Traumata verarbeiten lernen

Naturkatastrophen, Misshandlungen oder schwere Unfälle sind einschneidende Ereignisse, die das Leben der Betroffenen grundlegend verändern. Jeder Mensch verarbeitet ein solches Ereignis anders. Einige finden von selbst aus der 'traumatischen Zange', manche bleiben in ihr gefangen. Ein Netzwerk will Betroffene unterstützen.

 

Traumatische Situationen bedeuten Ausnahmezustand für den Körper: Alle Sinne sind auf das Geschehen ausgerichtet; bestimmte Vorgänge laufen anders ab als im Normalzustand. Die naturgegeben Reaktionen auf derartige Bedrohungen sind begrenzt: Flucht oder Kampf als einzige Möglichkeiten. In vielen Extremsituationen sind sowohl Flucht als auch Kampf ausgeschlossen – es entsteht die so genannte 'traumatische Zange'. Die Lage scheint aussichtslos; die Betroffenen 'erstarren', weil sie keine Möglichkeit haben, den extremen Stress in irgendeiner Form abzulassen. Derartige 'Erstarrungen' zu lösen, ist das Ziel des Österreichischen Netzwerkes für Traumatherapie.  http://www.oent.at

 

Reaktionen ernst nehmen und behandeln

 

„Jeder Mensch hat ein individuelles Reservoir von Bewältigungsmöglichkeiten, um einschneidende negative Erlebnisse psychisch zu verarbeiten", so Dr. Sylvia Wintersperger, Vereinsgründerin des ÖNT. Ein Teil der Betroffenen übersteht ein solches Erlebnis aus eigener Kraft – und das meist ohne Spätfolgen. Hilfreich sind dabei eine 'starke Persönlichkeit', Unterstützung des Umfeldes und ein gutes soziales Netz.

 

Fehlen diese Grundfesten und/oder kam es zu wiederholten bzw. schweren traumatischen Ereignissen, entsteht ein psychisches Trauma, das sich in verschiedenen Folgeerkrankungen zeigen kann - und das selbst Jahre nach der Bedrohung. Das Wort 'Trauma' bedeutet 'Verletzung'. Die seelische Verletzung des Psychotraumas kann ohne Unterstützung von außen nicht verarbeitet werden.

 

Die Folgen sind beispielsweise die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS oder engl. PTSD), die sich durch wiederkehrende Erinnerungen an die Erlebnisse (flash-backs) bemerkbar macht, ebenso durch Vermeiden bestimmter Situationen und durch Dauerstress; z.B. übermäßige Schreckhaftigkeit oder Wutausbrüche. Die Betroffenen leiden nicht nur unter starker Angst oder Hilflosigkeit, auch körperliche Reaktionen treten auf; darunter z.B. Herzrasen, Magen-Darm-Beschwerden oder Schlafstörungen. In extremem Fällen kommt es zum Gedächtnisverlust. Typisch für eine Posttraumatische Belastungsstörung ist, dass die Intensität der Gefühle über die Jahre nicht nachlässt. Auf diese Weise durchlebt der Betroffene das Ereignis genauso wie damals. "Die Vergangenheit wird immer und immer wieder als gegenwärtig erlebt – ein Teufelskreis", so die Psychologin Wintersperger. Weitere Folgen von unverarbeiteten Belastungssituationen sind Angststörungen, Depressionen, Alkoholsucht, Persönlichkeitsveränderungen oder Essstörungen.

 

All diese Reaktionen sind keinesfalls Zeichen einer Geisteskrankheit oder von abnormalem Verhalten. Vielmehr sind sie normale Reaktionen auf ungewöhnliche Situationen. Das Wichtigste ist, das eigene Verhalten, die eigenen Ängste ernst zu nehmen und sich nicht durch gut gemeinte Ratschläge von professioneller Hilfe abhalten zu lassen. Sprüche wie "Das wird schon wieder", helfen nicht dabei, Schicksalsschläge zu verarbeiten.

 

Psychotraumatherapie als eigenständiges Verfahren

 

Die Traumatherapie ist eine psychotherapeutische Behandlungsform, die verschiedene Methoden verbindet; unter anderem tiefenpsychologische, kognitive oder körpertherapeutische Konzepte. Ein Unterschied zu herkömmlichen psychotherapeutischen Methoden liegt laut dem Österreichischen Netzwerk für Traumatherapie darin, dass sich die Traumatherapie mit den typischen flash-backs beschäftigt. Ein flash-back ist ein Erinnerungsfetzen an das Erlebte, der durch bestimmte Auslöser (trigger) unwillkürlich ins Gedächtnis rückt. Diese flash-backs können auch Jahre nach dem Erlebnis auftreten; selbst wenn sie dem Alltagsbewusstsein bis dahin nicht zugänglich waren. Laut dem ÖNT kann die Traumatherapie diese Erinnerungen zugänglich und beeinflussbar machen. Mit professioneller Hilfe können die Betroffenen also lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen und das Erlebte zu verarbeiten.

 

 

Publiziert bei: http://www.meduniqa.at/6217.0.html