| |
Sylvie`s Erfahrung mit Psychologie
Ich hatte eine furchtbare Kindheit, denn ich bin von meiner Mutter mißhandelt worden. Die Folgen dieser Mißhandlung
sind Depressionen, Angstzustände, Selbstmordgedanken, Zwangsneurosen, Schlafstörungen, Eßstörungen,
Einsamkeit, Mißtrauen und Bindungsunfähigkeit. Außerdem leide ich unter vielen körperlichen Beschwerden,
wie z.B. Kopf- und Rückenschmerzen, Muskelverspannungen, Müdigkeit und Erschöpfung.
Ich habe seit dem 15. Lebensjahr schwere Depressionen und Selbstmordgedanken. Doch erst im Alter von zwanzig Jahren wurde mir klar,
warum es mir so schlecht ging. In den Jahren davor hatte ich die schrecklichen Erlebnisse in meiner Kindheit völlig
verdrängt, weil es niemanden gab, mit dem ich darüber sprechen konnte. Als ich zwanzig Jahre alt war, las ich die Bücher
von Alice Miller und konnte nun den Zusammenhang zwischen meiner schlimmen Kindheit und meinen Depressionen erkennen. Gleichzeitig wurde
mir auch klar, daß ich dringend Hilfe brauchte. Ich beschloß, eine Psychotherapie zu machen.
Eigentlich sollte man annehmen, daß ein Mensch, der in seiner Kindheit so viel Schreckliches erlebt hat wie ich, in einer Therapie
endlich über die Erlebnisse sprechen darf, an denen er fast erstickt und die ihn nahezu umbringen. Doch im Laufe der Jahre mußte
ich immer wieder feststellen, daß diese Annahme ein großer Irrtum war.
Als ich zwanzig Jahre alt war, hatte ich natürlich keine Ahnung, wie ich einen guten Therapeuten finden konnte und welche Methode
für mich am besten geeignet war.
Also ging ich zu Frau Dr. N., einer Neurologin und Psychiaterin. Ich erzählte ihr, daß ich als Kind miß
handelt wurde und nun unter Depressionen leide. Dazu sagte sie merkwürdigerweise überhaupt nichts, sondern fragte mich, ob ich
einen Freund habe. "Nein", antwortete ich. Auch auf die Frage, ob ich schon einmal einen Freund
gehabt hatte, antwortete ich mit "nein". "Das ist nicht normal!" sagte Frau N. Sie machte noch ein paar
körperliche Unter-suchungen, und dann verschrieb sie mir eins von diesen Beruhigungsmitteln, von denen man abhängig wird,
wenn man sie länger als zwei Wochen nimmt. Glücklicherweise habe ich das Medikament weggeworfen,
nachdem ich gelesen hatte, welche Nebenwirkungen es hat.
Kurz darauf ging ich zu meinem Hausarzt und sagte ihm, daß ich als Kind mißhandelt wurde, unter Depressionen
leide und deshalb eine Psychotherapie machen möchte. Er schickte mich zu Frau Dr. B., die Ärztin und Psychotherapeutin war.
Sie war eine ältere, sehr religiöse Frau. Sie versuchte, mir zu erklären, daß ich deshalb so schlecht behandelt
worden war, weil meine Eltern einen großen Fehler gemacht
und nicht geheiratet hatten. "Sie sind das Produkt eines Irrtums!" sagte Frau B. Dieser Satz traf mich wie ein Schlag ins Gesicht,
denn ich habe damals noch sehr
darunter gelitten, ein "uneheliches Kind" zu sein. Ich hatte sowieso schon immer das Gefühl gehabt, daß es falsch war,
daß ich geboren wurde.
Nachdem Frau B. mich das "Produkt eines Irrtums" genannt hatte, war ich noch mehr davon überzeugt, daß meine Existenz
nur ein Irrtum sei. Wahrscheinlich wollte Frau B. mir damit sagen, daß ich unter ungünstigen Bedingungen auf die Welt ge-kommen
bin und es deshalb als Kind so schwer hatte. Dann las sie mir ein Gebet vor, aus dem ich lernen sollte, daß man Dinge, die man sowieso
nicht mehr ändern kann, akzeptieren und sich damit abfinden sollte. Mit anderen Worten: Ich sollte meine Kindheit vergessen.
Frau B. glaubte, mir dabei helfen zu können, doch ich war so schockiert, weil sie mich "Produkt eines Irrtums" genannt hatte,
daß ich dort nie mehr hingegangen bin.
Als nächstes ging ich zu Herrn B., einem Psychologen, und erzählte ihm von meiner Kindheit und meinen Depressionen. Auch er sagte
kein Wort dazu, daß ich mißhandelt worden war. Er reagierte vollkommen gleichgültig darauf. Herr B. erklärte mir,
daß er Verhaltenstherapien durchführt und schilderte die Vorgehensweise. Ich weiß noch, daß ich hinterher dachte:
"Genauso gut könnte ich Schauspielunterricht nehmen!" Es blieb also bei diesem Vorge-spräch.
Nach diesen drei schlechten Erfahrungen wollte ich eine Zeitlang gar nichts mehr von Psychotherapie wissen,
obwohl es mir
sehr schlecht ging.
Als ich 23 Jahre alt war, spritzte mir mein Hausarzt einmal pro Woche "Imap".
Das ist ein Neuroleptikum, das normalerweise bei
Psychosen verordnet wird und sehr
schlimme Nebenwirkungen hat. Außerdem wird man davon völlig apathisch. Ich habe mich wochenlang wie ein Roboter gefühlt.
Irgendwann habe ich zum Glück beschlossen, den Hausarzt zu wechseln.
Als ich 24 Jahre alt war, konnte ich wegen Depressionen und psycho-somatischer Beschwerden nicht mehr länger in der Fabrik arbeiten.
Deshalb kam ich in eine psychosomatische Klinik. Dort war ich zwei Monate lang und sprach einmal pro Woche mit einem Psychologen. Herr G.
sagte nicht viel dazu, daß ich als Kind mißhandelt worden war. Er schien es jedoch sehr schlimm zu finden, daß ich ohne
Vater aufwachsen mußte. Herr G. glaubte, daß es mir deshalb so schlecht ging, weil ich keinen Freund hatte und daß der
Grund dafür meine Angst vor Männern sei. Und diese Angst sollte ich angeblich deshalb haben, weil ich ohne Vater aufgewachsen war.
Diese Erkenntnis nützte mir nicht sehr viel, denn schließlich konnte ich nichts daran ändern, daß ich keinen Vater
hatte. Außerdem hatte ich nicht nur Angst vor Männern, sondern vor allen Menschen, denn mit meiner Mutter hatte ich ja auch nur
schlechte Erfahrungen gemacht. Das Fehlen eines Vaters war mit Sicherheit nicht das einzige Problem, das ich als Kind hatte. Doch die
schlechten Erfahrungen, die ich mit meiner Mutter gemacht hatte, schienen Herrn G. nicht zu interessieren.
Der nächste Therapeut war Dr. O., ein Neurologe und Psychiater. Dr. O. versuchte, mir positives Denken beizubringen. Er las mir
orientalische Märchen vor, die ich dann interpretieren mußte. Er erzählte mir auch von Optimisten und Pessimisten und
von halbvollen und halbleeren Gläsern. Das interessierte mich alles überhaupt
nicht, weil ich völlig verzweifelt war. Nach ein paar Monaten brach ich die Therapie ab, denn Dr. O. sprach nie mit mir über
meine Kindheit, und positiv denken konnte
ich nun einmal nicht. Dazu war ich viel zu krank.
Eigentlich wollte ich keine Psychoanalyse machen, denn die Bücher von Alice Miller hatten mich davon überzeugt, daß die
Psychoanalyse keine gute Methode ist. Doch dann sagte mir eine Psychologie-Studentin, daß die Psychoanalytiker heute anders seien
als früher. Deshalb vereinbarte ich einen Termin beim Sigmund-Freud-Institut. Nach einem Beratungsgespräch bekam ich eine
Adressenliste. Die Psychoanalytiker auf dieser Liste hatten lange Wartezeiten. Ich ließ mich nicht auf eine Warteliste setzen,
weil mehrere Ärzte mir davon abrieten. Sie sagten, eine Psychoanalyse sei eine jahrelange Quälerei und führe meistens zu
nichts. Also ging ich zu einer Beratungsstelle der Frankfurter Uni-Klinik. Dort bekam ich nach drei Ge-sprächen eine Liste mit Adressen
von Ärzten und Psychotherapeuten. Auch die Therapeuten auf dieser Liste hatten längere Wartezeiten. Auf dieser Liste stand auch
Dr. L., ein Internist und Psychotherapeut. Er war der einzige, bei dem ich sofort eine Therapie anfangen konnte.
Dr. L. hatte drei Kinder in meinem Alter. Er verhielt sich auch mir gegenüber wie ein Vater und versuchte, mich zu erziehen.
In einer Stunde war er freundlich und lobte mich, indem er meine guten Eigenschaften aufzählte, und nur eine Woche später war er
plötzlich ganz unfreundlich und machte mir die heftigsten Vorwürfe. Einmal bezeichnete er mich als "Schmarotzer", weil
ich von Sozialhilfe lebte. Er sagte, er müsse für mich Steuern zahlen, weil ich zu faul sei, um zu arbeiten.
Dr. L. machte mir oft den Vorwurf, daß ich ihm nicht vertraute. Das war eigentlich kein Wunder, denn er erschien mir
alles andere als vertrauenswürdig. Es kam oft vor, daß er in einer Stunde übertrieben freundlich war und in der nächsten
Stunde plötzlich unfreundlich und provozierend. Heute weiß ich, daß er mich provozieren
wollte. Damals dachte ich, er könne mich nicht leiden.
Dr. L. versuchte auf diese Weise mein Verhalten zu ändern, doch er erreichte nur, daß es mir immer schlechter ging.
Damals war ich so sehr von einem anderen Arzt abhängig, daß ich völlig verzweifelt war und Selbstmordgedanken
hatte. Ich hätte dringend Hilfe gebraucht, doch ich
erzählte Dr. L., der mich als "Schmarotzer" bezeichnet hatte, nichts davon, weil ich ihm
nicht vertrauen konnte.
Auch in meiner Kindheit gab es keinen einzigen Menschen, zu dem ich Vertrauen hatte und dem ich von meinen schlimmen Problemen
erzählen konnte. Ich wäre nie
auf die Idee gekommen, meiner Mutter zu sagen, wie unglücklich ich war und wieviel Angst ich hatte. Ich hatte mein ganzes
Leben lang das Gefühl, daß zwischen mir und anderen Menschen eine riesige, unüber-windbare Mauer ist. Gerade deshalb wäre es
so wichtig für mich gewesen, in einer Therapie zu lernen, jemandem zu ver-trauen und über Probleme zu sprechen, die mich quälen.
Jede Therapie, in der ich mich unverstanden fühlte, weil meine schlimme Kindheit völlig ignoriert wurde, bewirkte nur, daß ich
noch mißtrauischer und verschlossener wurde.
Dr. L. lud mich ein, am 24. Dezember mit ihm und seiner Familie Weihnachten zu feiern, denn er wußte, daß ich sonst ganz allein in
meiner Wohnung wäre. Er hatte außer mir noch zwei ältere Patientinnen eingeladen, die Witwen waren und keine Verwandten hatten.
Für mich war es sehr schlimm, dabei zusehen zu müssen, wie sehr Dr. L. und seine Frau sich darüber freuten, daß ihre drei
erwachsenen Kinder an Weihnachten nach Hause kamen, denn ich hatte ja keine Eltern, die sich über meinen Besuch gefreut hätten.
Die drei Kinder bekamen teure Geschenke, und sie wurden von ihren Eltern gelobt, weil sie eine Ausbildung machten bzw. studierten. Die zwei
älteren Frauen waren sehr beeindruckt von den Leistungen der drei Kinder und fingen auch noch an, sie zu loben. Das war sehr schlimm
für mich, denn meine Mutter hatte mich nie gelobt.
Um 23 Uhr fuhr Dr. L. die zwei älteren Frauen und mich nach Hause. Als ich wieder in meiner Wohnung war, ging es mir sehr
schlecht, und ich hatte Selbstmordgedanken.
Ich finde, es ist eine unglaubliche Gedankenlosigkeit, einem einsamen Menschen ein paar Stunden lang ein glückliches
Familienleben vorzuführen, wenn man genau weiß, daß er hinterher wieder zurück in seine leere Wohnung muß, die ihm
dann noch leerer vorkommt.
Einmal sagte Dr. L., er habe das Gefühl, ein trotziges Kind im Kinderwagen vor sich herzuschieben. Er erklärte mir, ich sei auf dem
Entwicklungsstand eines dreijährigen Kindes stehengeblieben. "Sitzengeblieben!" fügte er hinzu und sah mich heraus-fordernd an.
Er sagte, daß ich nun endlich erwachsen werden muß. Ich antwortete, daß ich das gern tun werde, wenn er mir den Knopf zeigt,
auf den ich drücken muß, damit das geschieht.
Dr. L. versuchte, mir einzureden, daß ich heiraten und Kinder kriegen muß, denn das sei der Sinn des Lebens einer Frau. Ich fragte
ihn, wie ich denn heiraten und Kinder kriegen soll, wenn ich doch auf dem Entwicklungsstand eines dreijährigen Kindes stehengeblieben bin.
Dann bat ich Dr. L., mir zu erklären, wie ich es mit meinem Gewissen vereinbaren soll und wie ich es verantworten kann, ein Kind in die Welt
zu setzen, wenn ich das Leben und überhaupt die ganze Welt als entsetzlich empfinde. Ich sagte, daß ich all die Ungerechtigkeiten und
Grausamkeiten, die es auf der Welt gibt, nicht mehr ertragen kann und daß ich deshalb niemals ein Kind
in die Welt setzen würde.
Denn dieses Kind müßte dann genau wie ich unter diesen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten leiden.
Ich fügte noch
hinzu, daß ich schon allein deshalb kein Kind bekommen würde, weil ich Depressionen habe, und ich habe ja selbst
in meiner Kindheit erfahren, wie schlimm es ist, eine depressive
Mutter zu haben. Kritische Fragen und Einwände waren bei
Dr. L. unerwünscht, und er ging nicht weiter darauf ein. Er sagte nur,
daß ich dann arbeiten gehen soll, wenn ich nicht heiraten möchte und keine Kinder haben will. Da ich nicht arbeiten konnte,
drohte Dr. L. mir immer wieder, die Therapie zu beenden, falls ich nicht das tue, was er sagt.
Nachdem Dr. L. mich eineinhalb Jahre mit seiner Therapie gequält hatte, statt mir zu hel-fen, erzählte ich einer Bekannten, die
Psychologie studierte, von dieser Therapie. Sie war ganz entsetzt und gab mir den Rat, die Therapie sofort abzubrechen.
Der nächste Therapeut war ein Neurologe und Psychiater. Bei Dr. M. machte ich eineinhalb Jahre eine Verhaltenstherapie. Danach war ich
noch ein halbes Jahr bei
ihm in Behandlung. Während ich bei Dr. L. und Dr. M. in Behandlung war, hatte ich oft ganz schlimme Angstzustände und Selbstmordgedanken. Ich war fast ununterbrochen verzweifelt. Trotzdem merkten beide Ärzte nicht, daß ihre Methode nicht für mich geeignet war und daß eine Stunde pro Woche für einen Patienten mit so schweren Depressionen viel zu wenig war.
Ich habe Dr. L. und Dr. M. erzählt, daß ich unter Zwangsneurosen leide und meine Finger- und Fußnägel so kurz schneide, bis sie anfangen zu bluten. Ich habe auch von meinem Waschzwang und meinem Ordnungszwang erzählt und davon, daß ich es nicht ertragen kann, Papier in meiner Wohnung zu haben, so daß nicht einmal Bilder an den Wänden hängen dürfen.
Außerdem kann ich es nicht ertragen, daß Glas oder Porzellan in meiner Wohnung ist, weil meine Mutter mit Geschirr, Gläsern und Besteck nach mir geworfen hatte. Tassen und Teller sind bei mir aus Plastik. Ich habe kein Besteck, keine Kochtöpfe und keine Schüsseln. Deshalb kann ich seit meinem 18. Lebensjahr nichts Gesundes essen. Ich kann
es nicht ertragen, ein Messer in der Küche aufzubewahren. Deshalb kann ich kein Brot oder Gemüse schneiden, keinen Salat essen oder ein
Brot mit Butter bestreichen. Ich kann nur essen, was ich nicht schneiden und zubereiten muß, wie z.B. Kekse, Brötchen, Bananen,
Äpfel und Süßigkeiten.
Ich habe Dr. L. und Dr. M. von all diesen Zwängen erzählt und auch davon, daß ich kein einziges Messer besaß und mich
deshalb sehr ungesund ernährte. Dr. L. und Dr. M. sahen mich ganz entsetzt an und sagten, daß das schlimm sei, doch sie unternahmen
nichts, um mir zu helfen, diese Zwangsneurosen wieder loszuwerden. Sie sagten lediglich, daß es schlimm sei und sonst nichts. Danach
haben sie nie wieder mit mir darüber gesprochen. Damals glaubte ich, daß sie deshalb nicht mit mir darüber sprachen, weil
man sowieso nichts daran ändern kann. Heute glaube ich, daß diese beiden Ärzte gar nicht wußten, wie man Zwangsneurosen
behandelt. Sie schienen auch nicht zu wissen, was man gegen Angstzustände tun kann.
Ich
erzählte Dr. M. von dieser furchtbaren Panik, die ich oft habe. Und ich sagte ihm, daß ich dann das Gefühl habe, verrückt
zu werden oder zu sterben. Ich fragte, ob es passieren könnte, daß ich eines Tages tatsächlich verrückt werde.
Dr. M. beruhigte mich und sagte, daß er das nicht glaubte, doch er erklärte mir nicht, was ich gegen diese Angst tun könnte
oder welche Ursache sie hat.
Als ich wieder einmal völlig verzweifelt war, sagte ich, daß ich am liebsten eine Mutter hätte, bei der ich auf dem Schoß
sitzen darf und die mich im Arm hält und tröstet. Dr. M. erkannte nicht, was für ein unendlich großes Defizit an Geborgenheit, Schutz und Trost ich habe. Das konnte er auch gar nicht erkennen, denn genau wie Dr. O. und Dr. L. weigerte er sich, mit mir über die Kindheit zu sprechen. Alle drei Ärzte sagten mir sinngemäß das gleiche: Die Kindheit sei vorbei, und man könne sowieso nichts mehr rückgängig machen. Also sei es sinnlos, darüber zu sprechen.
Dr. M. wollte mir bewußt machen, wie lächerlich mein Wunsch war, eine Mutter zu haben.
Er gab mir folgende Hausaufgabe: Ich
sollte etwas auf eine Kassette aufnehmen und es mir dann mehrmals anhören, bis ich begreife, wie lächerlich es ist. Dr. M.
veränderte seine Stimme so, daß sie wie eine Kinderstimme klang und sprach mir vor, was ich zu Hause auf eine Kassette aufnehmen
sollte: "Ich bin die kleine Sylvia! Ich will bei meiner Mama auf dem Schoß sitzen! Ich will meinen Schnuller haben! Ich will an der
Brust trinken!" Daß ich einen Schnuller haben oder an der Brust trinken wollte, hatte ich nicht gesagt. Das hatte Dr. M. sich
ausgedacht, um mir damit klarzumachen, wie lächerlich mein Wunsch war, eine Mutter zu haben, bei der ich auf dem Schoß sitzen
durfte. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, denn ich fand diesen Wunsch ja selbst lächerlich. Trotzdem verschwand diese unendlich
große Sehnsucht nach einer Mutter nicht.
Dr. M. versuchte, mich mit logisch klingenden Argumenten davon zu überzeugen, daß ich mein Verhalten ändern mußte, wenn ich
gesund werden wollte. Er sagte, daß es ihm auch schlecht ginge, wenn er keine Arbeit, keine Familie, keine Freunde und keine Hobbys
hätte und immer allein in seiner Wohnung säße. Dr. M. erklärte mir, daß es nicht die Erlebnisse in meiner Kindheit
seien, die mich krank machten, sondern die heutigen Lebensumstände. Er zeichnete einen Kreis, teilte ihn in vier Teile und schrieb darauf
die Wörter "Arbeit", "Familie", "Freunde" und "Hobbys".
Dann sagte er, daß das Leben eines Menschen aus diesen vier Teilen bestehen sollte und daß jeder Teil gleich wichtig sei. Das klang
alles sehr überzeugend. Ich
glaubte, ich müßte nur meine Lebensumstände ändern, und dann ginge es mir automatisch gut. In den folgenden Monaten
stolperte ich in unendliche Schwierigkeiten hinein, weil ich versuchte, meine Lebensumstände zu ändern. Dadurch ging es mir dann
noch viel schlechter als vorher.
Der nächste Therapeut war ein Psychologe.
Er sprach mit mir über alles mögliche, aber nicht über meine Kindheit. Deshalb
brach ich die Therapie nach einem halben
Jahr ab. Kurz darauf meldete meine Hausärztin mich bei einer psychosomatischen Klinik in Prien an. Ich mußte zu einem
Vorgespräch fahren, was sehr anstrengend für mich war. Es ging mir damals seelisch und körperlich ganz extrem schlecht.
Ich war völlig erschöpft und hatte schlimme Rückenschmerzen. Trotzdem fuhr ich nach Prien und saß stundenlang mit meinen
schlimmen Rückenschmerzen im Zug. Ich glaubte, daß mir nun endlich geholfen würde, denn meine Hausärztin hatte gesagt,
daß diese Klinik sehr gut sei.
Ich sprach eine Stunde mit dem Oberarzt der Klinik. Ich erzählte ihm, daß ich als Kind mißhandelt worden war und deshalb seit
dem 15. Lebensjahr unter schweren
Depressionen leide.
Darauf reagierte der Arzt so gleichgültig, daß ich nichts mehr über meine Kindheit sagte. Der Arzt stellte
mir dann einige Fragen über mein gegen-wärtiges Leben. Zum Schluß erklärte er mir, daß er es nicht für sinnvoll
hielt, daß ich in diese Klinik komme. Er sagte, ich sei dort überfordert, und auch die Ärzte und
Therapeuten seien überfordert. Erst wenn ich aufhöre, auf eine Wiedergutmachung für meine Kindheit zu hoffen und dazu bereit
sei, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, könne ich in die Klinik kommen. Das konnte ich nicht verstehen, denn wenn
ich dazu fähig wäre, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, bräuchte ich doch keine Klinik mehr. Völlig
unverständlich war auch, daß ein Arzt einen kranken Menschen durch halb Deutschland fahren läßt, um ihm dann mitzuteilen,
daß er für diese Klinik ungeeignet sei.
Das hätte man doch auch schriftlich oder telefonisch klären können.
Nach diesem Gespräch war ich fix und fertig, und alles erschien mir völlig hoffnungslos. Ich mußte in einem kalten Hotel-zimmer
übernachten und fror die ganze Nacht. Ich war sehr verzweifelt und hatte Selbstmordgedanken. Am nächsten Tag fuhr ich wieder nach
Hause und mußte noch einmal acht Stunden im Zug sitzen. Ein paar Monate nach dem Vorgespräch in Prien empfahl mir ein Psychoanalytiker, der keine Patienten mehr nehmen konnte, eine Kollegin, die Ärztin und Psychoanalytikerin war. Ich vereinbarte also ein Vorgespräch mit Frau L. Sie erklärte mir, daß sie die Psychoanalyse nicht mehr anwendet, weil sie nichts mehr davon hält. Sie sagte, daß sie nun mit einer Methode arbeitet, die "Clearing" heißt. Sie erklärte mir ungefähr, wie das funktioniert. Ich konnte mir nicht sehr viel darunter vorstellen, aber ich war froh darüber, endlich eine Therapeutin gefunden zu haben, die dazu bereit war,
mit mir über meine Kindheit zu sprechen. Doch Frau L. sprach nicht nur mit mir über meine Kindheit, sondern immer häufiger auch
über Esoterik.
Sie sprach von
merkwürdigen Dingen, wie z.B. von bösen Geistern und "Lichtwesen". Einmal gab sie mir einen langen Vortrag von einem
Amerikaner namens Andrew Terker, der dieses
Clearing entwickelt hatte. Er beschrieb darin u.a., wie er mit Hilfe des Clearings herausfindet, was seine Patienten in ihrem früheren
Leben erlebt haben. Ein Patient konnte z.B. während des Clearings sehen, daß er schon einmal im Mittelalter gelebt hatte und damals
auf eine grausame Art und Weise hingerichtet wurde: Er wurde gevierteilt... Ich wunderte mich darüber, daß ein intelligenter Mensch
wie Frau L. so etwas glauben konnte. Als Andrew Terker nach Deutschland kam, besuchte Frau L. ein Seminar, das von ihm geleitet wurde.
Danach erzählte sie mir eine Stunde lang ganz begeistert von diesem Seminar und einem Clearing, das Andrew Terker mit ihr gemacht
hatte. Sie erzählte von ihrem Leben im frühen Mittelalter und von dem Mann, mit dem sie damals verheiratet war, und merkte
nicht, daß mich das gar nicht interessierte. Nach ungefähr zehn Stunden habe ich diese Therapie beendet.
Danach folgte ein Klinikaufenthalt von dreieinhalb Monaten, der viel mehr schadete als nützte. Ich verließ die Klinik in einem
schlimmen Zustand. In den folgenden Wochen ging es mir ganz miserabel, und ich suchte wieder verzweifelt nach einem guten Therapeuten. Drei
Ärzte, die ich anrief, hatten eine Wartezeit von ein paar Monaten. Eine Ärztin und ein Arzt gaben mir einen Termin für ein
Vorgespräch. Der Arzt sagte mir bei dem Vorgespräch, daß er nichts davon hielt, über die Kindheit zu sprechen. Das
gleiche sagte mir auch die Ärztin, bei der ich ein paar Tage später ein Vorgespräch hatte. Ich wunderte mich darüber,
daß Frau Z. nicht über die Kindheit sprechen wollte, denn meine Hausärztin hatte mir gesagt, daß sie tiefenpsy-chologisch arbeitete. Nachdem ich Frau Z. kurz von meiner Kindheit erzählt hatte, sagte sie, es sei ein Skandal, daß mir damals niemand geholfen habe, als ich ein Kind war.
Sie sagte, die Nachbarn hätten meine Mutter anzeigen müssen, und dann wäre ich zu Pflegeeltern gekommen. Sie war der Meinung, daß man mir damals noch hätte helfen können, aber daß es jetzt zu spät sei. Frau Z. hielt meine Angst vor anderen Menschen und auch mein Mißtrauen für eine unveränderbare Tatsache. Sie sagte, daß ich nicht damit rechnen sollte, daß sich jetzt noch etwas an meinem seelischen Zustand ändern ließe. Man sollte vielmehr versuchen, diesen Zustand so erträglich wie möglich zu machen. Frau Z. glaubte, daß meine Krankheit leichter zu ertragen wäre, wenn ich arbeiten würde und eine sinnvolle Aufgabe hätte.
Es war mir ein Rätsel, wie Frau Z. zu der Überzeugung kam, daß man einen völlig unerträg-lichen Zustand durch eine sinnvolle Beschäftigung erträglicher machen könnte.
Auf so eine Idee kann nur ein Mensch kommen, der noch nie in seinem Leben wirklich einsam war. Ich habe sechs Jahre lang gearbeitet, und während dieser Zeit habe ich mein Leben trotzdem als unerträglich empfunden, weil ich so
entsetzlich einsam war. Es war eine sinnvolle Aufgabe, im Kindergarten zu arbeiten, doch ich war in dieser Zeit trotzdem magersüchtig und völlig verzweifelt, weil ich ganz allein auf der Welt war. Ich habe nicht nur im Kindergarten, sondern auch in den letzten zehn Jahren versucht, benachteiligten Kindern so gut wie möglich zu helfen, doch meine Verzweiflung ist dadurch nicht verschwunden.
Auch Gespräche mit Kollegen in der Mittagspause haben niemals bewirkt, daß ich mich weniger einsam gefühlt habe, denn Kollegen können keine Familie ersetzen. Durch diese unerträgliche Einsamkeit bin ich von Jahr zu Jahr müder, schwächer und mutloser geworden, so daß ich heute gar nicht mehr dazu fähig wäre, täglich acht Stunden zu arbeiten.
Glücklicherweise bin ich nach zehn Jahren Therapie-Erfahrung endlich dazu in der Lage, bereits in der ersten Stunde zu erkennen, ob ein Therapeut gut oder schlecht ist. Bei Frau Z. würde ich z.B. keine Therapie machen. Früher habe ich mich leider sehr davon beeinflussen lassen, wenn ein Arzt, der wesentlich älter war als ich, mir erklärte, warum er es nicht für sinnvoll hielt, über die Kindheit zu sprechen. Es ist eigentlich kein Wunder, daß ich immer wieder geglaubt habe, was die Ärzte mir einredeten, denn ich hatte es als Kind nie gelernt, meine Gefühle ernstzunehmen, meine Meinung zu vertreten und jemandem zu widerspre-chen.
Zwei Wochen nach dem Gespräch mit Frau Z. hatte ich einen Termin bei einer Psychoanalytikerin.
In der ersten und zweiten Stunde habe ich von meiner Kindheit und meinen bisherigen Therapie-Erfahrungen erzählt. Seitdem sprach Frau S. immer wieder von meiner "langen Beschwerdeliste", und es klang so, als wären meine Beschwerden völlig aus der Luft gegriffen. Ich hatte das Gefühl, maßlos zu übertreiben. Frau S. glaubte, daß meine Mutter nicht ständig böse gewesen sein kann. Und sie war davon überzeugt, daß nicht alle bisherigen Therapeuten schlecht gewesen sein können.
Ich hatte Frau S. in den ersten zwei
Stunden nur einen kleinen Bruchteil der schlimmen Ereignisse in meinem Leben erzählt. Sie wußte also noch fast gar nichts von mir. Trotzdem war sie davon überzeugt, daß ich fürchterlich übertrieben habe.
Als Frau S. wieder einmal von meiner "langen Beschwerdeliste" sprach und alles verharmlosen wollte, was ich ihr erzählt hatte, sah ich sie nur an und sagte nichts.
Frau S. wollte wissen, was ich dachte und ob ich mich über das, was sie gesagt hatte, ärgerte. "Nein, ich ärgere mich nicht", antwortete ich. "Ich bin es gewohnt, daß mir niemand glaubt und daß ich nicht ernstgenommen werde."
Ich habe nicht nur jahrelang ambulante Therapien gemacht, sondern war auch in vier psycho-somatischen Kliniken und einmal in der Psychiatrie. All diese Therapien haben viel mehr geschadet als geholfen.
Ich hatte nie das Gefühl, verstanden und ernstgenommen zu werden. Mein Anliegen, über meine Kindheit zu sprechen, wurde mir jedesmal bereits in der ersten Stunde ausgeredet. Mein Wunsch zu sterben und nicht mehr in einer Welt leben zu müs-sen, in der ich nicht verstanden werde, wurde von Jahr zu Jahr größer.
Die Ärzte hielten es nicht für notwendig, mit mir über meine Angstzustände, meine Zwangsneurosen oder meine Eßstörungen zu sprechen. Vielleicht dachten sie, daß
diese Symptome ganz von selbst verschwinden, wenn ich es lerne, mich richtig zu verhalten.
Und genau darum ging es in all diesen Therapien: Ich sollte dazu erzogen werden, mich richtig zu verhalten. Die Frage, warum ich mich falsch verhalte und mich auch gar nicht anders verhalten kann, wurde niemals gestellt.
Die Tatsache, daß ich als Kind furchtbar gequält worden bin, wurde von allen Ärzten einfach ignoriert. Daß ich Depressionen habe, liegt angeblich nur daran, daß ich nicht arbeite und nicht genug Kontakt mit anderen Menschen habe. Es geht mir also nur deshalb so schlecht, weil ich mich falsch verhalte. Kein einziger Arzt kam jemals
auf die Idee, daß der Rückzug in meine Wohnung und das Vermeiden von Kontakt mit anderen Menschen einen wichtigen Grund haben könnte:
Es ist ein Schutz vor noch mehr Enttäuschungen und Qualen. Jede Enttäuschung bringt mich fast um, weil jedesmal die alten Wunden aus der Kindheit wieder aufgerissen werden.
Bevor ein Therapeut einen Patienten dazu auffordert, seine schützende Wohnung zu verlassen, um arbeiten zu gehen oder sich in der Freizeit mit anderen Menschen zu treffen, müßte er eigentlich zuerst dafür sorgen, daß der Patient dazu fähig ist, diesen Schritt zu tun. Dazu gehört ein stabiles Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, sich zu wehren. Dazu gehört auch der Mut, nein zu sagen, weil man sonst ständig von anderen Menschen ausgenutzt wird.
All diese Fähigkeiten habe ich niemals gehabt und bin deshalb immer wieder in große Schwierigkeiten geraten.
Ich halte Kindes-mißhandlung für ein schweres Verbrechen. Doch in den letzten zehn Jahren habe ich mich nicht wie das Opfer eines Ver-brechens gefühlt, sondern eher wie eine Verbrecherin, die resozialisiert werden muß. Die Psychotherapie war für mich keine Hilfe, sondern eine Qual, denn ich habe mich genauso gefühlt wie als Kind: unverstanden und völlig alleingelassen mit meiner Verzweiflung.
|
|