Lokal-Reportagen
Kreis Holzminden (25.03.06). Sie sollen in einer Gesellschaft
bestehen, die ihnen das Rüstzeug dafür verweigert
hat: Zuneigung haben sie nicht erfahren, Vertrauen nicht
aufbauen können. Michael-Peter Schiltsky muss, weil
er aus Vahlbruch ist, der Ankerpunkt dieser TAH-Reportage
sein, obwohl er darin eigentlich gar nicht auftauchen möchte.
Doch Schiltsky ist Heimkind der Wirtschaftswunderzeit, ein
geschundenes, ein missbrauchtes Kind. Und er hat, als einer
von ganz, ganz wenigen, das Abitur geschafft und studiert.
Gesprochen hat er über das, was ihm in seiner Jugend
passierte, lange Zeit nicht. Jetzt aber ist er Sprachrohr
und Anlaufstelle des jungen Vereins ehemaliger Heimkinder,
tourt durch Talkshows (am 30. März bei Johannes B.
Kerner), mahnt in Radiosendungen die Pflicht von Staat und
Kirche als Betreiber der Heime an, die Betroffenen - es
sind mehrere 100.000 - als Opfer eines lange verschwiegenen,
unrühmlichen Kapitels deutscher Heimerziehungs-Geschichte
anzuerkennen.
Der Mann mit dem Zopf, der obligatorischen Fliege und
der stets korrekt zugeknöpften Weste ist Germanist
und Künstler. Sein Zuhause haben er und seine Familie
in Vahlbruch gefunden. Ein altes Fachwerkgehöft hält
als Wohndomizil, Künstlerwerkstatt und jetzt auch als
Büro für den Verein ehemaliger Heimkinder her.
Die Zimmer sind niedrig, kaum zu heizen. Kalt bleibt’s,
egal, wie viele Scheite Schiltsky in den bollernden Kaminofen
schiebt. Es ist, als will dieser Raum wiedergeben, was Michael-Peter
Schiltsky in all den Jahren nach dem Heim nicht ablegen
konnte: diese Ahnung von der Erfahrung menschlicher Kälte,
diese ständige Angst, allein gelassen zu werden. „Es
fehlt, was man normalerweise mit Urvertrauen bezeichnet”,
sagt der Mann, der mit 14, neu im Heim, in seiner ersten
Nacht erfahren musste, dass menschliche Nähe schlimm,
schmerzhaft, unerträglich sein kann.
„Nicht jeder hat die Möglichkeit, über seine
Arbeit das Ventil zu finden, um sein Leid herauszuschreien”,
sagt Bildhauer Michael-Peter Schiltsky, der sein Leben sehr
viel besser in den Griff bekommen hat, als viele seiner
Leidensgenossen. Deshalb formuliert er für sie, was
sie erleiden mussten, was sich fortsetzt bis zum heutigen
Tag: Wer in seiner Kindheit, in seiner Jugend als dumm bezeichnet
wurde, so in den Akten landete, der muss auch heute noch
erfahren, dass es schwer ist, der Bürokratie das Gegenteil
zu beweisen.
„Wenn Du nicht brav bist, dann kommst Du ins Heim!”,
diesen Satz haben in den 50er und 60er Jahren Millionen
junger Menschen zu hören bekommen. Am Ende waren es
einige hunderttausend Kinder und Jugendliche, die tatsächlich
hinter den Mauern der staatlichen und kirchlichen Erziehungsanstalten
zu „Zucht und Ordnung” erzogen wurden. „Für
sie fiel eine schwere Tür ins Schloss, hinter der sie
die ganz anderen, die dunklen fünfziger Jahre erlebten”,
schreibt Peter Wensierski in seinem Buch „Schläge
im Namen des Herrn - Die verdrängte Geschichte der
Heimkinder in der Bundesrepublik”.
Der Spiegel-Autor hat mit seinem Buch die Intitialzündung
geschafft: Endlich ist das Schicksal der ehemaligen Heimkinder
Thema. Gemeinsam mit Michael-Peter Schiltsky und weiteren
Betroffenen, sie sich aus der Deckung wagen, spricht er
offen aus, was lange tabu war: „Wer in die Heime kam,
war selten ein Waisenkind oder Krimineller. Es waren meist
nichtige Gründe, die zur Einweisung in die Erziehungsanstalten
führten - Gründe, die ein gesellschaftliches Kartell
bestimmte, zu dem Jugendbehörden, Gerichte, Lehrer,
Nachbarn, Eltern und vor allem die damals noch einflussreichen
Kirchen gehörten”. In den Heimen wurde geprügelt,
mit Lederriemen und Gummischläuchen, zwangsmedikamentiert,
gab es sexuellen Missbrauch und Zwangsarbeit, in den Heimen
war die Liste der Erniedrigungen, Demütigungen und
Verletzungen endlos lang. Das, weiß Schiltsky, lag
auch daran, dass die kirchlichen Mitarbeiter für die
Arbeit, die sie machen mussten, nicht ausgebildet waren.
Pädagogik wurde durch Härte ersetzt. Statt Nächstenliebe
gab es Gebete.
Heute versucht Michael-Peter Schiltsky, mit den Heimträgern
von damals ins Gespräch zu kommen. Briefe aus Vahlbruch
gehen an den Bundestag und den Bundespräsidenten, an
die Bundeskanzlerin, die Kirchenleitungen und die Länder.
„Wir bitten (…) um eine Erklärung, in der
die Ereignisse von damals unmissverständlich als geschehenes
Unrecht benannt werden”. Eine unmissverständliche
Entschuldigung verlangen die Betroffenen. „Es ist
an der Zeit, uns nicht weiter mit unseren Problemen allein
zu lassen. Eine große Zahl ehemaliger Heimkinder leidet
bis heute unter den Folgen der menschenverachtenden Behandlung,
der sie als Kinder und Jugendliche ausgesetzt gewesen waren”,
appelliert er an die Oberen in Staat und Kirche.
Schiltsky wird täglich mit den Folgen der Heimzeit
konfrontiert. Bei sich selbst - „schlimm sind diese
Flashbacks, manchmal nur Kleinigkeiten. Es sind Farben,
Bilder, Gerüche, die einen zurückversetzen”,
noch heute geht er nicht ins Gasthaus. Das Besteck-Klappern,
die Tischreihen… - Und bei den Menschen, die sich
an ihn als Leiter Anlaufstelle des Vereins wenden. Langsam,
vorsichtig, wagen sie, die nicht einmal ihrem Lebenspartner
etwas von ihrem Heimschicksal erzählt haben, sich vor.
„Jeden Tag erreichen mich zehn, 20 Mails von Betroffenen.
Viele haben niemandem etwas erzählt. Das bedeutet gleichzeitig,
dass sie allein sind mit ihrer Geschichte”. Eine Geschichte,
die lange niemand hören wollte. „Das Problem
ist, wir können alle nicht beweisen, was mit uns passiert
ist. Nur durch die Vielzahl der Berichte ergibt sich ein
Gesamtbild, das die einzelnen subjektiven Aussagen als Ganzes
objektiviert”.
Wenn sie dann ein wenig Vertrauen fassen, bricht ein Damm.
Michael-Peter Schiltsky kennt das aus vielen Gesprächen,
täglichen Telefonaten: „Wenn es mir gelingt,
dass sie am Schluss langsamer atmen, beruhigter sind, habe
ich viel erreicht. Es ist ganz wichtig, dass auf der anderen
Seite jemand sitzt, der auch betroffen ist. Nur so kann
Vertrauen aufgebaut werden”, sagt er von sich und
seiner Arbeit in der Anlaufstelle.
Es ist eine Sisyphusarbeit, die Ausdauer verlangt. Doch
Schiltsky folgt beharrlich seinem Ziel: Er will einen Weg
finden, dass die Betroffenen als Opfer eines unrühmlichen
Kapitels der Heimerziehungs-Geschichte anerkannt werden,
er will eine Anhörung im Bundestag mit einer „Vorlesestunde”
der Betroffenen zu ihren Heim-er-Lebensgeschichten. Und
er will, dass im Bundestag eine Ausstellung über die
Lebens- und Leidensgeschichte ehemaliger Heimkinder ausgerichtet
wird. Schließlich will er ein Eingeständnis der
Schuld und die Bitte um Vergebung durch die Verantwortlichen
oder deren Rechtsnachfolger. Das wäre, so Schiltsky,
„ein hilfreicher Akt, den steinigen Weg der Bewältigung
des erlittenen Leides gangbarer zu machen”.
Verein ehemaliger Heimkinder. 37647 Vahlbruch. E-Mail: Anlaufstelle@vehev.org.
„Heimseite”: www.vehev.org.
„Schläge im Namen des Herrn” von Peter
Wensierski, Spiegel-Buchverlag ISBN 3-421-05892-X.
bs 24.03.2006 18:58; aktualisiert: 24.03.2006 19:01
Kommentar zu diesen Artikel: admin@emak.org
|