Monika Hauser ist in St.
Gallen geboren und aufgewachsen, lebt in Köln und hat trotzdem einen starken
Bezug zu Zürich. Einerseits ist ihre Biografie «Monika Hauser – Nicht aufhören anzufangen» im Zürcher Verlag Rüffer und Rub erschienen. Die
«WOZ» schrieb dazu: «Das Buch ist keine leichte Kost - doch es führt einem
unmissverständlich vor Augen, dass endlich Schluss sein muss mit der
Tabuisierung der Taten und der Stigmatisierung der Opfer.»
Andererseits wurde in Zürich vor einem Jahr die Stiftung Medica Mondiale Foundation Switzerland gegründet, die in der Schweiz Spenden für
Hausers Organisation in Köln sammelt (PK 80-151-4)
Frau Hauser*, vor 16
Jahren haben Sie begonnen, in Bosnien Frauen zu helfen, die im Krieg
vergewaltigt wurden. Wo sind heute die grössten
Krisenherde?
Besonders akut ist es im Osten des Kongos. Dort werden tagtäglich dutzende Frauen vergewaltigt, und
zwar nicht nur von Rebellen, sondern auch von Regierungssoldaten. Gleichzeitig
kaufen sich UN-Soldaten für zwei, drei Dollar eine 12-Jährige und die Politik
schaut nicht hin. Doch auch in Bosnien ist der Krieg gegen Frauen nicht vorbei,
obwohl die Waffen schon lange schweigen. Einerseits haben viele Männer ihr
gewalttätiges Verhalten, das sie im Krieg erlernten, nicht abgelegt. Andererseits
sind aus den Vergewaltigungen von damals Kinder hervorgegangen, die heute in
der Pubertät sind. Das wird von der Gesellschaft stigmatisiert,
was weitere Traumata auslöst.
Wir müssen diesen Menschen helfen, ein neues Leben zu beginnen.
Für Ihren Einsatz für kriegstraumatisierte Frauen sind Sie vor einem Jahr mit dem
alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden. Ist Ihre Arbeit dadurch einfacher
geworden?
Die Widerstände sind geblieben. Weder lokale Politiker in Krisengebieten noch
jene auf dem internationalen politischen Parkett zeigen Bereitschaft, sich mit
unserem Thema zu beschäftigen. Doch diese Auszeichnung hat gezeigt, dass
Vergewaltigungen definitiv nicht mehr unter «Kollateralschaden»
eines Kriegen laufen, sondern dass sie zuoberst auf
die politische Agenda gehören.
Als Sie vor 17 Jahren
einem deutschen Diplomaten eröffneten, dass Sie sich in Bosnien für Frauen
einsetzen wollen, sagte dieser, Sie hätten nicht alle Tassen im Schrank. Reden
Sie von Widerständen dieses Ausmasses?
Ich rede von Widerständen aller Art. Davon, dass Chefredakteure grosser Zeitungen nicht mehr über das Thema berichten
wollen, weil sie sagen: «Das hatten wir doch schon vor einem Jahr.» Oder davon, dass die deutsche Ausstellung «Flucht und
Vertreibung im zweiten Weltkrieg» das Thema Kriegsvergewaltigung ausspart. Oder
davon, dass wir seit einem Jahr eine Uno-Resolution haben, die Vergewaltigungen
als Kriegsverbrechen ächtet, aber in Tat und Wahrheit nicht umgesetzt wird.
Was ist das effektivste
Mittel, um die kriegsbedingte Gewalt gegen Frauen einzudämmen?
Freiwilligkeit allein reicht leider nicht aus. Was es braucht, sind
Regierungen, die willens sind, finanziellen Druck auszuüben. Erst, als man dem
afghanischen Präsidenten Hamid Karzai
drohte, den Geldhahn abzudrehen, wenn er die Korruption in seinem Land nicht
endlich unterbindet, hat er binnen zehn Tagen 15 korrupte Minister entlassen. Doch
für dieses entschlossene Vorgehen fehlt vielen Ländern der Wille, wenn es um
sexualisierte Gewalt geht.
Heute sind Sie in Zürich,
um vor Ärzten und Ärztinnen an der Frauenklinik einen Vortrag zu halten. Lässt
sich daraus schliessen, dass in Zürich kriegstraumatisierte Frauen nicht adäquat behandelt werden?
Einerseits leben in Zürich Frauen, die aus Kriegsgebieten geflüchtet sind. Das
Personal muss im Umgang mit ihnen geschult werden, um sie angebracht zu
behandeln. Gleichzeitig muss man sehen, dass auch in
der Schweiz Gewalt gegen Frauen ausgeübt wird. In Deutschland haben 40 Prozent
aller Frauen Gewalterfahrungen gemacht, in der Schweiz wird das ähnlich sein. Das
heisst, dass auch in den Schweizer Spitälern Opfer
und Täter von sexueller Gewalt arbeiten. Sie müssen ihre eigene Geschichte
verarbeiten, bevor sie Überlebenden aus Kriegs- und Friedensgebieten helfen
können.
In den 16 Jahren von
Medica Mondiale haben Sie Tausende Frauen kennengelernt, denen schlimmste Kriegsgräuel widerfahren
sind. Welche war für Sie die eindrücklichste Begegnung?
Die eindrücklichste gibt es nicht. Aber ich nenne ein Beispiel: Am 4. April
haben wir in Bosnien den 16ten Jahrestag seit der Gründung von Medica Zenica gefeiert. Damals kam eine Frau auf mich zu und
sagte: «Monika, kennst Du mich denn nicht mehr?» Sie
war eine unserer ersten Klientinnen. Sie war wochenlang in einem Lager
eingesperrt, wurde unzählige Male vergewaltigt und hatte nach einer schweren
Flucht ihr Leben aufgegeben. 16 Jahre später kam sie als strahlende, kraftvolle
Frau auf mich zu und kann als Friseurin sich und ihre Kinder ernähren. Doch was
mich am meisten berührte: Sie leitet heute eine Selbsthilfegruppe in Bosnien,
in der sie unsere Arbeit weiterführt. Diese Form von Solidarität ist für mich
eine wundervolle Form, würdevoll ins Leben zurückzukommen. Geschichten wie
diese sind für mich persönlich der grösste Erfolg.
* Die Gynäkologin Monika
Hauser wurde 1959 geboren, wuchs in St. Gallen auf und lebt heute in Köln. 1993
gründete sie ihre Organisation Medica Mondiale, die kriegstraumatisierten Frauen psychologische und
medizinische Hilfe anbietet. Vor einem Jahr ist sie
mit dem alternativen Nobelpreis geehrt worden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt:
17.12.2009, 14:09 Uhr
http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/rechtes-ufer/UNSoldaten-kaufen-sich-12Jaehrige-und-die-Politik-schaut-nicht-hin/story/30084384