden, das sie den ihnen zur Unterstützung, zu Hilfe
und
Geborgenheit anvertrauten Kindern und Jugendlichen angetan haben. Dieses
Versagen sich selbst, den ehemaligen Heimkindern und möglicherweise in der
gegenwärtigen
Auseinandersetzung einer breiteren Öffentlichkeit einzugestehen,
erfordert große
Selbst-Aufrichtigkeit und sehr großen Mut. Ein solcher Schritt ist in
jedem Fall ein Wagnis und wird nicht ohne
seelische Erschütterungen möglich sein.
Man kann dieses Wagnis durchaus mit dem der ehemaligen Heimkinder – wenn
sie
über ihre Erfahrungen zu reden beginnen – vergleichen, wenn auch die
Hintergründe
und die Folgen sehr verschieden sind. Wenn
die Rede von der „notwendigen
Aufarbeitung der Heimerziehungsgeschichte“ von den heute Verantwortlichen
in der
Jugendhilfe und der Jugendpolitik aber ernst
gemeint ist, wird der Beitrag ehemaliger
Erzieherinnen und Erzieher unverzichtbar sein.
In den Kinderheimen und Fürsorgeerziehungsheimen der vierziger bis
siebziger
Jahre wurden vor allem solche Erzieherinnen und Erzieher traumatisierenden
Erfahrungen ausgesetzt, die mit pädagogischem Eros oder gar mit dem
Vorsatz,
diese Verhältnisse zu ändern, in diesen Totalen Institutionen ihren berufliche Weg
begannen. Am 22.1.2009 widmete der
Deutschlandfunk die Sendung „Hintergrund
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Politik“ (18.40 Uhr bis 19 Uhr) dem Schicksal der ehemaligen Heimkinder. In
der
Sendung wurde auch auf die Situation der ErzieherInnen eingegangen:
„Dennoch ergriffen junge Erzieherinnen und Erzieher manchmal auch für jene
Partei,
die ihnen anvertraut waren. Eine Chance hatten sie jedoch nicht. Das System
Heimerziehung funktionierte nur, indem auch Mitarbeiter, die andere
Vorstellungen
von ‚Fürsorge’ hatten, gebrochen wurden.
Dietmar Krone erzählt, wie junge,
freundliche Erzieher sehr schnell, von
heute auf morgen, verschwanden. Und Hans
Bauer (der ehemalige Leiter des Evangelischen Erziehungsverbandes wurde von
der
Niedersächsischen Landesbischofin Käßmann mit einer Untersuchung über die
Fürsorgeerziehung und Heimerziehung in kirchlichen Einrichtungen beauftragt, M.K)
hat in seinen Ermittlungen auch mit ehemaligen Mitarbeitern in Heimen
gesprochen,
unter anderem mit einer heute Siebzigjährigen, die Anfang der sechziger
Jahre in
einem Heim für Mädchen tätig war. Sie
erzählt, dass sie morgens ‚Unruhe in der
Gruppe hatte und dann kam der Pastor, der der Leiter dieser Einrichtung
war, und
hat das moniert und hat dann ihre Hand
genommen und gesagt: Und diese Hand
kann hier keine Ruhe schaffen? Dann hat er
dem Mädchen, das da ein bisschen laut
war, einen Pantoffel ausgezogen und es kräftig zusammengeschlagen, dass das
Mädchen wimmernd auf dem Boden lag, hat einem anderen Kind befohlen, einen
Eimer kaltes Wasser zu holen, hat das Wasser über das Kind gekippt und hat
die
junge Erzieherin angeguckt und gesagt: Und
das konnten Sie nicht’!?“
Ehemalige Erzieherinnen und Erzieher haben mir berichtet, dass sie gegen
ihre
pädagogische Überzeugung und ihre ethischen Norme
bereits nach wenigen
Monaten ihrer Arbeit im Heim angefangen haben, Kinder zu schlagen. Ich
zitiere aus
dem Bericht einer Ordensschwester:
„Ich habe als junge Nonne Heime gesehen, in denen kleine Kinder
untergebracht
waren, ausgestoßen und allein gelassen. Ich
war damals erschüttert, und ich schwor
bei Gott, dass ich diesen Kindern helfen
wollte. Sie sollten sich im Heim wohl fühlen,
das Heim sollte für sie ein Zuhause sein.
Ich wollte ihnen helfen, im Namen Gottes,
im Namen der christlichen Nächstenliebe.
Bei meinen Besuchen in Katholischen
Heimen habe ich Nonnen und weltliche Erzieher erlebt (…).
Ich sprach damals mit
ihnen, bevor ich selbst im Heim arbeitete.
Sie redeten alle von Nächstenliebe, aber
ich hatte den Eindruck, dass sie davon nur redeten und gerade das Gegenteil
von
dem praktizierten: Sie schlugen aus
nichtigen Anlässen auf kleine Kinder ein oder
verhängten Strafen. Sie waren einfach sehr
autoritär, und was mir besonders auffiel:
Sie waren alle fast nicht in der Lage, Kinder wirklich zu lieben!
Als ich dann selbst im Heim arbeitete, wollte ich nicht dieselben Fehler
machen. (…)
Doch schon bald hatte ich meinen Vorsatz aufgegeben. Ich verhielt mich den
Kindern
gegenüber ebenso wie die anderen Nonnen.
Auch ich fing an, Kinder zu schlagen,
zu bestrafen, sie mit Sanktionen zu
belegen. Und ich wusste – wie alle Nonnen und
Erzieher auch – dass die Kinder sich nicht wehren konnten. Sie waren uns,
unseren
Launen, unserer Macht hilflos ausgeliefert! Wir haben alle bei den Kindern
eine
große Angst verbreitet. Die Angst
beherrschte ihre Seele und ihren kleinen Körper
und ihr junges Leben. Ich hatte geglaubt,
diese Mittel einsetzen zu dürfen, weil ich
mit der ganzen Situation nicht mehr fertig
wurde.
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Wir konnten nicht anders; wir hatten einfach keine anderen Möglichkeiten,
ihnen zu
helfen, wir hatten ja auch keine pädagogische
Ausbildung. Wir dachten: Wenn wir die
Kinder einer strengen religiösen Erziehung
unterwerfen, so wäre das tatsächlich die
beste Hilfe, die man ihnen zuteil werden
lassen kann. Doch ich muss sagen: Ich war
wie alle anderen Nonnen und Erzieher einem großen Irrglauben, ja einem
Wahnsinn
verfallen. Wir alle glaubten, dass das
die beste Erziehung ist. Wir dachten uns nichts
dabei, die Kinder streng anzufassen, auch mal zuzuschlagen, sie zu
irgendetwas zu
zwingen. Wir haben den Kindern immer wieder
gesagt, dass wir sie im Namen von
Jesus Christus erziehen und ihnen helfen wollen.
Doch in Wirklichkeit haben wir –
auch wenn diese Erkenntnis schmerzlich ist!
– gegen diese christlichen Grundsätze
verstoßen. Wir sind nicht auf die Kinder
zugegangen wie Menschen, sondern wir
haben sie innerlich irgendwie abgelehnt (…).
Das Heim, in dem ich arbeitete, war ein katholisches Heim. Gott war das
Fundament
der Erziehung! (…) Durch die Drohung mit
Gott hatten wir die Kinder unter Kontrolle,
auch ihre Gedanken und Gefühle. Ist das
nicht das Ziel jeder konfessionellen
Erziehung, jedes konfessionellen Heimes? (…)
Erst vor kurzem hatte ich wieder einen dieser Träume: Ich sah wieder, wie
ich einen
etwa sieben Jahre alten Jungen bei der
Selbstbefriedigung erwischte. Ich war außer
mir und stellte ihn zur Rede. Doch das
Kind begriff nichts. Meine Wut wurde immer
größer, und ich zog ihn an den Haaren in den
Duschraum. Dort habe ich kaltes
Wasser in eine Wanne einlaufen lassen und den Jungen mit Gewalt dort hinein
gezerrt und ihn viele Male untergetaucht. (…)
Ich erinnere mich an einen anderen
Traum, der ebenfalls ein wirkliches Erlebnis in Form von schrecklichen
Bildern für
mich lebendig werden ließ. Ein Kind schrie,
weil es von einem anderen Kind
geschlagen wurde. Ich konnte dieses Schreien nicht mehr ertragen, brüllte es an.
Doch das Kind schrie weiter. Ich fasste ihn am Kopf und schlug ihn mehrmals
gegen
die Wand. Auf einmal hatte ich Blut an den
Händen, und ich erschrak. Ich sah das
Kind an. Das Kind zitterte am ganzen Körper und lief davon. Es sind schreckliche
Szenen, ich weiß! Doch was hilft das denn heute noch den Betroffenen –
nichts! (…)
Wir haben viele Fehler gemacht. Es war für die Kinder teilweise eine
furchtbare,
grauenhafte Zeit; es
war ein großes Vergehen ihnen und Gott gegenüber. Ein Kind
sagte einmal zu mir: ‚Der liebe Gott wird
Sie für alles, was Sie uns angetan haben,
sehr schwer bestrafen.’ Damals ballte ich
meine Hand zu einer Faust zusammen und
schlug dem Kind ins Gesicht. Heute weiß ich,
was das Kind mir mitteilen wollte! (…)
Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich weiß, was es für ein Kind bedeutet,
überhaupt in
einem Heim leben zu müssen und dann noch unter solchen schlimmen
Bedingungen. Ich kann es, wenn überhaupt, nur
erahnen. Dass wir die Kinder zu
keinem Zeitpunkt geliebt, sondern gehasst
haben, stimmt so nicht ganz. Ich
jedenfalls habe sie trotz allem geliebt.
Ich habe versucht, in christlicher
Nächstenliebe zu handeln. Ich kann mir nicht anderes vorwerfen als das,
überhaupt
in einem Heim gearbeitet zu haben.
Vielleicht war das aber keine Liebe, sondern
doch Hass. Und wenn mir heute Kinder von
damals in meinen Träumen begegnen,
weiß ich: Sie müssen sehr viel unter
unserer Gewalt gelitten haben!“ (aus: Homes,
Alexander Markus [1984].
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Wie dieser Nonne geht es anderen Erzieherinnen und Erziehern, die mir
berichtet
haben, dass sie noch heute, nach Jahrzehnten, in Albträumen von den Bildern
ihrer
Gewalttätigkeit gegenüber Kindern und Jugendlichen gepeinigt werden. In der
Anhörung des Petitionsausschusses berichtete ein Petent
über ein Gespräch mit
einem seiner ehemaligen Erzieher. Dieser
hatte ihm gesagt:
„Die Gesamtheit musste ja funktionieren, sonst waren da sehr schnell
chaotische
Zustände, die man zu verhindern hatte. Wenn man als Erzieher einen Ruf
hatte, bei
dem geht es drunter und drüber, das war ein schlechtes Image für einen
selber, von
daher stand man schon unter dem Zwang, in seiner Gruppe Ordnung zu haben,
und
das ließ sich bei der Masse von Kindern
oft nur mit Gewalt durchsetzen. (…) Ich
sage heute, ich habe mich schuldig gemacht, das tut mir heute noch weh, die
Jahre,
die man da Menschen misshandelt hat, aber als eigene Entlastung kann man
sagen:
Es war damals in der Zeit noch so, und die Zustände waren einfach heillos.
Was da
für Deformierungen von jungen Menschen passiert ist, das kann man nicht
wieder
gutmachen, das ist schuldhaft, nur dass man es nicht als Schuld einsieht
von den
Mitarbeitern, die dieses System verkörpert haben, das wird heute noch nicht
als
Schuld gesehen, ich persönlich muss sagen: Ich
sage mir manchmal, was sind wir
doch für erbärmliche Leute gewesen, dass
wir so reagieren mussten. Man hätte ja
auch auf die Barrikaden gehen können.“
Dieser Erzieher bezeichnet die Erziehungspraxis in den Heimen als „Kasernenhof-
Pädagogik“.
Ich schließe mit Zitaten aus Briefen eines Fünfzehnjährigen, der gegen
seinen Willen
von seinen Eltern auf der Grundlage psychiatrischer Diagnosen in eine
Geschlossene Abteilung der Diakonischen Anstalt Stetten eingewiesen
wurde:
„Alles habe ich verloren: Heimat, Eltern, Liebe, Glaube, Hoffnung und mich
selbst.
(…) Stetten ist mir die Hölle (…) Ich möchte mir den Schädel an diesen
Mauern
einrennen, die mich von mir selber
trennen.
Eben hatte ich mit Herrn Inspektor (dieser Inspektor war ein Pfarrer, M.K.)
ein
Gespräch, das heißt er sprach und ich hörte zu. Es war sehr erbaulich (…) Der
Inspektor nahm mir Turgenjews ‚Dunst’. Dieses
elende Leben ohne Reiz, ohne
Bildung, ohne Unterhaltung genüge einem Tier; ich will auch etwas nicht
Alltägliches
haben, wenn auch nur in Lektüren. Ihr würdet
mich da natürlich mit dem Pietismus
abspeisen. Der Inspektor wird es mich
schwer fühlen lassen, wenn er dies liest oder
davon hört, aber ich bitte Euch durchaus nicht,
ihm nichts zu sagen, ganz im
Gegenteil.
Da hält man mir Reden: ‚Wende dich an Gott, an Christus, etc., etc.!’ Ich kann eben
in diesem Gott nichts als einen Wahn, in diesem Christus nichts als einen
Menschen
sehen, mögt Ihr mir hundert Mal fluchen (…)
Papa nennt Stetten den ‚besten’ Ort, weil ich da dingfest bin und Ihr mich
sicher los
seid. O glaubt, diese kalten Erklärungen
meinerseits sind’s nicht, die mich erfüllen
und bewegen, nein, es ist ein wehmütiger Schmerz um den verlorenen ewigen
Frühling etc., ein
Heimweh, aber nicht nach Calw, sondern nach etwas Wahrem. (…)
Wenn ich vor Monaten mein jetziges Leben gesehen hätte, hätte ich’s für
einen
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bösen, unmöglichen Traum gehalten. Dieser
kalte, halb gelehrte, halb praktische
Pfarrer mit seinen Predigten, diese ungebildeten Wärter, diese Kranken mit
den
abstoßenden Gesichtern und Manieren, etc., etc., alles ist mir in der Seele verhasst
und wie gemacht, einem jungen Menschen zu zeigen, wie elend dieses Leben
mit
allem ist. Was habe ich immer für gute
Musik, gute Poesie etc. gegeben!: Von
alledem hier keine Spur, die nackteste,
ausgesucht finsterste Prosa. Es wäre anders,
wenn ich hier aufgewachsen wäre. Wie der
eben ausgeschlüpfte Schmetterling
könnte ich mich dann später der Sonne freuen.
Aber ich kenne die Sonne: Sperret
den ausgeschlüpften Schmetterling wieder
ein! Doch wozu diese Erklärungen, Ihr
seid in Calw und nicht in Stetten, ich bin
in Stetten und nicht in Calw. Ihr atmet eine
andere Luft als ich, ‚Hermann in Stetten’ ist
Euch fremd, ist Euer Sohn nicht.
Die Gartenarbeit ist mir verhasst, und seit ich hier bin, war ich erst
einige Male im
Garten, obgleich ich jeden Tag gehen ‚sollte’. ‚Mein Vater konnte mich
nicht
brauchen und hat mich nach Stetten
geschickt’ und damit basta. Da sitze ich, weil ich
anderswo nicht sein darf und weine über mich, während ich über den
Inspektor
lache. Ich lasse mich von ihm nicht zwingen.
Wenn er erfährt, dass ich nicht im
Garten oder im Livius arbeite, so gibt er mir zu wenig zu essen und
ähnliches;
vielleicht droht er auch mit Zellenhaft. Er mag’s tun.
Meine letzte Kraft will ich aufwenden, zu zeigen, dass ich nicht die
Maschine bin, die
man nur aufzuziehen braucht. Man hat mich
mit Gewalt in den Zug gesetzt,
herausgebracht nach Stetten, da bin ich und belästige die Welt nimmer, denn
Stetten
liegt außerhalb der Welt. Im Übrigen bin ich zwischen den vier Mauern mein Herr, ich
gehorche nicht und
werde nicht gehorchen.
Wenn der Inspektor es merkt, wird es furchtbare Auftritte geben, ich werde
geschunden werden, es geschieht ja alles zu
meinem Besten! (…)
Ich liebe mich selber, wie jeder, aber nicht deshalb kann ich hier nicht
leben, sondern
weil ich eine andere Atmosphäre brauche, um meinen Zweck als Mensch
erfüllen zu
könne und – zu wollen. (…) Was hilft es
mich, wenn Papa x-mal wiederholt: ‚Glaube,
dass wir es gut mit dir meinen’? Diese Phrase ist nicht die Bohne wert. Ich
muss
unter anderen Menschen sein. (…)
Es gibt hier kein Hoffen und Glauben, kein Lieben und Geliebtwerden,
viel weniger
irgendein Ideal, irgendetwas Schönes,
Ästhetisches, keine Kunst, keine Empfindung;
was mehr ist als Arbeit und Essen, fällt weg, es gibt nichts Höheres auf
der Erde,
keine größere Macht als den augenblicklichen Vorgesetzten, kein Motiv als
fremden
Befehl, es gibt, mit einem Wort gesagt, hier keinen Geist. (…)
Und jetzt frage ich, nur als Mensch (denn ich erlaube mir, gegen Euren
Willen und
meine fünfzehn Jahre, eine Ansicht zu
haben): Ist es recht, einen jungen Menschen,
der außer einer kleinen Schwäche der Nerven so ziemlich ganz gesund ist, in
eine
‚Heilanstalt für Schwachsinnige und Eleptische’
zu bringen, ihn gewaltsam den
Glauben an Liebe und Gerechtigkeit und damit an einen Gott zu rauben? (…)
Es mag Euch unverschämt erscheinen, aber was ich
im ersten, zweiten und dritten
Brief zwischen den Zeilen sagte, habt Ihr, vielleicht absichtlich, auf sich
beruhen
lassen, so sag’ ich’s im vierten Brief deutlich, denn Deutlichkeit erachte
ich für eine
Hauptbedingung in jeder Korrespondenz. Ihr sagt vielleicht: ‚Du hast ja die
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Verantwortung nicht’. Aber ich habe den Schaden, ich bin schlechterdings
einmal
das Medium und glaube, mich selber auch
etwas anzugehen. Ihr sagt als ‚Fromme’:
‚Die Sache ist ganz einfach. Wir sind Eltern, du bist Kind, damit basta.
Was wir
gutheißen, ist gut, mag’s
sein, was will.’
Ich aber sage von meinem Standpunkt aus: ‚Ich bin Mensch, Person,
wie Schiller
sagt, meine Erzeugerin ist allein die Natur, und
sie hat mich nie, nie schlecht
behandelt. Ich bin Mensch und erhebe vor
der Natur ernst und heilig den Anspruch
auf das allgemeine Menschenrecht und dann
auf das spezielle.’ (…) Doch auf
Ansichten von Nicht-Erwachsenen und auf deren Rechte als Menschen gebt Ihr
nichts. Das weiß ich, und lasse Euch Eure Ansicht. (…)
Hier wird jegliches Ideal, jede Liebe profaniert, missverstanden, verlacht.
Ihr sagt, ich
habe noch ein ganzes Leben vor mir.
Allerdings, aber die Jugend ist das Fundament,
da ist das Herz noch empfänglich für Gutes und Böses, aber ach, ich vergesse, dass
Ihr andere Menschen seid, ohne Makel und Fehl, wie
die Statue, aber ebenso tot. Ja,
Ihr seid echte, wahre Pietisten (…). Ihr seid
Christen, und ich – nur ein Mensch (…).
Gerne möchte ich fliehen, aber wohin im kalten Herbst, ohne Geld und ohne
Ziel, ins
Graue hinein? Wohin in dem von Landjägern durchkreuzten
Land? (…)
In Boll habe ich erst Lachen, dann Weinen gelernt, in Stetten habe ich auch
etwas
gelernt: Fluchen. Ja, das kann ich jetzt! Fluchen kann ich mir selbst und
Stetten vor
allem, dann den Verwandten, dem verhassten Traum und Wahn von Welt und
Gott,
Glück und Unglück. Wenn Ihr mir schreiben wollt, bitte nicht wieder Euren
Christus.
Er wird hier genug an die große Glocke gehängt. ‚Christus und Liebe, Gott
und
Seligkeit’ etc. etc. steht an jedem Ort, in jedem
Winkel geschrieben und dazwischen
– alles voll Hass und Feindschaft. (…)“
Schließlich geht dieser Jugendliche in seinen Briefen an die Eltern zum
„Sie“ über
und er schreibt an seinen Vater: „Sehr
geehrter Herr!“
„Da Sie sich so auffällig opferwillig zeigen, darf ich Sie vielleicht um 7
M oder gleich
um den Revolver bitten. Nachdem Sie mich
zur Verzweiflung gebracht, sind Sie doch
wohl bereit, mich dieser und sich meiner
rasch zu entledigen. Eigentlich hätte ich ja
schon im Juni krepieren sollen.
Sie schreiben: Wir machen dir gar keine ‚schrecklichen Vorwürfe’, weil ich
über
Stetten schimpfe. Dies wäre auch mir durchaus unverständlich, denn das
Recht zu
schimpfen darf man dem Pessimisten nicht nehmen,
weil es sein Einziges und
Letztes ist.
‚Vater’ ist doch ein seltsames Wort, ich scheine es nicht zu verstehen. Es
muss
jemand bezeichnen, den man lieben kann und
liebt, so recht von Herzen. Wie gerne
hätte ich eine solche Person! Könnten Sie
mir nicht einen Rat geben. In alter Zeit war
das Fortkommen leicht: Jetzt ist es
schwer, ohne Scheine, Ausweise etc.
durchzukommen. Ich bin
fünfzehnjährig und kräftig, vielleicht könnte ich an der
Bühne unterkommen?
Mit Herrn Schall mag ich nicht verhandeln, der herzlose Schwarzfrack ist
mir
verhasst, ich könnte ihn erstechen. Er gönnt mir keine Familie, so wenig
als Sie oder
irgendjemand.
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Ihre Verhältnisse zu mir scheinen sich immer gespannter zu gestalten, ich
glaube,
wenn ich Pietist und nicht Mensch wäre, wenn ich jede Eigenschaft und
Neigung an
mir ins Gegenteil verkehrte, könnte ich
mit Ihnen harmonieren. Aber so kann und will
ich nimmer leben und wenn ich ein Verbrechen
begehe, sind nächst mir Sie schuld,
Herr Hesse, der Sie mir die Freude am Leben nahmen.
Aus dem ‚lieben Hermann’ ist
ein Anderer geworden, ein Welthasser, ein Waise,
deren ‚Eltern’ leben.
Schreiben Sie nimmer ‚lieber H.’ etc.; es ist eine
gemeine Lüge.
Der Inspektor traf mich heute zweimal, während ich seinen Befehlen nicht
nachkam.
Ich hoffe, dass die Katastrophe nimmer lang auf sich warten lässt.“
Der Brief ist unterzeichnet mit H. Hesse, Gefangener im Zuchthaus zu
Stetten.
Hermann Hesse schrieb diese verzweifelten Briefe im Herbst 1892. Als er sie
im
Nachlass seiner Eltern wiederfand, verschnürte er den ganzen Briefwechsel
und
deponierte ihn auf dem Dachboden seines
Hauses. Ein ganzes Leben hatte er über
diese Erfahrungen geschwiegen. Die Scham
verschloss ihm den Mund. Nach seinem
Tod fand seine Frau die Briefe und veröffentlichte sie.
Literatur
Bonhoeffer, Martin (1973). Personale Organisation
im Heim – emotionale
Desorientierung für Kinder. In: Neue Sammlung. 13. Jg. Heft 4. Göttingen
Düchting, Otti (1952). Der Lebenserfolg
ehemaliger weiblicher Fürsorgezöglinge –
Eine Untersuchung an 300 Probandinnen. Dissertation an der Universität
Münster
Dührssen, Annemarie
(1958). Heimkinder und Pflegekinder in ihrer
Entwicklung.
Göttingen
Eyferth, Hanns (1950). Gefährdete Jugend – Erziehungshilfe bei Fehlentwicklung.
Hannover
Hesse, Hermann (1976). In Briefen und
Lebenszeugnissen 1877 bis 1895.
am Main
Homes, Markus (1984).
Heimerziehung – Lebenshilfe oder Beugehaft?
Main
Kühnast, Renate ((2008). Entschädigung für ehemalige Heimkinder. In: Zeitschrift
für
Rechtspolitik 2/2008
Jüngere Arbeiten des Autors zum Thema:
Kappeler, Manfred (2007). Ein hohes Maß an
Übereinstimmung – Heimerziehung in
Deutschland „Ost“ und Deutschland „West“. In: Jugendhilfe 45. Jahrg. Heft 6
Dezember 2007. Neuwied
Kappeler, Manfred (2008). Den
Menschenrechtsdiskurs in der Sozialen Arbeit vom
Kopf auf die Füße stellen. In: Widersprüche. 28. Jg., Heft 107. Bielefeld
Kappeler, Manfred (2008). Heimerziehung in der
Bundesrepublik Deutschland (1950-
1980) und der Deutschen Demokratischen Republik.
In: Forum
Erziehungswissenschaften. 14. Jg., Heft 2.
17
Kappeler, Manfred (2008). Von der Heimkampagne zur
Initiative des Vereins
ehemaliger Heimkinder. Über den Umgang mit
Vergangenheitsschuld in der
Kinder- und Jugendhilfe. In: neue praxis.
38. Jg., Heft 4. Neuwied
Kappeler, Manfred (2008). „Achtundsechzig“ und die
Folgen für Pädagogik und
Soziale Arbeit. In: Form Erziehungshilfe 5/2008. Weinheim
Autobiografische Berichte ehemaliger Heimkinder:
Graeber, Harry (2001). Misshandelte Zukunft. Mainz
Krone, Dietmar (2007). Albtraum Erziehungsheim – Die Geschichte meiner Jugend.
Leipzig
Page, Regina (2006). Der Albtraum meiner Kindheit
und Jugend –
Zwangseinweisung in deutsche Erziehungsheime. Leipzig
Schubert, Jürgen (1999). mundtot –
Nachkriegsbiografie eines nicht gewollten
Besatzer-Kindes.
Schünemann, Annelen (2008). Heim-Weh. Halle
Sucker, Richard (2008). Der Schrei zum Himmel – Kinderzwangsarbeit in
christlichen
und staatlichen
Kinderheimen.