Die Dissoziative Identitätsstörung – Würzburger
Psychotherapeutin über ein in der Fachwelt umstrittenes Krankheitsbild
Manche
Menschen haben nicht nur eine Persönlichkeit, sondern mehrere. Dissoziative Identitätsstörung heißt das in der Fachwelt
umstrittene und deshalb selten diagnostizierte Krankheitsbild. Für die
Psychotherapeutin Elisabeth Kirchner vom Würzburger Verein Wildwasser ist die
Aufspaltung in mehrere Ichs eine Strategie, mit der
vor allem Frauen versuchen, Gewalterfahrungen in frühester Kindheit – oft
sexueller Missbrauch – zu bewältigen.
Mara, kurz M., hat Verletzungen am Unterarm,
die sie sich nur selbst zugefügt haben kann. Aber sie erinnert sich nicht, wie
es passiert ist. Die neunjährige S. hat eine runde, leicht
lesbare Schrift, manchmal jedoch bringt sie nur krakelige Buchstaben zu
Papier. F. findet einen neuen Pullover in ihrer Wohnung. Wer ihn gekauft und in
den Schrank gelegt hat, weiß sie nicht. Die 30-jährige
L. verhält sich plötzlich wie ein kleines Kind und spricht mit piepsiger
Stimme. Dann wieder scheint sie eine ganz normale Erwachsene zu sein. A. hört Stimmen in ihrem Inneren, die sich miteinander streiten
oder ihr Verhalten kommentieren. G. sitzt in einem Café und weiß nicht, wie sie
dorthin gekommen ist. E. kann sich weder an die Hochzeit noch an die Geburt
ihres Kindes erinnern.
Die Psychotherapeutin
Elisabeth Kirchner vom Würzburger Verein Wildwasser (Verein gegen sexuelle
Gewalt an Mädchen und Frauen) kennt diese Beschreibungen aus der Fachliteratur,
aber auch aus Gesprächen, die sie mit Betroffenen führt. Es sind Menschen mit
einer Dissoziativen Identitätsstörung, auch Multiple
Persönlichkeitsstörung genannt. Diese Begriffe aus der Psychologie stehen für
das Vorhandensein von mehreren Identitätszuständen einer Persönlichkeit. Anders
gesagt: Eine Person bildet mehrere Ichs, die unterschiedlich handeln. „Das
zersplitterte Ich“ – so nennt es die Bielefelder Fachärztin für
psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dr. Ursula Gast, die mehrere
Publikationen zur Dissoziation veröffentlicht hat. Elisabeth Kirchner
beschreibt diese psychische Folgeerkrankung als Überlebensmechanismus für
anders nicht zu bewältigende massive seelische und körperliche
Gewalterfahrungen in frühester Kindheit. „Die Betroffenen spalten ihre
Persönlichkeit auf, so dass nur eine die fortwährenden traumatischen Erlebnisse
ertragen muss“ – Schläge, Demütigungen, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch,
Inzest. „Die als lebensbedrohlich empfundenen schweren Traumata führen schnell
zu einer Fragmentierung des Bewusstseins, in der zwei oder
mehrere Persönlichkeitsanteile wechselweise die Kontrolle über das
Verhalten, die Gefühle, Gedanken und das Gedächtnis übernehmen.“
Manchmal weiß die eine
Persönlichkeit nichts von der anderen. Deshalb kommt es zu
Wahrnehmungsstörungen beziehungsweise Amnesien: Die Betroffenen finden
beispielsweise Dinge in ihrer Wohnung, deren Herkunft ihnen unerklärlich ist. Möglich
sei die Fähigkeit, mehrere Identitäten zu erschaffen, nur in der Kleinkindzeit,
so Kirchner. „Vor dem sechsten Lebensjahr ist der Entwicklungsprozess im Gehirn
noch nicht ganz ausgereift.“ Anzeichen für eine Dissoziation sind nach Angaben
der Würzburger Psychotherapeutin beispielsweise stark schwankende Leistungen in
der Schule, unterschiedliche Schriftbilder sowie häufige Fehltage. Kommen
Kinder aus dem Gewaltkreis heraus, zeigen sie einerseits ein stark
sexualisiertes Verhalten, ein anderes Mal gebärden sie sich wie ein Kleinkind,
dann wieder können sie Dinge, die ihrem Alter weit voraus sind, berichten
Pflegefamilien.
Als Erwachsene versuchen
Betroffene, meist mit großem Kraftaufwand, normal zu erscheinen und zu
funktionieren, weil sie meinen, sie würden sonst als verrückt angesehen. Sie
verschweigen, dass sie Stimmen hören, Gedächtnislücken haben oder keinerlei
Gefühle entwickeln können. Auslöser für einen Persönlichkeitswechsel können
bestimmte Gerüche sein, Berührungen und Sexualität, eben weil
durch sexuelle Gewalt in der Kindheit Dissoziationen entstanden sind, so
Kirchner. „Nicht jeder schafft dieses angepasste Leben, und in den meisten
Fällen leiden die Betroffenen unter weiteren Erkrankungen.“
Kirchner nennt Depressionen,
Angst oder Postraumtische Belastungsstörungen (plötzliche bildhafte
Erinnerungen an traumatische Ereignisse, Flashbacks
genannt, die zu intensiver Angst, Verzweiflung und de Gefühl der Hilflosigkeit
führen). Ein Zufluchtsort für diese Frauen ist
beispielsweise die Einrichtung der Oberzeller Franziskanerinnen in Würzburg. „Dort
werden Frauen von Sozialpädagoginnen betreut, die es nicht geschafft haben, im
Leben Fuß zu fassen“, sagt Ute Berger.
Ziel von Wildwasser ist es,
die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, „dass es diese Diagnose gibt – und
Behandlungsmöglichkeiten“. Fünf Prozent der Psychiatrie-Patientinnen seien
davon betroffen, so Kirchner. In Fachkreisen ist die Diagnose umstritten oder
sogar unbekannt. „Nicht alle Psychotherapeuten haben sich damit beschäftigt
oder kennen das Störungsbild.“ Oft würden diese Menschen als schizophren oder
als Borderline-Persönlichkeiten angesehen.
Im Blickpunkt
Thema sexuelle Gewalt im Theater
„Jenseits vom Tag“ heißt das Theaterstück von und mit Beate Albrecht für
Zuschauer ab 16 Jahren zum Thema sexuelle Gewalt. Es erzählt von einer
Journalistin, die über multiple Persönlichkeiten recherchiert. Dabei drängen
sich ungewollt eigene Erinnerungen, Gefühle und Bilder in ihr Bewusstsein.
Zu sehen ist das Einpersonenstück am 10. November um 20 Uhr im Würzburger
Bockshorn. Eine Einführung gibt es ab 19.30 Uhr. Nach Würzburg gebracht hat es
die seit 1991 bestehende Kooperation „Hilfen für Mädchen und Frauen“
(Wildwasser Würzburg, Oberzeller Franziskanerinnen, Fachbereich Frauen,
Psychologischer Beratungsdienst der Stadt Würzburg).
Karten gibt es in den Buchhandlungen Knodt (? 0931 /
5 26 73) und Neuer Weg (? 0931 / 35 59 10) sowie an der Abendkasse.
Information im Internet
Im Internet finden sich viele Informationen zum Thema Dissoziative Identitätsstörung. Wildwasser Würzburg
empfiehlt beispielsweise:
www.vielfalt-info.de
www.infonetz-dissoziation.de
ww.disssoc.de
Main Post WÜRZBURG 03.11.2009 http://www.mainpost.de/nachrichten/journal/journal/mp/ju/art34602,5351370