Nach fast 40 Jahren habe ich meine Freundin aus dem
Mädchenheim Weiher gefunden. Endlich habe ich eine
Zeugin für meine Geschichte.
Am 6. Januar begann ich, ich weiss nicht mehr zum wievielten
Mal, die Suche nach meiner Freundin Joe . Ich schrieb das
Einwohnermeldeamt an, wie ich es Jahre zuvor schon gemacht
hatte, aber keine Antwort erhalten hatte.
Es war nicht einfach, da ich nur ihren Mädchennamen
und den Namen der Stadt wusste, in die sie aus dem Mädchenheim
Weiher 1968 entlassen wurde.
Und so ging die Suche von einem Meldeamt zum anderen. Doch
ich hatte Glück, ich erfuhr ihren Ehenamen und, dass
sie in eine andere Stadt verzogen war. Ich glaubte am Ziel
zu sein, doch meine Suche im Telefonbuch dieser Stadt erbrachte
nichts.
Wenn Joe so viel umgezogen ist wie ich, dachte ich, kann
das ein Marathon werden.
Ich schrieb an das Einwohnermeldeamt dieser Stadt. Nach
einer Woche erhielt ich am 9. Februar 4 Uhr morgens (mein
normaler Arbeitsbeginn) per E-Mail die Nachricht, dass sie
in eine andere Stadt verzogen ist.
Erneute Suche im Telefonbuch dieser Stadt. Wie schon so
viele Jahre zuvor glaubte ich meinem Ziel nahe zu sein.
Doch ich dämmte meine Erwartung um klar denken zu können.
Ich fand den genauen Vor- und Nachnamen mit Telefon Nummer
im Internet.
Ein aufregender Moment.
Erwartungsvoll rief ich dort an. Als die Frau am anderen
Ende der Leitung sich meldete, stellte ich mich mit meinen
Mädchennamen vor und sagte, dass ich meine Jugendfreundin
Joe suche. Die Frau antwortete: „Ja ich heiße
Joe, aber ich kenne keine Waltraud“. Meine Hoffnung
schwand und die Erinnerung an vergangene, vergebliche Versuche
wurde wach.
Was ist, wenn sie von der Heimzeit nichts mehr wissen will?
Könnte es sein, dass sie, wie so viele Andere, ihre
Vergangenheit geheim halten wollte und bisher mit niemandem
über die Zeit gesprochen hat?
Ist es möglich, dass sie nach all den Jahren vergessen
hat, wer ich bin?
Mehr und mehr quälende Fragen.
Vielleicht war es auch ein Zufall, dass es zwei gleiche
Namen in der Stadt gibt, dachte ich, mir selbst Mut machend.
Es kam mir der Gedanke, ich könnte sie vielleicht unter
der Telefonnummer ihres Mannes finden, aber ich kenne seinen
Vornamen nicht. Hunderte von Möglichkeiten schwirrten
mir durch den Kopf. Was ist, wenn ich sie nicht finde, so
wie die anderen Freundinnen aus Weiher nicht gefunden habe,
die ich ebenfalls seit 1970 suche?
Meine Geschichte über das Heim erweckte schon seit
langem Zweifel und ich hatte niemanden der mir sagt, ja
ich kenne die Waltraud aus Weiher; es ist wahr, was sie
erzählt und was wir dort erleiden mussten; es stimmt,
sie hat dort eine Schneiderlehre gemacht , und - und - und.
Ich brauche lebende Zeugen, dachte ich mir, da meine Akten
verschwunden sind. Ich brauche Beweise, dass ich dort fast
4 Jahre gearbeitet habe und keine Rente für die Zeit
angerechnet bekomme. Es darf nicht wieder eine Ungerechtigkeit
geschehen, sagte ich mir. Wir mussten für 4 Jahre ohne
Bezahlung arbeiten und jetzt, wo es bald in die Rente geht,
werden wir wieder betrogen, da für diese Arbeitsjahre
von unseren Zwangsarbeit-Gebern keine Sozialabgaben bezahlt
worden waren.
Entschlossen klickte ich wieder die Telefonbuchwebsite an
und suchte nach ihrem Nachnahmen in der Stadt. Eine neue
Achterbahnfahrt zwischen Erwartung, Hoffnung und Endtäuschung
begann. Ich rief jede Nummer an und fragte nach Joe. Ohne
Erfolg. Die Stimmen am anderen Ende sagten, dass sie niemanden
mit dem gesuchten Vornamen kennen würden.
Ich konnte und wollte nicht aufgeben und wählte die
restlichen Nummern - wieder ohne Ergebnis.
Bei einem Anschluss war ein Anrufbeantworter eingeschaltet.
Ich hinterließ aber keine Nachricht, da ich niemanden
in Verlegenheit bringen wollte. Ich schrieb die Nummer in
mein Notizbuch mit dem Vermerk „noch mal anrufen“.
Wenige Minuten später klingelte das Telefon - ich dachte,
das muss Deutschland sein. Wer sonst ruft mich um 6:15 morgens
an. Eine Stimme sagte: „Sie haben mich angerufen?“
Sofort war mir klar, dass es die Nummer mit dem Anrufbeantworter
sein musste und der Anrufer eine Ruf- ID hatte.
"Ja", sagte ich, "ich suche nach meiner Freundin
Joe." Die Anruferin sagte: „Ich heiße Joe."
Schnell fragte ich, "ist ihr Mädchenname XX?"
„Ja“ sagte sie.
"Kennen sie das Mädchenheim Weiher?" fragte
ich vorsichtig weiter?
„Ja“ antwortete sie.
Ich musste erst mal tief durchatmen, bevor ich sagte: „Ich
bin’s, die Waltraud."
"Ach Gott bist du es wirklich Waltraud?" fragte
sie etwas ungläubig zurück.
Ich konnte mein Glück aber noch nicht ganz fassen und
wollte sicher gehen ob sie es auch wirklich ist und fragte,
ob sie sich an unsere Spitznamen erinnere.
Sie antwortete "Ja" und nannte unsere Spitznamen.
In einem fast zweistündigem Gespräch mit Joe kam
nicht nur unsere Freude über das Wiederfinden zum Ausdruck,
sondern wir tauschen Erinnerungen über den Horror im
Haus Weiher aus.
Joe hat noch Fotos von uns in Weiher und viele Namen,
die ich bis zu dem Zeitpunkt unseres Gespräches völlig
vergessen hatte. Doch die Erinnerungen werden wieder wach.
Bilder der Vergangenheit und tief verborgene und verdrängte
Episoden beginnen wieder zu leben. Längst vergessenere
Gesichter und Namen finden sich, und zerrissene Bilder von
Geschehnissen setzen sich wie ein Puzzle wieder zusammen.
Gemischte Gefühle von Erleichterung und Wissen überlagerten
plötzlich Alles. Gleichwie, dachte ich, auch diese
Vergangenheit muss emotional und logisch zugeordnet werden.
Nach dem Gespräch war ich für Stunden unfähig
einen klaren Gedanken zu fassen.
Aber nichts kann die Freude darüber dämpfen, Joe
nach all den Jahren der Suche wieder gefunden zu haben.
Ich habe nicht nur meine Freundin wieder gefunden, sondern
auch eine Mitbetroffene und damit eine Zeugin der Zeit,
in der wir alle körperliche und seelische Misshandlungen
erleiden mussten.
Was nun beginnt ist die Suche nach jenen, die mit uns in
Weiher waren, um Unrecht der Vergangenheit benennen und
belegen zu können und um wenigstens noch die fehlenden
Rentenansprüche für und alle zu sichern.
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