Zur Arbeit
gezwungen, scharf bewacht und bestraft, so ging es vielen Heimkindern der
Nachkriegszeit. Nun könnte es eine Anhörung im Bundestag geben – zwei Männer
erinnern sich an eine Jugend, die keine war
Von Deike Diening Der
Tagesspiegel
http://www.tagesspiegel.de/dritte-seite/archiv/15.10.2006/2837676.asp
Das dunkelste
Kapitel im Leben von Wolfgang Rosenkötter liegt gut 44 Jahre oder 183 Kilometer
von seiner Wohnung in Hamburg entfernt, man kann jederzeit hinfahren, aber er
hat das erst einmal getan in den Jahrzehnten. Doch Rosenkötter will der Sache jetzt
ins Auge sehen. „Die Gegend um Diepholz ist Schweinegegend“, sagt er und faltet
sich mit seiner Nadelstreifenhose ins Auto. Der Geruch von Gülle hänge überm
Land. Er lächelt. „Man weiß es, wenn man da ist.“
Als im Februar 2006 das Buch „Schläge im Namen des Herrn“, geschrieben vom
Autor Peter Wensierski, erschien, kehrte für Hunderte Menschen in der
Bundesrepublik eine Erinnerung zurück an die Kinder- und Jugendheime der 50er
und 60er Jahre. Ehemalige Heimkinder erinnerten sich plötzlich wieder, wie sie,
oft aus dürftigen Gründen, in Heime eingewiesen wurden. Es waren böse
Erinnerungen. Sie bewiesen, dass Kindesmisshandlung nicht erst ein Thema des
21. Jahrhunderts ist, und beim Lesen des Buches kam einigen zum ersten Mal die
Idee, dass sie vielleicht gar nicht selbst die Schuld trugen an den
Verformungen ihres Lebens. Dass es vielleicht doch keinen Grund gab, sich ein
Leben lang zu schämen.
Seitdem finden die Heimkinder ihre
Sprache wieder. 3000 Heime hat es gegeben, gut 80 Prozent davon waren konfessionell,
über eine halbe Million Kinder waren dort. Natürlich sind nicht alle Opfer, die
genauen Zahlen kennt keiner, doch immer mehr melden sich beim 2004 gegründeten
„Verein ehemaliger Heimkinder“ mit ungeheuren Geschichten.
In der kommenden Woche soll der Petitionsausschuss entscheiden, ob es eine
Anhörung im Bundestag zu diesem Thema geben wird. Wenn alles gut geht, findet
die bis Ende November statt. Dann kann sich auch die Politik ein Bild davon
machen, was in Nachkriegsdeutschland in den Jugendheimen geschah:
Menschenrechtsverletzungen, Freiheitsentzug, Ausbeutung. Schließlich war der
Staat in Gestalt der Jugendbeauftragten, der beschlussfreudigen Ämter und
fehlenden Kontrollen auch beteiligt. Ist das Thema einmal auf der politischen
Ebene, könnte es um Rentenansprüche und Entschädigungen gehen. „Sie müssen es
sich schon allein deshalb anhören, damit so was nie wieder passieren kann“,
findet Rosenkötter. Denn rufen nicht längst wieder mehr Politiker, Erzieher,
Eltern nach „Disziplin“ und „Ordnung“?
Wolfgang Rosenkötter, 62, hat seiner Frau erst nach beinahe 20 Jahren Ehe
erzählt, dass auch er ein „Heimkind“ ist. „Vorher“, sagt er und blickt auf den
Stau vor der Windschutzscheibe, „war es einfach weg.“ Verdrängt.
Er lebt von Hartz IV und nun seit einem Jahr von seiner Frau getrennt und fragt
sich in seiner sanften Art, ob sein Leben ein anderes gewesen wäre, ohne diese
Jahre in den Heimen. Ob sie vielleicht noch zusammen wären, wenn er früher
gewusst hätte, woher diese Grundunruhe kam. Er konnte ja nicht einmal still
sitzen, wenn die Familie sich zum Essen traf. Rosenkötter, der Pfleger wurde,
das Abitur nachmachte, Sozialwissenschaften studierte, bei der AOK arbeitete
und seinen Sohn auf die Waldorfschule schickte, kennt die Gründe immer noch
nicht, weshalb er mit 15 Jahren eingewiesen wurde. „Meine Eltern waren
getrennt“, sagt er. Er war vor allem beim Vater und der Großmutter in
Bielefeld. Aber der Vater, dessen Krawatte stets saß, „fühlte sich überfordert“
von dem Sohn, der sich in Bücher flüchtete und auch mal Kinogeld stahl. Der
Rechtsanwalt beantragte „freiwillige Erziehungshilfe“.
Aus dem ersten Heim lief Rosenkötter weg, aus dem zweiten auch. Dann kam
Freistatt. Freistatt liegt südlich von Bremen und besteht noch heute nur aus
der gleichnamigen Einrichtung. „Freistatt galt als Endstation“, sagt Wolfgang
Rosenkötter. Es war einsam gelegen im Moor und damals ein Arbeitslager zum
Torfstechen und -pressen, Flucht kaum möglich. Aber im Unterschied zu echten
Straftätern kannten die Jugendlichen ihr Urteil nicht. Wie lange sollten sie
hier bleiben? Ein Jahr, zwei, für immer?
„Man gibt sich sehr schnell auf“, hatte Dietmar Krone ein paar Tage zuvor in
seiner stillen Berliner Wohnung gesagt und, bevor er mit seiner Geschichte
begann, einen starken Kaffee gekocht. Nur ein paar Tage seien es, „dann hofft
man nur noch, dass es vorbei ist mit der Prügel“. Sie konnten ja nicht ahnen,
dass es ihr ganzes Leben nicht vorbei sein würde. Krone ist wie Rosenkötter im
„Verein ehemaliger Heimkinder“, 20 Euro Jahresbeitrag, zwölf für
Hartz-IV-Empfänger. Davon gibt es viele.
Ihm sind die Grundsätze der Nachkriegserziehung im Wortsinn eingebläut worden. Die
beiden Kirchen haben die Misshandlungen mittlerweile zugeben müssen. Die
katholische Caritas bedauert „Traumatisierungen“, die evangelische Kinder- und
Jugendhilfe erkennt an, „dass schwerste seelische und körperliche Schäden“ die
Folge waren. Aber es gibt andere, die sagen sinngemäß, in den Heimen hätten
nicht sie, die Kirchenleute, aus eigener Motivation geprügelt, da habe auch der
„Zeitgeist“ geprügelt.
Hier und hier und hier – Krone zeigt die Narben am Kinn, seine Handgelenke sind
versteift, wo sie ihn am Bett justiert hatten, zwei seiner Wirbel sind nach
einem Tritt in den Rücken zusammengewachsen. 30 Jahre, sagt Krone, brauche man,
bis man über ein Trauma reden kann.
„Ich war ein Verkehrsunfall“, sagt der Sohn heute. „Du hast mir die Figur
versaut“, sagte seine Mutter damals und verbannte ihn auf den Dachboden. Es
gibt von ihm kein einziges Kinderfoto, aber schwerer wog, dass es nie genug zu
essen gab. Die Mutter hat ihm einmal Nase und Rippen gebrochen. Aber wenn er in
den Küchenresten hinter dem Altenheim stöberte, war ihr das peinlich vor den
Nachbarn.
Krone lernte irgendwann einen Mann der Freikirche kennen, „da habe ich wohl
Mitleid erweckt“. Der hat mit ihm gebetet, und Dietmar Krone bekam zu essen. Sie
wurden Freunde. Richard lebte in Wuppertal, und zu ihm fuhr Dietmar Krone
manchmal, und manchmal übernachtete er auch dort. Seine Mutter rief die Polizei:
Mein Sohn ist in den Händen eines Sexualverbrechers. An einem Januarmorgen,
fünf Uhr früh, trat der Staat die Tür ein und verhaftete die beiden in
Unterhose und Strümpfen.
Richard kam ins Gefängnis, für Dietmar galt: Fürsorge bis Vollendung des 21. Lebensjahres,
im Namen des Volkes, Abtransport in Handschellen. Man stellt ihn 1968 im
Jugenderziehungsheim Viersen-Süchteln den anderen vor: Dies ist Dietmar,
„professioneller Stricher“. Von da an war er fünf Jahre in der Defensive.
Bis 1973 blieb er im Heim. Er hat 20 Meter Flur mit einer Zahnbürste geputzt. Er
stand jeden Morgen um sechs beim Frühappell, er trug Holzbretter mit Riemen an
den Füßen. Er verbrachte Tage auf der Pritsche im „Besinnungszimmer“, in das
nur ein Glasbaustein Licht ließ. Aber hauptsächlich hat er gearbeitet:
Elektroteile zusammengebaut, vier Pfennig die Stunde, sieben Mark 20 im Monat. Draußen
war Wirtschaftswunder.
Nachdem sein einziger Freund im Heim Selbstmord begangen hatte, nachdem er nach
Tagen in der Besinnungszelle mit dem Messer auf einen Erzieher losgegangen war,
steckte man ihn in die Psychiatrie, schnallte ihn ans Bett und stellte ihn mit
Medikamenten ruhig. Einmal hat ihn ein mitleidiger Pfleger umarmt, ein
verstörendes Erlebnis.
Später erfand er für Freunde eine Kindheit mit Garten und Klavierunterricht. Die
Fürsorge seiner Mutter, sagte er dann, sei ihm echt auf die Nerven gegangen. 1974
entdeckte er auf einem Flohmarkt eine charmante kleine Uhr in einem grünen
Würfel. Weil sie nicht lief, brachte er sie zu einem Uhrmacher. Der sagte:
wegwerfen. Aber Krone öffnete vorsichtig ihr Gehäuse und entdeckte, dass er nur
eine winzige Feder wieder einhängen musste. Es war möglich, die Uhr nach einer
sorgfältigen Prüfung des Innenlebens wieder in den Takt zu bringen. Das war ein
Schlüsselerlebnis. Hier war Feinheit nach all der Rohheit. Er wusste jetzt, was
er tun wollte. Er widmete sich der Feinmechanik der Uhren, bis sie wieder im
Takt der Welt schlugen.
Krone wurde Antikhändler, Autodidakt und Experte für viktorianischen Schmuck.
Er hat zwei Jahre lang Ware gesammelt, bevor er den Antikhandel in
Charlottenburg aufgemacht hat. Er steht in den Gelben Seiten. Das ist der
Beweis, auch für ihn selbst. Wer in den Gelben Seiten steht, ist nicht asozial.
Der Landschaftsverband Rheinland meldet auf Anfrage, seine Akten seien
vernichtet. Rechtlich ist das nicht anfechtbar.
Dietmar Krone hat gemerkt, er kann niemandem mehr bedingungslos vertrauen. Er
hat sich eine stille Insel geschaffen mit hohen Deichen. Aber am Morgen, ganz
früh, schreckt er immer noch auf und will aufspringen. Er hat ein schlechtes
Gewissen und muss sich dann gut zureden, dass er liegen bleiben darf. Nur
manchmal wundert sich einer, dass sein Kühlschrank immer so voll ist. „Hey,
Didi, hast du mal schwere Zeiten erlebt?“ Jetzt nimmt er die Höchstdosis
Morphium gegen den Krebs. Er hat nicht mehr viel Zeit.
Wolfgang Rosenkötter hat noch viel Zeit, „in meiner Familie werden sie alt“. Die
ersten drei Monate in Freistatt bekamen sie zur Arbeit Holzbotten mit steifen Sohlen,
in denen man nicht laufen, also auch nicht weglaufen
konnte. Wollten sie rauchen, mussten sie warten, bis die Aufpasser „Feuer
frei!“ riefen. „Dan-ke“ mussten die Jungs dann vernehmlich rufen. Den ganzen
Tag bedankten sich in Freistatt die Ausgebeuteten laut und deutlich bei ihren
Ausbeutern.
„Es war komisch, sich die ganze Zeit für alles bedanken zu müssen“, sagt
Rosenkötter. „Sein“ Haus, das Haus „Moorhort“, steht noch, das einzige alte
Gebäude auf dem Gelände, heute ist es ein Lager. Freistatt ist immer noch eine
diakonische Einrichtung, für Alkoholiker, Alte und Jugendliche. Aber niemand
sticht mehr Torf. Und wenn wie jetzt ein ergrautes Kind von damals zu Besuch
kommt, holen die Freistätter ihre Schlüssel raus und sehen, wie die alten
Männer sich abstützen müssen, weil sie vor ihrem inneren Auge sehen, was nicht
mehr zu sehen ist.
Rosenkötter steht da in seinem Nadelstreifenanzug, dessen Streifen sich
großzügig um den Körper runden, und sieht den Aufenthaltsraum, in der Mitte den
Billardtisch. Und dann steht der Hausvater in der Tür, alter SS-Mann, nun
Diakon. Er ist dicklich wie immer, trägt Stiefel wie immer und läuft mit der
Peitsche herum. Er hat seine Uniform an, die ist vom Krieg übrig. Im Entengang
sollen die Jungen um den Tisch watscheln, wer nicht mehr kann und umfällt,
lernt die Peitsche näher kennen.
Rosenkötter geht nach oben, durchs Treppenhaus, trappel, trappel, hier waren
wir immer in Eile, nach oben, wo die Schlafsäle sind, 40 in einem Raum. „Gute
Nacht, Jungs!“ – „Dan-ke!“ Die Legislative, Judikative und Exekutive, auch
Erzieher genannt, schläft hinter einem Beobachtungsfenster zum Schlafsaal. Seltsamerweise
ist das ein wählerisches Fenster. Es versagt den Dienst, wenn es zum Schutz der
Schwachen gebraucht werden könnte. Und so bleibt es still auf der anderen
Seite, wenn im Schlafsaal nachts die Rangkämpfe beginnen. „Das System war
einfach“, sagt Rosenkötter: „Die Erzieher mussten den Stärksten ausfindig
machen und dessen Willen brechen.“ Dann sind die anderen auch gefolgt.
Immer in Kolonne und zugleich allein gingen sie sonntags in die Kirche und
werktags ins Moor. Sie pumpten die Lore hinaus, und es war nicht nur so, dass
die Drakoner von der Diakonie Gott auf ihrer Seite hatten, sondern selbst das
Moor. Wenn man flüchten wollte, sperrte es sein wässriges Maul auf und drohte,
einen zu verschlucken. Rosenkötter erzählt das alles friedlich. „Für Wut war
gar kein Platz“, sagt er. „Da war nur Angst.“
Freistatt ist eine der offeneren Anstalten. Sie geben zu, dass hier im Namen der
Kirche unsägliche Dinge geschehen sind. Die Ehemaligen dürfen in Freistatt ihre
alten Akten sehen, und die Heimleitung stellt Bescheinigungen aus, auf denen
steht, dass die damalige Arbeit nach heutigen Maßstäben
sozialversicherungspflichtig gewesen wäre. Allerdings müsse man auch beachten,
dass auch die Erzieher – nur Diakone, keine ausgebildeten Pädagogen –
überfordert waren, sagt ein Erzieher von heute.
Marlene Rupprecht, Kinderbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, erhofft sich
von einer Anhörung, dass man aus der Zeit lernen kann für die Grauzonen, die es
auch heute noch in der geschlossenen Unterbringung gibt. Und die Heimkinder?
Wollen Genugtuung. Eine Entschuldigung. Manche auch eine Entschädigung. Das
Prozessrecht in Deutschland erlaubt keine Sammelklagen. Jeder müsste einzeln
klagen, viele von ihnen haben kein Geld, und weil Prozesskostenhilfe nur bei
Aussicht auf Erfolg bewilligt wird, hat sich Michael Witti bereit erklärt, den
Erfolg zu schätzen. Witti ist Experte für Entschädigungen. Er hat schon die
Interessen ehemaliger NS-Zwangsarbeiter aus den USA vertreten. Am 21. Oktober
wird er dem Verein Auskunft geben.
Dann hinaus auf die Landstraße. An der Ecke steht ein Mann, raucht und guckt
den Autos hinterher. Menschen am Steuer ihres Lebens. Da ist Rosenkötter wieder
40 Jahre zurückgeworfen. Das, ruft er, war früher auch schon immer so. Dort
stand immer jemand an dieser Ecke, der rauchte und bewegungslos in die Welt
guckte. Auf der einzigen
Straße, die von Freistatt wegführte.